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LETZTE ZUFLUCHT

Ein Sam Acquillo-Roman

Im Zentrum der Serie, die mit »Letzte Zuflucht« beginnt, steht Sam Acquillo, Ende fünfzig, ehemals erfolgreicher Ingenieur, ehemaliger Boxer und Ehemann, der jede finanzielle Sicherheit (freiwillig) hinter sich gelassen hat. Er hat sich mit seinem Hund Eddie in das von seinem Vater geerbte einsame Haus am Strand der Little Peconic Bay zurückgezogen, trinkt zu viel,  und ist fest entschlossen, keine Zukunft zu planen, das Ende nicht hinauszuzögern – aber auch nicht davor wegzulaufen.

Skurrile Gestalten und wunderbare Dialoge, die z.B. die Publishers Weekly an Elmore Leonard denken lassen, sorgen dafür, dass man von Sam und seinen – gelegentlich melancholischen – Erlebnissen in dieser wilden Landschaft gar nicht genug bekommt (findet jedenfalls die Übersetzerin).

Weiter unten gibt es eine umfangreiche Leseprobe des Romans, der am 11. August 2017 als deutsche Erstausgabe erschienen ist.

Chris Knopf

Chris Knopf führt ein Doppel (oder Triple)-Leben. Er ist Mitinhaber einer Werbeagentur, Mitinhaber von PERMANENT PRESS und sehr erfolgreicher Autor mehrerer  Krimiserien, die hauptsächlich in den Hamptons spielen, einer Gegend, die eben nicht nur eine Enklave der Reichen, Gierigen und Schönen aus New York ist, sondern (off season) unendlich viel spannender, vielschichtiger und melancholischer. Umgeben von atemberaubender Küste und wildem Meer, leben dort Menschen, die den Kampf mit Armut, Wasser und Sturm gewöhnt sind. Der „Einbruch“ der New Yorker Schickeria hat viel verändert, aber die Struktur ist dennoch erhalten geblieben und sowie im September die Sommergäste verschwinden, funktionieren wieder die alten Regeln der „Eingeborenen“.

Die Romane von Chris Knopf haben außerordentlich viel Lob erhalten. Kritiker vergleichen Sam Acquillo, den Ich-Erzähler der fünf in den Hamptons spielenden Kriminalromane, mit Dashiell Hammets Sam Spade, Raymond Chandlers Philip Marlowe und Robert Parkers Spenser, während Knopf selbst wiederholt mit Elmore Leonard verglichen wird.

Die ersten drei Romane der Acquillo-Serie, beginnend mit The Last Refuge (dt. »Letzte Zuflucht«; gefolgt von Two Time und Head Wounds), sind in die renommierte Book Sense Picks List der American Booksellers Association aufgenommen worden. Seine Romane erreichten mehrfach die Endauswahl des Connecticut Book Award. 2006 war »Letzte Zuflucht« eine von dreizehn Krimis auf der Liste Recommended Summer Reading der The New York Times Book Review, galt in Entertainment Weekly als einer der »Heißen Tipps« des Sommers und Publishers Weekly nahm den Roman in die Liste der »100 besten Bücher 2006« auf.

Chris Knopfs Kriminalromane wurden außerhalb der USA bereis in Großbritannien, Kanada, Japan, Spanien, der Türkei, Italien und China veröffentlicht.

»Die Figuren sind dermaßen originelle und ausgesprochen erfrischende Exzentriker, dass man am liebsten die Schuhe ausziehen und eine Weile mit diesen schrägen Vögeln auf der Veranda verbringen möchte, nur, um die tolle Aussicht und die Gespräche zu genießen.« — The New York Times

Der Anfang

Little Peconic Bay

Mein Vater hatte das Haus in Oak Point an der Little Peconic Bay in Southampton, Long Island, Mitte der 1940er Jahre gebaut, als niemand dort irgendwas baute. Man war noch im Krieg, jedenfalls die meisten der jungen Männer, und die Älteren waren entweder zu arm oder hatten zu viel Angst vor der Zukunft – oder sie waren zu verstört wegen der Wirtschaftskrise –, um etwas zu riskieren. Aber mein Vater hatte eine Vision, lange bevor Leute mit diesem Wort um sich warfen, und er kaufte die 3.000 qm Land am Rand der Bucht. Heutzutage nennt sich das Strandlage. Damals galt so ein Vorhaben als dumm und teuer, obwohl der Bauplatz nur 560 Dollar gekostet hat.

Die Preise für so ein Grundstück sind seitdem durch die Decke gegangen.

Mein Vater hat das Haus selbst gebaut, Stück für Stück, ohne Hypothek von der Bank. Im ersten Jahr hat er mit Pickel und Schaufel das Fundament ausgehoben, die Schlackenbetonblöcke gesetzt und den Estrich fürs Parterre gelegt. Dann wuchs das Haus Zimmer für Zimmer, wann immer er Geld und Baumaterial hatte. Das meiste hat er aus Müllcontainern und Ruinen mitgehen lassen und von der Handvoll Baustellen, die es damals in New York und auf Long Island gab.

Für den Krieg war er zu alt, aber zu Hause hat er heftig gekämpft. Mein Dad war kein netter Mann. Eigentlich war er ein echter Dreckskerl, aber mich hat er okay behandelt, meistens jedenfalls.

Jetzt lebe ich in diesem Haus, allein. Ich bin zu der Zeit geboren worden, als er das Haus winterfest gemacht hat, also gewissermaßen hier aufgewachsen. Wir besaßen auch eine Wohnung in der Bronx, in der mein Vater unter der Woche wohnte, aber nachdem er die Ölheizung eingebaut hatte, lebten meine Mutter, meine Schwester und ich das ganze Jahr über in der Bucht. Ich kann mich an die Bronx nicht erinnern, obwohl er mir oft von meinem Zimmer dort erzählt hat und davon, wie meine Schwester und ich auf dem Hinterhof zwischen Fingerhirse und Sumachbäumen gespielt haben, bis die »Schwarzen kamen und die normalen Leute vertrieben haben.« So etwa hat er sich ausgedrückt, die Worte kamen mit eiskaltem Zorn. Er war ein aktiver Rassist, wie alle aus der Generation meines Vaters, die ich kannte.

Aus meiner Kindheit erinnere ich mich nur an das unruhige Wasser und den neonbunten Sonnenuntergang über der Bucht. Der ständige Wind, der plötzlich auffrischen konnte und der Geruch von verrottendem Fisch bei Ebbe. Den rieche ich auch jetzt. Er scheint bisweilen der einzig verlässliche Bezugspunkt in meinem Leben zu sein.

Das Häuschen ist ebenerdig und hat eine Glasveranda über die ganze Breite mit Blick auf die Bucht. Dieser Raum ist der beste im ganzen Haus und hier schlafe ich das ganze Jahr über. Von Anfang April bis kurz vor Weihnachten lebe ich ohne Doppelfenster. Deswegen konnte ich Regina Broadhurst nachts immer stöhnen hören. Sie schlief bei offenem Fenster, und weil ihr Haus dicht neben meinem stand, konnten nur die Zikaden, das Plätschern der kleinen Wellen in der Bucht und der Wind über Long Island sie übertönen.

Als meine Mutter starb, habe ich den örtlichen Gebrauchtmöbelhändler das Haus leerräumen lassen. Gelegentlich sehe ich einige von unseren alten Möbeln in Schaufenstern von Antiquitätengeschäften oder dem Trödelladen an der Main Street, je nachdem wie wertvoll das Stück angeblich war. Ich habe 2.000 Dollar für alles bekommen, Abtransport inclusive. Sie mussten viel Kram mitnehmen, den sie nicht wollten, aber das war Teil des Deals.

Den ’67 Pontiac Grand Prix meines Alten habe ich behalten. Ich fahre mit ihm auf dem Ostteil der Insel herum. Im Sommer versuche ich, auf den Nebenstraßen zu bleiben. Dieses große blöde Auto hat einen riesigen Motor. Wenn viel Verkehr ist, läuft er gern heiß.

Weil er so riesig und unförmig ist, ahnen die Leute nicht, dass der ’67 Pontiac eines der schnellsten Autos ist, die Detroit je gebaut hat. Dad und ich haben ihn mit einem Vierganggetriebe aus einem GTO nachgerüstet, dadurch ist er noch schneller geworden. Die Lackierung habe ich bis auf die Grundierung verbleichen lassen, aber die Roststellen überstreiche ich, sowie sie sichtbar werden. So hab ich was zu tun.

Mein Dad hat das Auto nie so zu schätzen gewusst wie ich. Er hat nur ein paar gute Jahre mit ihm genossen, bevor diese Kerle ihn erschlagen haben in der Bar in New York, wo er immer rumhing.

Nachdem der Möbelhändler das Haus leergeräumt hat, habe ich die Farbe runtergeholt, mit der meine Mutter die alte Pinienvertäfelung der Wände überstrichen hatte. Das war ihre Rache an meinem Vater, weil er sich hat umbringen lassen und sie jetzt immer allein war und nicht nur während der Woche. Ich habe das Holz wieder gebeizt und eine neue Couch und einen Ofen fürs Wohnzimmer gekauft. Dazu einen Küchentisch und Stühle und ein Bett für die verglaste Veranda. Zu sehr viel mehr bin ich nicht gekommen, aber das kleine Haus wirkt größer und klingt jetzt sogar leer. Außerdem ist das im Krempel erstarrte, kruschelige Elend des Lebens meiner Eltern verschwunden.

All das ist vor etwa vier Jahren passiert, nachdem ich hergezogen bin. Das Häuschen hatte eine Weile leer gestanden – meine Mutter hatte ihre letzten Jahre in einem Pflegeheim in Riverhead verbracht und war langsam erloschen. Meine Schwester hat sie häufiger besucht als ich, obwohl sie aus Wisconsin rüber fliegen musste. Ich habe behauptet, ich hätte zu viel zu tun in der Firma, und könnte nicht weg. Tatsächlich konnte ich es nicht ertragen, meine Mutter in diesem Heim zu sehen, umgeben von all den dementen, hohlen Mumien. Oder den Vorwurf aushalten, den ich immer an ihren zusammengebissenen Zähnen zu erkennen meinte.

Es stimmt allerdings, dass die Firma mir sehr viel Zeit geraubt hat, auch Zeit, die ich für andere Dinge und andere Leute hätte haben sollen.

Meine Mutter konnte Regina Broadhurst nicht leiden, die Nachbarin. Alle anderen Leute in der Gegend mochte sie. Unter der Woche waren alle ständig bei uns; sie verschwanden, sowie am Wochenende mein Vater kam und im Vorgarten, die Hände in die Hüften gestemmt, potentiellen Störenfrieden finstere Blicke zuwarf.

Regina zu mögen war nicht leicht, und es wurde noch schwerer, als ich vor vier Jahren endgültig hier einzog. Inzwischen war sie an die Achtzig und knorrig wie ein Hickorybaum. Zäh und nicht besonders freundlich. Ihre weißen Haare standen in verfilzten Büscheln wirr von ihrem Kopf ab. Ihre Hände und Knie waren knotig und krumm vor Arthritis. Wenn sie mir etwas klarmachen wollte, (was häufig geschah) hielt sie mir drohend ihre Fingerknöchel unter die Nase.

Ihr aus dem Weg zu gehen, war nicht leicht, weil sie ständig nach mir rief – ich sollte rüberkommen und irgendwas reparieren. Diese Angewohnheit war entstanden, als mein Vater noch gelebt hat, der für alle technischen Probleme in der Nachbarschaft zuständig war. Er war der einzige Mechaniker in der Gegend und fühlte sich aus merkwürdiger Philanthropie verantwortlich. Reginas Mann war schon so lange tot, dass es ihn genauso gut nie gegeben haben konnte. Das Haus, das er mit derselben Methodik gebaut hatte wie mein Vater, war ständig kurz vor dem Zusammenbruch. Regina stand oft an dem armseligen Wildblumenbeet, das die Grenze zwischen unseren Grundstücken markierte, und gab ein Geräusch von sich, wie wenn man eine Brieftaube losschickt. Irgendwas wie »Heizung«, und mein Vater fluchte und holte sein Werkzeug. Das geschah so häufig, dass ich, als sie das Spiel zum ersten Mal mit mir machte, ohne zu zögern gehorchte.

Wie mein Vater habe ich sie leise verflucht. Manches geht nur ganz oder gar nicht.

Die Leute, die in dieser Gegend gebaut hatten, waren alle wie mein Vater. Sie hatten Jobs, bei denen sie sich dreckig machten, waren in der Gewerkschaft, kauften billige Möbel und stellten Madonnen in riesigen Traktorreifen auf ihren Rasen. Viele sprachen mit starkem Akzent, oder doch zumindest ihre alten Eltern. Die Söhne spielten wie in der Stadt Baseball auf der Straße. Die Töchter waren meist bleich und zu dick, einige von ihnen allerdings waren schön, kurz bevor sie flügge wurden.

Die Siedlung, ungeordnet gewachsen auf einer zerklüfteten Halbinsel aus Sand mit Buscheichen und großem Berglorbeer, war für die ersten dreißig Jahre kaum mehr als eine armselige Ansammlung von Sommerhäusern. Dass es an einem angrenzenden Küstenabschnitt ein altes Fabrikgelände gab, machte die Sache nicht besser. Deren letzter größerer Auftrag war die Produktion von Gummibooten für die Navy während des zweiten Weltkriegs gewesen. Ungefähr dreißig Jahre nach den Japanern hatte auch die Fabrik schließlich kapituliert. Danach stieg der Wert der Grundstücke ein wenig, die Häuser wurden winterfest gemacht und der Immobilienmarkt ging durch die Decke. Aber selbst heute, im ersten Jahr des neuen Jahrhunderts, ist eine Siedlung wie diese in einer Gegend wie dieser ein bisschen wie ein Mann in einem billigen Anzug, der versehentlich auf einer Vernissage gelandet ist.

Wie gesagt, ich schlief auf der Veranda; aber die meiste Zeit saß ich am Tisch, rauchte, trank überteuerten Wodka und schaute auf die Bucht. Ich hatte einen Deal mit der Natur gemacht. Sie würde mich das tun lassen, bis ich genug hatte, und erst dann meine Organe außer Gefecht setzen. Dafür würde ich ihre Wunder bestaunen, die Hortensien, die den Rasen umgaben, den Salzgeruch des Windes und den kitschigen, rotgelben Himmel, der, über die Little Peconic Bay spielend, in Millionen Scherben zu zerspringen schien.

Spät nachts, wenn es vollkommen dunkel war, hörte ich Regina im Schlaf stöhnen. Es war der Laut einer Verdammten und bar jeder Hoffnung. Er war entweder Ausdruck ihres Seelenzustandes oder die Lady machte einfach gehörig Lärm im Schlaf. Jedenfalls war es alles andere als schön, das mitanhören zu müssen, wenn es durch den schwarzen Frieden einer stillen Sommernacht herüberklang.

Zum Glück für mich verstummte sie nach einiger Zeit und ich konnte mich wieder ohne Geräuschkulisse meinem Innenleben widmen.

* * *

Wenn man viel allein ist, verlernt man das Reden. Die Worte entstehen natürlich weiter im Kopf, aber die Mechanik rostet ein. Deswegen hatte ich mir einen Hund angeschafft. So konnte ich laut sprechen, ohne Selbstgespräche zu führen. Die Vorstellung, in dem kleinen Haus mit Gott oder leblosen Objekten oder meinen toten Freunden und meiner Familie zu reden, hatte etwas Verstörendes. Eddie kam aus dem Tierheim und sollte vergast werden, deshalb war er wohl bereit, mir klaglos zuzuhören, wenn auch manchmal nur mit halbem Ohr. Andere Lebewesen haben’s schon schlimmer erwischt.

Meistens funktionierte es so ganz gut. Allerdings ließen sich weder Gott noch tote Freunde oder meine Familie ganz davon abhalten, mich auf meiner verglasten Veranda mit Einzelheiten meiner beträchtlichen Latte von Fehlern und Irrtümern zu piesacken – meist am frühen Morgen, wenn der Wodka durch mein Nervenkostüm rauschte, mich schlagartig weckte, mein Magen in Flammen stand und mir das Herz bis zum Hals schlug.

Eddies Reich war der halbe Morgen Rasen, der Reginas Haus von meinem trennte, so wie der schmale Streifen Kieselstrand an der Peconic Bay. Eddie kontrollierte regelmäßig das Terrain, die Nase dicht am Boden, den Schwanz in die Höhe gereckt wie ein Großsegel. Gelegentlich bumste er Tennisbälle, die ich ihm mit dem Baseballschläger servierte, der sonst neben der Seitentür lehnte. In den Hartholzgriff war der Namenszug Harmon Killebrew eingebrannt. Mein Vater hatte den Schläger früher im Kofferraum des Grand Prix verstaut, um für alle Fälle von Gewalt im Straßenverkehr gewappnet zu sein.

Die meisten Bälle rollten Richtung Strand. Manche flogen übers Blumenbeet in Reginas Hof. Eddy reagierte kaum auf Regina, behielt sie aber im Auge, wann immer sie ihre zerrupften Blumen bearbeitete. Sie hatte für uns beide den gleichen herzlichen Grad an Wärme. Wann immer er ihr einen Ball zurückbrachte, kraulte sie ihn hinter den Ohren. Er reagierte mit zögerndem Schwanzwedeln, was ich – zugegeben – niemals tat.

Eines Nachmittags im Herbst 2000 schraubte ich in der Einfahrt am Grand Prix herum – wie immer, wenn die Temperatur über dem Nullpunkt und unter 30 Grad lag. Ich war unterm Auto auf einem Holzbrett, als mir ein Geruch auffiel. Er war stark und merkwürdig genug, dass ich meine Arbeit unterbrach. Dann schien er zu verfliegen, vertrieben von der klaren, trockenen Oktoberluft. Etwa zwanzig Minuten später war er wieder da. Den Schraubenzieher noch auf der Schraube, hörte ich auf zu drehen und schnüffelte. Die Luft hatte etwas Ursprüngliches. Sie erinnerte mich an einen Haufen Laub, den ich mal angezündet hatte und in dem ein totes Eichhörnchen versteckt war. Es roch verdorben, vergammelt.

Ich rollte unter dem Auto hervor, wusch mir die Hände, ging zurück in die Einfahrt und griff mir einen dicken Lappen aus Baumwolle. Ich befahl Eddy im Hof zu bleiben und ging rüber zu Regina. Ich klingelte, aber sie reagierte nicht. Ich umrundete das Haus und versuchte, durch die Fenster hineinzuschauen, aber dichte Spitzenvorhänge verwehrten mir den Blick. Ich ging zur Hintertür und hämmerte gegen den Rahmen. Nichts. Ich rief ihre Namen. Immer noch nichts. Ich wickelte mir den Lappen um die Hand und schlug eine kleine Scheibe in der Küchentür ein. Als ich hineingriff, um aufzuschließen, erwischte mich der merkwürdige Geruch voll, allerdings schien der Ursprung jetzt ganz nah, und es war so intensiv, dass er geradezu Gestalt annahm.

»Verdammt.«

Ich hielt mir den Lappen vor den Mund und ging in ihrem Haus von Zimmer zu Zimmer. Sie lag in der Badewanne. Schwarz und angeschwollen lag sie mit dem Gesicht nach unten im Wasser.

* * *

Joe Sullivan war der Inbegriff von einem Klischee-Cop: Bierbauch und breite Schultern, Pilotenbrille auf der Nase, eine Smith & Wesson am Gürtel, leicht reizbar. Das Haar blond und kurzgeschnitten. Das Hemd perfekt gebügelt, die Schuhe schimmerten wie Porzellan. Er war ein Stadtbulle. Sein Bezirk war das Gebiet von North Sea in Southampton. Seiner säuerlichen Miene und makellosen Aufmachung nach zu urteilen, war er schon viel zu lange Cop.

Ich saß in einem meiner beiden Adirondack-Sessel auf der Wiese vor dem Haus und wartete, dass er rüberkam. Vor Reginas Haus parkten ein halbes Dutzend Autos, die meisten mit blinkenden Kaugummiautomaten auf dem Dach. Ein paar Leute standen in respektvoller Abstand herum und unterhielten sich mit gedämpften Stimmen, aber Ereignisse wie dieses sind irgendwie nur Routine und bedrückend, sobald man weiß, dass es nur um eine alte Lady geht, die tot in ihrer Badewanne gefunden wurde.

»Sam Acquillo, stimmt’s?«, fragte Sullivan und ließ sich in den zweiten Adirondack plumpsen.

»Stimmt.«

»Ich habe deine Leute gekannt. Ein bisschen. Deine Mutter jedenfalls. Hab mit einem Kind aus eurer Straße gespielt. Da hab ich dich von Zeit zu Zeit auch gesehen.«

Ich nickte.

Als er merkte, dass ich keinen Small Talk machen wollte, klappte er ein kleines Notizbuch auf. Wahrscheinlich erleichtert.

Ich gab ihm die Daten, Zeit und Ort. Das kennen wir aus dem Fernsehen. Er schrieb bedächtig alles auf.

»Naja, keiner lebt ewig, oder?«, sagte er und sah mich an.

»Bislang hat’s jedenfalls noch keiner geschafft.«

Eddie trottete heran, wachsam und leichtfüßig. Die vielen Leute, die rumstanden, und die blinkenden Lichter der Polizei und Krankenwagen hatten einen hohen Unterhaltungswert. Wenn Eddie nicht gerade auf dem Hof seine Kreise zog, lag er meist zufrieden zu meinen Füßen. Aber er ließ sich keine Party entgehen. Sullivan machte ein Geräusch mit den Lippen und lockte ihn. Eddie ging hin und bekam zur Belohnung die Ohren gekrault. Sich einschleimen beim Gesetz, ha.

»Weißt du, ob sie Familie hat?«

»Einen Neffen in Hampton Bays. Hab ihn aber seit Jahren nicht gesehen. Ein merkwürdiger Typ. Mäht Rasen oder so. Als ich anfing das Haus zu reparieren, tauchte er mit einem klapprigen roten Pickup hier auf. Sie mochte ihn nicht.«

»Woher weißt du das?«

»Sie hat’s mir gesagt.«

»Name?«

»Weiß ich nicht mehr.«

»Macht nichts. Ich finde ihn, wenn er noch hier wohnt. Muss schließlich irgendjemand informieren.«

Es brachte mich etwas aus dem Konzept, als ich sah, wie Regina im Leichensack herausgerollt wurde. So hatte meine Mutter enden wollen, in ihrem Haus, aber wir haben ihre Pflege nicht geregelt bekommen. Am Ende war es ein Fulltime-Job. Herz und Lunge waren in bester Verfassung, aber sie zog sich immer wieder aus, wanderte durch die Gegend und beschwerte sich darüber, wie Henry Truman das Land regierte.

Meine Schwester schleppte eine Reihe von Pflegerinnen an, die bei ihr wohnen sollten, aber niemand kann eine demente alte Frau vierundzwanzig Stunden am Tag im Auge behalten. Meine Schwester fühlte sich schuldig, weil sie nicht vor Ort sein konnte, aber sie lebte mit einem Mann und zwei dümmlichen Kindern in Wisconsin. Der Vorschlag, sie dorthin zu holen, wurde nie gemacht, angeblich, weil sie fest entschlossen war, in dem Haus an der Peconic Bay zu bleiben. Natürlich hätte sie zu dem Zeitpunkt auf dem dritten Mond des Jupiters leben können ohne es zu merken

»Ist es okay, wenn ich weiterarbeite?«, fragte ich den Cop.

Er wollte sich vielleicht über mein mangelndes Engagement ärgern, aber ich war den Aufwand nicht wert. Er stand auf und rückte den Gürtel zurecht, der unter dem Gewicht seines Bauches und seiner Waffe verrutscht war.

»Was machst du hier draußen die ganze Zeit?«, fragte er, eher neugierig als freundlich.

»Hauptsächlich diese Scheißkarre in Ordnung bringen«, antwortete ich wahrheitsgemäß.

»Vorruhestand muss nett sein. Ich habe noch ein paar Jahre Zeit bis dahin.«

»Ich bin kein Rentner«, sagte ich, ging zum Grand Prix, legte mich aufs Rollbrett und schob mich darunter, um zu sehen, ob das Kreuzgelenk an der Vorderachse wirklich ausgewechselt werden musste oder ob seine alte mechanische Seele noch ein paar Jahre durchhalten würde.

* * *

Im Sommer hier draußen eine Kneipe zu finden, ist nicht einfach, aus einleuchtenden Gründen, aber ab Anfang Oktober sind die meisten guten Orte wieder okay. Meiner gehörte zu einem Arbeitshafen in einer kleinen Bucht außerhalb des belebteren Teils von Sag Harbour. Das Pequot war eine so abgeschrabbelte, kleine Bar, dass selbst die Einwohner von Sag Harbour sie meist übersahen. Die Innenverkleidung bestand aus unbearbeiteten Bolzen und hölzernen Latten, die zu einem lichtschluckenden Braun gedunkelt waren. Es gab nicht mal eine funktionierende Musikbox oder eine Budweiser-Reklame. Es gab Würstchen in Plastik und das ganze Jahr über frischen Fisch, weil die Stammkunden von Beruf Fischer waren.

Als es dunkel wurde an dem Tag, an dem ich Regina gefunden hatte, fuhr ich mit dem Grand Prix rüber. Das erste Herbstlaub wurde von vorbeifahrenden Autos in kleinen Wirbeln über die Straßen getrieben. Der Grand Prix rumpelte durch die verschlungenen Straßen des Walfanghafens von Sag Harbour wie ein patrouillierendes Torpedoboot. Ich sah die Blätter hinter mir flattern wie eine Schleppe. Der Herbst ist im Nordosten überall schön, aber hier draußen bei dem sanften Licht und der kristallklaren Salzluft ist er ganz besonders schön.

Im Pequot wurde man selten ungefragt in ein Gespräch verwickelt. Hier konnte man ungestört an einem kleinen Eichentisch sitzen, und eine junge Frau mit sehr blasser Haut und dünnen, angeklatschten schwarzen Haaren bediente einen solange, wie man nüchtern genug war, um seinen Drink verständlich zu bestellen. Man fand fast immer einen Tisch an der Wand, über dem eine kleine Messinglampe mit einem roten gläsernen Schirm hing, der aussah wie plissierter Stoff. Obwohl es in der Kneipe ziemlich dunkel war, konnte man unter diesen Lampen lesen, was ich immer tat. So hatte ich was zu tun außer meinen Wodka zu heben und abzusetzen und manchmal die anderen Gäste zu betrachten oder das wunderbare Ambiente. Man konnte viel lesen, bevor der Wodka die Oberhand bekam.

Ich weiß gar nicht, warum ich immer dorthin ging. Ich denke, es war der tief verwurzelte Impuls, abends ein sauberes Hemd anzuziehen, sich ins Auto zu setzen und irgendwohin zu fahren. Um woanders zu sein als Zuhause. Zumindest für eine Weile.

»Willst du was zu essen?«, fragte die Kellnerin und hielt die in Plastik eingeschweißte Speisekarte fest, bis ich ihr antwortete.

»Was ist heute das Tagesgericht?«

»Fisch.«

»Aha. Was für ein Fisch?«

»Keine Ahnung. Er ist weiß.«

»Wenn das so ist …«

»Ich könnte fragen.«

»Geht schon in Ordnung. Weiß passt zu allem.«

»Dazu gibt’s Kartoffelbrei.«

»Und Wodka. Kein Obst, nur ein Rührstäbchen.«

»Wir haben kein Obst.«

»Gut, dann kann mir nichts passieren.«

»Aber ich kann dir eine Scheibe Limette bringen.«

»Lass nur. Heb die für den Fisch auf.«

»Frittiert oder gebraten?«

»Frittiert.«

»Okay. Frittiert und mit Limette.«

»Genau.«

Ich hatte versucht Alexandre de Tocqueville zu lesen, war allerdings noch nicht weit gekommen. Der Text war schon okay, obwohl ich bei übersetzter Prosa immer das Gefühl habe, alle Insider-Witze zu verpassen. Aber weil der Typ so oft zitiert wird, dachte ich, es sei die Mühe wert.

»Ich glaube, er hätte sich in die Hose gemacht«, sagte die Kellnerin und stellte den Wodka mit Limette auf meinen Tisch.

»Wer?«

Sie deutete auf mein Buch.

»Wenn er zurückkäme, würde er sich echt in die Hose machen bei dem, was heutzutage so los ist.«

»Du hast das gelesen?«

»Auf der Columbia. Amerikanistik. Mein Dad fragt, wie du den Fisch haben willst.«

Ich sah hinter ihr den Besitzer des Pequot auf meinen Tisch zusteuern. Für einen kurzen Moment dachte ich, ich hätte mit einer einfachen Essensbestellung den Anlass für einen Faustkampf gegeben, aber die Art, wie er sich die Hände an der Schürze abwischte, wirkte eher freundlich als streitlustig.

Der Mann hieß Paul Hodges und war früher selbst u.a. Fischer gewesen, war aber nicht der Typ, um sich über das u.a. näher auszulassen. Sein Gesicht passte gut zur Inneneinrichtung der Bar. Die Haut war braun, mit Narben übersät und voller Beulen. Seine Augen standen hervor, als drücke ihn jemand fest um die Mitte. Alte Seebären sehen meist nicht aus wie die Jungs aus der Werbung für Old Spice sondern eher wie Hodges, irgendwie erschöpft und verrückt nach dem Meer. Er hatte sehr muskulöse Arme für einen Mann seines Alters und war, wie sich herausstellte, alt genug um eine Tochter zu haben, die an der Columbia Tocqueville studierte.

»Sie haben nach dem Fisch gefragt?«

»Ich war bloß neugierig. Bestimmt ist er gut, egal, wie er heißt.«

»Er ist blau«.

Ich sah das Mädchen an. Es verdrehte die Augen.

»Ich hab gesagt, er ist weiß.«

»Ja, blau ist eine Art weißer Fisch. Vielleicht ein bisschen grau. Gefangen vor der Nordspitze von Jessup’s Neck.«

»Klingt gut«, sagte ich und war erleichtert, dass er nicht wegen irgendwas sauer war, weil ich wirklich gern weiter herkommen wollte und keinen Nerv hatte, mich mit irgendwem wegen irgendwas in die Haare zu kriegen. Nie wieder.

»Bring ihn her. Den Fisch.«

Er stand immer noch da und wischte sich die Hände an der Schürze ab.

»Du bist der Sohn von Acquillo.«

Ich betrachtete ihn genauer, konnte mich aber nicht erinnern.

»Ja, kommt hin.«

»Hab mit ihm gefischt. Du wirst dich nicht erinnern.«

»Ist lange her.«

»Ja, aber ich habe dich manchmal mit ihm gesehen. Waren damals ja nicht so viele Leute hier. Man wusste, wer wer ist.«

»Das stimmt.«

»Heute kenne ich keinen mehr von diesen Idioten.«

Ich versuchte, ihn mir zu der Zeit vorzustellen, sah aber nur den alten Mann hinter der Bar im Pequot. Außerdem konnte ich mir meinen Vater nicht beim Fischen vorstellen. Obwohl er immer einen Eimer voll Fisch mitbrachte, den meine Mutter ausnahm und zerkochte, wann immer Dad am Wochenende da war. Selbst wenn er nicht da war, aßen wir praktisch nur Fisch; so war das damals bei Leuten mit wenig Geld. Fisch war praktisch umsonst und immer vorhanden. Wenn es mal etwas Besonderes sein sollte, ging man ein Steak essen oder vielleicht ein Schweinekotelett. Etwas von einer Farm und nicht aus der alten Peconic Bay direkt vor der Tür.

Hodges schien es nicht eilig zu haben. Ohne zu fragen, zog er den zweiten Stuhl unter meinem Tisch hervor und setzte sich. Ich bekam plötzlich Hunger.

»Ich hab gehört, was mit ihm passiert ist.«

Ich konzentrierte mich auf meinen Wodka, musste aber antworten.

»Das ist lange her«.

»Ich weiß. Er war ein Kerl mit ziemlich klaren Meinungen, dein Vater.«

»Das stimmt, ja.«

»Und er hat nicht hinterm Berg gehalten, mit gar nichts. »

»Du hast ihn offenbar gekannt.«

»Nicht besonders gut. Er ist ein paarmal mit uns rausgefahren. Als Crew für mich und meinen Boss. Hat gute Arbeit gemacht. Wir mussten ihn nur von den Kunden weghalten. »

Er lehnte sich zurück, um seinem Bauch ein bisschen Platz zu geben und stütze die Ellbogen auf die Armlehnen des Stuhles.

»Er ist mir nie blöd gekommen«, sagte Hodges.

»Nee, mir auch nicht.«

Hodges nickte, kaute stumm an einem Gedanken herum.

»Das hätte ich auch nicht zugelassen. Nichts für ungut.«

»Kein Problem.«

»Wie wolltest du den Fisch noch mal?«

»Frittiert.«

Er nickte wieder.

»Ist besser so. Wenn man ihn backt, hat man immer das Theater mit der Petersilie, der Kräutermischung, der besonderen Zitronenbuttersauce. Frittiert heißt einfach ein leicht gewürzter Brotteig und fertig. Kein Schnickschnack. »

»Nächstes Mal bestelle ich ihn gebacken, keine Frage.«

Er registrierte das und ließ mich endlich allein mit meinem Wodka und dem Tocqueville. Ich hatte mich gerade wieder in den Text vertieft, da stand auch schon seine Tochter mit einem neuen Drink vor mir.

»Aufs Haus.«

Offenbar gab es kein Zurück mehr, wenn man erstmal ein Gespräch mit der Familie Hodges angefangen hatte.

Der Fisch war ziemlich gut, besonders in dem leicht gewürzten Brotteig. Ich blieb noch eine Stunde und las, abgelenkt durch die übelriechenden Mannschaften, die von den letzten Charterbooten kamen und einen Trupp Kids, die, wahrscheinlich noch nicht volljährig, sich im einzigen Separee der Kneipe drängelten, einander die Ellenbogen in die Rippen rammten und mit Flüsterstimme über die Welt herzogen.

Ich brachte dem Mädchen meinen Deckel und fragte, ob ich ihren Vater noch mal stören könnte.

»Wie lange bist du schon hier,« fragte ich, als er aus Küche kam.

»In Southampton?«

»Ja.«

Er schob die Unterlippe vor und dachte etwa eine Minute lang nach.

»Etwa fünfundvierzig Jahre. Kam aus Brooklyn, weiß nicht mehr, warum und auch nicht, warum ich geblieben bin. Der Fisch war genießbar?«

»Aber ja.«

»Dann haben wir gute Arbeit gemacht.«

»Es geht um eine alte Lady.«

»Alte Lady wie ›alt‹ oder wie ›Lady‹?«

»Naja, einfach eine alte Frau. Meine Nachbarin. Hab mich gefragt, ob du sie vielleicht kennst.«

Hodges pulte sich etwas aus den Backenzähnen, steckte es wieder in den Mund und spülte es herunter mit einem Schluck Bier aus einem Glas, das unter der Bar versteckt war.

»In meinem Alter ist ›alt‹ relativ. Um welche alte Lady geht’s?«

»Regina Broadhurst. Wohnt östlich von mir an der Spitze von Oak Point. Ist so lange hier wie meine Leute. Vielleicht noch länger.«

Hodges lächelte über irgendeinen Gedanken, der ihm durch den Kopf ging, bevor er antwortete.

»Klar. Die sehe ich oft. Eine von den alten Hexen unten im Club. Hat nie was zu mir gesagt, woran ich mich erinnern kann. Ich glaube, die macht sich nicht viel aus Männern.«

»In was für einem Club?«

»Im Altenverein, dem Seniorenzentrum hinter der polnischen Kirche.«

Ich war ehrlich überrascht.

Hodges sah mich an, als hätte ich ihn gerade enttäuscht und zählte auf:

»Erstens gibt’s da montags, mittwochs und freitags Frühstück für zwei Dollar. Dann gibt es jeden Mittag für drei Dollar Kartoffelsalat und Aufschnitt. Dazu kommt das Abendessen am Sonntag für fünf Dollar. Man isst dort besser als irgendwo sonst und es kostet praktisch nichts. Wenn’s schlimm kommt, muss man ein paar Gebete aufsagen und dämliche alte Weiber ertragen, die einen behandeln, als wäre man der einzige Sozialfall im Club. Dabei schlingen die dasselbe Essen runter wie man selbst. Praktisch für lau.«

»Verstehe.«

»Nicht ganz. Ich will nix umsonst. Arbeite in der Küche. Einmal die Woche. Bekomme deshalb alles Essen frei. Kann sogar Dotty mitbringen.«

»Dorothy«, sagte das Mädchen, ohne von dem kleinen Stapel Schecks aufzuschauen, die sie gerade zusammenrechnete.

»Du wunderst dich, warum ich anderswo esse, statt in meiner eigenen Kneipe?«

Hodges ging in die Defensive.

»Nee, ich kann’s verstehen,« sagte ich.

»Fisch kommt einem irgendwann zu den Ohren raus.«

»Er fährt auf die alten Ladies ab«, warf Dotty ein.

Hodges tat so, als wollte er ihr ein paar hinter die Ohren geben und wanderte durch die Schwingtür zurück in die Küche. Ich bedankte mich und bat seine Tochter, mir die Rechnung fertig zu machen.

»Er tut’s für die Kirche«, sagte sie leise. »Seit Jahren. Er sagt, er hasst Religion, aber er tut Sachen für Leute. Isst eigentlich nie selbst dort.«

»Eine gute Tat ist nichts Schlimmes.«

Sie schien sich absichtlich mit meiner Rechnung Zeit zu lassen.

»Wieso hast du nach Mrs. Broadhurst gefragt?«, fragte sie unvermittelt.

»Sie ist tot. Man hat sie heute aus ihrer Badewanne gefischt. Ich hab sie gefunden.«

»Oh mein Gott.«

»Ich wollte nur wissen, ob dein Dad sie kannte. Er lebt lange genug hier. Sie scheint weder Familie noch Freunde zu haben. »

»Es wird ihm leidtun, dass er sie Hexe genannt hat. Du hättest es ihm gleich sagen sollen.«

»Wahrscheinlich. Aber mach dir keinen Kopf. Sie war eine Hexe, ehrlich.«

Ein Lächeln spielte um ihre Lippen.

»Ganz schön hart:«

»Ich weiß, man soll nicht schlecht von den Toten reden. Gott mag das nicht.«

»Gott ist das egal. Es geht um die Leute.«

»Entschuldige mich bei denen«, sagte ich und wollte gehen.

Sie hielt mich auf. »Ich kenne Jimmy. Kannte ihn jedenfalls früher mal.«

»Jimmy?«

»Jimmy Maddox. Ihren Neffen.«

»Ehrlich?«

»Mann, war das ein Arschloch. Wir sind zusammen zur Schule gegangen. Auf die Southampton High School. Ich rede nicht gern so schlecht über jemand, aber manche Leute sind einfach unausstehlich.«

»Kein Problem. Er ist ja nicht tot.«.

»Wahrscheinlich lebt er noch. Keine Ahnung. Ich hab ihn ewig nicht gesehen. Er macht was mit Bulldozern oder so.«

»Baugewerbe.«

»Große Erdbaumaschinen. Ne Menge Scheiße rumschieben, das passt zu ihm.«

»Wohnt in Hampton Bays.«

»Das wusste ich nicht.«

»Hat seine Tante mir erzählt. Die mochte ihn auch nicht.««

»Reizend.«

»Sonst gibt’s keine Angehörigen?«

»Nicht, dass ich wüsste. Jimmys Eltern sind gestorben, als er noch auf der High School war. Ich weiß nicht, was mit denen passiert ist, aber er war der Erste aus der Klasse, der allein wohnte. Bloß war er leider überhaupt nicht cool. Er war einfach ständig zugedröhnt und unausstehlich.«

»Klasse Leben.«

»Blödes Leben, wenn du mich fragst.«

»Ja«, sagte ich im Gehen. »Nur ein Arschloch will so leben.«

* * *

Nach ein paar Tagen hatte ich die Geschichte mit Regina fast vergessen. Die Fähigkeit zu vergessen hatte ich zur Meisterschaft entwickelt, seit ich in das kleine Haus gezogen war. Außerdem trainierte ich meinen Körper, war zwar weniger in Form als früher, aber ganz in Ordnung für mein Alter, fand ich. Mit zwanzig hatte ich Boxer werden wollen und tatsächlich hatten ein paar Kämpfe geholfen, meine Abendschule zu finanzieren. Der einzige französisch-italienische Boxer in New York City, so nannte ich mich heimlich. Ich war zu klein und zu leicht, um richtig hart zuschlagen zu können, also arbeitete ich an meiner Technik. Das erwarteten die Leute von mir als Weißem. Damals galten Weiße als von Natur aus schlauer als Dunkelhäutige. Deshalb glaubten alle, wenn ich durch den Ring tanzte, beweise das meine Brillanz. Ich wusste von Anfang an, dass das kompletter Blödsinn war, der Einstellung meines alten Herrn zum Trotz. Aber ich war schlau genug zu wissen, dass sich von einem anderen Boxer zu Brei schlagen lassen eine eher kurzsichtige Strategie war. Besser schnell vor und wieder zurück und in den ersten Runden die Selbstsicherheit des anderen optimal demolieren. Lass den Typ glauben, du wärst ihm tatsächlich gewachsen. So gewinnst du mehr Kämpfe und dein Gesicht bleibt einigermaßen unversehrt.

Mehr als alles andere sorgte das Boxen dafür, dass ich viel in Gyms abhing. Eine gute körperliche Verfassung verlangsamt auch den Selbstmord durch Saufen, aber das war nicht zu ändern.

Tief in den Pinienwäldern oberhalb von Westhampton betrieb ein alter ehemaliger Cop einen Box-Club für Jugendliche und eine Gym für ehemalige Militärs, andere Cops und Leute wie mich, die sich eher die Eier abschneiden, als einen typischen Fitness-Club zu betreten. Ich weiß, das ist eine Art umgedrehter Snobismus, aber egal.

Der Kerl hieß Ronny und sein Club hieß Sonny’s, was dem Ganzen was Authentisches gab. Der Box-Club war außen aus matt-weißem Schlackenbeton und innen aus blass-grünen. Die Beleuchtung war etwas weniger schmuddelig als in den Clubs in der Stadt. Die Säcke, Ringe und das übrige Equipment waren alt, aber solide, und der Gestank gerade noch auszuhalten. Die meisten der Jungs waren Shinnecock–Indianer und Schwarze oder eine Mischung aus beiden und die »Trainer« waren allesamt Schlitzohren aus der Gegend. Ich ging ungefähr dreimal pro Woche zum Seilspringen, ein wenig Gymnastik und Boxen mit wem auch immer. Meist einem der Jungs. Die ernstzunehmenden Gegner musste ich meiden, damit sie mich nicht ständig drängten, auf diese für sie einfachen Art ihr Ego zu tätscheln.

Es heißt, man soll sich den härtesten Kerl von Dodge City vorknöpfen und ihm ordentlich und nachdrücklich eins auf die Bombe geben – dann lassen einen die anderen harten Jungs in Ruhe. Funktioniert selten, weil es meist einen guten Grund gibt, weshalb die härtesten Jungs die Härtesten sind. Aber mein größeres Problem war, dass ich inzwischen 52 Jahre alt war. Also trug ich stattdessen eine lass-den-verrückten-Alten-in Ruhe Miene spazieren, um so Zweifel bei jedem zu säen, der seine Dominanz beweisen wollte. Bisher hat das ganz gut funktioniert.

Ich war im Sonny’s und bearbeitete den Sandsack. Der Cop, Joe Sullivan, war da und stemmte Gewichte. Er ignorierte mich eine Zeitlang, schließlich kam er rüber und baute sich neben dem Sandsack auf. Ich drosch weiter auf den Sack ein, wie ich es seit fünfunddreißig Jahren tue.

»Noch ein paar tote alte Ladies gefunden?«, fragte er, als er merkte, dass ich nicht reagierte.

Ich bearbeitete weiter den Sandsack.

»Hey, war nur ein blöder Witz«, sagte er nach einer Weile.

Ich bremste den Sack mit beiden Fäusten aus.

»Hab schon blödere gehört.«

Sullivan verlagerte sein Gewicht vom rechten auf den linken Fuß.

»Ich hab keinen Neffen auftreiben können. Bist du sicher, dass du nicht weißt, wie der Kerl heißt? Ich meine, sie ist noch nicht unter der Erde, und wir müssen was unternehmen mit dem Haus. Testament gab’s keins.«

»Kein Testament?«

»Zumindest hat keiner eins gefunden. Hat allerdings auch keiner groß danach gesucht, sollte ich hinzufügen. Normalerweise regeln die Verwandten alles. Eigentlich sollte ich mich da raushalten, aber ich habe keinen Bock, die ganze Sache dem Gericht in Riverdale zu übergeben. Die bezahlen dann McNally dafür, dass er alles regelt, und ich kann dieses blöde Arschloch von einem Anwalt nicht ausstehen. Eigentlich ist es wurscht. Ich weiß bloß genau, was passiert, wenn das Gericht übernimmt. Warum mache ich mir deswegen überhaupt Gedanken?«

An der Ostküste von Long Island verkaufen kommunale Mitarbeiter eher ihre Seele als mit Leuten von anderen New Yorker Behörden zusammenzuarbeiten. Man redete öfters davon, sogar aus dem Suffolk County auszuscheiden. Der Geist der Unabhängigkeit ist sehr lebendig hier.

Ich drosch erneut auf den Ball ein und versuchte, den Rhythmus wieder zu finden.

»Jimmy Maddox«, sagte ich, als er sich zum Gehen wandte.

»Hä?«

»Jimmy Maddox. So heißt ihr Neffe. Fährt große Baumaschinen. Keine Ahnung, wo. Vermutlich ist er noch in der Gegend.«

»Ich glaube, ich erinnere mich an den. Wusste nicht, dass er ihr Neffe ist.«

»Hab ihn ein paarmal bei ihr rumhängen sehen. Ist vielleicht ihr einziger noch lebender Verwandter.«

»Jetzt, wo ich einen Namen habe, werde ich den Typ finden. Das Haus an der Bucht ist ganz schön was wert.«

»Ist aber ziemlich runtergekommen.«

»Egal. Die reißen es ab und bauen einen großen postmodernen Kasten hin. Jimmy kann den Abriss übernehmen. Das Land an der Bucht ist das, was zählt. Die kleinen schäbigen Schuhkartons, die draufstehen, sind wurscht. Nimm’s mir nicht übel.«

Ich hörte auf, den Sack zu bearbeiten, und hielt ihn mit meinen behandschuhten Fäusten fest.

»Ich kann mich drum kümmern, wenn du immer noch willst.«

»Wie meinst du das?«

»Kannst du dafür sorgen, dass die mich zum Testamentsvollstrecker machen?«

»Wenn es kein Testament gibt, kannst du kein Testamentsvollstrecker sein, höchstens der Nachlassverwalter.«

»Okay, kannst du die dazu kriegen, dass sie mich zum Nachlassverwalter machen?«

»Ja, ich denke schon. Wie gesagt, keiner will sich mit nicht testamentarisch geregeltem Quatsch abgeben. Schon gar nicht, wenn die betreffende Person mittellos ist.«

»Regina war nicht mittellos.«

»Sorry, du weißt schon, was ich meine. Sie hatte keine Verwandte. Nun zu dem Jungen. Wenn du das mit dem Nachlassverwalter hinkriegst, rede ich mit ihm. Wenn er übernehmen will, bin ich raus. Aber wahrscheinlich weiß er gar nicht, wo er anfangen soll.«

»Du meinst das ernst, oder?«

»Ich bin daran gewöhnt, mich um die Sachen von Regina zu kümmern. Das hab ich von meinem alten Herrn geerbt. Besorg mir die Papiere, die ich brauche. Ich will nicht zu viel Arbeit reinstecken.«

Sullivan stand wortlos da, bis ihm klarwurde, dass er sein Ziel erreicht hatte. Das machte ihn etwas dreist.

»Klasse, das ist echt cool. Ich rede mit der Stadt. Die wissen, wie man mit dem Nachlassgericht umgehen muss und besorgen dir die nötigen Papiere. Wenn du dich darum kümmern kannst, prima. Ich hab echt nicht die Zeit dafür. Wunderbar. Das hilft mir weiter.«

Er stand noch eine Weile rum, als würde er eigentlich gern noch mehr loswerden, wenn ich ihn ließe. Irgendwann verschwand er und ich steigerte meine Schlagzahl, schlug zu, bis mir die Handgelenke wehtaten. Was macht mich so nervös, wenn ich mit anderen Menschen zu tun habe? Was beunruhigt mich so an denen? Ich werde sterben, ohne gelernt zu haben, wie man ein normales Gespräch führt ohne Anspielungen, die über den Augenblick hinausgehen.

* * *

Ein paar Tage später war ich im Ort für meinen wöchentlichen Gang zur Bank. Ist eigentlich nicht mehr nötig, so was persönlich zu erledigen, seit es Geldautomaten und PCs gibt. Aber ich hatte keinen PC, benutzte meine Geldkarte ganz selten und hatte immer noch die altmodische Angewohnheit, lieber alles mit einem dem Anschein nach menschlichen Wesen zu klären. Vielleicht tat ich das, weil es den Banken anders lieber gewesen wäre, obwohl es genügend Schalterbeamte für alle gab. Die meisten waren – gutes Training – mürrisch und unnahbar. Das war mir nur recht.

Die Innenausstattung der Bank war im üblichen aufmunternden Korallenrot und Chrom gehalten. Die Schalter befanden sich an einer Wand hinter Mahagonipalisaden und waren nur durch einen Spießrutenlauf vorbei an Messingpfosten und lila Samtkordel erreichbar. An der anderen Wand standen Schreibtische, das sollte freundlicher wirken, aber das Gegenteil war der Fall. Hier saß Amanda Battiston und kümmerte sich ohne Unterbrechung, aber mit Anmut um ihre Geschäfte. Sie war eine sogenannte Kundenberaterin, jemand, mit dem man reden kann, wenn man ein dickes Konto bei und für die Bank einträgliche Geschäfte hat. Das war bei mir nicht der Fall, aber ich zog es vor, mit einem Kundenberater zu reden.

Ihr Mann war der Filialleiter. Er saß im einzigen abgeteilten Büro, das man von der Schalterhalle aus sehen konnte. Dort empfing er örtliche Geschäftsleute oder Kunden aus New York City und anderen exotischen Orten. Er war jünger als ich, stammte aber aus der Gegend und ich erinnere mich an ihn und seine Familie. Als ich mein erstes Konto eröffnete, versuchte er, mich in ein Gespräch zu verwickeln, aber mir war seine Frau lieber. Mir gefiel weder der Schwimmring, der die untere Hälfte seines Hemdes füllte, noch der schlaffe Griff seiner fleischigen Hand. Außerdem schien es ihr egal zu sein, dass ich nicht besonders viel Geld besaß, obwohl ihr Mann meinte, ich sei reich. Sonst hätte er mich gar nicht angeschaut.

Amanda war knapp vierzig und gut organisiert. Ihr Haar schien stets frisch gekämmt, offensichtlich ohne Dauerwelle und insgeheim kurz vor der offenen Rebellion. Der Olivton ihrer Haut machte eigentlich Make-up überflüssig, aber sie benutzte trotzdem welches. Sie hatte grüne Augen, die durch ein Übermaß an Farbe und Kontrast geradezu hypnotisch wirkten. Ich sah sie meist an ihrem Schreibtisch sitzen, aber wenn sie sich bewegte, wirkte das schnell und jung und ließ mich an Tennisshorts denken. Obwohl ich die beiden selten miteinander reden sah, schien die Ehe mit Roy sie einzurahmen wie eine Glasvitrine.

»Mr. Acquillo, die Gebührenfreiheit Ihres Kontos ist in ernster Gefahr«, sagte sie, ohne vom Bildschirm aufzublicken.

»Ich wusste gar nicht, dass ich eine Gebührenfreiheit habe, die ich in Gefahr bringen könnte.«

»Oh doch, Sir.« Sie tippte auf der Tastatur herum, hatte offenbar, als sie mich den Parkplatz überqueren sah, mein Konto aufgerufen. »Eine Mindestguthaben auf Ihrem CashPlus-Konto sichert Ihnen Gebührenfreiheit.«

»Das heißt, die Bank löst alle meine Schecks ein?«

»Nur die Schecks, für 10 Cent pro Stück. Nicht schlecht, wenn man mal drüber nachdenkt.« Sie schaute zu mir auf und wartete darauf, dass ich ihre Entscheidung abnickte wie ich das immer tat.

»Ich hab hier einen Scheck, damit wäre das Mindestguthaben wieder auf dem Konto.«

»Sie bekommen bestimmt supergute Konditionen für Ihr Investmentkonto, aber bedenken Sie bitte, dass wir Ihnen das auch anbieten können.«

Sie tippte die Informationen ein, während ich einen Scheck ausschrieb über die kläglichen Reste eines Geldmarktkontos aus den Zeiten meiner Ehe.

Meine Ex-Frau hat immer wieder versucht, meine Finanzen zu regeln. Sie war gekränkt, weil ich das nicht wollte. Sie empfand es als Beleidigung ihrer Intelligenz. Dabei hatte ich einfach die Angst des armen Jungen, alles zu verlieren, sowie es nicht mehr in meiner Reichweite war. Lange nach dem großen Bruch in unserer Beziehung habe ich diese Angst verloren. Heute würde ich Abby nur zu gern regeln lassen, was sie will – sie war in den meisten dieser Dinge besser als ich, auch wenn sie nie die Chance bekam, dieses Können zu zeigen. Aber das gehört zu der traurigen Ironie meines Lebens.

Roy kam aus seinem Büro und tat als sähe er mich nicht. So musste er meine Abfuhr nicht noch einmal erleben. Amanda warf ihm einen neutralen Blick zu, als er vorbeiging. Sie murmelte was von Einkäufen zum Abendessen, als löse sein Anblick Schuldgefühle bei ihr aus. Roy wirkte wie ein Mensch, dem solche Nebensächlichkeiten wichtig waren.

»Bitteschön, wie besprochen,« sagte Amanda und drehte den Bildschirm so, dass ich sehen konnte, was dort stand. »Es wird einen Tag dauern, bis die Buchung gutgeschrieben ist, und dann ist alles so lange in Ordnung, wie Ihr Konto über dem Mindestguthaben liegt.«

»Ich werde es im Auge behalten.«

Sie drehte den Monitor wieder zu sich und beendete die Transaktion. Ich erinnerte mich vage, dass auch sie von hier war.

»Haben Sie Regina Broadhurst gekannt?«, fragte ich unvermittelt und war ebenso verblüfft wie sie.

Sie sah mich ausdruckslos an, nickte aber. »Ja, in der Tat. Sie ist gerade gestorben.«

»Ich weiß, ich hab sie gefunden.«

Ihre Schultern sanken voll Mitgefühl. »Das tut mir leid.«

»Ist schon okay. Ich soll jetzt mit ihrem Neffen reden, offenbar ihr einziger Verwandter. Wissen Sie, ob es sonst noch jemanden gibt?«

»Ich weiß sehr wenig über sie. Ich weiß von den Leuten im Altenclub, dass sie tot ist. Sie war mit meiner Mutter befreundet. Also, die zwei kannten sich. Keine Ahnung, ob man sie Freundinnen nennen kann. Ich glaube, die beiden haben vor Jahren mal zusammengearbeitet.«

»Regina war eine harte Nuss.«

»Sie war nicht besonders sympathisch. Regeln Sie ihren Nachlass?«

»Hatte ich eigentlich nicht vor. Ich bin bloß der nächste Nachbar. Keine Ahnung, irgendwie habe ich jetzt die Sache an der Backe. Ich dachte, vielleicht wissen Sie ja was über den Neffen, diesen Jimmy Maddox. Wo Sie ja schon immer hier gewohnt haben und so.«

»Nein, eigentlich nicht schon immer. Ich bin eine ganze Weile nicht hier gewesen. Genau wie Sie auch.« Sie wirkte plötzlich verlegen, fast als hätte ich sie mit Kenntnissen über mein Privatleben ertappt, die sie gar nicht haben dürfte.

»Meine Mutter andererseits«, sagte sie schnell, um die Situation zu überspielen, »hätte bestimmt mehr gewusst. Aber leider lebt sie ja auch nicht mehr. Die beiden waren zusammen im Altenclub.«

»Mein Beileid. Wie hieß sie denn?«

»Ist gerade mal ein Jahr her. Julia. Julia Anselma.«

»Italiana. Va bene

»Battiston klingt nicht so schön, stimmt’s?«, sagte sie offenbar ein wenig verlegen, weil jetzt sie etwas Privates über sich verraten hatte.

»Nee», räumte ich ein, »tut’s nicht.«

Sie sah sich um, als fiele ihr plötzlich die Intimität des Gesprächs auf. Sie reckte die Schultern und tippte auf der Computertastatur herum, als wollte sie Spuren verwischen.

Ich stand auf.

»Wenn Sie mehr über Regina erfahren wollen«, sagte sie, ohne aufzublicken, »sollten Sie mal im Altenclub vorbeigehen. Der Treffpunkt hat Tradition bei den Leuten von hier. Die wissen bestimmt viel mehr.«

»Das mache ich. Und danke für die Info. Grüße an Roy.«

Sie lächelte ein kleines, schiefes Lächeln, nickte und wirkte etwas verwirrt. Ich wollte sie nicht irritieren, schien aber genau das zu tun. Also erwiderte ich ihr Lächeln, behutsam, wie ich hoffte. Sie sollte keine Angst vor mir haben oder bedauern, dass wir uns unterhalten hatten. Aber jetzt starrte sie nur noch konzentrierter auf den Bildschirm.

Das steiler herabfallende Herbstlicht ließ die Reste der Sommerfarben verblassen. Aber die Luft war klar und das Licht beschien die Main Street, ließ die etwas ramponierten Mercedes und Rolls Royce der Reichen, die das ganze Jahr über hier lebten, ebenso strahlen wie die Lieferwagen und verbeulten Pickups, die das Dorf nach Saisonende zurückeroberten. Ich besorgte mir einen Kaffee und ein Croissant in dem Café an der Ecke, bevor ich Richtung North Sea zurückfuhr – vermied den Blickkontakt mit den Geschäftsleuten, denen es peinlicher war als mir, in einem Ort der Sommergäste gesehen zu werden.

Im Briefkasten steckte ein Bündel Totenscheine und ein Schreiben, das mich als Nachlassverwalter von Regina Broadhurst bezeichnete, was noch in einer Sitzung des Nachlassgerichts zu bestätigen sei, deren Termin der offizielle Rechtsbeistand der Stadt, Mel Goodfellow, mit Kuli unterkringelt und mit der Anmerkung versehen hatte, es sei nur eine Formalität und mein persönliches Erscheinen sei nicht erforderlich. Ich war verblüfft und ein wenig beeindruckt von Sullivans prompter Reaktion. Er wollte die Sache ganz offensichtlich vom Hals haben.

Als ich die Tür aufmachte, um Eddie rauszulassen, klingelte das Telefon. Ich klemmte mir den Hörer zwischen Schulter und Ohr und leerte mit beiden Händen einen Eiswürfelbehälter in den Kühler. Es war Amanda Battiston.

»Tut mir leid, wenn ich vorhin kurz angebunden war«

»Waren Sie nicht.«

»Roy regt sich immer furchtbar auf, wenn ich über meine Mutter rede.«

»Wir haben über Regina Broadhurst gesprochen.«

»Ich hab gesagt, sie wären Freundinnen gewesen, aber meine Mutter mochte sie eigentlich gar nicht. Sie nannte sie immer ›diese Frau‹.«

»Diese Wirkung hatte Regina auf Leute.«

»Ich weiß.«

»Tut mir leid, wenn Sie meinetwegen Probleme mit Roy bekommen haben.«

»Er weiß ja nicht, dass Sie kein VIP-Ku sind«.

»Wipp-Kuh?«

»VIP-Kunde. Eine Million aufwärts.«

»Nein, definitiv kein VIP-Ku.«

»Es gefällt ihm nicht, wenn Leute von hier geschäftlich erfolgreich sind. Aber ihr Geld findet er gut.«

»Da kann ich ihn beruhigen.«

»Nee, ist schon in Ordnung. Ich wollte nur nicht, dass Sie denken, ich wäre unhöflich.«

»Vielleicht können wir irgendwann einen Kaffee zusammen trinken und über Ihre Mutter und Regina plaudern. Wenn Sie sich keine Sorgen machen müssen, dass Roy Ihnen über die Schulter guckt.«

»Das könnte ich nicht.«

»Verstehe. Wenn Ihnen noch irgendwas einfällt, rufen Sie mich an, ja? Sie haben ja offensichtlich meine Nummer.«

»Die steht in Ihren Unterlagen. Hoffentlich stört Sie das nicht.«

Eines der wenigen Dingen, die ich an meiner Ex-Frau Abby geschätzt habe, war, dass sie sich nie für irgendwas entschuldigt hat. Sie lag oft falsch, hatte aber selten an sich gezweifelt. Die meisten Frauen scheinen es irgendwie hinzukriegen, dass man sagt, etwas ist in Ordnung, was ganz offensichtlich in Ordnung ist.

»Überlegen Sie sich, wann Sie Zeit für den Kaffee haben, dann können Sie’s wieder gut machen.«

»Das ist nur fair, denke ich.«

»Okay«, sagte ich, »rufen Sie mich an, wenn’s passt.«

»Okay.«

Eddie bellte hinter der Seitentür und wollte rein. Ich kraulte ihm die Ohren und reichte ihm einen großen Hundekuchen, die äußerste Freude seines Hundelebens. Er wartete, während ich den Kühler mit den Eiswürfeln, ein Glas, eine Flasche Wodka und eine Packung Zigaretten einsammelte, damit wir beide anschließend auf der Veranda unserer jeweiligen Lieblingsbeschäftigung nachgehen konnten. Die Little Peconic Bay war ruhig, eine graue mineralische Masse mit Glitzerpunkten darauf. Die Küste gegenüber, ein graugrüner Hügel umgeben von riesigen, sandigen Klippen, zum Teil verborgen im aufsteigenden Dunst. Die Hortensien am Rand der Wiese hatten sich dem Braun ergeben und würden so bleiben, bis die Frühlingsknospen sie abschüttelten wie organischen Abfall. Ich mischte meinen ersten Drink des Tages und lauschte dem lautstarken Klagen der Seevögel, die gegen den nahenden Winter anbrüllten und noch nicht aufgeben wollten. Nicht nur die Jahreszeit schien sich auf die anstehende Veränderung vorzubereiten. Aber im Gegensatz zum Leben um mich herum wartete ich schweigend und ohne Erwartungen, wollte das Unvermeidliche nur nicht bedrängen.