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ende

Saint Mike

Es kann nur eine geben

Nein. Bitte, tu’s nicht.

Perspektivenwechsel

Sie joggte fünf Meilen vor dem Frühstück und spielte Squash nach der Arbeit. Am Wochenende machte sie Rucksacktouren, und im Sommer fuhr sie in den Himalaja zum hochalpinen Bergsteigen. Sie war Gourmet-Köchin, lizenzierte Bar-Frau, schneiderte ihre Sachen selbst – wenn sie wollte, denn selbstverständlich war sie Weltklasse im Shopping; sie hatte einen schwarzen Gürtel (Karate), ein Jura-Diplom (Harvard), promovierte gerade in Hochenergie-Physik in Princeton (was ihre spezielle Antwort auf eine eher allgemein gehaltene Frage erklärte) und in romanischer Philologie (Sorbonne). Und sie war auch de facto keine Jungfrau mehr, dennoch bevorzugte sie einen Vibrator, ein Orgasmotron.

Zwei starke Frauen treffen aufeinander: Susan van Meter, Undercoveragentin des FBI, und Rachel Phillips, eine mit Koks dealende Dame der besseren Gesellschaft. Umkreist und umschwirrt von einer Schar dumm schwafelnder, sabbernder männlicher Witzfiguren, bleibt am Ende nur eine Frau über.

Peter Hetzel, Osters Lektor bei Rowohlt, verglich seine kunstvoll komponierte Gesellschaftspanormen mit einer Bemerkung, die George Grosz einmal über New York machte: »Alles dörrt, siedet, zischt, grölt, lärmt, trompetet, hupt, pfeift, rötet, schwitzt, kotzt und arbeitet.«

Oster ist ein wahrer Meister, seine Plots mit scheinbar sinnlosen Ab- und Ausschweifungen auszuschmücken – Saint Mike ist ein Konglomerat verschiedener Stimmen: Gerede, Gerede, Gerede, würde Detective Jake Neuman seufzen. Ausufernde Assoziationen, die eigentliche Geschichte ist in unzähligen Geschichten eingebettet, denn die eine Wahrheit, die gibt es ohnehin nicht –, die dann aber in ihrer Summe ein atmosphärisch dichtes und plausibles Gemälde dieses »Kolosses unter den Städten« und der dort lebenden Menschen ergeben.

Die erste deutsche Ausgabe des Romans erschien 1990 im Rowohlt Verlag unter dem Titel Saint Mike. Das Originalmanuskript wurde für die spraybooks-Ausgabe neu bearbeitet.

Oster: SAINT MIKE

Jerome Oster, 11-2016

Jerome Oster

— formerly known as Jerry, denn: Jerome is my penname (lately), since I don’t care for Jerry — wird 1943 in New Mexico geboren, kommt als Zehnjähriger nach New York, besucht die Highschool und später die Columbia University, wo er englische Literatur als Hauptfach belegt. Danach hat er einen Job bei United Press International News Service, dann bei Reuters und schließlich bei den New York Daily News. Ein Journalist, ein Mann wie mehrere seiner Protagonisten. Jerome Oster war Polizeireporter, war an unzähligen Tatorte und hat über alle möglichen Verbrechen geschrieben.

Der Anfang

Eins

Donner.

Das Getöse schreckte eine Wachtel auf. Schimpfend stob sie aus der Hecke. Die blassblaue, wolkenlose Morgendämmerung ließ sie erstarren. Es war kein Gewitter. Diesen Krach hatten Menschen verursacht.

Zwei Ritter zu Pferde auf Kollisionskurs – zunächst vierzig Yards auseinander, dann zwanzig, dann zehn.

Der Ritter auf dem braunen Wallach hielt einen himmelblauen Schild mit goldenem Schrägkreuz, der Ritter auf der Rotschimmelstute einen rabenschwarzen Schild mit rotem Adler. Die Banner am Ende ihrer Lanzen standen horizontal ab.

Es war ein ungleicher Kampf, denn der Schwarze war zweifellos Anfänger. Er mühte sich nach Leibeskräften, sein Ross daran zu hindern, aus der Turnierbahn zu brechen, das Schild senkrecht zu halten, die Waffe davor zu bewahren, aus dem Rüsthaken auf der Brustplatte seiner Rüstung zu rutschen. Der Himmelblaue musste nicht mehr tun, um ihn aus dem Sattel zu holen, als mit seiner Lanze leicht gegen den Stoßkragen an der linken Schulter des Schwarzen zu tippen. Schon wirbelte der Schwarze halb im Sattel herum. Seine Füße flogen aus den Steigbügeln. Seine Lanze malte wirre Kringel in die Luft. Sein Schild schlug gegen den Hals der Rotschimmelstute, und sie machte daraufhin einen Satz nach links, rechts, links. Der Ritter verlor die Gewalt über die Zügel. Er stürzte, scheppernd. Der himmelblaue Ritter wendete den Braunen am Ende der Bahn und ritt zu dem schwarzen Ritter zurück, der mittlerweile auf Händen und Knien nach Luft schnappte. Der Himmelblaue warf seine Lanze auf den Turf und stieg aus dem Sattel.

Der schwarze Ritter ging in die Hocke und kämpfte mit dem Visier seines Helmes. Der himmelblaue Ritter zog sein Schwert.

Der schwarze Ritter bekam sein Visier auf. Sein Gesicht war kreideweiß und vor panischer Angst wie versteinert. Seine Lippen bewegten sich tonlos.

Eine Autohupe plärrte.

Der himmelblaue Ritter drehte sich um, öffnete sein Visier, winkte.

Ein weißes Jaguar-Cabrio, das im Licht der aufgehenden Sonne golden schimmerte, rumpelte von der Straße auf die Wiese, eine Blondine am Steuer und Philip Collins in der Audioanlage. Der himmelblaue Ritter schüttelte einen Fehdehandschuh ab, schraubte den Griff seines Schwertes auf und zog eine winzige Plastikflasche hervor. Er entkorkte sie, klopfte etwas Kokain auf die andere, noch gepanzerte Hand und schnupfte es erst in sein linkes, dann in sein rechtes Nasenloch. Er verschloss das Fläschchen wieder und ließ es vor den schwarzen Ritter fallen. »Zieh dir ne Nase davon rein, Alter. Und dann gehen wir ’n Happen frühstücken. Die holde Rachel naht.«

 

Zwei

Es hätte ein großartiges Foto abgegeben – eines, das keiner Bildunterschrift mehr bedurfte. (Es gibt kaum Bilder, die keine Legenden brauchen, ganz im Gegensatz zu der weitverbreiteten Ansicht, dass jedes einzelne mehr als tausend Worte spricht.)

Zur Linken: einer der Obdachlosen der Stadt, ein menschliches Wrack, ein Stadtstreicher, ein Wilder, ein Penner (eine Bildunterschrift sagt viel über ihren Verfasser), der auf der Schwelle seiner Bleibe hockte, eines Kenmore-Kühlschrankkartons, dessen Pappwände mit Lagen Zeitungspapier (den Daunen der Vogelfreien) isoliert waren und sich in den Windschatten eines Klinkerbaus duckten, im Norden, auf der Sonnenseite der Straße. Er trug eine braune Army-Mütze mit heruntergelassenen Ohrenklappen; ein tannengrünes Sweatshirt; zwei Anzugjacken, eine mit grauem Glencheck-Muster, die andere aus braunem Harris-Tweed; zwei Mäntel, einen kamelhaarfarbenen, einen marineblauen; eine Khaki-Arbeitshose über, dem wattierten Anschein seiner Beine nach zu urteilen, mindestens einer weiteren Hose und hohe, schwarze Keds-Sneakers. (Es war Spätfrühling, und der Winter hatte endlich die Waffen gestreckt, doch seinem Zuhause mangelte es an Schränken und seinem Leben an Sicherheit, und so war es ebenso praktisch wie weitblickend , wenn er immer alles gleichzeitig trug, was er besaß: denn todsicher würde es eines Tages wieder kalt werden.) Er hatte einen Drei-Wochen-Bart, wettergegerbte Haut, eine Habichtsnase, eine hohe, schmale Stirn und kluge Augen: ein Gesicht, das, abgesehen von dem Bart und den Witterungsspuren, in jede Vorstandsetage gepasst hätte oder auf einen Buchumschlag.

Zur Rechten: ein Traumpaar. Zwei perfekte Schönheiten, die sich, geschmackvoll umrahmt vom fächerförmigen Fenster eines perfekten In-Lokals, in den Armen lagen. Es war eines jener Restaurants, die freilaufende Hühnchen und sonnengetrocknete Tomaten servieren (wofür ihre Klientel gern – ja geradezu dankbar – jeden Preis zu zahlen bereit war, ohne sich über die Bedeutung dieser Adjektive wirklich klar zu sein). Der Mann trug den doppelreihigen anthrazitfarbenen Nadelstreifenanzug eines Bankiers, ein blaues Hemd mit weißem Kragen und weißen Manschetten, eine kastanienbraune Seidenkrawatte, ein dazu passendes Einstecktuch, schwarze Halbschuhe aus Ziegenleder, eine goldene Uhr. Er war nicht so groß, dass er mit dem Wort groß treffend beschrieben worden wäre, doch seine Schultern hatten eine gewisse Breite und seine Hüften eine gewisse Schmalheit. Alles deutete auf ein überragendes Können in einer ganz bestimmten Sportart hin: Also, das soll nicht heißen, dass er wie ein ehemaliger (denn er war Anfang Vierzig) Basketball- oder Footballspieler aussah. Vielleicht war Tennis oder Baseball sein Sport, womöglich aber auch etwas Obskures. Etwas, das insbesondere andere Sportler ihm angesehen hätten, weil es diese seltene Kombination aus Kraft und Wachsamkeit, aus Koordinations- und Konzentrationsvermögen erforderte: Rudern oder auch Stabhochsprung. Sein dunkelbraunes Haar war glatt aus der hohen Stirn gekämmt und lockte sich leicht am Hemdkragen. Die Haut: hell, aber von gesunder Farbe. Augen: blaugrün. Nase: aristokratisch. Lippen: dünn, aber ausdrucksvoll. Kinn: schmal, mit der Andeutung eines Grübchens.

Die Frau in seinen Armen war blond, doch ihr Blond verhielt sich zu anderem Blond wie Crème fraîche zu Magermilch. Ihr Haar fiel in Wellen und Spiralen über die Schultern, und es strahlte die luxuriöse Textur von etwas ganz besonders Seltenem aus; es war ein Kissen aus goldenem Seidentaft, welches das Juwel ihres Gesichts wunderbar zur Geltung brachte – das Gesicht eines Fotomodells, ohne dessen Leere, einer Herrscherin, ohne deren angeborenen Schwachsinn; ein Gesicht, das den Verkehr zum Erliegen bringen oder eine Invasion auslösen, Lärm im Keim ersticken oder eine Revolution verursachen konnte. Alabaster, Meißen, Elfenbein, Kornblume, Violett, Rubin, Kirsche: Begriffe wie diese versammelten sich im Geiste in der Hoffnung, als Attribut für ihre Haut, ihre Augen und ihre Lippen eingesetzt zu werden; alle erfüllten ihren Zweck, nur leider mehr schlecht als recht, denn es waren bloß Worte, wohingegen sie aus Fleisch und Blut war.

Sie trug einen eierschalfarbenen doppelreihigen Blazer, darunter einen schwarzseidenen Rollkragenpulli (ärmellos, wie der aufmerksame Beobachter registriert hätte, wäre er ebenfalls im Restaurant gewesen, wo sie den Blazer ausgezogen und über die Rückenlehne des Stuhls gehängt hatte, wobei sie muskulöse Arme entblößte, die mit nichts verschönt waren – kein Armband, keine Uhr, keine Ringe) und (jetzt kommt das Allerbeste, jenes Detail nämlich, wodurch das Foto, wäre ein Fotograf greifbar gewesen, zum Klassiker geworden wäre) Bluejeans, nicht ausgeblichene, sondern völlig abgetragene, mit einem Riss am linken Knie und einer abgerissenen Gesäßtasche, die ein eckiges Stück Dunkelblau freigab, und sie trug verbeulte, abgestoßene, schlämm- und (vielleicht) mit Mist verkrustete spitze Cowboystiefel …

Es küsste sich, dieses wahrhaft göttliche Paar, und der Kuss war leidenschaftlich und zart zugleich. Die Frau musste die Hand von seiner Wange nehmen, damit ihr die Krokodilledertasche nicht über den Arm rutschte. Sie lösten sich voneinander. Der Mann trat auf die Straße, dabei einen Arm lässig ausgestreckt wie ein Falkner, der weiß, dass sich sein wohlerzogener Falke gerade im Sturzflug auf den Handschuh befindet – nur dass er damit ein Taxi herbeikommandierte. Das Tableau schmolz dahin; der entscheidende Moment war aus und vorbei.

Nachdem es Gestalt angenommen hatte, hielt das Taxi an. Der Mann öffnete die Tür, winkte der Frau zu und stieg ein, wobei er seine Anzugjacke aufknöpfte und dem Fahrer leise sein Fahrtziel ins linke Ohr flüsterte. Dann schlug er die Tür zu und lehnte sich zurück.

Plötzlich, als sei sie tatsächlich eine Göttin, die augenzwinkernd von hier nach da kommen konnte, stand die Frau am Fenster des Taxis, das, heruntergekurbelt, frische Luft hereinlassen sollte. Sie ging leicht in die Knie, um ihren Kopf besser durchs Fenster schieben zu können, es folgten die Schultern und dann der ganze Oberkörper. Sie küsste den Mann wieder auf die Lippen, dabei eine Hand an seiner Wange. Dann war sie mit einem Mal zurück auf dem Gehsteig und warf ihm noch eine Kusshand zu.

Das Taxi gondelte los, ostwärts. Die Frau machte kehrt, die Hände tief in den Taschen ihres Blazers vergraben. Sie hatte mit einem fast militärischen Schwenk kehrtgemacht, und jetzt schritt sie nach Westen. In ihrem Mannequin-Gang lag ein Spritzer Cowgirl. Der Penner ließ sie nicht aus den Augen, bis sie an der Ecke Broadway abbog und weiter nordwärts ging. Er steckte eine Hand in seine Hose und kratzte sich im Schritt.

* * *

Der Taxifahrer war ein Klassiker, ein tingelnder Universalgelehrter:

Der Bürgermeister, die Mets, Arbitrage-Geschäfte, Meteorologie – bis zur Dreiundvierzigsten hatte er all diese Themen bereits erschöpfend abgehandelt. Bis zur Zweiundvierzigsten war er mit Hip-Hop und russischen Frauen durch; bis zur Siebenundfünfzigsten Bill Cosby, die Prinzessin von Wales und York sowie diverse Fahrradkuriere.

Kinder: »Sind heutzutage größer, die Kids, als damals, als wir noch Kids waren. Meine Kinder haben Füße, also wenn ich manchmal nach Hause komm und ich seh ihre Turnschuhe im Flur rumliegen, die machen mir vielleicht ne Scheißangst.«

Toleranzgrenzen: »Ein Pärchen, äh, Schwule ist in unseren Block eingezogen. Hey, ist mir ja echt egal, was die Leute nachts so treiben. Dass sie mir nur nicht in ihren Ballettröckchen in der Gegend rumtanzen, wo meine Kinder sie sehen können. Oder dass sie mir sie ja nicht einladen, damit die Kleinen sich ihre schönen Landschaftsgemälde, die sie draußen auf Fire Island gemalt haben, angucken und von ihrer Quiche kosten. Meine Frau sagt immer, Marvin, mit ihrer kreativen Ader und allem, da tun sie der Gegend doch nur Gutes, sie pflanzen Blümchen, hängen nette Vorhänge auf. Ich sage, na schön, meinethalben mag ja der eine oder andere von diesen Aussätzigen ein Pfundskerl, ein Teufelskerl sein, aber deswegen will ich ihn noch lange nicht direkt nebenan wohnen haben.«

Verkehr: »Eines Tages wird’s noch so böse kommen, da werden sich die Leute, die morgens aus Brooklyn, Queens, Westchester, Jersey in die Stadt reinfahren, auf dem Nachhauseweg selbst begegnen. Was daran so schlimm ist? Hey, ganz einfach. Ich kenn mich jetzt zwar in der Relativitätstheorie nicht so wirklich aus. Das Schlimme ist, es gibt einfach zu viele Autos.

Die Leute, die in Brooklyn, Queens, Westchester, Jersey leben, die sollten besser zahlen, wenn sie in die Stadt reinfahren wollen. Klar, ich weiß, die zahlen ja auch was. Aber ich rede hier von blechen – zehn Scheine, zwölf, fünfzehn. Sehen Sie den Benz neben uns? Kostet fünfunddreißig Riesen, wenn überhaupt. Und du willst mir erzählen, dass der Kerl keine zehn, zwölf, fünfzehn Scheine übrig hat, um in die Stadt zu fahren – aus Searsdale, wahrscheinlich, oder aus Greenwich, ich kann sein Nummernschild nicht sehen?

Crosstown. Wir stehen hier jetzt seit zehn Minuten, ohne voranzukommen. Und wir fahren uptown. Haben Sie schon mal versucht, um diese Zeit quer durchzukommen? Vergiss es, Mann. Das Kongresszentrum. Das Coliseum ist ja zu klein, also lasst uns ein Kongresszentrum bauen, lasst es uns so weit weg, wie’s nur irgend geht, von U-Bahnen, Hotels, Restaurants hinstellen, lasst uns keine Parkplätze bauen, die Leute können schließlich Taxis und Busse nehmen, wir werden Transporter anschaffen, die sie aus den Hotels rüberschaffen, ab Neunundfünfzigster, Fünfzigster dürfen keine Privatwagen mehr parken, ab da gibt’s auch keine Ladezonen mehr – damit die Taxis, die Busse, die Transporter durch die Stadt flitzen können. Yeah, das kannst du mir aber glauben.«

Es folgen freie Assoziationen: »Jake Javits. Gibt’s eigentlich noch jüdische Senatoren? Mir fällt keiner ein. Moynihan. Ha! D’Amato. Glauben Sie, dass es jemals einen jüdischen Präsidenten geben wird? Ich hätt’s gern gesehen, wenn Ted Kennedy es noch mal versucht hätte. Ich hab was übrig für diese ganze Camelot-Scheiße, schätz ich, selbst für diesen Quatsch mit Jack und Bobby und Marilyn Monroe und allem.

Diese Freundin von Ihnen, vorhin die, na, die sieht vielleicht klasse aus. Sie sind ein echter Glückspilz, Mann, mein Freund, lassen Sie sich niemals was anderes einreden. Die Leute labern Ihnen vielleicht was von Kompatibilität vor oder so, wie man miteinander auskommt und alles. Aber es geht nicht darum, ob man gut zusammenpasst, es kommt drauf an, ob du auch noch nach zwanzig Jahren bei deiner Frau einen hochkriegst. Teufel auch, nach zwei Jahren. In zwei Jahren, also, ab jetzt gerechnet, in zehn, sogar in zwanzig Jahren wird Ihre Freundin noch phantastisch aussehen. Womöglich sieht sie sogar noch phantastischer aus, Frauen wie sie sehen dann noch besser aus. Sagen Sie, hoffentlich stört Sie meine Frage nicht, ist sie Schauspielerin oder was? Ein Modell …?

Schlafen Sie? Ich sollt’s Maul halten. Sie schlafen. Ich wusste nicht, dass Sie schlafen. Ich sitze hier und rede und rede, und Sie machen ein Nickerchen. Ich hatte keine Ahnung, dass …

Hey, Kumpel …?

Kumpel …

Jesus Christ …

Ach, leck mich. Hör auf zu hupen, Alter? Mit meinem Fahrgast hier stimmt was nicht, ich muss erst mal nachgucken, was ihm fehlt, ja, also hör jetzt gottverdammt mit dem beschissenen Gehupe auf … Jesus. Oh, nein. Jesus …

Hey, Alter. Ja, genau, du! Mach mal das Fenster auf. Kurbel deine beschissene Scheibe runter. Hast du’n Telefon? Du musst doch’n Telefon haben. Wenn du’n Benz hast, hast du auch Telefon. Du hast Telefon? Ruf neun-eins-eins, ja? Ich hab’n Toten hier in meinem Cab. Ja, ja, stell dir vor, ein Toten!«

 

Drei

Nicht nur die Toten kennen Brooklyn.

Auf den hölzernen Stufen ihrer sogenannten hinteren Veranda saß Susan van Meter – ohne Schuhe, ohne Socken – und spielte masochistisch mit einem Span. Sie legte eine Verschnaufpause ein, blies in ihren Kaffeebecher (der unbestreitbar ihr gehörte, da er mit einem großen MOM bemalt war) und begutachtete in ihrem löchrigen Frotteemantel den Garten. Den eigenen und die ihrer Nachbarn, wobei sie inmitten der kargen Errungenschaften einer kleinen Gruppe von Lebenskünstlern nach etwas, irgend etwas Vertrautem suchte.

Alles, was sie sah, waren Dinge, die sie schon so oft und schon so lange gesehen hatte, dass es sie einige Mühe kostete, sie überhaupt noch wahrzunehmen: bierkruggroße Swimmingpools, Barbecues, Japangrills, Chaiselongues, Aluminiumklappstühle, Sonnensegel, Picknicktische, Sonnenschirme, Planen, Zelte und Markisen. Was für ein Aufwand, um so zu tun, als nehme man’s leicht und triebe es bevorzugt am Strand oder in der freien Natur! Hacken, Harken, Spaten, Forken, Schaufeln. Pflanzgitter, Saatpflöcke, Bastknäuel, säckeweise Torf und Dünger – Anzeichen eines ackerbaulichen Triebes, der sie periodisch ergriff. Wo doch ein paar miese Tomaten und dürftiger Efeu das einzige waren, was man hier ernten konnte.

Vorausgesetzt, man zählte die Kinder nicht mit: Karren, Lauflernstühle, Kindersportwagen, Gerry-Packs. Rasseln, Schnuller, Mobiles, flauschige und weniger flauschige Stofftiere. Fahrräder, Dreiräder, kleine rote Eisenbahnwagen. Bälle, Bälle und nochmals Bälle, runde und eiförmige, große und kleine, harte und weiche, und komische Dinger, mit denen man sie wegschlagen oder auffangen konnte. Rollerskates und Skateboards, Schwimmflossen und einzelne Turnschuhe ohne Gegenstück; Slinkies, Frisbees, Bumerangs. Panzer, Lastwagen, Flugzeuge, Hubschrauber, Schwerter {Conan-Breitschwerter und Luke-Skywalker-Laserschwerter), Messer, Gewehre, Revolver, alles zerbröselnde Röntgenstrahlenkanonen, Maschinengewehre, Granaten, Panzerfäuste, Pfeil und Bogen; Pogo-Hopper, Trampoline und Springtaue; überdachte Sandkisten und flache Planschbecken, die für Wasser und Luft gleichermaßen undicht waren; Schäufelchen, Eimerchen, Messbecherchen. Dampfgetriebene Schaufelbagger, Bulldozer, Planierraupen; Plastikkrokodile, Haie, Frösche und Enten; Schaufeln, Schaukeln und wieder Schaukeln.

Was sonst noch? In einer Ecke von Webers Grundstück lag ein schwarzer Hügel, aus, wie es schien, hartnäckigem, völlig verdrecktem Schnee. Er strahlte eine gewisse Würde aus, da die sonst vorherrschenden Farben Gelb- und Orangetöne waren, die die letzte Gewissheit dafür liefern, dass etwas vollkommen künstlich ist und garantiert keine natürlichen Substanzen mehr enthält.

Und dann erst die Wäsche. Susan kannte jede Socke, jeden Tanga, jeden Straps. Kauf dir getrost ein paar zarte Dessous, doch häng sie lieber im Badezimmer zum Trocknen auf – es sei denn, du willst Susan van Meter unbedingt zeigen, was dich scharfmacht. Befleckte Laken? Wegschmeißen. Ein neuer Mann im Haus, mit schmutzigen Hemden? Ins Waschcenter schicken.

Irgendwelche Kondome?, fragte sich Susan. Irgendwelche Leichen? Irgendwelche Joints oder Koks? Irgendwelche halbautomatischen Waffen? Erst letzte Woche hatte Paul ihr von einer Razzia erzählt, die die Cops in einer Crackfactory in der Bronx durchgezogen hatten; die Täter warfen die Drogen, das Zubehör und selbst die Kanonen in Beuteln aus dem Fenster; die Cops, somit sämtlicher Beweismittel für den ganz großen Schlag gegen die Drogenmafia beraubt, mussten sie wegen Umweltverschmutzung festnehmen. Es war eine lustige Geschichte, spannend erzählt – eine typische Paul-Anekdote, mit einem Herz für Cops, was nicht viele FBI-Agenten aufbringen konnten, nichtsdestotrotz hatte Susan nicht gelacht. Vielmehr hatte sie ein Gesicht gezogen, das Carrie – damals, als sie noch über ihre Mutter lachen konnte – Wasserspeier-Fratze zu nennen pflegte.

Paul hatte richtig verstanden. »Ich weiß. Ich war lange fort.«

»Ja, wer weiß wo. Wer wusste es eigentlich?«

»Jamaica.«

»Jamaica. Du bist gar nicht braun.«

»Es war Nachtarbeit.«

»Irgendwie klingt das nicht gerade beruhigend.«

»Ich hab’s mir nicht ausgesucht. Schwere Jungs schlafen nie.«

»Jamaica. Weißt du, was ich lustig finde – ist es zwar nicht, eher pathetisch –, also, meine Vorstellung von dem, was du da draußen wohl so treibst, wenn ich tagelang nichts von dir höre – wie du in einer lausigen Karre in einer lausigen Gasse in der South Bronx oder in Bed Stuy hockst, zusammen mit einem Partner, der eine Rasur und Dusche genauso nötig hätte wie du, und ihr trinkt Muckefuck und esst kalte Pizza und wartet auf einen Junkie-Verräter, der eventuell klar genug im Kopf sein könnte, sich zu erinnern, was er euch eigentlich andrehen wollte, vorausgesetzt, er ist dermaßen nüchtern, sich überhaupt daran zu erinnern aufzutauchen, vorausgesetzt, dass die Leute, die er verpfeifen will, ihn nicht zwischenzeitlich gekillt haben …«

Paul grinste. »Also weißt du doch, was ich mache.«

»… und stattdessen bist du auf Jamaica mit diesem Mädchen in dem nassen T-Shirt und diesen Brüsten, die du einfach zum Fressen findest. Calypso-Bands und Daiquiris.«

»Susan, man beneidet mich, dass ich eine Frau habe, die selbst mal im Job war, die kapiert, dass das Jamaica, wo ich war, nicht das Jamaica aus den Urlaubsprospekten ist.«

»Ich bin nicht mehr im Job. Ich bin Tippse. Archivarin.«

»Susan, ich will mich nicht drücken, aber es ist unmöglich, darüber zu reden, wenn du dich selbst schlechtmachst.«

»Research–Spezialist.« Sie übertrieb es mit den Zischlauten. »Ich bin ein Arbeitstier.«

»Barnes sagte, dein Bolivien-Report wäre einer der besten, den er je gelesen hätte.«

Sie äffte Barnes’ altertümlichen Preppy-Singsang nach. »Ausgezeichnet, Susan. Super. 1a. Ausgesprochen spannendes Zeug. Hervorragend. Wirklich hervorragend.«

»Joanna hat ihn rausgeschmissen.«

»Nein!? Jesus. Ist es die Möglichkeit? Ich kann nicht. Ich werd nicht. Ich tu’s nicht. Es ist nicht. Eines Tages wird er noch Direktor, und zwar aus dem ganz einfachen Grund, dass er niemals einen vollständigen Satz von sich gibt. Kein Mensch weiß, was er wirklich denkt – über … Oh.« Paul stand hinter ihr und hatte seine Hände auf ihre Brüste gelegt. »Ich hab dich vermisst.«

Susan umfasste mit ihren Händen seine und ermutigte sie. Seine Berührung, seine Lippen, seine Zunge, die Übereinstimmung seines und ihres Körpers – das beschwichtigte sie. Danach, als Kleidungsstücke und Bettzeug im ganzen Zimmer verstreut lagen, sagte sie: »Nimm das, Jamaica.«

* * *

Durch die Drahtgittertür hörte Susan den Imus verkünden, dass es sechs Uhr zweiunddreißig, achtundzwanzig Minuten vor sieben sei. Sechs Uhr zweiunddreißig, achtundzwanzig vor sieben, und der vierte Tag in Folge, an dem sie mit Imus anstelle ihres Ehemanns aufgewacht war, der wieder irgendeinen Job hatte – auf Jamaica, in der South Bronx, in Bed Stuy, wer weiß schon wo? –, denn die bösen Jungs schlafen ja bekanntlich nie.

Sie ging ins Haus und faltete die Wolldecke zusammen, unter der sie auf der Couch eingeschlafen war, und stopfte sie in den Schrank des Eingangsflurs. Der Fernseher lief noch. Als sie aufwachte, war gerade Jimmy Swaggart zu sehen, doch sie konnte sich nicht daran erinnern, was sie sich angeschaut hatte, um besser einzuschlafen. Oder wusste sie etwa nicht mehr, was sie getan hatte, um wach zu bleiben?

Was machten all diese Ehefrauen, die im Gegensatz zu ihr nicht bei der Firma gewesen waren, wenn ihre Männer nicht heimkamen? Riefen sie in dem Laden an und machten eine Szene? Schnüffelten sie in den Schreibtischen ihrer Gatten, um nachzuprüfen, ob sie eventuell ihre Reisepässe mitgenommen hatten? Steckten sie ihre Nase in Schränke und Kommoden, um festzustellen, ob ihre Lieben für warmes oder für kaltes Wetter gepackt hatten? Und wenn ihre Männer dann nach Hause kamen, traten sie so lange in Koch- und Sex-Streik, bis sie ihnen hoch und heilig versprachen, nie wieder wegzubleiben, ohne zu sagen, wohin und für wie lange? Dabei war alles ganz anders gedacht. Vor fünfzehn Jahren, da waren sie dabei, Batman und Robin zu werden, The Lone Ranger und Tonto, Superman und Wonder Woman, Robin Hood und Maid Marian, van Meter und van Meter, Mr. und Mrs. Narco. Sankt Paul und Sankt Michael …

»Szentmihalyi?« Vor fünfzehn Jahren hatte Paul sie in eine Ecke gezwängt, während einer Pause zwischen Ballistik und Pharmazie oder dergleichen, und verlangte zu wissen, was für ein Name das war.

»Ungarisch. Bedeutet soviel wie Sankt Michael.«

»Der Drachentöter?«

»Das war Georg. Der Erzengel Michael.«

»Susan van Meter ist ein schöner Name.«

»Ja, in der Tat. Deine Schwester?«

»Susan van Meter. Gefällt mir.«

»Ich kann dich leider erst nach der Mittagspause heiraten. Es sei denn, du bist die Sorte Mann, der es nichts ausmacht, wenn seine Frau mit einem anderen Mann zu Mittag isst.«

»Kommt ganz auf den Mann an.«

»John Barnes?«

»Mit dem warst du doch erst neulich schon essen.«

»Wenn du mich heiraten willst, van Meter, spionier mir nicht nach.«

»Ich wusste gar nicht, dass du eine der Frauen bist, die nur mit ihrem Lehrer ausgehen, um einen guten Abschluss zu machen.«

»Ich will nicht nur eine gute Note. Ich will die Beste der Klasse sein.«

»Tut mir leid, das werd ich schon. Aber ich wette, dass du die beste Frau sein wirst.«

»Wette angenommen.«

»Du wettest gegen dich selbst?«

»Falsch. Ich wette, dass ich euch alle schlage.«

»Um einen Kuss?«

»Um eine Cola. Küssen werd ich dich ja sowieso.«

»Nach dem Essen?«

»Am Samstag.«

Sie küsste ihn Samstagnacht und schlief mit ihm Sonntagmorgen, und die Wette verlor sie. Paul van Meter wurde Klassenerster, und Susan Szentmihalyi war die zweitbeste Frau, nach Rita Arroyo, und in der Gesamtwertung lag sie auf Platz fünf. Sie heirateten tatsächlich, und sie nannte sich Susan van Meter, und eine Weile träumten sie davon, ein Team zu sein. Bis Susan schwanger wurde und Paul meinte, dass es dem Kind gegenüber nicht fair wäre, wenn beide in diesem riskanten Job arbeiteten. Also würde nur er das tun, und sie sollte einen Schreibtischjob übernehmen. Im Grunde hatten sie also nie wirklich denselben Job gehabt, sondern nur so am Rande …

* * *

»Hi, hier ist wieder Imus mit seinem Frühstücksradio. Guten Morgen! Wir haben jetzt sechs Uhr sechsundvierzig, noch vierzehn Minuten bis sieben.« Zeit fürs morgendliche Preisboxen.

»Carolyn!« Taufe dein Kind niemals auf einen dreisilbigen Namen; keine Chance, dass du ihn je brüllen kannst, ohne dass dir dabei die Stimme überkippt. »Carrie!« Lautes Schnarchen.

Susan pochte erst leicht gegen die Tür, dann klopfte sie, und bald boxte und hämmerte sie dagegen. »Was?«

»Zeit zum Aufstehen.«

»Noch zehn Minuten.«

»Ich komme!«

»Nein.«

»Dann steh auf.«

»Ich bin auf

»Auf der Stelle.«

»Ich bin aufgestanden.«

»Mach die Tür auf.«

»Komm ja nicht rein.«

»Mach die Tür auf!«

Das typische Geräusch von Drogen, Drogenzubehör und halbautomatischen Waffen, die gerade aus dem Fenster geworfen werden. Susan öffnete die Tür. Aus der Packung, die Carrie gerade unter der Matratze verschwinden lassen wollte, fielen ein paar Zigaretten. »Hey, was soll das?« Tatverdächtige geben sich immer äußerst empört.

»Das war’s dann mit dem Ausgehen. Für den Rest der Woche und auch Samstagabend.«

»Du darfst hier nur reinkommen, wenn ich’s dir erlaube.«

»Du darfst nicht rauchen.«

»Das sind nicht meine, okay. Die gehören Jennifer.« Die hatte blaugefärbtes Haar, trug neun Ohrringe im linken Ohr und im rechten sechs, ferner schwarze Spitzenhandschuhe mit abgeschnittenen Fingern, um die Taille eine Motorradkette, eine zerfranste Jeans-Weste darüber und ein weites Unterkleid darunter sowie zerlöcherte Netzstrümpfe, einen Doc-Martens-Springerstiefel und einen schwarzen All-Star-Turnstiefel. »Das sag ich Jennifers Mutter.« Die rauchte Selbstgedrehte und Marihuana und verzehrte zum Frühstück Gin Tonic. »Oh, echt stark.«

»Und deinem Vater.« Der wer weiß wo war.

»Kommt Dad heute Abend nach Hause?«

»Ich weiß nicht.«

»Ist er okay?«

»Warum sollte er nicht?«

»Ja oder nein?«

»Ich weiß es nicht.«

»Scheint dir egal zu sein.«

Zur Hölle mit ihnen. Da versuchte man, mit gutem Beispiel voranzugehen, und sie meckern an allem herum. »Wenn du erst mal ausgezogen bist, junge Frau, kannst du über deine Mutter herziehen, so lange du willst.«

»Wenn ich ausgezogen bin, werd ich als Erstes meinen Namen ändern. «

»Frühstück«, verkündete Susan und ging den Flur hinab. Carrie folgte ihr. »Es ist unfair, wenn man mit einem Namen leben muss, den einem ein anderer verpasst hat.«

»Das tun Pferde auch. Und Hunde und Katzen. Und Boote und Autos und Städte. Die meisten Sachen. Denk mal drüber nach.«

»Das macht’s auch nicht gerechter.«

»Cornflakes, Cornflakes oder Cornflakes?« Carrie schnappte sich eine Apfelsine aus der Schale, die auf dem Tisch stand, und legte sie wie eine Kristallkugel vor sich. »Ich sehe, ich werde mich Cher nennen.«

Susan lachte. Sie liebte Cher. Sie fand es toll, dass sie bei jedem Auftritt total anders aussah. Es gefiel ihr, wie sie seinerzeit Barbara Walters im Fernsehen erklärt hatte, dass die Leute, die ihren Männerkonsum nicht mochten, sie offenbar für eine Art Staubsauger mit Bauchnabel hielten. »Gekauft. Cher.«

»Du kannst gleich alle geilen Namen kaufen. Cher. Madonna. Vanity. Fiona. Apollonia.«

»Iss was, Carrie.«

Carrie ging zum Kühlschrank, doch nur weil sie das Radio auf Z100 stellen wollte. Sie tanzte nach irgendwas von Heart. Schließlich war Carrie doch kein Fan – oder vielleicht war sie’s nur in ihrem Allerheiligsten und auf der Straße – von Jennifers Lieblingsbands: Circle Jerks und Doggy Style.

* * *

Die Linie F war vollklimatisiert und nicht sonderlich überfüllt, trotzdem musste Susan so sehr schwitzen, dass die Frau, die neben ihr saß, ihr einreden wollte, dass sie bestimmt Fieber hätte und in die Falle gehörte.

Sie hatte kein Fieber; sie zerbrach sich den Kopf. Da sie (fast) selbst mal beim Drogendezernat gearbeitet hatte, wusste sie, dass es in dem Laden keinen Blumentopf mit hysterischen Anrufen zu gewinnen gab. Außerdem konnte sie schlecht in den Koch- und Sex-Streik treten, wenn Paul fort war. Und obwohl sie sich im Klaren war, dass sie beim Schnüffeln in seinem Schreibtisch, in seinem Schrank und in seiner Kommode nicht allzu viel Neues entdecken würde – schließlich konnte er unter jedem erdenklichen, zu seiner Kleidung passenden Vorwand reisen –, hatte sie in seinen Sachen gekramt. Was sie dabei gefunden hatte, war sein Pass und, so schien ihr, so gut wie alle seine Sachen. Was sie ebenfalls entdeckt hatte, in einem braunen Umschlag, ganz hinten in Pauls Sockenfach, wo nur ein idiotischer Anfänger sie versteckt hätte – beziehungsweise niemand, der nicht wollte, dass sie gefunden würden –, das waren einhundert Hundertdollarnoten.

Photos: Copyright © by Alejandro Alvarez (Raum) und Seth Doyle (Young Woman), 2016