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SORRY

Ein Joe Cullen-Roman | #3

New York, NY 10019

Eigentlich ist Elvis Polk gar kein so übler Bursche, und trotzdem legt er die Polizisten Jenny Swale und Luther Todd kaltblütig um. Warum Polk zum Copkiller wurde, soll Joe Cullen so schnell wie möglich herausfinden, denn auch die Medien interessieren sich brennend für diese Frage …

 

Dieser dritte Teil von Osters Serie um Joe Cullen ist eine überarbeitete deutsche Neuausgabe des im Original 1992 erschienenen Romans »Fixin’ to Die«, erstmals auf Deutsch 1994 unter dem Titel Dirty Cops im Rowohlt Verlag. Das Originalmanuskript wurde für die spraybooks-Ausgabe vollständig überarbeitet.

Die Romane um NYPD Detective Joe Cullen

»Warum ich?«, 2015, Original: »Internal Affairs«, 1990
»Und jetzt?«, 2015, Original: »Violent Love«, 1991
»Sorry«, 2016, Original: »Fixin’ to Die«, 1992
»Wenn es Nacht wird«, 2016,  Original »When the Night Comes«, 1993
»Na denn«, 2016, Original: »Kiss Di Foxx Good Night«, 1999

Oster: Sorry

Jerome Oster

— formerly known as Jerry, denn: Jerome is my penname (lately), since I don’t care for Jerry — wird 1943 in New Mexico geboren, kommt als Zehnjähriger nach New York, besucht dort die Highschool und später die Columbia University, wo er englische Literatur als Hauptfach belegt. Danach hat er einen Job bei United Press International News Service, dann bei Reuters und schließlich bei den New York Daily News. Ein Journalist, ein Mann wie mehrere seiner Protagonisten. Jerome Oster war Polizeireporter, war an unzähligen Tatorten und hat über alle möglichen Verbrechen geschrieben.

Das erste Kapitel

Winterwunderland

Jenny Swale hörte sich zweimal hintereinander die Eurythmics–Version von »Winter Wonderland« an, drückte dann gleich noch mal den Rückspulknopf des Autoradios. Sie wusste genau, wie lange es dauerte (sechsmal Mississippi), um an den Anfang des Stückes zurückzukommen. Als Jenny sich zurücklehnte, um das Stück zum dritten Mal zu genießen, schoss Elvis Polk ihr durch den Kopf.

Diese Version von »Winter Wonderland« hatte Elvis in seinem ganzen Leben noch nicht gehört, aber sie gefiel ihm immer besser. Das war also nicht der Grund, warum er Jenny abknallte. Für viele Homeboys war Weihnachten ein Feiertag für »Weißbrote«, so interessant wie zweimal Fingerschnippen, aber Elvis fand’s irgendwie gut; er mochte die Kälte, dass es früh dunkel wurde, und die Bäume und den Schmuck und die Lichter und die ganze Scheiße, es erinnerte ihn an alte Filme, Fernsehsendungen, Zeugs, das er gesehen hatte, damit er nicht dran denken musste, dass es so kalt war und früh dunkel wurde und selbst nie die Bäume und den Schmuck und die Lichter und die ganze Scheiße gehabt hatte, also war auch das nicht der Grund, warum er Jenny abknallte.

Und, echt, Elvis mochte Jenny: Sie hatte ihm die Handschellen neu angelegt, vorne, sobald sie aus dem Knast raus waren, damit er die zwei beschissenen Stunden Fahrt nicht auf den Händen sitzen musste; sie hatte ihm ein Mittagessen spendiert, ein Käse–Schinken–Sandwich auf Roggenbrot und dazu eine Coke; sie hatte ihm den ganzen Nachmittag und auch wieder auf der Rückfahrt die Hände vor dem Bauch gefesselt. Es war einfach an der Zeit, das war auch schon alles, und hier war’s so gut wie an jedem anderen Ort, also blies Elvis ein Loch in Jennys Hinterkopf, dann ballerte er Luther Todd in die Stirn, als Luther beim Knall der handlichen kleinen .22er den Kopf herumriss.

»All’s klar, Luther«, sagte Elvis. »All’s klar, Jenny.«

Elvis verstaute die .22er in seiner Triple Fat Goose und rutschte über den Rücksitz. Trotz der Handschellen bekam er seine Arme über Luthers Kopf und erwischte das Lenkrad gerade noch rechtzeitig, um nicht die Leitplanke entlang zu schrammeln. Luthers großer Fuß, mit dem Reebok Twilight Zone Pump sogar noch größer, stand immer noch auf dem Gas, und das Gewicht seines Körpers ließ den Volare weiter beschleunigen. Hätte man sich ja denken können: als Luther noch lebte, klebte er wie eine Grandma in der Fahrschule an der Geschwindigkeitsbegrenzung; tot trat er das Pedal bis zum beschissenen Anschlag durch.

Elvis rüttelte Luther hin und her, und Luthers Reebok rutschte vom Gas. Der Volare wurde langsamer und langsamer. Elvis lenkte die Karre auf den Seitenstreifen und ließ sie ausrollen. Er hob die Arme über Luthers Kopf zurück und rutschte auf der Rückbank hinter Jenny, die den Schlüssel zu den Handschellen hatte.

Luther sackte nach vorn auf die Hupe und jagte Elvis damit einen Scheißschrecken ein.

Auf der Straße war nicht viel Verkehr, und in den wenigen Autos, die unterwegs waren, saßen Leute, die sich praktisch den Arsch aufrissen, um so schnell wie möglich nach Hause zu kommen, bevor der große Schnee kam — zwanzig bis dreißig Zentimeter laut Wetterbericht, den sie gehört hatten, bevor Jenny fragte, ob einer von ihnen was dagegen hätte, wenn sie WINS abschaltete und die Weihnachtskassette reinschob, aber bei Elvis Polks Geboren–unter–einem–schlechten–Stern–und–wenn’s–nicht–Unglück–wär–dann–hätte–er–überhaupt–kein–Glück–Glück kam noch irgend so ein beschissener Samariter auf die Idee, er würde um Hilfe hupen und anhalten, und dann musste er den auch noch abknallen.

Elvis packte den Kragen von Luthers Ice–T–Jacke und zog ihn von der Hupe zurück. Er fischte den Schlüssel aus der Seitentasche von Jennys Lederjacke und öffnete die Handschellen.

Nachdem er das leichte Kribbeln aus den Handgelenken massiert hatte, als er über den Sitz zum Armaturenbrett gegriffen und den Zündschlüssel gedreht hatte, die Scheinwerfer und den Motor und das Weihnachtsband ausmachte, das ihn langsam echt fertigmachte, als er ruhig und gleichmäßig atmete, da dachte Elvis daran, irgendwo von der Straße abzubiegen und Jenny Swale zu bügeln, tot oder nicht. Jenny war absolut nicht Elvis‘ Typ von She–ra — sie hatte winzig kleine Titten und dürre O–Beine; Elvis stand auf richtige Mammas und einen breiten Arsch —, aber sie war die einzige She–ra weit und breit. Und Elvis hatte schon lange keine She–ra mehr gebügelt, sein Typ oder nicht sein Typ, er hatte’s sich nur selbst gemacht oder von irgendeinem Grünschnabel im Knast Mund oder Arsch gekriegt. Seit er das letzte Mal auf der Straße gewesen war, nachdem er für irgendwas sitzen musste, an das er sich nicht mal mehr erinnern konnte, Sommer war’s gewesen, als die Miniröcke angeblich ihr großes Comeback feierten, die Nutte, die er auf der Forty–deuce aufgegabelt und in einem Motel auf der Twelfth Avenue gebügelt hatte, die hatte einen an, der gerade mal ihren Schlitz bedeckte, und jetzt waren Minis wieder out, hatte er wenigstens gehört, She–ras trugen jetzt die Kleider praktisch bis zum Boden, und bei Elvis‘ Geboren–unter–einem–schlechten–Stern–und–wenn’s–nicht–Unglück–wär–dann–hätte–er–überhaupt–kein–Glück–Glück hatte er die ganze beschissene Sache verpasst.

Das Problem war, Elvis würde Jenny nicht bügeln können, solange Luther dasaß, tot oder nicht. Das würde Luther beleidigen, genauso wie’s Luther beleidigen würde, Luther einfach raus auf den kalten Boden zu kippen, während Elvis Jenny bügelte. Elvis sollte Jenny draußen auf die kalte Erde kippen, und dann würd’s Luther nicht ganz so beleidigen, wenn er sie bügelte, aber, echt, dabei würde er sich todsicher seinen Louisville Slugger abfrieren.

Elvis kannte Luther kaum, aber Luther war für ihn was ganz Besonderes: Er wollte Luther sein. Ein blondes, blauäugiges Weißbrot, das den Namen des berühmtesten Weißbrots aller Zeiten trug (oder damit geschlagen war, so sah er die Sache), so ungefähr, ein Mann, dessen Fans ihn nicht sterben lassen wollten, trotz der fotografischen Beweise (Bilder lügen gottverdammt nicht), wie er da tot lag, um seine beschissene Kommode gewickelt, weil, Elvis Polk war den größten Teil seines Lebens mit Homeboys rumgezogen (und vor weißen Bullen abgehauen), im Knast und auf der Straße. Elvis ging wie ein Homeboy, redete wie ein Homeboy, dachte wie ein Homeboy, fühlte wie ein Homeboy. Das Problem war, im Knast und auf der Straße, Elvis hatte es an vernünftigen Homeboy–Vorbildern gefehlt — mit dem Ergebnis, dass er soviel Zeit im Knast und auf diesen besonders miesen Straßen verbracht hatte, wie er eben dort verbracht hatte.

Elvis kannte Luther kaum, aber Luther war ein Homeboy, den er sich zum Vorbild nehmen konnte; Luther war ein Homeboy, den Elvis bewundern konnte; Luther war ein Homeboy, den Elvis fast sogar lieben konnte.

Auf der Fahrt runter vom Knast war Elvis total drauf abgefahren, wie Luther von seiner Jugend in East New York quatschte: mit einer Posse rumzuziehen (nur dass das damals noch nicht Posse hieß, sagte Luther, es war schlicht und einfach eine Gang), sich mit anderen Gangs um Reviere zu prügeln, Juden und Spaghettis und Iren aufzumischen, 45er–Platten und Comics und Limos und Twinkies und Kools zu klauen, und wie ihm dann eines Tages die Augen aufgingen, als ein geiler Bulle vom Drogendezernat in Luthers Schule einen Vortrag hielt, und wie er Luther tief beeindruckte, als er sagte, eine Nummer auf einer Polizeimarke zu haben wäre erheblich besser, als eine vor sich zu halten, wenn man fürs Verbrecheralbum geknipst wurde, oder eine auf dem Etikett am dicken Zeh im Leichenschauhaus. Wenn Elvis Luther vielleicht etwas früher getroffen hätte, wenn er nicht unter einem schlechten Stern geboren wäre, wenn er nur ein bisschen Glück, außer immer nur Unglück, gehabt hätte, vielleicht wäre Elvis dann ja auch Bulle geworden. Er hoffte, es würde Luther nicht beleidigen, er hoffte, es wär so was wie R–e–s–p–e–k–t, was Luther vielleicht sogar verstehen und schätzen könnte, wenn Elvis die Latschen auszog, die er an den Füßen hatte, und stattdessen Luthers echt geile Reebok Twilight Zone Pumps anzog, damit er sich immer an Luther erinnern würde.

Und außerdem, Elvis hätte kein gutes Gefühl dabei, Jenny Swale zu bügeln, wo sie doch so nett zu ihm gewesen war, wo sie ihm die Handschellen bequemer angelegt hatte, ihm ein Mittagessen spendiert hatte, ihm die ganze Rückfahrt die Hände vor dem Bauch gefesselt hatte, wie sie Luther und ihn gefragt hatte, ob sie was dagegen hätten, wenn sie WINS ausmachte und dafür die Weihnachtskassette reinschob. Elvis hatte echt Probleme, She–ras zu bügeln, die nett zu ihm waren: Er kriegte keinen Ständer, alles blieb ganz weich und schrumpelig. She–ras, die ihn wie Scheiße behandelten, die konnte er bügeln, bis sie wund waren und er auch, er konnte sie bügeln, bis ihm der Louisville Slugger abfiel.

Also stieg Elvis aus, streckte sich, ging um den Volare und stieg auf der Fahrerseite ein. Er schubste Luther solange mit der Hüfte, bis er genug Platz hatte, den Hebel der altmodischen Lenkradschaltung zu bearbeiten. Er drehte den Zündschlüssel um, die Scheinwerfer gingen an, und der Motor startete, und die Eurythmics fingen schon wieder an, über klingelnde Schlittenglöckchen und glitzernden Schnee und all die Scheiße zu nölen. Elvis wollte den beschissenen Song nie wieder hören, und er schaltete gerade rechtzeitig auf die Fünf–Uhr–Nachrichten zu WINS auf Radio um.

Die übliche Scheiße: irgendwo war irgendein Flieger abgeschmiert; woanders hatte’s ein Erdbeben gegeben; irgend so ein großer Kaffeeröster behauptete, es sei eine beschissene Lüge, in ihrem kolumbianischen Kaffee fände man schon mal Rattenkötel; der Bürgermeister sagte, er hätt’s nicht so gemeint, dass der Gouverneur ein Waschlappen ist; der Gouverneur sagte, er hätt’s nicht so gemeint, dass der Bürgermeister ein Arschloch ist.

So ’ne Scheiße musste sich Elvis wirklich nicht anhören. Was er jetzt brauchte, war Frankie Crocker. Wie Frankie gern sagte: Wenn Frankie Crocker nicht in deinem Radio ist, dann ist dein Radio nicht an. Elvis switchte auf 107.5, aber auch da nur Nachrichten. Irgend so eine She–ra quasselte davon, ein ehemaliger Cop wünsche allen Cop–Killern im Empire State ein ausgesprochen unglückliches und ungesundes Neues Jahr.

»State Senator Steven Jay Poole aus Manhattan«, sagte die She–ra–Ansagerin, »ein ehemaliger Undercoveragent des New York Police Department, der seit einer Schießerei mit Drogengangstern im Jahre 1978 von der Taille an abwärts gelähmt ist, äußerte sich optimistisch, was die Chancen einer Wiedereinführung der Todesstrafe in New York State betrifft. Wie allgemein bekannt, wurde seit 1963 keine Hinrichtung mehr vollstreckt. Bei einer Pressekonferenz vor dem Polizeipräsidium sprach Poole eine eindeutige Warnung an jeden aus, der eine Waffe auf einen Polizeibeamten richtet …«

Dann eine sanfte Männerstimme. Nicht so sanft wie Frankie Crocker. Wenn Frankie Crocker etwas sagte wie, also, wenn er sich, direkt bevor er »Moody’s Mood« spielte, Nacht für Nacht für Nacht auf immer die gleiche Art verabschiedete — »Das war super, und wie immer wart ihr dabei, jeder von euch soll hundert werden, und ich hundert weniger einen Tag, damit ich nie erfahre, dass so nette Leute wie ihr nicht mehr unter uns sind« —, da wusste man, dass er wusste, dass es nur Gerede war, wenigstens zum Teil. Dieses bescheuerte Arschloch Poole war einfach nur Eis, mehr nicht, nur Eis: glatt und gleichzeitig schartig und scharf und kalt und tödlich.

»… lebenslange Inhaftierung für ein Tier, das einen Cop umbringt oder einen Sheriff, einen Deputy, einen Gefängniswärter, einen State Trooper, irgendeinen Hüter von Recht und Ordnung, das ist eine merkwürdig luxuriöse Strafe für Mord. Wie erklären wir den Hinterbliebenen nach einem Mord an einem Cop oder einem Sheriff, einem Deputy, einem Gefängniswärter, einem State Trooper, irgendeinem Hüt–«

Elvis musste sich so ’ne Scheiße wirklich nicht anhören. Er schaltete das Radio aus. Erstens: immer wenn irgendwer New York den Empire State nannte, musste Elvis an seine Moms denken, die es so beschissen süß fand, wenn Klein–Elvis dachte, die Leute würden New York den Vampire State nennen, dass sie es dauernd von ihm hören wollte; sie zeigte dann auf das Empire State Building, das sie von ihrer Wohnung im beschissenen Corona sehen konnten, und fragte: »Wie heißt dieses große Haus da vorn, Elvis?« Und er sagte: »Das ist das Vampire State Building, Moms«, sogar noch, als er längst wusste, dass es nicht das Vampire State Building war. An seine Moms zu denken war fast noch schlimmer, als bescheuerten Arschlöchern zuhören zu müssen, die Cop–Killern ein unglückliches und ungesundes Neues Jahr wünschten.

Elvis rechnete nach. Nicht mehr ganz eine Stunde, bevor sie eigentlich wieder im Knast sein sollten, bevor alle durchgezählt wurden und bevor sie merkten, dass einer fehlte. In einer knappen Stunde schaffte er locker fünfzig Meilen; und falls er keinen Smoky reizte, einen Bullen von der Highway Patrol, dann konnte er in einem anderen Staat sein. Also tat sich ja vielleicht doch mal was mit seinem Geboren–unter–einem–schlechten–Stern–und–wenn’s–nicht–Unglück–wär–dann–hätte–er–überhaupt–kein–Glück–Glück. Vielleicht hatte Elvis Polk diesmal Glück.

Er schaltete das Radio gerade rechtzeitig wieder ein, um den Rest der Nachrichten zu verpassen und stattdessen Frankie Crocker eine andere Sache sagen zu hören, die er immer wieder gern sagte: »There ain’t no other like this brother«, und wie er den Sendernamen durchgab — »WBL Kicking S.« Dann legte Frankie Foxy Browns Cover von Tracy Chapmans »Baby Can I Hold You« auf.

Elvis sang mit:

»Sorry, is all that you can’t say.
Years gone by and still words don’t come easily.
Like sorry, like sorry.
Forgive me, is all that you can’t say.
Years gone by and still words don’t come easily.
Like forgive me, forgive me.«

Die ersten Schneeflocken wirbelten in den Lichtkegeln der Scheinwerfer, auf dem Sitz neben ihm zwei tote Hüter von Recht und Ordnung, ihr Blut und ihr Hirn auf dem Armaturenbrett, auf dem Fahrersitz, auf der Windschutzscheibe.