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Und jetzt?

Ein Joe Cullen-Roman | #2

Violent Love

Ein Torso treibt im Harlem River. Wie sich bald herausstellt: Ein Ex-Model und erfolgreiche New Yorker Maklerin.

Und Detective Joe Cullen erfährt schon bald, dass einige Mitglieder der New Yorker High Society viel Freude an einer breiten Pallette von sexuellen Ausschweifungen und Perversionen finden. Ein wahrer Sumpf tut sich auf …

Die Stuttgarter Zeitung meinte seinerzeit: Alles »glaubhafte Menschen in einem schmutzigen, zynischen New York. Oster schreibt brillante Dialoge, seine Großstadt pulst und keucht.«

 

Dieser nach »Warum ich?« zweite Teil von Osters Serie um Joe Cullen erschien 1992 unter dem Titel Violent Love im Rowohlt Verlag. Das Originalmanuskript wurde für die spraybooks-Ausgabe vollständig überarbeitet.

Die Romane um NYPD Detective Joe Cullen

»Warum ich?«, 2015, Original: »Internal Affairs«, 1990
»Und jetzt?«, 2015, Original: »Violent Love«, 1991
»Sorry«, 2016, Original: »Fixin’ to Die«, 1992
»Wenn es Nacht wird«, 2016,  Original »When the Night Comes«, 1993
»Na denn«, 2016, Original: »Kiss Di Foxx Good Night«, 1999

Und jetzt?

Jerome Oster

— formerly known as Jerry, denn: Jerome is my penname (lately), since I don’t care for Jerry — wird 1943 in New Mexico geboren, kommt als Zehnjähriger nach New York, besucht die Highschool und später die Columbia University, wo er englische Literatur als Hauptfach belegt. Danach hat er einen Job bei United Press International News Service, dann bei Reuters und schließlich bei den New York Daily News. Ein Journalist, ein Mann wie mehrere seiner Protagonisten. Jerome Oster war Polizeireporter, war an unzähligen Tatorte und hat über alle möglichen Verbrechen geschrieben.

Das erste Kapitel

Rudern

»Alle bereit.«

Der Harlem River, geglättet durch den Konflikt von Gezeiten und Strömung. Drei schmale Rennruderboote lauerten wie Wassersprinter.

»Bereit.«

Es wurde Frühling, und hier und da entlang der Ufer waren noch Überbleibsel des Winters zu sehen, schmutzige Flecken von altem Schnee; doch die Ruderer hatten sich für ihre Aufgabe aufgewärmt, ihre Sweatshirts ausgezogen und sicher verstaut. Die Uni–Mannschaft trug, was ihr Privileg war, betting shirts — T–Shirts, die sie bei früheren Regatten von gegnerischen Mannschaften gewonnen hatten: das Purpurrot von Harvard, Blau von Yale, Penn und MIT und Cornell. Die zweite und dritte Mannschaft trug Lumpen.

»Rudert!«

Die Ruderboote ächzten. Eine Möwe, aufgeschreckt durch das Aufblitzen der Ruder, flog höher und höher. Die Steuermänner klopften mit den hölzernen Handgriffen der Steuerleinen den Rhythmus, riefen die Wechsel aus. Der Steuermann des Tri–Var war eine Frau, und ihre Sopranstimme hallte von Ufer zu Ufer, Manhattan auf der Steuerbordseite, Randall’s Island backbord. Sie waren weit von zu Hause fort, dem Bootshaus in Spuyten Duyvil; es war Frühlingsanfang, zweimal täglich Training, und der Coach machte Dampf.

Drei Meter siebzig lange Eschenholz–Ruder, die Blätter hellblau und weiß, gruben sich ins Wasser. Acht schlanke Schlagmänner, selbst so lang und geschmeidig wie Ruder, streckten ihre Beine, drückten sich gegen die Stemmbretter ab — metallene Bügel, in denen ihre Füße von Lederriemen gehalten wurden –, glitten auf Schienen befestigten Rollsitzen zum Bug. Auf halbem Weg zurück krümmten sie ihre Rücken und versuchten die Ruderholme zu ihren Bäuchen zu ziehen. Und schließlich, wenn sie sich über die Senkrechte nach hinten beugten, konnten die Schlagmänner nicht weiterziehen; mit einer schnellen Drehung der Handgelenke nach unten befreiten sie dann die Blätter aus dem Griff des Flusses. Dort, wo die Blätter sich eingruben, entstanden winzige Wirbel.

Die Handgelenke immer noch gedreht, so dass die Ruderblätter parallel zur Wasseroberfläche standen, rutschten die Schlagmänner auf ihren Sitzen nach achtern, klappten zusammen, bis ihre Knie fast das Kinn berührten, führten die Ruderholme über die Dollborde, drehten ihre Handgelenke wieder nach vorn, brachten die Blätter für den nächsten Zug in Position.

Schwingen nennen sie das. Gemeinsam schwingen. Ein Moment, der nicht jeden Tag erreicht wird (und den manche Mannschaften niemals erreichen), ein Augenblick vollkommener Harmonie, Einheit und Symmetrie. Jeder Zug ist sauber, jeder Schlag weit und glatt, jedes Ausheben präzise, jedes Einholen gelassen, so dass die nach achtern verlaufende Bewegung der Sitze auf ihren Rollschienen nicht im Widerspruch zur Vorwärtsbewegung des Bootes steht. Gemeinsam schwingen, ohne ein Stocken, ohne den Rollsitz zu schnell zu bewegen, ohne die Ruder zu verwinkeln, ohne vom Kurs abzukommen. Bei einem Ruderboot greift alles exakt ineinander: Alle Köpfe befinden sich in einer Reihe, alle Hände greifen über die Dollborde hinaus, ohne das Gewicht der Körper folgen zu lassen, was zum Kentern des Bootes führen würde, das keinen Kiel besitzt. Gemeinsam schwingend, gemeinsam schlagend, verschmelzen die acht zu einem und der eine mit dem Boot. Wenn man so dicht am Wasser sitzt, bekommt man das Gefühl unwahrscheinlicher Geschwindigkeit; die Möglichkeit des Fliegens scheint zum Greifen nah.

Jetzt, beinahe an der Spitze von Randall’s, nahe am Hell Gate, wo der Harlem in den East mündet, schwingen alle drei Boote. Das erste in Führung, dann das zweite, dann das dritte, dann wieder das erste, eine halbe Länge, vielleicht, vorauseilend, nie mehr. Der Traum eines jeden Coach, drei Boote, die um die Spitzenposition kämpfen, und der Coach, in der Barkasse dahinter, beugte sich über die Windschutzscheibe hinaus und brüllte überglücklich in sein Megaphon.

Dann stockte er, drosch melodramatisch auf die Luft ein und knallte das Megaphon aufs Kontrollpult der Barkasse, denn der Bugmann der Uni–Mannschaft hatte »einen Krebs gefangen«, hatte sein Ruder zu tief ins Wasser gebracht und konnte es jetzt nicht mehr herausziehen, bekam den Ruderholm gegen die Brust. Folge: Das Boot stand bewegungslos im Wasser.

»Scheiße. Scheiße, Scheiße, Scheiße.« Der Coach brüllte den anderen beiden Booten nach, langsam ausgleiten zu lassen, dann gab er seinem Steuermann ein Zeichen, die Barkasse zum ersten Boot zu bringen, damit er eine kleine Standpauke halten konnte. Es überraschte ihn, als er sah, dass die anderen Schlagmänner sich umgedreht hatten und jetzt spöttisch auf den ungeschickten Bugmann zeigten. Er hoffte nur, dass er sich hier keine Mannschaft von Petzen heranzüchtete.

Nein, sie zeigten auf etwas im Wasser. Also hatte der Bugmann vielleicht doch keinen Mist gebaut, und es wäre auch nicht das erste Mal gewesen, dass irgendwas aus dem Harlem hochgekommen wäre und sich an einem Ruder verfangen hätte: Matratzen, Kisten, Telefonmasten, Herde und Kühlschränke, Kloschüsseln, Stühle, Sofas, Betten, Fahrräder, Motorräder, Autos und Lastwagen — das Strandgut eines Flusses in der Stadt.

Etwas Weißes.

Etwas Glattes und Weißes.

Eine Schaufensterpuppe. Oder eine dieser Schneiderpuppen, nur ein Torso. (Der Coach hatte es noch nie jemandem erzählt, aber als kleiner Junge hatte er sich in das Nähzimmer im ersten Stock des Hauses seiner Großmutter geschlichen und, na ja, hatte ein bisschen herumexperimentiert an der Puppe, die in der Ecke am Fenster stand. Nichts Abartiges — nur, du weißt schon, ein bisschen rumgefummelt eben.) Oh, Himmel, was jetzt?

Der Bugmann und zwei andere hingen über den Dollborden und kotzten in den Fluss. Waschlappen. Nimm sie nur ein bisschen härter ran, und schon spucken sie ihr Mittagessen aus.

… Oh, Jesus, nein.

Das ist keine Schaufensterpuppe, das ist eine …

Oh, Jesus, es ist eine Frau.

Er konnte nicht anders. Als er feststellte, dass es eine Frau war, wurde ihm schlecht.

Mit Brüsten, mit Schamhaaren.

Aber ohne Hände. Ohne Füße. Ohne Kopf.