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Crypt City

Kriminalroman des Autors von »Eddies Bastard«

Schwierige Zeiten

1970. Als U.S. Army Captain Howard Starling in den Armen eines anderen Mannes erwischt wird, führt dies zu seiner unehrenhaften Entlassung aus dem Militärdienst. Dank seiner profunden Kenntnisse in der Welt der Geheimdienste versucht er, sich als Privatdetektiv einen Lebensunterhalt zu verdienen. Sein erster Klient ist eine vermögende Frau, die jemanden sucht, den sie als junges Mädchen kannte, aber über die Jahrzehnte aus den Augen verloren hat. Im Rahmen seiner Ermittlungen entdeckt Howard nicht nur, dass sich in dem Waisenhaus, in dem die Kinder aufwuchsen, eine Serie entsetzlicher Verbrechen ereignet hat, gleichzeitig droht er von seiner zwielichtigen Vergangenheit während des Kalten Kriegs mit voller Wucht eingeholt zu werden. Nichts ist, wie es auf den ersten Blick erscheint, und die Vergangenheit ist nicht vorbei in diesem ersten Kriminalroman des preisgekrönten Bestsellerautors von »Eddies Bastard« und »Hundert Herzen«.

Der Roman erscheint in der zweiten Jahreshälfte 2017 bei spraybooks.

Bibliographie

Eddies Bastard, Bergisch Gladbach, 2002, O: Eddie’s Bastard (1999)
Das Leben brennt wie grüner Chili, Bergisch-Gladbach, 2003, O: Somewhere South of Here (2002)
Sommer auf der Schattenseite, Bergisch Gladbach, 2004, O: The Adventures of Flash Jackson (2003)
Übungen für Nichtschwimmer, Bergisch-Gladbach, 2006, O: The Good Neighbor (2004)
Hundert Herzen, Köln, 2016, O: The Hundred Hearts (2013)

W. Kowalski: CRYPT CITY

William Kowalski

… ist Vater, Ehemann, Romancier, im Vorstand des kanadischen PEN, ehemaliger Vorsitzender des Canadian Issues Committee des kanadischen PEN, besitzt eine doppelte Staatsbürgerschaft, nicht wirklich Kanadier, spielt es aber recht gut, arbeitet in der Erwachsenenbildung, ist Fischer, Jäger, joggt von Zeit zu Zeit, neigt bisweilen zur Trägheit, früher leidenschaftlicher Leser, hat heute aber einfach nicht mehr genug Zeit, Pendler, unterrichtet Design, macht ausgesprochen gute Pickles, hört nie auf, Fragen zu stellen, engagiert sich für das Recht auf Rede- und Meinungsfreiheit, Kolumnist, Blogger, geht gern im Wald spazieren, immer wieder verwunderter Sterngucker, früher Webdesigner, begeistert von jeder Technologie im Zusammenhang mit Computern, gelegentlich Banjo-Spieler, ganz ordentlicher Koch, liebt sehr starken, schwarzen Kaffee, zuckersüchtig, trägt Socken zu Sandalen und interessiert sich nicht die Bohne dafür, was andere davon halten.

William Kowalski hat außerdem My Writing Network gegründet, das erste Multisite-Netzwerk speziell für Autoren und Selbstverleger. My Writing Network bietet als Plattform kostenlose Websites für Autoren und Selbstverleger.
Die eigene Site kann benutzt werden, um eigene Bücher zu bewerben, neue Kunden und/oder Leser zu finden oder auch einfach, um über alles Mögliche zu schreiben … Und das absolut ohne Kosten.
Die benötigte Software gibt es neben Englisch auch auf Deutsch, Französisch, Spanisch und Polnisch.

Der Anfang

Paris, 1970

 

Bevor das alles hier anfing, habe ich mich nie als Detektiv gesehen. Und ich sehe mich heute noch nicht so. Wirklich, die ganze Sache ist eigentlich ein einziger großer Witz.

Ich ging immer davon aus, dass Leute sich Detektiv nennen, weil sie tatsächlich so etwas wie eine Detektivschule besucht haben. Vielleicht so eine Art Akademie, auf der einem beigebracht wird, wie man Mörder aufstöbert, wie Portiers bestochen werden, wie man am gekonntesten den Kragen seines Trenchcoats hochstellt, wie man so richtig einschüchternd die Stirn in tiefe Falten legt und die zwielichtigen Typen einfach düster anfunkelt, denen man eminent wichtige Informationen entlocken muss. Dann gibt es andere Detektive – beispielsweise Miss Marple – die sind wahrscheinlich einfach Naturtalente. Ich bewundere Miss Marple, habe aber selbst so gar nichts mit ihr gemein, und genau genommen auch nicht mit den anderen – bin also weder Naturtalent noch Absolvent der großen Spürnasen-Universität.

Ich nenne mich aus einem völlig anderen Grund Detektiv: Ich bin ein Hochstapler.

Nun denken Sie nicht gleich schlecht über mich. Nachdem man mich aus der Army rausgeschmissen hat, musste ich ja mit irgendwas meine Brötchen verdienen. Ich hab mir nicht gleich die erste beste Identität gekrallt, die mir über den Weg lief. Ich habe verschiedene ausprobiert, bevor ich eine fand, die zu mir passte. Ein Kerl tut eben, was er tun muss in dieser großen bösen Welt.

Es ist wirklich ein herrliches Gefühl, jeden an der Nase herumzuführen. Ich weiß sehr gut, wovon ich hier rede. Ich mach’s schon mein ganzes Leben – schon lange bevor ich anfing, mich Schnüffler zu nennen. Im Grunde ist mein ganzes Leben eine einzige haarsträubende Lüge, und es ist nur noch komplizierter geworden, nachdem ich die in unschuldiger Jugend geradezu unvorstellbare Wegmarke von einunddreißig Jahren überschritten und mich wie ein ängstlich piepender Sputnik in die Tiefen des Alls – besser bekannt als Mittleres Alter – hinausgewagte habe. Ich erzähle diese Geschichte jetzt, weil ich versuchen möchte, dieses ganze Lügengespinst zu entwirren.

Allerdings ist mir schon im Ansatz klar, dass es vergebliche Liebesmüh sein wird. Nichts könnte je all das erklären, was mir widerfahren ist, und nichts wird je all das erklären können, was ich aktiv getan habe. Aber versuchen muss ich’s trotzdem. Mal ganz davon abgesehen: Was bleibt uns denn sonst schon, wenn nicht unsere Geschichten?

Also beginne ich meine Geschichte an dem Zeitpunkt, als mein altes Leben aufhörte: Am 17. April 1970 um kurz nach zehn Uhr morgens.

* * *

Ich lag auf dem Bett in unserem Zimmer im Plaza Athénée, nackt unter einem kühlen Laken, das sich einer luxuriös hohen Fadenzahl rühmte. Nur Augenblicke zuvor war ich bis zur Luminosität stimuliert worden, und meine Haut leuchtete immer noch im Licht der Liebe, das erheblich länger nachklingt als jede andere Art von Licht, und das auch noch erheblich schneller ist, ob du’s glaubst oder nicht, mein lieber Einstein. Meine Sinne wogten im Tsunami-Style.

Ich war ein wenig beschwipst. Mich dürstete nach einer Zigarette, aber ich hatte erst kurz zuvor auf Bitten und Drängen der Person damit aufgehört, die ich mehr liebte als jeden anderen Menschen auf der Welt und die den Geruch von Rauch in meinem Atem nicht ertragen konnte. Solche Dinge tun wir eben für die Menschen, die uns unendlich viel bedeuten. Ich hätte mir den kleinen Finger abgehackt, wäre ich drum gebeten worden.

Irgendwie hatte ich es geschafft, dreißig zu werden, ohne je vorher schon morgens Champagner getrunken zu haben. Damit hatte ich nun einen weiteren Meilenstein auf der Schnellstraße in den Untergang im Rückspiegel. Es war so herrlich verkehrt, und doch auch nur ein weiterer Steinchen zu dem allgemeinen Gefühl, dass alles so herrlich verkehrt war, das sich bislang durch das gesamte Wochenende zog – eine Wochenende prall gefüllt mit Dingen, die in der Tat nicht in Ordnung waren, dafür aber umso herrlicher.

Der Champagner war ein 1968er Veuve Cliquot. Die Flasche stand auf dem Serviertisch, war praktisch leer und was noch drin war, perlte kaum noch. Daneben standen Zehn-Dollar-Wachteleier-Omelettes, die wir nicht angerührt hatten, und ein Korb, in dem sich mal zwei große Schokocroissants befunden hatten, die in meiner Heimatstadt Venus, Pennsylvania, wie Kross Änts ausgesprochen wurden – falls überhaupt –, von denen jetzt nur noch Krümel übrig waren. Eine fast fühlbare Säule Sonnenschein fiel durch die geöffneten Balkontüren herein. Im Englischen kennen wir dafür den Begriff French doors, aber wir waren hier in Frankreich, wo man sie hier vermutlich schlicht und einfach Türen nennt. Oder vielleicht auch: unsere Art Türen. Hier war ein Französischer Kuss einfach ein Kuss: unsere Art Kuss. Und Frühling in Paris war einfach Frühling, die Luft so warm und feucht wie der Atem eines Babys, der Duft gerade knospender Bäume, der sich auf einer sanften Brise entfaltet.

Es gab Verkehrslärm, das Stimmengewirr von Passanten und das Klappern von Besteck gegen Geschirr, als zwei Kellner die Frühstückstische des Straßencafés zwei Etagen unter uns abräumten. Während sie damit beschäftigt waren, machten sie Bemerkungen über vorübergehende Frauen, wie es die meisten französischen Kellner tun, und eigentlich die meisten französischen Männer, und im Grunde pflegen das ja die meisten Männer zu tun.

„Hast du die mit dem geblümten Hut gesehen?“, fragte einer von ihnen. „Ich glaube, sie hat uns angelächelt.“

„Soll sie doch lächeln. Die war mir zu alt“, antwortete der andere. „In ihrem Alter sollte man so was übrigens einen deflorierten Hut nennen. Ich finde, ihr Hut besitzt eine ziemliche Ironie.“

„Also, ich persönlich find’s gut, wenn sie was älter sind“, meinte der erste.

„Ich mag sie lieber jünger als die“, sagte der andere, „allerdings auch wieder nicht zu jung. Es gibt so ein gewisses Alter, von dem sie nicht zu weit entfernt sein sollten, in beide Richtungen.“

„Du hast völlig recht“, sagte der erste Kellner. Ich hörte das Anreißen eines Streichholzes, und ein paar Augenblicke später zog mir ein Dufthauch seiner beißenden Gauloise in die Nase. „Hier kommen die Bullen“, fügte er hinzu. „Diese Dreckskerle.“

„Ah, merde“, erwiderte der zweite Kellner. Er verlieh dem Wort mehrere Silben, zog es genauso in die Länge wie’s bei uns die Südstaatler mit dem Wörtchen Sheeeeeee–it machen.

Ich verfolgte diesen Austausch von Gallizismen mit großem Interesse. Mein Französisch war nicht sooo gut, aber es hatte mich schon immer fasziniert, wie Heten untereinander reden. Hatte was von Außerirdische zu belauschen.

Im Bad lief die Dusche, und durch die offene Tür hörte ich Christopher, der eine richtungslose Melodie summte. Ich wusste, dass er einfach nur unter dem Duschkopf stand und sich das Wasser auf den Rücken plätschern ließ. Er liebte es, lang und sehr heiß zu duschen. Von Zeit zu Zeit hörte ich sein Kichern, und ich wusste, worüber er immer noch lachte: die ziemlich ungepflegt wirkende Zigeunerin, die gestern beim Abendessen von Tisch zu Tisch gegangen war und mir geweissagt hatte, dass ein langes, ruhiges Leben mit der Frau an meiner Seite vor mir läge. Ganz offensichtlich ließen ihre übersinnlichen Kräfte doch sehr zu wünschen übrig.

Ich wartete, dass Christopher wieder ins Bett kam. Wir hatten es nicht eilig. Der Morgen war wie ein langsam abbrennendes Räucherstäbchen, das scheinbar bis in alle Ewigkeit so weiter schwelen könnte.

Ich hörte das Kratzen und Klicken eines Schlüssels, und dann schwang die Tür zu unserem Zimmer auf. Gaspard, der Concierge, stand in der Tür. Ich brauchte einen Moment, ihn hier außerhalb seines natürlichen Habitats der Hotellobby wiederzuerkennen, welche ein ganz eigenes Reich byzantinisch gefliester Wände war mit Teppichen so dick, dass sie einen lautlos wandeln ließen, wenn man sie betrat, und mit fast echten Palmen in scheren Bronzetöpfen.

Normalerweise strahlte Gaspards molliges Gesicht wegen der Freude, die es ihm bereitete, auf jede Laune seiner Gäste einzugehen: Ah oui, M’sieur, ein Wagen für Sie um neun Uhr, ce n’est pas un Problème; eh bien, Madame, natürlich werden wir Ihren Pudel striegeln und umhätscheln lassen – ich werde ihn höchstpersönlich ins spa de chiens begleiten. Jetzt jedoch war sein Gesicht blass und feucht, wie ein in Panik geratener Mond, der aus dem Meer aufsteigen musste. Ich stemmte mich auf einen Ellbogen hoch, versuchte schlau zu werden aus diesem sich völlig unerwartet bietenden Mysterium.

„Gaspard, um Himmels willen“, sagte ich. „Bestechen wir dich nicht genug, dass du anklopfen kannst? Wir sind frivol.“

„M’sieur –“, stammelte er.

Offensichtlich wollte er mehr sagen, doch stattdessen explodierte er förmlich ins Zimmer, als hätte ihn ein Stier von hinten auf die Hörner genommen. Mehrere Männer ergossen sich über seinen auf dem Bauch liegenden Körper. Sie trugen die Uniform der amerikanischen Militärpolizei, und ihre Hände umklammerten kantige stählerne Objekte. Ich erkannte in diesen Gegenständen sofort Pistolen des Kalibers .45, da ich selbst gleichermaßen bewaffnet war. Meine befand sich derzeit auf der anderen Seite des Zimmers, wo sie unschuldig in ihrem weichen Lederholster über der Lehne eines Stuhls hing. Sie hätte ebenso gut in Zimbabwe sein können, was jedoch nicht heißen soll, dass ich in dieser Situation nach ihr gegriffen hätte. Die hätten sofort auf mich geballert, bis ich wie ein feuchter Laib Brot auseinandergefallen wäre.

Alle MPs brüllten gleichzeitig. Ihre gebellten Kommandos glitten übereinander und verschmolzen zu einem einzigen langen Befehl, den ich zuerst für ein einzelnes Wort hielt.

Keinebewegunghändeaufdemlakenlassensobleibenoderichschieße!

Was man mir nicht zweimal sagen musste, eigentlich auch nicht ein Mal. Noch nie zuvor war eine Waffe auf mich gerichtet worden. Ich brachte keine Silbe heraus. Die Mündung einer .45er ist ein obszön großes Loch, und ich meine hier durchaus nicht die gute Sorte von Loch. Es hat überhaupt nichts Erotisches.

Zwei der MPs blieben, um mich zu bewachen. Ihr Gesichtsausdruck versprach unmittelbar bevorstehende Gewaltanwendung. Die beiden anderen verschwanden ins Bad. Es folgte mehr Gebrüll. Dann ein Geräusch, das nur vom Duschvorhang kommen konnte, der von seiner Stange gerissen wurde. Wasser klatschte auf Bodenfliesen. Christopher brüllte irgendwas zurück, schleuderte ihnen unverständliches Zeugs um die Ohren. Ich hörte Flüche, das hektische Quietschen nackter Füße über Porzellan. Dann das schmatzende Geräusch einer auf nassem Fleisch auftreffenden Faust. Und dann eine beunruhigende Stille.

Ich könnte nicht sagen, wann der Mann im dunklen Anzug den Raum betrat. Er schien einfach zu materialisieren, die Hände in den Taschen, als wäre er vom Boden ausgeschwitzt worden. Sehr klein – kaum größer als einsfünfzig –, Brille mit wuchtigem Gestell auf einer Knollennase, sehr gerade sitzender schwarzer Fedora, auch nicht ein Hauch von verwegen. Er sah aus wie ungefähr … zwölf. Grimmige Genugtuung übers ganze Gesicht geschmiert wie die Spuren eines Sandwich mit Erdnussbutter und Gelee. Nicht nötig zu fragen, wer er war. Ich kannte seine Sorte. Ein Esel schilt den anderen Langohr.

Ich fand die Sprache wieder.

„Was machen die da drinnen mit ihm?“, fragte ich.

Der Mann schüttelte den Kopf.

„Seien Sie ganz ruhig, Captain Starling“, sagte er. „Ich bitte Sie, sprechen Sie nicht. Nicht ein Wort.“

Ich hatte eine präpubertäre Gequietsche erwartet, aber seine Stimme war leise, womit er wie jemand klang, der sehr lange darauf gewartet hatte, dass ein bestimmtes Ereignis eintrat, und der nun Angst hatte, es womöglich zu stören. Sein Akzent war Englisch oder doch fast Englisch, war aber schwer genau einzuordnen.

Ich hatte jede Menge Fragen an ihn. Zum Beispiel: Warum gleich mit der halben Fünften Armee kommen, nur um zwei Homos einzulochen? Warum es nicht auf die normale Art und Weise machen, Fotografen und Erpressungsdrohungen inbegriffen? Womit hatten wir uns diese doch etwas plumpe Behandlung verdient? Aber der Mann im dunklen Anzug hatte bereits zu verstehen gegeben, dass er nicht in Frage-und-Antwort-Laune war.

Wir warteten also gefühlte Stunden, obwohl es vermutlich eher Sekunden waren. Schließlich tauchte Christopher aus dem Bad auf. Er war nackt und immer noch nass. Ein roter Striemen war dort auf seinem wunderschönen, zarten Gesicht aufgetaucht, wo sie ihn offenkundig geschlagen hatten. Die Hände lagen auf seinem Kopf. Die MPs kamen hinter ihm heraus, ihre Waffen auf seinen Rücken gerichtet.

„Ah, Lieutenant-Colonel Huygens“, sagte der Mann im dunklen Anzug. So wie er Überraschung heuchelte, war mir klar, dass er diesen Augenblick ungeheuer genoss. „Ist vielleicht sonst noch jemand hier?“

Weder Christopher noch ich gaben ihm darauf eine Antwort. Es schien eine völlig absurde Frage zu sein.

„Und?“, sagte der Mann.

„Da wäre noch der Concierge“, meinte Christopher und deutete mit dem Kinn auf Gaspard, der immer noch auf dem Boden lag.

Oh. Gaspard hatte ich völlig vergessen. Der Mann im Anzug ebenfalls. Alle sahen jetzt zu ihm hinab.

S’il vous plait“, sagte Gaspard.

Va-t-en“, sagte der Mann im Anzug.

Gaspard verzichtete auf die zweibeinige Fortbewegung. Er kroch auf Händen und Knien aus dem Zimmer, wobei er stark an eine Krabbe erinnerte, die verzweifelt versuchte, einem Reiher zu entkommen. Ich konnte nicht anders als auf seinen üppigen Hintern starren, der aufgrund der auseinanderfallenden Rockschöße des Sakkos deutlich sichtbar war, und sah, dass auf seinem Hosenboden ein großer feuchter Fleck aufgetaucht war. Der arme Gaspard; nichts in seinem bisherigen Leben als Speichellecker der Reichen hatte ihn auf so etwas vorbereitet. Er hatte sich aus schierer Angst eingepinkelt.

Natürlich hatte auch mich nichts auf das hier vorbereitet.

„Anziehen“, herrschte der Mann im Anzug Christopher an.

„Könnte ich möglicherweise ein Handtuch bekommen?“, fragte Christopher. Ich staunte, wie fest seine Stimme klang. Hätte ich nicht ohnehin schon gelegen, in diesem Moment wäre ich andernfalls ohnmächtig geworden.

Der Mann nickte. Ein MP verschwand ins Bad und kehrte wenig später mit einem der großen, fluffigen Handtücher des Hotels zurück. Sie waren berühmt, diese Handtücher. Wenn man das Gesicht in ihnen vergrub, roch man Lavendelseife und Sonnenschein, und man hatte das Gefühl, nach Hause gekommen zu sein … von woher auch immer man gerade kommen mochte. Der MP gab Christopher das Handtuch mit geradezu übertriebener Scheu. Christopher nahm es und begann, sich abzutrocknen.

Ich erinnere mich, dass er ganz ruhig war, fast als würde er sich jeden Tag unter vorgehaltener Waffe ankleiden. Außerdem wich er betont meinem Blick aus. Es war, als hoffte er, sie nicht auf meine Anwesenheit aufmerksam zu machen, indem er mich einfach ignorierte. Natürlich vollkommen lächerlich, da ich deutlich sichtbar dort auf dem Bett lag. Aber er versuchte, mich zu beschützen, indem er so tat, als existiere ich nicht. Ich weiß, dass er das machte. So viel bedeutete ich ihm. Deshalb sagte er nichts zu mir, nicht mal ein kurzes Ade!, als zwei MPs links und rechts seine Arme packten und ihn durch die Tür abführten. Ich sah ihm mit dem gleichen Gefühl im Bauch nach, das auch Achilles gehabt haben musste, als Patroklos den Strand hinauf in den Kampf zog.

Jetzt blieben nur noch ich und der Mann im Anzug sowie zwei MPs. Einer von denen schloss die Tür. Sie bauten sich an ihren beiden Seiten auf. Ich wusste, dass mir nichts Gutes bevorstand.

„Captain Starling“, sagte der Mann.

Mein Mund war inzwischen wie ausgetrocknet, fast als wäre ich schon eine Leiche. Aus der Nähe betrachtet fiel mir noch etwas an ihm auf – seine beiden oberen Schneidezähne waren zapfenförmig. Das war ein seltsam gruseliges Detail, das auf irgendeine genetische Anomalie hindeutete, durch die er nicht ganz so war wie der Rest von uns und damit automatisch etwas, vor dem man Furcht haben musste.

„Ja“, sagte ich vorsichtig.

Er schwebte irgend an die Seite des Bettes und beugte sich über mich, bis ich seine Nasenhaare zählen konnte. Er griff nach unten und zog das Laken weg. Wir sahen beide auf mein Gemächt, das sich in einem Zustand befand, der meine schrumpelnde Angst erkennen ließ. Seine Oberlippe kräuselte sich verächtlich oder vielleicht war es auch belustigt. Wirklich unergründlich, dieser Mann im dunklen Anzug.

„Haben Sie und Lieutenant-Colonel Huygens einen netten gemeinsamen Urlaub verbracht?“, fragte er mit seiner leisen, erwartungsvollen Stimme. Ich bemühte mich, diesen Akzent zu identifizieren. Vielleicht war nachgemachtes Britisch nicht richtig. Er klang eher wie ein Bostoner, aber nicht wie ein Allerweltshilfskellner aus Southie, sondern eher wie ein echter Vertreter der Ostküstenaristokratie. Ich hörte Ivy League in seiner Stimme und eine geradezu britische Affektiertheit, die ihm jedoch so tief in den Knochen steckte, dass es gar keine Affektiertheit mehr war. Er war ein Überbleibsel jener Zeit, als unser Geheimdienst seine Leute unter den Besten der Besten rekrutierte, den Klügsten der Klugen, aus den allerbesten Familien. Jung, aber dennoch total old school. Irgendwie machte ihn das noch furchterregender als diese Tonnenzähne.

„Wir befinden uns nicht auf einem gemeinsamen Urlaub“, sagte ich. „Wir teilen lediglich ein Zimmer.“

„Ah, ich verstehe“, sagte der Mann. „Also praktisch nur so was wie Zimmerkameraden, richtig?“

„Ja, genau“, antwortete ich. „Nur Zimmerkameraden.“

Einer der MPs unterdrückte ein Glucksen.

„Einander sehr nahestehende Zimmerkameraden, ich verstehe“, sagte der Mann. „Die nackt voreinander herumlaufen können. Die sich ein Frühstück teilen können. Die sich“ – und jetzt sah er sich im Zimmer um, als müsse er sich noch einmal vergewissern, dass es kein zweites Bett gab – „die Schlafgelegenheit teilen. Oder so sieht’s zumindest aus.“

Worauf ich nichts sagte. Was hätte ich auch sagen können? Ein sorgfältig gehütetes Geheimnis, viele Monate alt, hatte sich gerade eben vor meinen Augen verflüchtigt, und mit ihm verdunstete das Fundament meiner gesamten Existenz.

„Ich frage mich, ob Ihnen vorhin etwas aufgefallen ist“, sagte der Mann im Anzug. „Etwas sehr Interessantes.“

„Ich weiß nicht, was Sie meinen.“

„Ihr … Zimmerkamerad. Etwas, das er getan hat. Beziehungsweise eben nicht getan hat.“

„Wirklich“, sagte ich.

„Ja. Wirklich. Sie haben es nicht gesehen?“

„Ich fürchte nicht, nein“, sagte ich.

„Was er nicht getan hat“, sagte der Mann im Anzug, „war, mich zu fragen, warum wir hier sind. Ist Ihnen das aufgefallen?“

„Nein“, sagte ich.

„Aber jetzt werden Sie sich doch sicherlich erinnern. Es ist fast, als müsste er gar nicht fragen“, sagte der Mann. „Es ist beinahe, als hätte er es gewusst.“

Auch dazu sagte ich nichts.

„Wissen Sie, Captain Starling, warum wir hier sind?“

Ich dachte angestrengt nach. Da war die natürlich naheliegende Tatsache, dass meine Liebe zu dem Mann, der gerade aus meinem Leben geschleppt worden war, gegen das Gesetz war. Aber das war so offensichtlich, dass ich es nicht für weiter erwähnenswert hielt. Ich hatte das Gefühl, das hier noch etwas anderes abging, etwas, das klar auszusprechen er absichtlich vermied, um zu sehen, ob ich es wohl als Erster anschnitt. Ich kannte dieses Spiel nur zu gut. Ich hatte es selbst viele Male gespielt, allerdings befand ich mich normalerweise stets auf der anderen Seite.

Das war nicht die übliche Vorgehensweise der Army, wenn sie diejenigen ihrer Angehörigen outen wollte, die sich unglücklicherweise ineinander verliebt hatten. Normalerweise gab es Vorwürfe und Beschuldigungen vorgesetzter Offiziere. Vielleicht auch kompromittierende Fotos. Dann folgte ein summarisches Verfahren vor dem Kriegsgericht. Man machte keinen auf dicken Max, fuchtelte nicht wild mit Erbsenpistolen herum. Könnte schließlich jemand verletzt werden.

„Nein“, sagte ich. „Ich weiß nicht, warum Sie hier sind.“

Der Mann im Anzug grinste ausgesprochen dreckig.

„Wir werden sehen, Captain Sterling. Wir werden sehen.“ Über die Schulter befahl er: „Abführen.“

Und ich wurde abgeführt.

Es gibt noch ein weiteres Detail dieses Tages, das mir in den Kopf kommt, und zwar dies: Als sie mich dann abführten, versprach ich mir und dem Sonnenlichtstrahl und den offenen Türen und dem Duft der Bäume und Christopher, dass ich sie alle eines Tages wiederfinden würde. Aber wenn ich nur eines dieser Dinge finden könnte, dann sollte es Christopher sein. Ich würde warten, ich würde es aushalten. Ich wusste, es könnte sehr lange dauern, bevor ich ihn wiedersah. Aber ich würde ihn wiedersehen, das schwor ich mir. Und wenn ich ihn zurückbekam – gleichgültig, in welcher Verfassung er sich dann befinden mochte, egal, wie sehr sie ihn gebrochen hatten – dann würde uns niemand jemals wieder auseinanderbringen! Ich hatte plötzlich gelernt, dass das Leben zu kurz war, um es mit etwas anderem als Liebe zu verplempern.