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Na denn

Ein Joe Cullen-Roman | #5

Auf den Beinen

Ben Forbes ist seit achteinhalb langen Jahren trocken. Jetzt fühlt er sich stark genug, nach New York zurückzukehren, um alte Freunde zu treffen und offene Enden der Vergangenheit zu verknüpfen. Als er jedoch als Erstes seine frühere Freundin Diane in einem Hotel trifft, geschieht ein tödlicher Unfall mit weitreichenden Folgen. Panisch sucht Forbes daraufhin in einer Bar nach Leuten, die Dianes Leiche unauffällig beseitigen können; dabei begegnet er der alkoholkranken Schriftstellerin Nora. Was nichts einfacher macht …
Die New Yorker Detectives Janet Truelove und Joe Cullen stehen vor zwei eher ungewöhnlichen Mordfällen.

1980 erscheint mit »Port Wine Stain« der erste Krimi von Jerome Oster, damals noch unter dem Namen Jerry Oster. Der Durchbruch gelingt ihm 1985 mit dem Roman »Sweet Justice«, der von der Kritik sehr positiv aufgenommen wird. (Beide Titel, sowie der 1987 erschienene »Saint Mike« sind für 2016 bei spraybooks geplant.) Trotz durchweg guter Besprechungen löst Osters amerikanischer Verlag 1992 seinen Vertrag mit dem Autor. Danach sind weitere Romane dank des großen Engagements seines damaligen deutschen Verlags Rowohlt zumindest auf Deutsch erschienen.

Sein Lektor Peter Hetzel verglich Osters kunstvoll komponierte Gesellschaftspanormen mit einer Bemerkung, die George Grosz einmal über New York machte: »Alles dörrt, siedet, zischt, grölt, lärmt, trompetet, hupt, pfeift, rötet, schwitzt, kotzt und arbeitet.«

Oster ist ein wahrer Meister darin, seine Plots mit scheinbar sinnlosen Ab- und Ausschweifungen auszuschmücken, die dann aber in ihrer Summe ein atmosphärisch dichtes und plausibles Gemälde dieses »Kolosses unter den Städten« und der dort lebenden Menschen ergeben.

Die erste deutsche Ausgabe des Romans erschien 2000 im Rowohlt Verlag unter dem Titel Versuchung in Rot. Das Originalmanuskript wurde für die spraybooks-Ausgabe vollständig überarbeitet.

Jerome Oster: NA DENN

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Die Romane um NYPD Detective Joe Cullen

»Warum ich?«, 2015, Original: »Internal Affairs«, 1990
»Und jetzt?«, 2015, Original: »Violent Love«, 1991
»Sorry«, 2016, Original: »Fixin’ to Die«, 1992
»Wenn es Nacht wird«, 2016,  Original »When the Night Comes«, 1993
»Na denn«, 2016, Original: »Kiss Di Foxx Good Night«, 1999

Jerome Oster

— formerly known as Jerry, denn: Jerome is my penname (lately), since I don’t care for Jerry — wird 1943 in New Mexico geboren, kommt als Zehnjähriger nach New York, besucht die Highschool und später die Columbia University, wo er englische Literatur als Hauptfach belegt. Danach hat er einen Job bei United Press International News Service, dann bei Reuters und schließlich bei den New York Daily News. Ein Journalist, ein Mann wie mehrere seiner Protagonisten. Jerome Oster war Polizeireporter, war an unzähligen Tatorte und hat über alle möglichen Verbrechen geschrieben.

Der Anfang

Diane

»Und woher kommen Sie, Sir, wenn ich fragen darf?« Der Fahrstuhlführer behielt den Blick auf die Anzeigetafel über der Tür gerichtet.

»Aus North Carolina«, entgegnete Bennett Forbes. »Chapel Hill.«

»Dann sind Sie so ein Wetter ja gewohnt.«

»Heute Morgen um fünf waren’s siebenundzwanzig Grad.«

»Siebenundzwanzig Grad morgens um fünf?«

»Ja.«

In der fünften Etage wurde der Fahrstuhl langsamer und hielt auf der sechsten. Der Fahrstuhlführer betätigte den Hebel, um die Tür zu öffnen. »Sechs-zwölf finden Sie am Ende des Ganges auf der rechten Seite, Sir. Ich wünsche einen angenehmen Aufenthalt.«

»Ich danke Ihnen. Schönen Tag noch.«

»Ich danke Ihnen, Sir.«

Der Zimmerschlüssel war eine Karte mit Magnetstreifen und das Zimmer so klein, dass er sich seitlich am Bett vorbeischieben musste, um hineinzukommen. Das Fenster bot einen Blick in einen Lichtschacht ohne auch nur die geringste Spur von Himmel.

Der Hoteldiener hatte sein Gepäck auf ein Klappgestell neben der Kommode abgelegt. Forbes öffnete den Koffer und räumte seine Kleidung in die Kommode, Socken und Unterwäsche in die eine Schublade, Hemden in eine andere, eine Jeans und ein T-Shirt in eine dritte. Er nahm seine schwarzen Nikes aus einer Plastiktüte von Gap und stellte sie auf den Boden des Schrankes. Seinen Kulturbeutel brachte er ins Bad, faltete die Plastiktüte ordentlich zusammen und legte sie in den Koffer, zog den Reißverschluss des Koffers zu und verstaute ihn im Kleiderschrank. Das Koffergestell klappte er zusammen und räumte es in den Schrank.

Er hörte das Bing des Fahrstuhls und die Stimme des Fahrstuhlführers, der jemandem den Weg erklärte. Er warf einen Blick in den Spiegel an der Schranktür, nahm einen Kamm und brachte sein Haar in Ordnung. Danach zog er den Knoten der Krawatte stramm und rückte sie gerade.

Sie klopfte an seine Tür.

Er machte auf.

»Du hast dich nicht verändert«, sagte sie.

»Zum Glück doch.«

Sie küssten die Luft neben ihren Ohren, erlaubten eine leichte Berührung ihrer Wangen und machten leise Geräusche mit den Lippen.

»Komm rein«, sagte Forbes.

Sie stand am Fußende des Bettes und drehte sich einmal langsam im Kreis, hielt den Kopf dabei auf eine Seite geneigt, registrierte alles, als befände sie sich in einem Zimmer in Versailles oder dem Taj Mahal. »Das Algonquin«, sagte sie und sah ihn an.

»Ja.«

»Glaubst du, dass in diesem Zimmer schon mal eine Berühmtheit übernachtet hat?«

»Du siehst super aus, Diane. Schön, dich zu sehen.«

Sie drückte ihr Kinn auf die Brust und blickte zu Boden. Dann schaute sie ihn wieder an. »Schön, dich zu sehen.«

Er sah auf seine Armbanduhr. »Ich habe für halb acht einen Tisch im Un Deux Trois bestellt. Nimm doch einen Moment Platz. Wir haben noch ein wenig Zeit, bevor wir los müssen.«

Sie ließ ihre Umhängetasche, schmal und aus Leder, von der Schulter gleiten und einen Augenblick an dem langen, dünnen Riemen baumeln, während sie überlegte, wohin sie sie legen sollte. Sie hängte sie an den Knauf der Badezimmertür. Sie setzte sich auf den Stuhl, er auf die Bettkante.

Kurzes Schweigen zwischen Smalltalk und Ernsthafterem.

»Ich freue mich, dass du gekommen bist, Diane. Ich habe dich schlecht behandelt.«

Sie lächelte. »Du hast mich nicht schlecht behandelt. Du hast mich wie ein Stück Scheiße behandelt.«

Er zuckte zusammen. »Tut mir leid. Ich habe damals viel getrunken. Jetzt nicht mehr. Schon seit acht Jahren nicht. Seit acht Jahren, sechs Monaten und elf Tagen.«

Sie legte den Kopf schief. »Wirklich? Glückwunsch. Du warst widerwärtig, wenn du getrunken hast.«

»Ich habe pausenlos getrunken.«

»Du warst immer widerwärtig … am Ende, wenigstens.«

»Ich habe dein Tagebuch gelesen … dein Journal, wie du’s genannt hast.«

»Du hast es gelesen?«

»Du hast es in deiner Nachttischschublade aufbewahrt, und ich habe nicht eine einzige Nacht in deiner Wohnung verbracht, ohne darin zu lesen. Wenn du unter der Dusche warst. Oder telefoniert hast. Ich war eifersüchtig – eifersüchtig auf die Männer, die du kanntest, eifersüchtig auf die Freunde, die du hattest, schlichtweg auf alles eifersüchtig. Ich habe nach Dingen gesucht, derentwegen ich eifersüchtig sein konnte, und ich habe sie auch gefunden. Es tut mir leid.«

Sie starrte ins Nichts. »Du hast mein Journal gelesen«, sagte sie tonlos.

»Tut mir leid. Es tut mir auch leid, dass ich dich geschlagen habe. Dich geohrfeigt habe. Soweit ich mich erinnere, zweimal. Ich hoffe, es war nicht öfter. Es gibt dafür keine Entschuldigung. Ich wollte, dass du jemand warst, der du nicht sein konntest. Wenn du warst, wie du warst, bin ich wütend geworden. Es tut mir leid.«

Sie berührte ihre Wange leicht mit der Spitze ihres Mittelfingers. »Ich erinnere mich an zwei Mal.«

»Ich bedauere die Lügen, die ich dir aufgetischt habe. Ich habe dauernd gelogen. Das konnte ich gut. Ich habe nicht nur gelogen, um mich ab und zu aus der Affäre zu ziehen, ich habe reflexiv gelogen, fundamental. Nur ein Beispiel: Ich habe keinen Bruder.«

Sie lachte, aber nicht aus Belustigung, sondern aus schierer Fassungslosigkeit. »Du hast keinen?«

»Ich hab keinen.«

Sie rutschte auf dem Stuhl nervös hin und her. »Dann hatte er auch keine Kinderlähmung, und du hast ihn nicht überallhin getragen. Durch die Korridore der Schule, in den Park, ins Museum.« Sie lachte wieder. »Gott, was für ein Trottel.« Sie meinte sich.

»Tut mir leid, Diane. Ich kann dir die Lügen nicht erklären. Sie waren Teil meiner früheren Persönlichkeit. Es tut mir leid.«

Sie schlug die Beine übereinander und legte einen Ellbogen auf ihr Knie. Sie senkte den Kopf und stützte die Stirn auf dem Handballen ab. »Ich bin auf einmal schrecklich müde.«

»Gib Di Foxx nen Gutenachtkuss?«

Ohne den Kopf zu heben, schaute sie zu ihm auf. »Was?«

»Das hast du früher immer gesagt. Dafür hab ich dich geliebt. Wenn du müde warst, aber noch nicht richtig bettreif. Auf dem Nachhauseweg in der U-Bahn oder in einem Taxi. Du hast dann deinen Kopf an meine Schulter gelehnt und gesagt: Du darfst Di Foxx nen Gutenachtkuss geben

Sie setzte sich gerade hin und presste die Knie zusammen, als wäre sie bei einem Vorstellungsgespräch. »Bist du wirklich den ganzen weiten Weg gekommen, nur um dich bei mir zu entschuldigen?«

»Ich möchte auch noch verschiedene andere Leute treffen, aber, ja, im Grunde bin ich genau deshalb hier.«

»Andere Verflossene?«

Er schüttelte den Kopf. »Jim Levin. Erinnerst du dich noch an Jim?«

Sie nickte. »Ich sehe ihn ab und zu. Er wohnt in meinem Viertel. Er hat inzwischen eine Tochter. Sie ist drei oder vier.«

»Vier, soweit ich weiß.«

»Ich glaube nicht, dass er sich noch an mich erinnert. Er geht einfach vorbei.«

»Er erinnert sich an dich. Ich habe ihm gesagt, dass wir uns treffen. Er hat sich darüber gefreut. Er findet auch, dass ich dich schlecht behandelt habe.«

»Dann sind wir ja schon drei.«

»Du bist sauer.«

»Wen noch?«

»Mit wem ich mich noch treffe?«

Sie zuckte gereizt mit einem Bein. »Ja.«

»Keinen, den du kennst. Ein alter Arbeitskollege vom Magazin, ein Typ, mit dem ich auf dem College war. Vielleicht treffe ich mich auch mit Bruce Norman, meinem ehemaligen Therapeuten. Auch er hat sich gefreut, als er hörte, dass wir uns sehen.«

»Alle freuen sich. Tja, du kannst ihnen sagen, die Sache ist erledigt. Du kannst mich abhaken.«

»Du bist sauer.«

»Was spielt das schon für eine Rolle?«

»Keine. Es ist dein gutes Recht. Aber … Aber … Das ist alles …«

Sie schwieg. Und dann: »Ich bin enttäuscht. Ich dachte … Ach, Scheiße, ist auch egal, was ich dachte. Ich habe mich eben verdacht.«

»Es läuft nicht so gut bei dir? Mit deinem Mann?«

Sie schüttelte den Kopf und umklammerte mit beiden Händen die Sitzfläche des Stuhls, drückte die Arme durch, als wollte sie eine gymnastische Übung machen.

»Tut mir leid.«

Sie ließ die Sitzfläche los, schlug die Beine wieder übereinander und legte einen Arm über die Rückenlehne des Stuhls. Sie hatte Tränen in den Augen und lächelte affektiert. »Und du? Glücklich verheiratet?«

»Ich habe gelernt, dass man dafür arbeiten muss. Ich habe zu arbeiten gelernt.«

»Leck mich doch, Ben. Scheißkerl. Du kannst nicht einfach so wieder in meinem Leben aufkreuzen und damit prahlen, dass du jetzt trocken bist und glücklich verheiratet und deinen Scheiß auf die Reihe gekriegt hast, und davon ausgehen, ich würde dir das nicht krummnehmen.«

Er seufzte. »Ich prahle nicht. Ich bin hier, um mich zu entschuldigen – das ist alles. Es tut mir leid, dass es nicht klappt.«

Sie beugte sich vor, die Ellbogen auf den Knien, die Handballen auf die Augen gepresst. »Ich habe schreckliche Kopfschmerzen.«

Er berührte ihre Schulter. »Willst du ein Aspirin?«

Sie stand so unvermittelt auf, dass sich ihre Köpfe streiften. Sie ging ins Bad und schloss die Tür. Wasser lief im Waschbecken, dann in der Wanne. Der Wasserstrom gluckerte, als sie auch noch die Dusche anstellte.

Ben Forbes stand am Fenster und blätterte in einem New Yorker. Er setzte sich auf die Bettkante. Er setzte sich auf den Stuhl. Er trat vors Fenster und schaute hinaus. Er nahm die Illustrierte in die Hand und warf sie wieder hin. Er griff erneut danach und blätterte. Er sah sich Cartoons an, die er bereits kannte. Er begann, eine Theaterkritik zu lesen, die er bereits angefangen, aber nicht zu Ende gelesen hatte. Er las sie auch jetzt nicht zu Ende. Er warf die Illustrierte hin. Er klopfte an die Badezimmertür.

»Diane? … Diane? … Diane!«

Er öffnete die Tür einen Spaltbreit. »Diane?«

Er drückte gegen die Tür, doch sie war blockiert. Er lehnte sich dagegen. »Diane!«

Er drückte sie weit genug auf, um sich hineinzwängen zu können. Diane Foxx lag der Länge und mit dem Gesicht nach unten auf den Bodenfliesen. Ihre Kleidung war um sie herum verstreut, überall um ihren Kopf Blut, das aus der aufgeschlagenen Stirn quoll.

 

Ein Fleck

Joe Cullen machte Überstunden im Revier Midtown West, erledigte liegen gebliebenen Papierkram und beteiligte sich anschließend an einer Diskussion zwischen Truelove und Bernstein über die Verdienste von Ella Fitzgerald. Bernstein behauptete, sie sei eine Diva gewesen, Truelove konterte, keine Diva würde A Tisket, A Tasket singen. Bernstein fragte Cullen nach seiner Meinung und Cullen antwortete, er höre in letzter Zeit viel Mary Lou Williams.

Als Cullen zu seinem Subaru ging, holte Truelove ihn ein. »Hast du das gerade über Mary Lou gesagt, weil du mich anbaggern willst?«

Das wollte er allerdings – jeder wollte das; Truelove war überaus attraktiv – aber er wusste – jeder wusste – dass Truelove lesbisch war. »Du bist meine Lieblingssängerin, Jan.« Sonntags und montags sang Truelove Blues und Jazz im Rocky’s an der Second Avenue, und vier- oder fünfmal im Jahr ging Cullen zu ihrer Sonntagsmatinee.

Truelove berührte seinen Unterarm. »Du weißt, wie sehr ich mich darüber freuen würde, wenn du in den Club kommst, Joe.«

»Wie geht’s Mabel?«, fragte Cullen. Trueloves Partnerin, Mabel Segura, hatte Gebärmutterkrebs und machte gerade eine Chemotherapie.

»Sie besiegt ihn«, sagte Truelove, »aber er landet auch ein paar Treffer. Ich weiß, ich dürfte eigentlich gar nicht wissen, dass ihr zwei im gleichen Programm seid, aber du sollst wissen, dass sie trocken bleiben will.«

»Ich habe ein schlechtes Gewissen, dass ich sie immer noch nicht besucht habe«, sagte Cullen. »Ich steck bis über beide Ohren in Arbeit.«

»Besuch sie nicht«, sagte Truelove. »Aber ruf sie an.«

Cullen beschloss, für den Anfang erst einmal zum 10-Uhr-Meeting ins McBurnery YMCA zu gehen, ein Treffen, von dem er wusste, dass Mabel es häufig besuchte. Er rechnete nicht damit, sie dort zu treffen, aber er würde ihre Gegenwart spüren.

In dem Meeting ging es jeweils um einen der zwölf Schritte der Anonymen Alkoholiker, und nach der gemeinsamen Lesung teilte man sich in zwei Gruppen, von denen sich an diesem Abend die eine mit dem dritten und die andere mit dem neunten Schritt beschäftigte. Cullen gesellte sich zu den Neunern, natürlich nicht nur, um Michelle mit dem Gesicht einer Renaissancemadonna gegenübersitzen zu können. Der Stuhl rechts neben Cullen war leer, zu seiner Linken saß ein Mann, der sich als Ben vorgestellt hatte und behauptete, von außerhalb zu kommen. Ben schaute immer wieder auf die Uhr.

An der Diskussion beteiligte sich einer nach dem anderen, und als die Reihe an Cullen kam, sagte er: »Ich heiße Joe. Ich bin Alkoholiker.«

»Hi, Joe.«

»Es tut gut, hier zu sein. Ich komme nicht oft zu diesem Meeting. Ich bin heute hier, weil ich zum einen schon seit mehreren Tagen bei keinem Meeting mehr war und zum anderen wegen einer Freundin von mir, die, das glaube ich wenigstens, mehr oder weniger regelmäßig hierher zu euch kommt. Mabel.« Er betonte es wie Mabel selbst, eine Costa-Ricanerin, es aussprach: Mah-BELL.

»Mabel ist krank, ich vermute, das wisst ihr. Ich hab mich eine ganze Weile nicht bei ihr gemeldet und nicht auf dem Laufenden gehalten, wie’s ihr geht und so weiter. Das ist nichts Neues bei mir. Ich hab’s schon immer gehasst, wenn meine Exfrau und meine Kinder krank wurden. Normalerweise bedeutete das nämlich, dass ich weniger trinken musste. Mir war nicht klar, dass ich hier in ein Neuner-Meeting gerate, aber es ist gut so, denn ich habe was gutzumachen bei Mabel, und ich hoffe, dass mein Kommen ein Anfang ist. Danke.«

Ben sah auf seine Uhr. Er richtete sich auf. Er beugte sich vor und legte die Ellbogen auf die Oberschenkel. »Ich heiße Ben. Ich bin Alkoholiker.«

»Hi, Ben.«

»Ich, äh … Wie ich schon sagte, ich bin nur zu Besuch in der Stadt. Ich habe jahrelang in New York gelebt. Sechsunddreißig Jahre, ums genau zu nehmen. Ich …« Er räusperte sich. Er beugte sich vor. Er setzte sich gerade hin. »Dieser Raum. Ich weiß nicht, wann das geändert wurde, aber früher war das hier mal die Caféteria des Y.«

Ein paar der Älteren nickten.

»Die Fliesen sind unvergesslich.«

Alle lachten. Die maurischen Fliesenimitate waren irgendwie schrill.

»In den Siebzigern, den frühen Achtzigern, neunzehnsiebzig bis fünf- oder sechsundsiebzig, habe ich werktags praktisch jeden Morgen in diesem Raum verbracht und war meistens damit beschäftigt, meinen Kater loszuwerden. Um sieben, wenn sie hier aufmachten, bin ich rauf in die Trainingshalle. Ich habe dann Squash gespielt oder bin gejoggt, ich habe Gewichte gestemmt, ein Dampfbad genommen oder bin in die Sauna gegangen. Gegen acht bin ich dann hier runter, hab Rühreier mit Schinken verputzt, ein paar Zigaretten geraucht, Zeitung gelesen, drei oder vier Tassen Kaffee getrunken, und gegen neun war ich dann so weit, zur Arbeit gehen zu können, fühlte mich nicht mehr ganz so beschissen wie zuvor.«

Bis zu dem Augenblick, als er die Fliesen erwähnte, hatte Ben auf den Boden in der Mitte des aus Stühlen gebildeten Kreises gestarrt. Jetzt schaute er auf, betrachtete nacheinander einzelne Teilnehmer und sprach sie direkt an. Die schöne Michelle war eine davon, wie Cullen bemerkte. Sie wich Bens Blick nicht aus. Sie mochte Ben, das spürte Cullen. »Körperliches Training war ein wesentlicher Bestandteil meiner Selbstverleugnung. Ich konnte unmöglich ein Säufer sein, ich war ja viel zu fit. Ich konnte eine Meile in sieben Minuten laufen, ich konnte eine Stunde Squash spielen, ohne zusammenzubrechen. Ja, ich trank und rauchte, aber das bedeutete doch nur, dass ich das Leben in vollen Zügen auskostete.«

Ben beugte sich wieder nach vorn und setzte seine Zwiesprache mit dem Fußboden fort. »Ich bin nach New York gekommen, weil ich etwas wiedergutzumachen habe. Ich wusste nicht, dass dieses Treffen ein Schritt-Meeting ist. Ich wusste nicht, dass wir über den neunten Schritt sprechen würden. Wenn es sich irgendwie einrichten lässt, schlage ich normalerweise einen großen Bogen um Meetings, die sich mit dem neunten Schritt befassen.«

Verständnisvolles Lachen von anderen Schlawinern.

»Bei meinem ersten Meeting habe ich an der Wand die Schritte gelesen, und als ich dann beim achten und neunten Schritt anlangte, da hab ich gedacht: Genau das werde ich tun. Ich werde ein paar Besuche machen. Das habe ich dann auch ein paar Veteranen gegenüber erwähnt, und die haben zu mir gesagt: Warum wartest du damit nicht noch ein bisschen?«

Lachen von anderen, die am Anfang ebenfalls zu enthusiastisch gewesen waren.

»Ich habe fünf Jahre gewartet. Wenn man’s genau nimmt, habe ich pro Jahr einen Schritt gemacht. Nicht bewusst, aber genau so hat’s sich nun mal ergeben. Es kam mir irgendwie richtig vor. Ich habe ein paar Briefe geschrieben – unter anderem an einen alten Arbeitskollegen von mir, eigentlich mehr ein Partner. Ich hab ihn damals hängen lassen. Es geht ihm heute gut, er hat sich gefreut, von mir zu hören, er war nicht nachtragend. Es war nett. Ich schrieb einem Therapeuten, bei dem ich damals war, und hab ihm gesagt, ich hätte ihn angelogen – ich hatte ihm nämlich erzählt, ich hätte mit Saufen aufgehört – und dass genau das offensichtlich der entscheidende Grund gewesen sei, warum wir in unserer Zusammenarbeit nicht weiterkamen. Auch er reagierte ausgesprochen verständnisvoll…

Ich bin in die Stadt gekommen, um mich mit einer alten Freundin zu treffen. Als ich sie zum letzten Mal gesehen hatte, bin ich einfach aus der Wohnung gegangen. Ihrer Wohnung. Vor siebzehn Jahren. Nach diesem Tag sprach ich nur noch ein einziges Mal mit ihr, um zu regeln, wie ich einen Teil meiner Sachen aus ihrer Wohnung bekam. Wir haben zwar nicht richtig zusammengelebt, aber …«

Lachen von anderen, die ebenfalls Sachen in den Wohnungen von Leuten hatten oder gehabt hatten, mit denen sie nicht zusammenlebten, aber …

»Es lief nicht besonders gut – die Wiedergutmachungen. Wie heißt es noch gleich in den zwölf Schritten und zwölf Traditionen – unseren Seelenfrieden können wir nicht auf Kosten anderer erkaufen, richtig? Ich wollte ihr nur sagen, dass der Mensch, der all die Dinge getan hat, die ich getan habe, nicht … gesund war. Ich hatte eine Krankheit. Ich habe eine Krankheit …

Es heißt auch, dass wir ein gutes Urteilsvermögen, ein gutes Timing, viel Mut und Umsicht brauchen. Mein Timing war schlecht. Ich wusste es nicht – konnte es nicht wissen, aber sie hat Eheprobleme. Als wir miteinander telefoniert haben und ich mich bei ihr entschuldigte – da muss sie wohl gedacht haben, es würde bedeuten, ich wäre frei, wollte versuchen, wieder mit ihr zusammen zu sein. Ich bin verheiratet, ich liebe meine Frau. Meine Frau wusste, dass ich herkam, und auch, warum. Sie hat mich unterstützt. Ich –«

Abrupt setzte Ben sich auf. »Ich rede zusammenhangloses Zeug. Danke, dass ihr mir zugehört habt. Es ist schön, bei euch zu sein.«

»Danke, dass du uns Anteil nehmen lässt«, sagten andere, die zu ihrer Zeit auch zusammenhangloses Zeug geschwafelt hatten.

Marianne, die links neben Ben saß, fing mit ihrem stressreichen Bankerjob und ihren ständigen Reisen um die Welt an, und – genau wie immer – hörte kein Mensch ihrem aufgeblasenen Gefasel zu, als sie die Namen von Orten fallen ließ, an denen sie schon gewesen war (Rio, Nairobi, Hongkong) oder wo sie schon gewohnt hatte (Knightsbridge, Neuilly, Park Avenue).

Cullen legte eine Hand auf Bens Schulter und drückte sie mitfühlend. Ben schaute in Cullens Richtung, sah ihn jedoch nicht an. Er hatte Tränen in den Augen.

Nach dem Meeting schüttelte Cullen Ben die Hand und umarmte ihn. Ben war angespannt und verkrampft, und Cullen war sich nicht sicher, ob dies daran lag, dass er Fremden gegenüber immer zurückhaltend war oder weil er Cullens Schulterhalfter an seiner Brust spürte.

»Wenn Sie nichts Vorhaben, ich weiß nicht, vielleicht haben Sie Lust auf einen Kaffee.«

Ben warf einen Blick auf seine Armbanduhr und schlang die Finger um sein Handgelenk. »Ich kann … kann leider wirklich nicht. Aber … danke.«

»Danke, dass Sie uns Anteil nehmen ließen«, sagte Cullen.

»Danke.«

»Kommen Sie wieder. Sind Sie länger in der Stadt?«

Er sah wieder auf die Uhr. »Ich, äh, nur ein paar Tage.«

»Haben Sie einen Plan der Meetings?«

»Ich, äh, ich hab einfach die Nummer angerufen.«

»Ich gebe Ihnen gern meinen. Ich hab ihn im Wagen. Ich kenne die Meetings praktisch auswendig, zu denen ich gehen kann.«

Ben wich langsam zurück, wie ein Betrogener vor dem Betrüger. »Danke, ich, äh, ich komm schon zurecht.« Er wich weiter zurück. »Danke. War schön, Sie kennenzulernen. Wir sehen uns … vielleicht.«

Er wich weiter zurück und stolperte dann in Michelle. Michelle versuchte, sich bei ihm zu bedanken, dass er sie hatte Anteil nehmen lassen, aber Ben ging einfach weiter, verschwand durch die Tür und sah dabei immer wieder auf seine Armbanduhr.

Michelle sah Cullen an, lächelte dann und zuckte die Achseln.

Cullen erwiderte das Lächeln und zuckte ebenfalls die Achseln. Er dachte kurz daran, ihr zu sagen, dass es besser sei, Ben nicht näher kennenzulernen. Denn da war nicht nur die Ehefrau, die er so sehr liebte, da war auch noch ein riesiger Blutfleck auf dem Saum seiner linken Manschette.