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Wenn es Nacht wird

Ein Joe Cullen-Roman | #4

Feiertag

Detective Joe Cullen möchte nichts zu tun haben mit dem übertrieben ausgelassenen Theater der großen und kleinen Partys aus Anlass des St. Patrick’s Day – er nimmt sich frei und macht all die tausend Dinge, für die im Alltag kaum Zeit bleibt: die Wohnung aufräumen, in Ruhe einkaufen, ins (Programm-) Kino gehen und alte französische Filme sehen. Leider kommt alles anders, als er aus dem Café des Kinos Zeuge eines brutalen Mordes auf offener Straße wird. Was er zu dem Zeitpunkt noch nicht ahnt: zeitgleich passiert ein zweiter Mord. Und beides zusammen markiert den Beginn einer Kette von Ereignissen, die vieles ändern werden, auch für Joe Cullen.

Genau in diesem Augenblick, genau in diesem beschissenen, gottverdammten Augenblick tauchte die Frühlingssonne hinter einer dicken, fetten Wolke auf, und das Sonnenlicht loderte durch die Balkontür herein, verschlang den Balkon, verwandelte den anderen Mann von einem Menschen in eine Silhouette, ein spinnenartiges Etwas, einen Alien, knochenlos, ektoplasmatisch. Das Licht blendete Cullen für einen Moment, und das wusste der andere. Er drehte wirbelte flog peitschte herum, hatte die Hände vor sich gestreckt, zusammengehalten, zielte richtete griff attackierte schoss ballerte feuerte.

Woher die Kanone gekommen war – Cullen hatte nicht den geringsten beschissenen Schimmer. Hatte sie die ganze Zeit über in der Hand des Mannes gelegen oder hatte sie vorn in seinem Gürtel oder hinten in seiner Gesäßtasche gesteckt? Cullen hätte es bemerken müssen. Aber was spielte es schon für eine Rolle, auf lange Sicht gesehen, in einem größeren Rahmen? Der Kerl hatte eine Kanone, er hatte sie von irgendwoher gezogen, er schoss damit, schoss damit auf Cullen, 50 Jahre, nicht einfach nur ein Meilenstein, ein Endpunkt, und das war’s dann, was spielte es schon für eine Rolle?

 

»Der Anfang ist ganz in Osters bewährter Manier gehalten: Riskanter Quereinstieg, unverständliche Gewalttat sehr blutdürstig, sehr brutal, aber nie voyeuristisch. Der Roman ist gekonnt waghalsig aufgebaut und von der ersten Seite an spannend. Alles ist geschmückt mit schier schnörkellosen Ab- und Ausschweifungen, die, obgleich sie sinnlos sind, den Plot ausmachen. Ich habe das Manuskript mit feministischer Faszination und literarischem Wohlwollen gelesen.« So die Autorin und Dramaturgin Uta-Maria Heim, nachdem sie für Rowohlt das amerikanische Manuskript gelesen hatte.

»Oster schreibt jetzt leichter, schneller, ironischer. Stärker als bisher vermittelt sich das Tempo, der Rap der Millionenstadt New York.« Sagte der Hamburger Autor Frank Göhre.

Die erste deutsche Ausgabe des Romans erschien 1994 im Rowohlt Verlag unter dem Titel Wenn die Nacht kommt. Das Originalmanuskript wurde für die spraybooks-Ausgabe vollständig überarbeitet.

Die Romane um NYPD Detective Joe Cullen

»Warum ich?«, 2015, Original: »Internal Affairs«, 1990
»Und jetzt?«, 2015, Original: »Violent Love«, 1991
»Sorry«, 2016, Original: »Fixin’ to Die«, 1992
»Wenn es Nacht wird«, 2016,  Original »When the Night Comes«, 1993
»Na denn«, 2016, Original: »Kiss Di Foxx Good Night«, 1999

Jerome Oster: WENN ES NACHT WIRD

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Jerome Oster

— formerly known as Jerry, denn: Jerome is my penname (lately), since I don’t care for Jerry — wird 1943 in New Mexico geboren, kommt als Zehnjähriger nach New York, besucht die Highschool und später die Columbia University, wo er englische Literatur als Hauptfach belegt. Danach hat er einen Job bei United Press International News Service, dann bei Reuters und schließlich bei den New York Daily News. Ein Journalist, ein Mann wie mehrere seiner Protagonisten. Jerome Oster war Polizeireporter, war an unzähligen Tatorte und hat über alle möglichen Verbrechen geschrieben.

PRESSE

»Romane von Jerry Oster sind bis zum Platzen vollgepackte Texte, die dennoch wundersam ausbalanciert sind. Sie erzählen eine Geschichte und während sie das tun, erzählen sie tausend andere Geschichten. Eingelagerte Geschichten, Geschichten, die aus Abschweifungen herauswuchern, Geschichten von „damals“, Geschichten, von Menschen, die Jerry Osters Universum auch in anderen Romanen bevölkern, alte Geschichten und Geschichten, die um Haaresbreite so nicht passieren, aber passieren könnten. Und alle diese Geschichten münden in die Hauptgeschichte, die ihrerseits wieder in tausend Nebengeschichten zerfällt. Romane von Jerry Oster sind auch Texte, die von Stimmen zusammengesetzt werden. Diese Stimmen reden in tausend Zungen, in verschiedenen Sprachen. Sie gehören zu Menschen aus Fleisch und Blut, sie dringen aus Radios und Fernsehern, sie sind Soundbits unbestimmbarer Herkunft, aber ubiquitär, sie kommen von CDs und Kassetten, von den Tonspuren der Filme, die die Menschen sehen oder gesehen haben. Es wird geplappert und geschwatzt, laut gedacht und leise bramabarsiert. Der Erzähler springt in den Redefluß seiner Personen hinein und aus ihnen hinaus. Die sicheren Eckpfosten in diesem Dauerstrom bilden Leitmotive, identische oder fast identische Wiederholungen von Phrasen, Sätzen, Sequenzen und Passagen, die mit- und gegeneinander gesetzt sind, sich kommentieren, kommunizieren oder deutlich nicht kommunizieren.« — Thomas Wörtche in Cream of Crime, 12/1994, Kaliber 38

Der Anfang

St. Patrick’s Day I

Salome Speed sah James Cobb sterben. Sie sah, wie James das Leben aus dem Leib geschlagen wurde, wie Staub von einem Teppich — mit Füßen, mit Fäusten, durch Schlag um Schlag um Schlag um Schlag mit einem langen, knotigen Knüppel, der von einem Mann in einer Boston Celtics-Jacke und einem albernen Partyhut auf dem Kopf geschwungen wurde.

Sie erinnerte sich: Es war St. Patrick’s Day — beziehungsweise der Morgen danach.

Bislang war Salome von vier Männern vergewaltigt worden. Ein fünfter bearbeitete sie gerade, schleifte ihren nackten, blutigen Hintern über den harten, rauen, kalten und nassen Bürgersteig. Sein nach Bier und Erbrochenem und Zigaretten stinkender Atem schlug ihr ins Gesicht. Noch genau so viele oder mehr warteten darauf, dass sie an die Reihe kamen, rülpsten, drängelten, kicherten wie kleine Mädchen. Doch dann jaulte weit weg eine Sirene auf, und noch eine näher, und die Männer zerstreuten sich, hierhin, dahin, dorthin. Nummer Fünf zog sich mit einem Ruck aus Salome zurück, sein Schwanz immer noch hart, feucht glänzend und blutig; er stopfte ihn sich in die Hose und watschelte, wobei er die Hose am Bund hochhielt, wie ein Kasper aus einem Stummfilm zur nächsten Straßenecke, umrundete sie und war verschwunden.

Der Mann in der Celtics-Jacke trat zu Salome und baute sich zwischen ihren Beinen auf, trat gegen ihre Fersen, damit sie die Beine noch weiter spreizte. Die linke Hand steckte in der Jackentasche, und in der rechten hielt er den langen, knotigen Knüppel, ganz klebrig von James‘ Blut. Der alberne Partyhut saß keck auf seinem Kopf, ein smaragdgrünes Schiff in einem Meer goldener Locken, festgehalten von einer dünnen, silbernen Kordel von der Sorte, mit der man ein Geschenk verschnürt. Sein Gesicht war schmal und weiß, die Zähne krumm und schief, die Augen so fahl, dass sie gelb wirkten im Licht einer der malerischen alten Stablaternen, die nur noch an einigen Straßenecken der Narrows in New York zu finden waren.

Geistesabwesend, und ohne sich den speziellen Problemen dieser Aufgabe zu stellen, versuchte er den langen, knotigen Knüppel in sie hineinzurammen. Als es nicht klappte, schleuderte er den Knüppel fort; er knallte gegen den Laternenmast und polterte in den Rinnstein. Seine Hand kam mit einer bösartig schimmernden schwarzen Kanone aus der Jackentasche. Er richtete sie auf Salomes Gesicht. Er sah ihr direkt in die Augen, sie direkt in seine. Wortlos unterhielten sie sich.

Ich muss es tun, sagte er. Du wirst weder mich noch einen anderen von uns je vergessen.

Nein, stimmte sie zu. Bitte, tu’s.

Du willst es?

Bitte … bitte.

Aber sein Verstand arbeitete fieberhaft – er sah die Zukunft. Er konnte Stahlgitter dröhnend zufallen hören, den Elektroschock spüren und das Gas riechen. Er steckte die Kanone weg und lief los, kleine Füße in kleinen, engen Lederstiefeln, braun, fast wie die einer Frau, verängstigt von seiner Vision der Zukunft, von den Sirenen, jetzt mehr und noch näher, und von dem Schrei.

Eine Frauenstimme:

»Die Polizei kommt, Herby! Lass das arme Mädchen in Ruhe! Um Himmels willen, Herby, lass doch das arme Mädchen in Ruhe!«

 

 

St. Patrick’s Day II

Für Joe Cullen war es ein völlig normaler, durchschnittlicher St. Patrick’s Day gewesen: Er hatte das eine oder andere in der Wohnung erledigt, war zu einem Treffen der AA gegangen, hatte eine Baseballmütze gekauft, hatte beobachtet, wie ein Schwarzer mit breitem Kreuz einem schmalen Schwarzen mit Goldzahn mitten ins Gesicht geschossen hatte.

Baseballmützen waren schon so lange modern, dass sie fast schon wieder ein alter Hut waren; Mädchen und Frauen, kleine Jungs, erwachsene Jungs, alte Jungs und gute alte Jungs trugen sie drinnen wie draußen, bei Arbeit, Sport und Spiel, zu jeder Jahreszeit. Ein Gletscher, wenn’s um Mode ging, kaufte sich Cullen schließlich im Paragon auch eine, die Reproduktion einer Mütze der St. Louis Cardinals aus den vierziger Jahren: marineblauer Kopf, kirschroter Schirm, kirschroter Knopf und die kirschroten, ineinander verschlungenen Buchstaben S, t und L.

»Gute Wahl«, meinte der Verkäufer. »Sind Sie ein Fan der Cardinals

Cullen schüttelte den Kopf. »Mir gefallen die Buchstaben.«

»Ich glaube, die Schriftart heißt Baskerville«, sagte der Verkäufer. »Sie sehen aus wie die Initialen eines mittelalterlichen Manuskripts — The Book of Kells zum Beispiel oder das Très Riches Heures de Jean, Duc de Berry.« Mit zurückweichendem Haar und Bierbauch sah er vielleicht ein wenig pastorenhaft aus.

Cullen lachte. »Sportartikel verkaufen ist für Sie nur ein Job?«

»Ich bin Archäologe mit Spezialgebiet Mesopotamien«, erwiderte der Verkäufer.

»Mesopotamien liegt noch mal wo …?«

Der Verkäufer nickte düster. »Im Irak, ja. Es herrscht heute keine besonders große Nachfrage nach Spezialisten für Bewässerungssysteme im Ur der Zeit der Chaldäer. Die Wiege der Zivilisation, und wir haben das Ding gottverdammt geschaukelt, stimmt’s nicht? … Und was machen Sie so beruflich?«

»Ich bin, äh, Polizeibeamter. Detective.«

»Mordkommission?«

»Gelegentlich.«

»Zögern Sie immer, bevor Sie sagen, was Sie machen? Ich bin, äh, Polizeibeamter. So als wär das gesellschaftlich nicht akzeptabel?«

Cullen zögerte überhaupt nicht, bevor er antwortete: »Wenn ich zögerte, bevor ich sage, was ich mache, würde mich irgend so ein Drecksack ausknipsen.«

Der Verkäufer hob beschwichtigend eine Hand, »Tschuldigung. Sie haben’s echt schwer, ich weiß. Und ich bin nur ein verbitterter alter Akademiker, der Spielsachen verkauft.« Er hielt ihm die Mütze hin. »Wollen Sie die gleich aufsetzen?«

Cullen fühlte sich überhaupt nicht mehr modisch. Zum einen litt er immer noch unter seinem 50. Geburtstag vor drei Monaten, zum anderen war er natürlich (oder übernatürlich) gehemmt, und wieder zum anderen wollte er auch nicht auf dem Grab der Karriere eines verbitterten alten Akademikers tanzen. Also log er: »Die ist für meinen Sohn. Wir haben die gleiche Größe.«

»Dann wollen Sie also eine Tüte.«

»Bitte.«

»Es wird Ihren Sohn vielleicht interessieren: Die Cards haben in den Vierzigern vier Meisterschaftswimpel und dreimal die World Series gewonnen. Zweiundvierzig haben sie die Yanks geschlagen, Dreiundvierzig haben sie gegen sie verloren, Vierundvierzig haben sie die Browns geschlagen — im folgenden Jahr dann gleich noch mal, und 1946 die Red Sox.« Er zuckte mit den Achseln. »Neuere Archäologie — auch eine Art Zeitvertreib.«

»Danke. Das wird ihn bestimmt interessieren. Danke.«

* * *

Der Winter hatte die Hacken in den Boden gestemmt und dachte ja gar nicht daran, die Stadt in absehbarer Zeit zu verlassen, aber um schon mal sein Schlendern für wärmeres Wetter zu üben, bummelte Cullen über den Gemüsemarkt am Union Square, wobei er sich die Paragon-Tüte unter den Arm klemmte, wurde von Knoblauchketten und Rosmarinsträußen, von Krügen mit dunklem Cider und extrem nahrhaften Brotlaiben, von Schnittblumen und Knospen und Kräutern in Töpfen in Versuchung geführt. Am Abend würde er zweifellos in seinem Supermarkt um die Ecke landen, wo er dann schlaffen Salat und versteinerte Tomaten untersuchte, misstrauisch an mutmaßlichen Hühnchen und angeblichem Rindfleisch schnupperte, versuchte, wenigstens eine einzige Konservendose von irgendwas zu finden, die nicht verbeult war, ein Gewürzglas, in dem sich etwas anderes als Minze befand. Doch er war weit weg von zu Hause, sein Viertel lag im tiefsten Queens, und er hatte keine Lust, noch mehr Tüten quer durch die ganze Stadt zu schleppen. Und es war noch nie sein Ding gewesen, sich selbst was Gutes zu tun; für Freunde und Familienangehörige konnte er jederzeit ein Festessen zaubern, sich selbst jedoch servierte er die Kost eines Knackis, der im Loch saß, in der Einzelzelle schmorte.

An der Fahnenstange in der Mitte des Platzes, unter dem Text der Unabhängigkeitserklärung (»When in the course of human events«, las Cullen aus den Augenwinkeln. »We hold these truths … The Present King of Great Britain has refused …He has forbidden …He has dissolved … He has obstructed …«), saßen zwei alte Schwarze links und rechts von einem alten Einkaufswagen und hörten aus einem alten Radio New Jack Swing. Bell Biv DeVoe: Poison. Bei näherem Hinsehen erkannte Cullen, dass es zwei junge Männer waren, viel zu früh und jäh gealtert: Dealer, die – versehentlich? – selbst zu Crackheads geworden waren.

In der Nähe der Fourteenth Street, hinter dem U-Bahnkiosk, griff ein Albino-Dealer, der noch nicht zu seinem eigenen besten Kunden mutiert war, unter den Ärmel seines langen Ledermantels, um ein elektronisches Zwitschern abzustellen: Sein Herr und Meister befahl, zu Hause anzurufen.

»Schön stehenbleiben«, raunte Cullen ins Dealerohr, und der Dealer spürte, nur einen winzigen Augenblick lang, wie er von ganz weit oben auf die Erde krachte. Dann erholte er sich wieder und lachte.

»Scheiße, die Bullen haben keinen Nachwuchs mehr.«

»Wie spät ist es?«

Feindseligkeit ließ die weißen Augen des Dealers hellrot werden. »Zieh hier keine Show ab, Bulle. Was zum Geier interessiert’s dich, wie spät es is?«

Cullen deutete mit dem Daumen auf die Zeckendorf Towers. »Von hier aus konnte man früher die Con Ed-Uhr sehen. Heute nicht mehr. Ist schon eine Schande. Ja, ja, der Fortschritt. Also, wie spät ist es, Dealer? Pisser.«

Der Dealer sah Cullen weiter fest in die Augen, während er den Ärmel hochschob, unter dem ein TNI Motorola-Armbanduhrenpieper zum Vorschein kam.

»Scheiße!«, sagte Cullen und ging weiter. Wenn er nicht im Dienst war, zog er nur selten eine Schau ab, trotzdem versuchte er, alle Ganoven, große wie kleine, immer schön auf den Hinterbeinen zu halten. In dieser Stellung knipsten sie sich manchmal gegenseitig aus, und das war doch auch schon mal was, oder nicht?

* * *

Auf dem Broadway:

Eine Blondine mit einer Yankees-Mütze starrte ehrfürchtig auf einen barocken Pooltisch im Fenster von Blatt Billiards, eine Latina mit einer Texas A&M-Mütze überquerte bei Rot die Great Jones Street, eine Asiatin mit einer Rhythm Nation-Mütze trat aus Ed Debevic’s — für Cullen sahen sie alle toll aus, und er wünschte sich, er besäße Mumm genug, seine eigene Mütze aus dem Sack zu lassen, sozusagen, sie aufzusetzen und einfach voll dazuzugehören.

Als er wenig später an einem Tisch im Foyer des Angelika Film Center saß und darauf wartete, dass sein Espresso endlich abkühlte, zog Cullen schließlich die Mütze heraus, achtete dabei sorgfältig darauf, dass die Tüte weder raschelte noch zerriss — ein Spion, der sein Handwerk übte. Er hielt die Mütze zwischen den Knien, rollte den Schirm auf und machte einen Kniff in ihren Kopf. Als sie nicht mehr ganz so jungfräulich war, nonchalantete er die Mütze auf und, nach einem Herzschlag, linste zur Seite auf ein gerahmtes Filmplakat an der Wand.

In der Glasscheibe sah er das Spiegelbild eines heimlichtuerischen, fünfzigjährigen Mannes in einem zerknitterten alten braunen Tweedsakko, einem löchrigen alten marineblauen Rollkragenpullover, einer braunen Hose aus einem J. Crew-Katalog oder von der Heilsarmee, den Unterschied konnte man nicht erkennen, ehemals weißen Head-Tennisschuhen, mit denen einmal zu viel Racquetball gespielt worden war, und einer Kleinjungenmütze.

Er nahm die Mütze wieder ab und schob sie in die Tüte zurück. Er hatte einen Sohn, was das betraf, hatte er nicht gelogen, und würde ihm das Ding im September zum 19. Geburtstag schenken, würde andeuten, dass eine Mütze, die eine kleine Geschichte besaß, doch mal eine nette Abwechslung von der Bollé (Put ‚em on your face) sei, von der sein Sohn behauptete, sie nur zum Duschen und im Bett abzunehmen.

(Cullen hatte auch eine Tochter, und ihr Geburtstag — ihr süßer sechzehnter — war schon in acht Wochen, und ihr hätte er die Mütze auch schenken können. Da sie aber ein modischer Trendsetter war, hatte sie erst kürzlich und völlig unerwartet aufgehört, Baseballmützen zu tragen und verkündet, dass sie nicht länger geil waren [modisch, übersetzte ihm die Mutter seiner Tochter, Cullens Ex-Frau], sie wären für Leute, die »Filme machten« [sich lächerlich machten].)

Cullen warf wieder einen Blick auf die Glasscheibe, sah diesmal das Plakat dahinter. Es war Französisch, warb für einen französischen Film von 1956:

Et Dieu Crèa La Femme
Un film de Roger Vadim
avec Brigitte Bardot
interdit au moins de 15 ans

Die Bardot war Cullens erster Schwarm gewesen. 1956, mit dreizehn Jahren, und es war für sie tatsächlich verboten gewesen, an der Kasse des Trylon Theater in Rego Park, Queens, eine Karte für Und immer lockt das Weib zu kaufen, hatten er und ein paar Freunde (Ira Schwartz, Chuck Story, Tom Valentine, Dave Blankenstein, vielleicht auch noch ein paar andere) sich durch den Notausgang hineingeschlichen und den Grund für das Verbot herausgefunden: Knallharte Brüste, lässige Mähne, Schmollmund.

Seit diesem Nachmittag kämmte Cullen Filmmagazine und Skandalblättchen nach Fotos der Bardot ab; er schnitt sie aus und bunkerte sie in einem großen braunen Umschlag, den er zwischen Matratze und Sprungfedern versteckte. (Anschließend überraschte er seine Mutter, indem er jeden Morgen sein Bett machte, die Laken wie bei einem Krankenhausbett an den Ecken ordentlich unter die Matratze steckte, das alles, ohne mit der Peitsche gedroht zu bekommen, und am Waschtag das Bett selbst abzog und es auch wieder bezog, bevor sie auch nur Papp sagen konnte.) Nacht für Nacht, wie ein Bobfahrer auf dem Rücken, das Bettzeug wie ein einfaches Zelt über den Knien, eine Taschenlampe unters Kinn geklemmt, immer eine andere herausfordernde Pose als Talisman, raste er die schnelle, steile Bahn hinunter und dem unheimlichen, feuchten, einfach umwerfenden Orgasmus entgegen.

Fast vier Jahrzehnte später hatte Cullen eine Einladung ins Zimmer seines Sohnes angenommen (seine Kinder wohnten bei ihrer Mutter und ihrem zweiten Mann, und sie erlaubten ihrem leiblichen Dad den Zutritt zu ihren Heiligtümern, wohl wissend, dass er dort keine Verfügungsgewalt mehr besaß) und war baff gewesen, dort nicht etwa versteckt, sondern fast in Lebensgröße an der Wand, in schwarzem Spitzenbustier und mit dieser ach so vertrauten Schnute, ihn direkt ansehend durch einen wie ein Monokel um ein Auge geschlungenes Accroche-Cœur, niemand anderen als die Bardot vorzufinden. Sie schien sich zu freuen, ihn zu sehen, immer noch scharf nach all den Jahren.

Seine Tochter, die mitgetrottet war, ohne allerdings direkt willkommen zu sein, korrigierte Cullens Fehlurteil: Die junge Frau an der Wand ihres Bruders war nur ein Epigone namens Claudia Schiffer, das Tittenmonster, wie Tenny Cullen sich ausdrückte, einer Jeans-Firma. Der Bardot-Look war wieder in, begünstigt durch Implantate und Collagen-Injektionen, und »Filmemacher« wie James Cullen fielen auf diese Imitate herein.

(Trotzdem: Würde es Vererbungsforscher nicht interessieren, dass Vater und Sohn das gleiche autoerotische Spielzeug besaßen?)

Das Poster war eines von zweien links und rechts neben einem deckenhohen Fenster mit Blick auf die Mercer Street, die Silver Towers, das Gym der NYU und pflichtbewusste Jogger, die sich auf der Außenaschenbahn im ersten Stock des Gym abmühten. Das andere Poster, ebenfalls auf französisch, warb für einen amerikanischen Film:

L’Homme Tranquille
Le plus grand triomphe de John Ford
John Wayne Maureen O’Hara Barry Fitzgerald

In Irland gedreht, voller Schmus und Verschmitztheit, war Der Sieger genau der richtige Film für den St. Patrick’s Day — und lief tatsächlich an diesem Abend auch im Fernsehen, auf Channel 9, um 20 Uhr, wie Cullen in der U-Bahn nach Manhattan bemerkt hatte, als er einen Blick ins Fernsehprogramm seiner Tageszeitung warf. Vielleicht würde er ihn sich ansehen, falls der Lowbudget Roadmovie, wegen dem er ins Angelika’s gekommen war, angelockt durch einige gute Kritiken und eine Anzeige mit (plus ça change, plus c’est la même chose) einer langbeinigen Frau in abgewetzten Jeans, Cowboystiefeln aus Echsenleder, einem schwarzen Muscleshirt und einem schwarzen Cowboyhut, nicht genug Kino für einen Tag war.

* * *

Joseph Patrick Cullen — väterlicherseits mit irischem Blut in den Adern (Bantry, County Cork, Munster Province, Éire) — hatte sich an diesem 17. März freigenommen, jedoch nicht etwa, um den Schutzheiligen Irlands zu feiern, sondern um in seinem Viertel und in seiner Wohnung Verschiedenes zu erledigen, ein Fluss, viele Meilen und einige verschlossene Türen entfernt von dem Chaos, das St. Patrick’s Day-Parade hieß.

Es war einmal in einer unschuldigeren Zeit, da war Cullen mit seinen Kids zur Parade gegangen. Sie hatten sich die Gesichter grün geschminkt, grüne Nelken angesteckt, grüne Bagels gegessen und grüne Limonade getrunken, den Dudelsackpfeifern zugejohlt, Witze über Kilts gerissen, Kiss Me, I’m Irish-Buttons und smaragdene Kokarden getragen und sich von rotgesichtigen Betrunkenen kneifen lassen. Die Fifth Avenue raufmarschieren, die Third runtertorkeln: das war das ziemlich harmlose Motto des Tages gewesen. Heutzutage wäre ein passender Slogan gewesen: Uptown marodieren, downtown plündern. Der Saint Patrick’s Day war zu einem Tag des Lernens geworden, oder daran erinnert zu werden, dass Hooligan und Donnybrook ursprünglich irische Worte waren.

Beginnend unmittelbar nach der Rush-hour strömten blasse Jungs mit schlechtem Teint in Zweier- und Dreier- und Vierergruppen aus den Vororten, von Long Island, von Norden aus dem Hudson Valley und vom Süden von der Küste New Jerseys nach Midtown Manhattan. Auf den Köpfen trugen sie kleine grüne Plastikmelonen und Zylinder, auf ihren ausgemergelten Leibern trugen sie Jacken, mit denen sie ihre Zugehörigkeit zu Schulen mit Namen wie Holy Blissful Martyr, Shantytown Catholic oder Our Lady Queen of Abject Weeping dokumentierten; ihre Fäuste umklammerten Bierflaschen in Papiertüten, sie sprachen in Brüllern, Rülpsern und Kotzlauten. Zierliche, blasse Mädchen zockelten hinter ihnen her wie stumme Geister.

Dann fing die Parade an, und die Burschen wurden streitlustig. Daraus resultierte eine einzige lange Massenkeilerei — ein echter Donnybrook — von den Forties bis zu den Eighties, von der Fifth über Madison, Park, Lex zur Third, von Mittag bis um vier oder fünf oder sechs. Unterdessen stiftete die ältere Generation, die Väter und Onkel und älteren Brüder dieser Jungs, Unruhe in den Kneipen. Im Blarney Stone und Blarney Roses, im O’Thises und McThats überall in Midtown und auf der East Side tranken Männer und prügelten sich, prügelten sich und tranken, tranken und prügelten sich und pissten und bluteten und kotzten.

Wo waren die Cops?, fragte sich oft die nicht-keltische Bevölkerung der Stadt an einem blut- und pisse- und kotzebefleckten St. Patrick’s Day-Nachmittag. Viele von ihnen waren damit beschäftigt, sich gegenseitig die Scheiße aus dem Leib zu prügeln. Selbst in einem Polizeirevier, eigentlich ganz besonders in einem Polizeirevier, war der St. Paddy’s Day, mit den Worten von Captain Jacob Neuman, »ein Tag, an dem man auf jeden Fall vergessen sollte, zum Dienst zu erscheinen«. Cops, die das ganze Jahr über keiner besonderen Religion oder nationalen Herkunft angehörten, einfach nur boyz ’n‘ girlz, einfach nur Cops waren, tauchten am St. Paddy’s Day mit ihren Konfessionen und familiären Hintergründen auf den Ärmeln prangend auf — oder, genauer gesagt, sie balancierten beides auf ihren Schultern, weswegen sie jeden herausforderten, sich mit ihnen anzulegen. Ganz sicher und garantiert würde es irgendwer versuchen, und aus einem Schubser wurde ein Stoß, und ein Stoß führte schnell zu Schlag und Schlag zu Trommeln zu Klatschen zu Keilerei. Es wurde Partei ergriffen, Punktezähler bestellt und neue Verpflichtungen eingegangen. Ein Wortwechsel zwischen zwei Micks konnte zu einem feindseligen Gerangel mit Schwarzen, Italienern, Juden, Polen, WASPS und Frauen führen. Cullen hatte noch nie mit eigenen Augen gesehen, dass auch Waffen gezogen wurden, aber er hatte schon davon gehört.

Alles in allem mehr als genug Grund zu Hause zu bleiben, einen tropfenden Wasserhahn zu reparieren, einen Flur für einen Neuanstrich vorzubereiten, neu zu verkabeln und einen Spiegel aufzuhängen, Möbel zu verrücken, an Stellen Staub zu saugen, an denen schon seit Jahren nicht mehr Staub gesaugt worden war; das Haus nur bis zum nächsten Haushaltswarenladen verlassen, dort einen Spachtel und Spackle kaufen, zur Reinigung gehen, um einen Frühjahrsanzug abzugeben, zum italienischen Lebensmittelladen, um einen Laib Brot und etwas frische Linguini zu kaufen, später vielleicht noch auf einen Film in das Multimultimultiplex des Viertels, etwas Sicheres und Vertrautes — Schon wieder allein zu Haus oder Drei Männer und eine Oma oder Stirb in Zeitlupe.

Doch als er zu Ende gespachtelt und neu verkabelt und staubgesaugt hatte, begann sich Cullen quirlig und streitsüchtig zu fühlen. Ihm gefiel die Vorstellung gar nicht, von einem Haufen randalierender Betrunkener in seiner Wohnung, in seinem ziemlich öden Viertel gefangen gehalten zu werden. Wenn er schon Freizeit hatte, dann wollte er auch was davon haben: Eine Baseballmütze vielleicht oder den leichten Rausch hervorgerufen von langbeinigen Frauen in abgewetzten Jeans, Cowboystiefeln aus Echsenleder, schwarzen Muscleshirts und schwarzen Cowboyhüten.

Damit es bei diesem Rausch blieb, ging er zum Treffpunkt der Anonymen Alkoholiker an der Thirty-first Street. Er hatte bereits 88 Tage geschafft, er arbeitete jetzt am 89. Kathy war dort, Nachkomme von Alkoholikergroßeltern, die fünfzehn Kinder hatten, von denen die Hälfte Säufer oder Drogensüchtige waren, und 75 Enkel, von denen die Hälfte Säufer oder Drogensüchtige waren.

Kathy war seit sechs Monaten trocken.

Und so kam es, dass Joe Cullen, halbirischer Police Detective, gelegentlich bei der Mordkommission, im Foyer eines In-Kinos saß, an einer Tasse starkem Kaffee herumspielte, neben seinem Ellbogen in einer Tüte ein frühes Geburtstagsgeschenk für seinen Sohn, aus der Stereoanlage Lisa Stansfield lauschte, ohne wirklich zuzuhören (All Around the World), aus einem Fenster schaute, ohne wirklich etwas zu sehen, gerade als, direkt draußen vor der Scheibe, direkt gegenüber auf der anderen Seite der Mercer Street, auf einem Bürgersteig nur ein paar Meter nördlich der West Houston, ein Schwarzer mit ziemlich breitem Kreuz einem schmalen Schwarzen mit einem Goldzahn mitten ins Gesicht schoss.

Cullen riss seine private .32er aus dem Knöchelhalfter und die Dienstmarke aus der Innentasche der Jacke. Er rannte zu der zweiflügeligen Glastür und stieß sie mit der Schulter auf. Ein grauhaariger Mann mit Baskenmütze, eine Frau in einem roten Parka und Pilotenbrille, ein kräftiger Bursche mit Bart und ohne Hüften, an denen seine Jeans sich halten konnte, schoben sich auf die Kinokasse zu, griffen nach ihren Geldbörsen, studierten das Programm. Cullen walzte mitten in sie hinein und trat ans Fenster der Kasse.

»He, Kumpel, das hier ist ’ne Schlange.« Der kräftige Bursche, ziemlich laut.

»Oh, toll. Nette Manieren.« Die Frau, sotto voce.

»Himmmmel.« Der Grauhaarige, geflüstert.

Die Kassiererin, ein Punk mit lila Haaren, verschränkte die Arme, bereit, Dränglern nicht einen Millimeter nachzugeben. »Sie müssen schon warten, bis Sie …«

»Rufen Sie die Polizei.« Cullen hielt seine Marke ans Fenster. »Ich bin Polizeibeamter. Draußen ist gerade ein Mann erschossen worden. Rufen Sie die Neun … Eins … Eins an.«

Er quicksteppte die Treppe runter.

Er hatte Rot, schlug aber eine Hand auf den Kotflügel eines Taxis, das an der Kreuzung gerade anfahren wollte, und überquerte direkt vor ihm die Straße. Der Taxifahrer legte sich mit ausgestreckten Armen auf die Hupe.

Zehn Sekunden? Fünfzehn? Zwanzig? Mehr Zeit konnte nicht vergangen sein seit dem Verbrechen und vor Cullens Ankunft am Tatort. Das musste ein neuer Rekord sein — unbedingt aber eine persönliche Bestzeit; zweifellos eine Rekordmarke des NYPD; gottverdammt wahrscheinlich ein neuer Standard, der Mitarbeitern sämtlicher Strafverfolgungsbehörden von Akron bis Youngstown, von Afghanistan bis Zimbabwe als leuchtendes Beispiel präsentiert werden musste.

Der Schwarze mit dem breiten Kreuz war verschwunden. Spurlos. Nichts. Er existierte nicht, er hatte nie existiert; es war, als sei überhaupt nichts passiert. Der schmale Schwarze lag, alle viere von sich gestreckt, auf dem Bürgersteig, ja, wie verschüttete Farbe, wie Peter Pans Schatten. Aber, he, sehen wir der Sache doch nüchtern ins Auge, geben’s einfach zu, sind wir doch mal ganz ehrlich, ist das hier vielleicht das erste Mal, dass du so eine Scheiße siehst, oder was? Du hast schon Säufer gesehen, du hast schon Junkies gesehen, du hast schon sogenannte Obdachlose gesehen, der Länge nach ausgestreckt auf dem Boden, wo auch immer zum Henker ihnen danach war, wobei sie taten, wonach auch immer ihnen war, schlafen, saufen, fixen, sich in die Hose pissen, sich in die Hose scheißen, sich einen runterholen, direkt hier draußen im beschissenen Freien. Das ist normal, so ist das Leben, genau das geht doch gottverdammt ab, das hier ist das beschissene New York City.

Zwei Collegemädchen waren aus dem NYU Gym gekommen und schlenderten auf der Mercer Richtung Süden. Bestimmt hatten sie irgendwas gesehen; sie waren auch schon auf der Mercer Richtung Süden gegangen, als der schmale Schwarze ausgeknipst worden war, und jetzt gingen sie auf der Mercer Richtung Süden. Sie hatten Squash gespielt. Sie trugen ihre Squashschläger in speziellen Squashschlägertaschen über den Schultern. Sie trugen ausgeleierte Sweatshirts — Russell Athletic auf der Linken, LeHigh auf der Rechten — und geile Lycra-Leggins und geile, total komplizierte Turnschuhe mit riesigen Laschen und fetten Schnürsenkeln. Keine Filmemacher, sie trugen keine Baseballmützen; sie hatten Stirnbänder. Cullen kam wieder mal zu spät, um auf den Modezug aufzuspringen.

Andere Zeugen: Ein SoHo-Künstler, die Haare schwarz gefärbt, großer schwarzer Blazer, kurze schwarze Hose mit engem Bein, schwarze Lederimitatmappe, machte sich die Spitzen seiner großen schwarzen Schuhe in NoHo nass, tagträumte davon, der nächste Salle oder Fischl oder Kostabi zu sein; ein Latino-Kid mit einem gestrickten Scheitelkäppchen und einer 8-ball-Jacke, noch vor zwei Jahren eine Jacke, für die man umgebracht werden konnte, aber jetzt interessierte sich kein Mensch mehr auch nur einen Scheißdreck dafür, man würde sie einem nicht mal abnehmen, wenn man sie verschenken wollte; eine alte Italienerin, man konnte sie zwar aus Palermo rausholen, aber Palermo holte man nie aus ihr raus, genauso dunkel gekleidet wie der SoHo-Künstler, aber nicht, weil’s Spaß machte, Spaß hatte sie irgendwann früher einmal gehabt, eines Nachts, als sie träumte, die klaffenden Wunden in Jesus Füßen zu küssen; eine Rotblonde in einer elektrisch blauen Patagotno-Bluse, ein Dreijähriger in einem Buggy, ein Fünfjähriger, der auf der Hinterachse des Buggy stand, ein Säugling in einem Snugli vor ihrer Brust, ein verdutzter Ausdruck auf ihrem Gesicht, wie in dem alten Witz: »Welcher Schwanz hat mir das angetan?«

Nur dass sie keine Zeugen waren, sie hatten absolut nichts gesehen. Wie es kam, dass der schmale Schwarze, alle viere von sich gestreckt, auf dem Bürgersteig lag, wie verschüttete Farbe, wie Peter Pans Schatten, davon hatte keiner von ihnen auch nur einen Schimmer. Was sie aber sehr wohl wussten, sie wussten es ganz sicher, war, dass dort rittlings über dem schmalen Schwarzen, in einem zerknautschten Tweedsakko, einem löchrigen Rollkragenpullover, einer Hose, die brandneu oder auch uralt sein konnte, in schäbigen Tennisschuhen und mit einer kleinen, hässlichen Kanone in der rechten Hand und mit großen Augen ein fünfzigjähriger Weißer stand, der ersteren höchstwahrscheinlich niedergestreckt hatte.

So schnell war Cullen zum Tatort gekommen — so schnell, dass er wie ein Straftäter aussah, der nie vom Tatort verschwunden war – so sehr wie ein Straftäter, dass die Collegemädchen, der SoHo-Künstler, die alte Italienerin, die junge Mutter anklagende Finger auf ihn richteten und schrien, »Kanone, Kanone, er hat eine Kanone, omeingottpasstauferhateinekanone«, und sich umdrehten und wegliefen.

Cullen steckte die .32er weg. Die Marke behielt er in der Hand, um sie den Uniformierten aus dem ersten eintreffenden Streifenwagen entgegenwedeln zu können, damit sie ihn nicht gleich ausknipsten. Er kniete sich und schob seine Finger um den Hals des schmalen Schwarzen. Kein Puls, nur eine trockene, reglose Arterie.

* * *

Die Uniformierten des ersten Streifenwagens schienen aus einer Fernsehkrimiserie  abgehauen zu sein: Eine unscheinbare, schlaksige Blondine mit gebleichten Haaren namens Wisniewski; ein Bild von einem Mann namens Della Femina. Ohne ihnen je zuvor begegnet zu sein, wusste Cullen alles über sie: Sie nannten sich untereinander Noosk und Del, wenn er sie nicht gerade als blöde Polackentusse titulierte und sie ihn dämlichen Spaghetti. Er hasste es, dass sie nicht hübscher war, sie hasste es, dass er verdammt gut aussah. Einmal, als sie sich nach dem Geburtstag von irgendwem oder der Beerdigung von irgendwem wehrlos und verletzlich fühlten, hatten sie am Bordstein vor ihrem Haus in seinem Wagen gefummelt; sie gingen die Stufen zur Haustür hoch und hinein und die Treppen zum Absatz vor ihrer Wohnung hinauf, bevor sie sich wieder im Griff hatten und, ein wenig außer Atem und zerzaust, darin übereinkamen, dass jetzt Schluss sein musste, dass sie das nicht vergessen durften. (Außerdem lebte sie mit ihrer Schwester zusammen, die unter dem Down-Syndrom litt, und er war verlobt mit einer Frau namens Angela, die er schon seit der dritten Klasse kannte.) Von nun an vertrauten sie einander mehr denn je und niemals ließen sie den anderen hängen. Eines Tages würde einer von ihnen ausgeknipst werden, und der andere würde nie wieder einen auch nur annähernd so guten Partner finden.

»Also, äh, Sergeant«, sagte Wisniewski, nachdem sie und Della Femina ins Bild gesetzt worden waren, »was machen wir jetzt, wessen Job ist das hier? Ich meine, wir hatten noch nie einen Job, bei dem ein Cop Augenzeuge war.«

»Es ist euer Job«, sagte Cullen. »Ihr gebt ihn dann an eure Detective Squad ab.«

»Also, äh, aber jetzt, im Moment, sollten wir Sie vielleicht verhören?«, fragte Della Femina.

»Und jeden anderen, der etwas gesehen hat.«

Sie lachten nervös und zückten ihre Notizbücher.

»Also, äh«, sagten sie unisono.

Cullen lächelte. »Warum rede ich nicht einfach mit einem von euch? Der andere sollte die Squad verständigen.«

Noosk sah Del an, der nur mit den Achseln zuckte. Noosk zuckte auch mit den Achseln, und sie lachten wieder nervös, und Del kehrte zum Streifenwagen zurück und hängte sich an den Funk.

»Also, äh, Sie wissen nicht, wer er ist?«, fragte Wisniewski.

»Seinen Papieren nach ist er ein gewisser Arverne Dale. Er ist neunzehn und wohnte in der Bronx.« Cullen reichte ihr die Brieftasche des schmalen Mannes.

Sie warf einen Blick in die Fächer der Brieftasche, klappte sie zu, fragte sich, was sie jetzt damit anstellen sollte und schob sie in die rechte Vordertasche ihrer Hose. »Keine Angst, ich werd schon nicht vergessen, wohin ich sie getan habe.«

Besorgt, das Wenige zu vergessen, das er gesehen hatte, sprudelte Cullen los: »Der Täter war ein Afroamerikaner, einsachtundsiebzig, hundertfünfzehn Kilo, ausrasierter Nacken — ich habe nur seinen Hinterkopf gesehen, schwarze Baseballmütze, schwarze Satinjacke, wie eine Mannschaftsjacke, aber ohne Beschriftung, schwarze Hose, schwarze Basketballschuhe. Die Kanone war klein — keine Stupsnase, vielleicht eine Raven oder eine Baby Nine. Ich hatte die zwei gerade erst bemerkt, da hatte er das Ding auch schon draußen und gezückt und abgefeuert. Ich habe sie nicht zusammen kommen sehen, möglich, dass sie schon eine ganze Weile dort standen, einer von beiden kann auch erst kurz zuvor zum anderen getreten oder aus einem Auto gestiegen oder vom Himmel gefallen sein, ich weiß es einfach nicht. Arverne ging zu Boden, der Täter entfernte sich. Er hat sich nicht mehr umgedreht. Ein Lastwagen ist vorbeigefahren, ein Lieferwagen, der hat mir die Sicht versperrt. Der Täter ist nicht nach Osten geflohen, ich hätte ihn gesehen, als ich rauskam. Er kann Richtung Süden oder Westen oder Norden gelaufen sein. Ich weiß es einfach nicht. Er kann auch in einen Wagen gestiegen sein. Was ich aber bemerkt habe, das war Arvernes goldener Frontzahn. Sie können ihn jetzt nicht mehr sehen, aber er war da.«

Wisniewski schaute von ihrem Notizbuch auf, ein Leuchten in den Augen. »Er könnte auf diesen Lieferwagen aufgesprungen sein, der Täter.«

Cullen nickte, zuckte mit den Achseln, schüttelte den Kopf, womit er so ziemlich alle möglichen Reaktionsmuster abgedeckt hatte. »Könnte sein. Keine Ahnung.«

Wisniewski warf wieder einen Blick auf ihre Notizen, sah dann erneut zu Cullen auf. »Ist ja echt toll, Sarge. Ich meine, einen Cop als Tatzeugen zu haben, das ist doch einfach super.«

Cullen nickte nicht, zuckte nicht mit den Achseln, schüttelte auch nicht den Kopf, was ebenfalls wieder so ziemlich alle möglichen Reaktionen abdeckte. Er gab Wisniewski seine Karte und kehrte ins Angelika zurück.

Der Film hatte schon angefangen, sein Espresso war kalt und irgendwer hatte seine Baseballmütze geklaut.