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Warum ich?

Ein Joe Cullen-Roman | #1

New York, NY, 10019

New York Police Commissioner Charles Story ist tot. Ermordet. Alles deutet darauf hin, dass Story Opfer eines Rachefeldzuges militanter Obdachloser geworden ist, die es dem früheren Immobilienhai sehr übel nehmen, dass er ganze Straßenzüge von preiswertem Wohnraum befreit, um lukrativere Objekte zu realisieren – wie zum Beispiel ein neues Baseballstadion. Detective Joe Cullen bekommt den Auftrag, die Familie des Ermordeten vor möglichen weiteren Angriffen zu schützen. Dabei ist nicht wirklich hilfreich, dass Cullen, der Haupttatverdächtige und das schillernde Opfer dicke Freunde aus Kindertagen waren. Und die Schwester des Toten, inzwischen ein gefeierter Hollywood-Star, die erste große Liebe.

 

Die erste deutsche Ausgabe des Romans erschien 1991 im Rowohlt Verlag unter dem Titel Death Story. Das Originalmanuskript wurde für die spraybooks-Ausgabe vollständig überarbeitet.

Die Romane um NYPD Detective Joe Cullen

»Warum ich?«, 2015, Original: »Internal Affairs«, 1990
»Und jetzt?«, 2015, Original: »Violent Love«, 1991
»Sorry«, 2016, Original: »Fixin’ to Die«, 1992
»Wenn es Nacht wird«, 2016,  Original »When the Night Comes«, 1993
»Na denn«, 2016, Original: »Kiss Di Foxx Good Night«, 1999

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Jerome Oster

— formerly known as Jerry, denn: Jerome is my penname (lately), since I don’t care for Jerry — wird 1943 in New Mexico geboren, kommt als Zehnjähriger nach New York, besucht die Highschool und später die Columbia University, wo er englische Literatur als Hauptfach belegt. Danach hat er einen Job bei United Press International News Service, dann bei Reuters und schließlich bei den New York Daily News. Ein Journalist, ein Mann wie mehrere seiner Protagonisten. Jerome Oster war Polizeireporter, war an unzähligen Tatorte und hat über alle möglichen Verbrechen geschrieben.

Das erste Kapitel

Die alte Statue im Hafen

Gimme fire.

Irgendwann damals, bevor er sich das Hirn komplett verbrutzelt hatte — wie der Typ im Fernseher so schön sagt: Diese Bratpfanne hier, das sind die Drogen, dieses Ei hier, das ist dein Gehirn, wenn du also Drogen nimmst, dann … Noch irgendwelche Fragen, Arschloch? — irgendwann damals hatte Monroe Riggs (auf der Straße auch kurz World genannt — wieso und warum, daran konnte sich sein verbrutzeltes Hirn nicht mehr erinnern) dieses Gedicht gelesen, wo’s darum geht, dass entweder alles in die Luft fliegen könnte — so Vulkane, Erdbeben, das volle Scheißprogramm eben — oder aber alles und jeder zu massivem Eis erstarrt.

Und wie der Dichter sich die Frage stellte: Was wäre mir lieber?, frag dich das mal selbst: Was wäre dir lieber? Das hat Miz Powell gesagt — Miz Powell mit ihrer knackig frischen Tina–Turner–Stimme, den Blick auf den Gedichtband gesenkt, aus dem sie gerade vorlas, dann zur Klasse aufsah, um sich zu vergewissern, dass auch ja alle aufpassten, oder ob sie nur blöd rumhingen und Scheiß machten, die Mädels anbaggerten, mit ihren Messerchen rumfummelten, ihrem Stoff, ihren Bestecken. Ice is nice, sagte Miz Powell, hätte der Dichter sich entschieden, als er sich fragte, was ihm lieber wäre, but gimme fire. Und wie sie das mit ihrer knackig scharfen Stimme sagte, und wie sie alle auf ihre knackig scharfe Art fixierte, da war doch jedem sofort klar, dass sie eigentlich fucking meinte, wenn sie fire sagte.

Bei seinem verbrutzelten Hirn und allem verplemperte World nicht besonders viel Zeit damit, groß über so Gedichte nachzudenken. Aber genau an dieses eine Gedicht dachte er jetzt gerade, weil nämlich genau in diesem Augenblick die armen Arschlöcher in dem Apartmenthaus drüben auf der anderen Straßenseite, das Raleigh wird’s genannt, nach irgend so welchen alten Musketieren oder so Scheiße, in Feuer und Rauch und Flammen und dem ganzen Scheiß sterben, und die sehen jetzt total nicht so aus, als würden sie ficken.

Entweder sterben die nämlich gerade in Feuer und Rauch und Flammen und dem ganzen Scheiß, der — wie’s aussieht — so ungefähr aus sämtlichen Fenstern von dem alten Kasten quillt, oder aber sie geben den Löffel ab, weil sie aus den Fenstern und von den Simsen und dem ganzen Scheiß einfach runterjumpen und anschließend unten auf die Straße klatschen.

Und da kommt schon wieder einer! Diesmal ne alte Lady … Fuck!

Und jetzt ein Kerl … Scheiße, Alter! Treffer, ey! Dir ist ja voll die Birne aufgeplatzt, Mann, wie ne reife Melone.

Und jetzt gleich zwei auf einmal — ein Kerl und ne Alte, und Händchen halten tun die, als würd das einen Furz was ändern … Ooooh, Mann, ey! Ob die wohl ans Ficken gedacht haben? Nee, die haben nicht an ficken gedacht, never ever, Alter!

Yo, Mann, he, zieh dir das jetzt rein! Der Typ da, der bildet sich doch Tatsache ein, wenn er son Bettlaken an den Ecken festhält, als wär’s ein Fallschirm oder so, dann würde er schön langsam runter schweben, statt dass ihm die alte Nuss aufplatzt wie ne Melone und dabei dann die ganze Straße einsaut … Siehste, Alter? Voll der Irrtum.

On account of I had a taste of desire, gimme fire. So ging’s, das Gedicht, daran erinnerte sich sein verbrutzeltes Hirn genau. Ice is nice, but on account of I had a taste of desire, gimme fire. Oder irgend so Scheiße, was bedeuten soll, ich hab n paar Tussen gevögelt, also, okay, Scheiße Mann, ja, lieber würd ich doch brennen, als mir gottverdammt den Arsch abfrieren, Alter.

Yo, Mann, also, sag das mal der Kleinen da oben aufm Fensterbrett, Mister superschlauer Dichter, ich mein die Alte da, der ihre Haare und die ganzen Klamotten gerade am brennen sind, und …

Heilige Scheiße!

Das ist Joy!

Joy Griffith.

Joy Griffith, die Sozialarbeiterin, ey, was für ne abgefuckte Zeitverschwendung, die jämmerlichen Arschlöcher drüben im Raleigh sozial bearbeiten zu wollen, Alter, die sollte besser mal besser ihn sozial beackern, Alter, weil nämlich, die Tusse, die  ist schon voll in Ordnung. Die Maus ist abgefahren, ey, voll cool.

Jetzt allerdings nicht mehr. Scheiße.

Hier kommt noch so n Fallschirm–Wichser. Der hier hat nichts außer einem Scheißhandtuch … Voll das Arschloch, Alter.

Wo ist Joy hin? Sie ist nicht mehr da. Ist sie schon runtergejumpt? …

Neee … Vielleicht wieder rein? Scheiße, ey. Schick die Alte doch noch mal kurz rein, Kellner. Die hat noch nicht genug sozial gearbeitet!

Ice is nice, but on account of I had a taste of desire, gimme fire. Yo, Mann, also, Mister superschlauer Dichter, sag das jetzt mal dieser Joy Griffith, Mister motherfucker Arschloch–Dichter.

Nach einer ganzen Weile, nach mehr als genug von dem Scheiß hier, kommt World von seinem Supertrip runter, packt seine Glaspfeife aus und zieht sich einen Jumbo rein, ein mordsmäßiges Piece Crack, zerbrutzelt sein Hirn noch ein bisschen weiter, die Fenster immer schön geschlossen und die Klimaanlage auf volle Power, weil’s nämlich auch ohne den Brand da drüben schon heißer ist als in der Hölle, und mit dem Feuer ist’s glatt anderthalbmal so heiß wie in der Hölle, anschließend zieht er sich ein bisschen Glotze rein, Sally–Jessy–Raffy (»Frau Von Ihrem Therapeuten Angeblich Sexuell Missbraucht«), muss sich so wenigstens nicht die Sirenen und die Funksprüche und die Cops und die Feuerwehrspacken anhören, die mit ihren Flüstertüten den armen Wichsern da oben Sachen zubrüllen: Nicht springen, Leute! Rettung naht! Hört stattdessen an, wie die Sally–Jessy–Raffy–Mäuschen erzählen, wie ihre Shrinks bei ihnen Dr. Fühlmal gespielt haben.

Und als Sally–Jessy–Raffy fertig ist, wirft World noch mal kurz einen Blick aus dem Fenster, und siehe da, jetzt jumpen keine armen Arschlöcher mehr aus irgendwelchen Fenstern oder von Simsen und so Scheiß, aber höchstwahrscheinlich verbrennen immer noch ein paar von den bescheuerten Vollpfosten in der Bude, weil nämlich aus ner ganzen Menge von den Fenstern da drüben immer noch Rauch und Flammen und Scheiß schlägt, aber jetzt sind’s schon nicht mehr ganz so viele wie vorhin. Die meisten von den Typen und Tussen, die sich den Brand von der Straße aus reingezogen haben, die sind jetzt längst wieder zu Hause — scheinlich, um sich auch vor die Kiste zu hocken, scheinlich wegen Der Preis ist heiß oder Glücksrad oder Ein Duke kommt selten allein.

Und in den Nachrichten, die jetzt als Sondersendung dazwischen geschoben werden, also, so direkt nach Sally–Jessy–Raffy, da sagen sie jetzt schon, beim Brand im Raleigh, da sind sechzehn arme Wichser draufgegangen, und sie sagen, das Feuer hätte angefangen, weil irgendwer unvorsichtig mit einem Kerosin–Ofen rumgemacht oder bei einem kleinen Feuerchen in einem Papierkorb nicht richtig aufgepasst hätte oder son Scheiß, weil’s nämlich im Raleigh keinen Strom gegeben hätte und gar nichts, weil der Kasten nämlich seit einem Jahr oder scheinlich sogar noch viel länger eigentlich leer stand, also, die armen Wichser, die haben da nämlich unrechtmäßig gewohnt, die haben das Haus besetzt.

Aber World, verbrutzeltes Gehirn und alles, wundert sich.

World wundert sich, weil nämlich einer von den Typen und Tussen, die jetzt immer noch da unten auf der Straße rumlungern und glotzen und gaffen, der war nämlich schon da und hat geglotzt, als die ersten Feuerwehrautos und Bullenkutschen angerollt gekommen sind, das war mitten in Geraldo (»Unterdrückte Männer«), und der hat sich kaum gerührt, bis auf einmal, als er runter zur Bodega unten an der Ecke ist und kurz darauf mit ner Sprite und nem Donut wieder rausgekommen ist, und das ist nämlich Bobby Liberty, Alter, Bobby Liberty, den man immer dann ruft, das erzählt man sich wenigstens, wenn man irgendwas abgefackelt haben muss, denn genau wie die alte Statue unten im Hafen, von der hat er nämlich auch seinen Namen, genau wie die hat Bobby immer ne Fackel dabei.