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YAHI – Wald der Toten

Gideon Oliver : Knochen-Detektiv

Yahi

Tief im Regenwald des Olympic National Park im Bundesstaat Washington wird eine übel zugerichtete Leiche gefunden. Die Tatwaffe: ein rund zehntausend Jahre alter Speer. Gibt es womöglich noch letzte Überlebende der kalifornischen Ureinwohner, der Yahi? Örtliche Polizei und FBI stehen vor einem Rätsel. Als schon bald weitere Leichen auftauchen, wird Gideon Oliver, der als »Knochen-Detektiv « bekannte Anthropologe um Hilfe gebeten. Gemeinsam mit einem attraktiven weiblichen Park-Ranger begibt sich der Wissenschaftler auf eine Reise in die Wildnis …

In den „Nebenrollen“ lässt Elkins eine ganze Schar höchst seltsamer Zeitgenossen auftreten, die durch das Verschwinden mehrere Wanderer in den fast unberührten Olympic National Park gelockt werden. Neugierige Großstadt-Touristen, schießwütige Redneck-Sonntagsjäger, abgedrehte Alien- und »Bigfoot«-Fantasten tummeln sich im Wald und behindern die Ermittlungen …

Gideon Oliver, der Knochen-Detektiv

Original: »Fellowship of Fear«, 1982, bislang nicht auf Deutsch
»YAHI – Wald der Toten«, spraybooks, 2017, erstmals auf Deutsch als »Yahi« 2000, »The Dark Place«, 1983
Original: »Murder in the Queen’s Armes«, 1985, bislang nicht auf Deutsch
»BONES – Alte Knochen«, spraybooks, 2017, erstmals auf Deutsch als »Alte Knochen« 1992, »Old Bones«, 1987
»CURSES! – Fluch«, spraybooks, 2017, erstmals auf Deutsch als »Fluch« 1993, »Curses!«, 1989
Original: »Icy Clutches«, 1990, bislang nicht auf Deutsch
Original: »Make No Bones«, 1991, bislang nicht auf Deutsch
»Tote Herzen«, spraybooks, 2018, erstmals auf Deutsch als »Tote Herzen« 1995, »Dead Men’s Hearts«, 1994
Original: »Twenty Blue Devils«, 1997, bislang nicht auf Deutsch
Original: »Skeleton Dance«, 2000, bislang nicht auf Deutsch
Original: »Good Blood«, 2004, bislang nicht auf Deutsch
Original: »Where There’s a Will«, 2005, bislang nicht auf Deutsch
Original: »Unnatural Selection«, 2006, bislang nicht auf Deutsch
Original: »Little Tiny Teeth«, 2007, bislang nicht auf Deutsch
Original: »Uneasy Relations«, 2008, bislang nicht auf Deutsch
Original: »Skull Duggery«, 2009, bislang nicht auf Deutsch
Original: »Dying on the Vine«, 2012, bislang nicht auf Deutsch
Original: »Switcheroo«, 2016, bislang nicht auf Deutsch

Aaron Elkins

… geboren 1936, verdiente sich sein Studium der biologischen Anthropologie als Boxer, bis er nach acht gewonnen Kämpfen drei hintereinander verlor und sich aufs Kellnern verlegte; er war Dozent für Betriebswirtschaft, bis er 1982 von einem Lehrauftrag an einem NATO-Stützpunkt zurückkehrte und sich als Arbeitsloser wiederfand; seither lebt und arbeitet er als freier Schriftsteller auf der Olympic Peninsula, Washington. Für seinen Gideon-Oliver-Krimi Alte Knochen erhielt er den Edgar der amerikanischen Kriminalautoren für das beste Buch 1987.

Aaron Elkins

Presse

Die Krimi-Couch bewertete »Yahi« bei der deutschen Erstveröffentlichung im Zürcher Haffmans Verlag mit 70° von 100° und brachte einen längeren, lesenswerten Artikel, aus dem wir zitieren:
»Aaron J. Elkins schuf die Figur des »Knochen-Detektivs« und Universitätsdozenten Gideon Oliver im Jahre 1982 während einer der weniger glücklichen Phasen seiner bewegten beruflichen Laufbahn. »Yahi« ist der zweite Band der Serie. Das ist bei der Lektüre zu berücksichtigen, denn es lässt sich auch in der Übersetzung erkennen, dass hier ein Autor schreibt, der sich zwar seines Talentes, aber noch nicht seiner schriftstellerischen Fähigkeiten sicher ist. Das beeinträchtigt zunächst nicht das Vergnügen an einem Roman, der durch seinen ausgefallenen Plot und ungewöhnliche Schauplätze zu gefallen weiß. Womöglich sollte man »Yahi« nicht als Kriminalroman, sondern als »ethnologischen Thriller« bezeichnen. […]

Mitte der neunziger Jahre verfilmte das US-Fernsehen einige Elkins-Oliver-Krimis. Interessanterweise besetzte man die Titelrolle mit einem schwarzen Schauspieler (Louis Gossett, jr.) und siehe da – es funktionierte fabelhaft! Gideon Oliver in der Schilderung von Aaron Elkins ist kein fest umrissener Charakter, sondern eine Kombination publikumswirksamer Stereotypen, die sich ein fähiger Darsteller wie einen weichen Lederhandschuh überstreifen und zu Eigen machen kann. Bereitwillig und begeistert folgt der Leser Elkins immer dort, wo dieser Gideon Oliver über sein ureigenes Fachgebiet, die Anthropologie, dozieren und seine Ausführungen am unbelebten Objekt verdeutlichen lässt. Hier bewegt sich der Autor sichtlich auf sicherem Terrain. Die Schlüsse, die der »Knochen-Detektiv« zieht, sind daher stets logisch und gut nachzuvollziehen. […]

Gelungen ist Elkins auch die Schilderung der seltsamen Zeitgenossen, die das Geheimnis des Olympic National Parks lockt, nachdem das Verschwinden gleich mehrerer Wanderer bekannt wird. Neugierige Großstadt-Touristen, schießwütige Redneck-Sonntagsjäger, abgedrehte Alien- und »Bigfoot«-Fantasten – sie alle wollen die Gunst der Stunde und die Aufmerksamkeit der Presse nutzen, sich ins rechte Licht zu setzen. […]

Es lohnt sich, den Knochen-Detektiv bei der Arbeit zu beobachten!«

Auf amazon.de urteilte ccheesy mit 5 von Sternen:

»Guter Krimi — Yahi ist der erste Krimi in der Gideon-Oliver-Reihe von Aaron Elkins und er ist eine gute Einführung in die Serie. […] Absolut fesselnd […] mit einem wirklich überraschenden Schluss«.

Das erste Kapitel

Im nassen, dunklen Wald

PROLOG

Mit einem Fluch, der gespenstisch in dem tropfnassen Regenwald widerhallte, setzte Eckert sich schwerfällig auf einen moosbewachsenen, schwammig weichen Baumstamm. Dann stand er wieder auf und ließ den Rucksack, den er unter dem Cape trug, achtlos auf den glitschigen Boden gleiten. Er blieb stehen, rieb sich die Schultern, starrte auf seine von der Nässe schwarzen Schuhe und lauschte dem nicht enden wollenden, nieselnden Regen, der in den hohen Bäumen rauschte und auf die Plastikkapuze seines Capes pladderte, als krabbelten dort tausend spinnenartige Viecher.

Er war erschöpft bis in die Knochen: Rücken, Oberschenkelmuskeln, Kniebänder. Und wollte endlich wieder ins Trockene. Den dunklen, glitzernden Wald, das unheimliche, grüne, trübe Unterwasserlicht hatte er gründlich satt. Seit zwei Tagen und Nächten sprühte der Regen in Schleiern herunter, ließ nie nach, wurde nie stärker; es regnete immer so viel, dass er nass blieb, fror und sich rundum elend fühlte.

Seit acht Uhr lief er auf einem Wanderweg, der neu und auf der Karte noch gar nicht eingezeichnet war. Aber das Park-Service-Schild hatte verkündet: »North Shore, zehn Meilen«. Gegenüber dem alten Weg sparte er fünf Meilen, konnte also zwei Stunden früher unter die heiße Dusche und in trockene Klamotten schlüpfen. Wo genau er jetzt war, wusste er nicht. Es beunruhigte ihn. Es konnten aber höchstens noch zwei, drei Meilen sein; mehr konnten es einfach nicht sein.

Er starrte wieder auf seine Schuhe. Der bloße Gedanke, den rechten auszuziehen und den Stein herauszuholen, der unter seinem kleinen Zeh klemmte, war unerträglich: Er müsste mit eiskalten Fingern den Knoten lösen, die nassen langen Schnürsenkel aufdröseln, den Schuh ausziehen, dann den Übersocken, den Socken, dann den Schuh wieder anziehen … und das alles in dem nasskalten, Mark und Bein durchdringenden Nebel!

Bei dem plötzlichen Geräusch zu seiner Linken schaute er auf. Sechs Meter von ihm entfernt war, eingehüllt in den Dunst, eine Gestalt aus dem Unterholz getreten, die rechte Hand über dem Kopf erhoben. In der Hand befand sich ein merkwürdiger Gegenstand, schwer zu erkennen in den düsteren Dunstschwaden. Ein langer, zusammengesteckter Stock? Eine Peitsche?

»Moment«, rief Eckert.

Der Arm der Gestalt sauste herunter. Etwas knallte, schwirrte auf ihn zu. Eckert hatte ein Gefühl, als explodiere sein Herz. Die grüne Welt wurde rot und dann schwarz.

* * *

Auf der Kiesbank in der Flussbiegung beugte Hartman sich in dem dunstigen Regen vor, bemüht, Angelhaken und Angelschnüre zu erkennen. Er blinzelte zweimal und streckte bei dem müden Versuch, sich zu konzentrieren, die Zunge heraus. Wenn er nicht aufpasste, schnitt er sich noch in den Daumen. Der Cognac. Er hatte in der zurückliegenden Stunde fast einen halben Liter getrunken – seine Ration für drei Tage. Aber es wurde nass und kalt, und wenn er die ganze Nacht hier verbringen musste, dann wollte er es auch so gemütlich wie möglich haben.

Er musste an der Gabelung, wo der Wegweiser herausgerissen worden war, die falsche Richtung eingeschlagen haben. Eigentlich hatte er dem Tletshy Trail über die Wasserscheide und aus dem Regenwald hinaus folgen wollen, ohne noch einmal anzuhalten, aber das hier war ganz offensichtlich der neue Matheny Trail, was bedeutete, er angelte hier im Big Creek, beziehungsweise versuchte, darin zu angeln. Am nächsten Morgen musste er zu der Weggabelung zurück. Das dauerte nur wenige Stunden, aber er wollte nicht in der Dunkelheit marschieren.

Er nahm einen weiteren kräftigen Schluck aus der Flasche und schaute sich missmutig um. Eigentlich mochte er den Regenwald, aber die Nacht darin verbringen wollte er beileibe nicht. Doch mit dem Cognac und vielleicht einer über dem Propangaskocher gebratenen Forelle würde es schon nicht so übel werden.

Gepfiffen auch, nicht so übel! Miserabel traf es schon eher! Mit zunehmender Dunkelheit wurde der Regenwald immer gruseliger, und nach einer nasskalten, unbehaglichen Nacht würde er am Morgen triefnass, steif und verkrampft aufwachen. Mist, er hatte vergessen, eine Regenplane fürs Zelt mitzunehmen. Natürlich würde es nicht aufhören zu gießen. Verflucht auch, der Tletshy Trail hätte nach rechts abzweigen müssen.

Es wurde schnell dunkel. Hartman wischte sich die Nässe aus den Augenbrauen, setzte sich auf den harten Kieselsteinen etwas bequemer hin und betrachtete stirnrunzelnd den Haken in seiner Hand.

Ein plötzliches Spritzen neben ihm schreckte ihn auf. Wahrscheinlich war ein Ast von einem Baum gefallen. Er schaute hoch. Über ihm waren keine Bäume; die Kiesbank verlief bis weit in die Flussbiegung hinein, gut neun Meter vom baumbestandenen Ufer entfernt. Ängstlich sah er wieder zu dem Gegenstand im seichten Wasser hinüber. Für einen Ast war es zu gerade, es hatte sich wie ein Speer ins Flussbett gebohrt. Am Einfallswinkel erkannte Hartman, dass es jemand von hinten in seine Richtung geworfen haben musste.

Er sprang auf und wirbelte herum. Er konnte nur ein, zwei Meter in den trüben, grünen Nebel des Waldes hineinsehen. Nichts bewegte sich. Die einzigen Geräusche waren das Gluckern des Wassers über den Steinen und das stetige leichte Plätschern des Regens. Mit heftig klopfendem Herzen lief Hartman zum Zelt, wo das Messer neben dem Kocher lag.

Er schaffte es nicht bis dahin. Nicht einmal bis zum Ufer. Denn direkt vor ihm richtete sich drohend etwas aus dem Unterholz auf. Ungläubig starrte Hartman in ein Paar wilde, wahnsinnige Augen. Er machte auf der Stelle kehrt, rutschte aber auf den glitschigen Steinen aus und fiel auf die Seite. Über sich sah er eine schwarze Silhouette, die sich in schrecklicher Klarheit vor dem schwindenden Licht am Himmel abzeichnete, die hocherhobene rechte Hand hielt etwas, das – unglaublich! – nur ein schwerer, roh behauener Steinhammer sein konnte, die Steinkeule eines Höhlenmenschen. Hartman riss den linken Arm vor sein Gesicht, als der Hammer herunterkrachte.

* * *

Auszug aus der Port Angeles Daily News vom 2. April 1976:

Suche nach Wanderern beendet

Quinault, WA – Die Verwaltung des Olympic National Park gab heute bekannt, dass die Suche nach den zwei Wanderern, die sich im vergangenen Monat in der Gegend von Quinault wahrscheinlich im Park verlaufen haben, aufgegeben wird. Clyde Hartman, achtunddreißig, aus Portland, Oregon, und Norris Eckert, neunundzwanzig, aus Seattle, verschwanden Anfang März innerhalb weniger Tage im dichten Regenwald nordwestlich des Lake Quinault. Der Leiter des Suchtrupps Claude Gerson sagte, eine so »ausgedehnte Suche sei im Olympic National Park noch nie durchgeführt« worden, aber es »fehle schlichtweg jegliche Spur von ihnen«.

Ein Mitglied des Suchtrupps berichtete Reportern: »Da drinnen gibt’s keine richtigen Wege. Das ist ein Dschungel. Man braucht eine Machete, um da durchzukommen. Sie hätten zwei Meter neben dem Wanderweg liegen können, und wir hätten sie nicht gefunden.«

Ausschnitt aus dem Seattle Post-Intelligencer vom 1. Oktober 1982:

Wanderin im Olympic National Park verschwunden

Mädchen im »Tal der Verschwundenen« vermisst

Suchtrupps des National Park durchkämmen das Quinault Valley nach Claire Hornick, 18, aus Tacoma, die vergangenen Dienstag als vermisst gemeldet wurde, nachdem sie von einer Wanderung, zu der sie allein aufgebrochen war, nicht zum Graves-Creek-Campingplatz in der Nähe des Lake Quinault zurückgekehrt war. Laut Aussagen ihres Wandergefährten Gary Beller, zweiundzwanzig, ebenfalls aus Tacoma, war Miss Hornick auf dem Quinault River Trail in den Regenwald gegangen, »um mal ein, zwei Stunden allein zu sein«.

Das Quinault Valley erlangte vor sechs Jahren als Tal der Verschwundenen landesweit traurige Berühmtheit, nachdem eine einmonatige Suche nach zwei unabhängig voneinander als vermisst gemeldeten Wanderern nicht die geringste Spur von ihnen erbracht hatte. Die beiden sind nie gefunden worden.

KAPITEL 1

Dr. Fenster spitzte pikiert die Lippen. Für Knochen hatte er nichts übrig, Knochen hatte er nie gemocht. Zu viel Rätselraterei, besonders, wenn sie eine Weile in der Erde gelegen hatten. Sie schrumpften und verbogen sich. Sie lieferten keine schlüssigen Hinweise auf die Todesursache, und die Gewebetypen waren auch nicht zuverlässig zu bestimmen. Gab man ihm hingegen etwas Blut, Samen, Speichel oder, am allerbesten, ein größeres Organ, na, da hatte er doch etwas in der Hand. Da konnte sich ein Rechtsmediziner regelrecht hineinverbeißen.

Er seufzte demonstrativ und ordnete die Knochen auf dem Eichentisch neu, diesmal fein säuberlich in Reih und Glied. Aber John Lau sah, dass er auch so nicht weiterkam. Nachdem Lau höflich gewartet hatte, dass der Ältere das Wort ergreifen würde, sagte er: »Was meinen Sie, Dr. Fenster? Handelt es sich um einen von ihnen?«

Gereizt schüttelte der Rechtsmediziner den Kopf und schob die runde Brille mit dem Drahtgestell auf seiner Nase hoch. Solch eine Brille würde ein fünfjähriges Kind in das Gesicht einer Comicfigur zeichnen, dachte Lau. Alles in allem sah Dr. Arthur Fenster aus wie einer Kinderzeichnung entsprungen: wie ein Kaninchen, das eine runde Brille trägt. Ein zorniges Kaninchen.

»Wie wollen Sie an dem Mist etwas erkennen?«, erwiderte Fenster. »Ein paar Wirbel, ein Schulterblatt …« Empört schnippte er mit den Fingern gegen die Stücke. »Es könnte sich um Eckert handeln, vielleicht auch um Hartman. Die waren mindestens fünf Jahre in der Erde. Sieht aus wie von einem Mann um die Zwanzig, vielleicht älter. Ich bin aber nicht einmal sicher, dass alles zur selben Person gehört.« Er kreuzte die Arme und lehnte sich entschlossen im Stuhl zurück. »Dieser Müll ist so gut wie wertlos. Reine Zeitverschwendung.« Er schaute den FBI-Agenten ärgerlich tadelnd an.

John Laus großes, flaches asiatisches Gesicht blieb ungerührt. »Mehr haben wir aber nicht, Sir. Können Sie uns sonst überhaupt nichts sagen?«

Fenster nahm einen der Rückenwirbel und zeigte damit auf Lau. »Sehen Sie den Auswuchs auf der Vorderfläche?«

Lau nickte. Er konnte die Vorderfläche zwar von keiner sonst wie bezeichneten unterscheiden, doch er sah, dass die hässliche, raue Vorwölbung kein normaler Teil des Knochens war.

»Ich weiß nicht genau, was das ist«, erklärte Fenster. »Eine komische Exostose – ein Tumor, eine ausgefallene Variante von Knochenmarkentzündung. Vielleicht sogar Knochensyphilis, obwohl sich die normalerweise nicht in einem Rückenwirbel zeigt. Egal, wenigstens ein Anhaltspunkt. Schauen Sie sich Eckerts und Hartmans Krankengeschichte einmal an. Wenn einer von beiden eine Knochenkrankheit in einem höchst fortgeschrittenen Stadium hatte, stehen die Chancen gut, dass es auch einer der beiden ist.«

»Okay, das ist doch immerhin etwas«, sagte Lau und versuchte dankbar auszusehen. »Sie meinen nicht, ein Anthropologe könnte uns eventuell etwas mehr erzählen? Ich habe gehört, dass Gideon Oliver in der Nähe von Dungeness an einer Ausgrabungsstätte arbeitet. Das ist nur ein paar Stunden von Quinault entfernt.«

Lau hatte schon befürchtet, dass es falsch war, Gideon Oliver zu erwähnen, und so war es dann auch. Fenster schnaubte verächtlich und zog sich die Brille wieder herunter. Dann schob er sie erneut hoch. »O Gott, verschonen Sie mich, bitte. Ich weiß, Sie halten seine Gutachten über den Fall Schuster und diese Entführung in Mexiko für die absolute Erleuchtung, aber ich bin Rechtsmediziner, und ich weiß es besser. Das waren Hirngespinste, Mist, Scheiße. Er hat Glück gehabt. Mit seiner anthropometrischen Theorie kennt er sich vielleicht aus – ich betone, vielleicht –, aber seine Schlussfolgerungen sind … spekulativ.« Er manövrierte seine beweglichen Lippen um das Wort, als würden sie davon besudelt.

»Trotzdem«, wandte Lau ein, obwohl er wusste, dass es keinen Zweck hatte. »Vielleicht …«

»Herr im Himmel, der Mann ist Wissenschaftler!« Damit war der Fall doch wohl erledigt. Lau nickte resigniert. Es wäre schön gewesen, wenn der Rechtsmediziner empfohlen hätte, Olivers Hilfe einzuholen, aber notwendig war es nicht.

Das Telefon auf dem unordentlichen Schreibtisch an der Wand klingelte, und froh über die Ablenkung, schwang Lau in seinem Drehstuhl herum und nahm ab.

»Lau«, sagte er, und unmittelbar darauf: »Wo?« Er setzte sich gerade hin, kramte mit beiden Händen auf dem Tisch und verrenkte sich den Hals bei dem Bemühen, das Telefon zwischen Ohr und Schulter festzuklemmen. »Wie viele?«, fragte er und schrieb etwas auf einen gelben Notizblock. Eine Weile saß er aufrecht da und hörte zu, dann ließ er sich plötzlich im Stuhl zurückfallen. »O Gott«, stöhnte er, »das hat uns gerade noch gefehlt.«

Er legte auf, schlug mit dem Block auf den Arbeitstisch und sagte zu Fenster: »Es sind noch fünf Leichen gefunden worden.«

»Leichen oder Skelette?«

»Skelette. Größtenteils Knochenfragmente, nicht besonders gut erhalten. Bei manchen handelt es sich nur um vier oder fünf Fragmente in einem Korb.«

»Wie bitte?«

»Ein paar sind in Körben begraben.«

Fenster verzog seinen roten Mund wie ein Kind, das den Atem anhält, und platzte plötzlich heraus: »Das ist doch lächerlich! Ich vergeude meine Zeit nicht länger damit, Knochenhäufchen in Körben durchzuwühlen. Es sind ohnehin nur alte indianische Grabstätten.«

»Wahrscheinlich, aber Sie wissen ja, dass nach unbestätigten Berichten hier in der Gegend seit fünfzig Jahren Leute verschwinden.«

»Ja, klar, nach unbestätigten Berichten stiefelt auch der Schneemensch hier herum, stiehlt Schafe und erschreckt kleine Kinder.«

Den Blick auf dem Notizblock, lächelte Lau ein wenig. Mit langsamen schweren Strichen kreiste er das letzte Wort ein. »Bigfoot«, sagte er laut. »Da haben Sie den Nagel auf den Kopf getroffen, Sir. In der Nähe der Knochenfunde sind ein paar fünfundvierzig Zentimeter lange Fußabdrücke gefunden worden. Sie sehen aus wie Spuren von Bigfoot, behaupten die Einheimischen.«

Diesmal nahm Fenster die Brille ab, wobei er geziert den Drahtbügel erst von einem Ohr, dann vom anderen abhob. Schweigend verstaute er sie in einem Etui und klappte es mit scharfem, endgültigem Klicken zu. Er erhob sich. »Hier mache ich nicht mehr mit, Mr. Lau. Ich beschäftige mich mit realen Dingen, nicht mit Ammenmärchen. Ich schaue mir Ihre fünf Körbe heute Nachmittag an, und dann wartet in der Zentrale ein Fall auf mich. Ein hallux major.« Er machte eine Pause und schaute Lau an, als erwarte er Einspruch. »Eine Frau hat einem Mann, der sie vergewaltigen wollte, den großen Zeh abgebissen«, sagte er, jedes Wort betonend. »Man hat den Zeh gefunden, und ich will den Mann mit Hilfe dieses Zehs identifizieren. Das ist Realität!«

Mit Mühe schaffte Lau es, seinen Ärger zu verbergen. Fenster nahm sein Jackett vom Stuhlrücken und schlüpfte hinein. »Wenn Sie mehr brauchen als meine bescheidenen Fähigkeiten, möchte ich Sie von ganzem Herzen ermutigen, Gideon Oliver aus dem Märchenland der Universität zu holen.«

Photos: Copyright © by  Yux Xiang (Olympic National Park) und Dyaa Eldin (Native Americans)