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ende

Krass.

Ein guter Samariter

Voll der Dirty Harry, Mann.

Alle reden vom Samariter-Killer

Vielleicht, dachte Neuman, war’s ja einfach so, dass Bobby zu der Erkenntnis gelangt war, dass der Job eines Polizisten zu neunundneunzig Prozent aus Scheißarbeit bestand und das eine restliche Prozent auch nicht so wahnsinnig viel aufregender war. Neuman war dreimal so lange Polizist wie Redfield, und er war etwa zur gleichen Zeit zu dieser Erkenntnis gelangt, als er so lange in der Abteilung war wie Redfield jetzt. Er hätte eigentlich gedacht, dass Redfield etwas länger bis dahin gebraucht hätte, und wenn nur aus dem einen Grund, weil es heute viel mehr Krimis im Fernsehen gab als früher und die immerhin die Möglichkeit andeuteten, dass Polizeiarbeit aufregend und spannend sein konnte – in flotten Zivilfahrzeugen mit Highspeed durch die Straßen brettern, das Blaulicht aufs Dach geklemmt, Türen eintreten und Verdächtige anschnauzen, endlich ihre Scheißpfoten zu heben, kleine Taschendiebe in den Polizeigriff nehmen und ihnen praktischerweise zufällig herumliegende Mülleimerdeckel voll ins Gesicht knallen, Bankräuber durch Glasscheiben abknallen und in der Mittagspause natürlich mit einer scharfen Pflichtverteidigerin ins Bett hüpfen. Als Neuman Jugendlicher gewesen war, da war Dragnet die einzige Krimiserie im Fernsehen, die auf ihre Art – die ganze Scheißarbeit inbegriffen – der Wirklichkeit ziemlich gut entsprochen hatte, obwohl die Helden damals immer auch eine fette Überdosis Glück gehabt hatten. Und Glück war etwas, das sich nach Neumans Erfahrung immer erst dann blicken ließ, wenn man neunundneunzig Prozent der neunundneunzig Prozent der Arbeit erledigt hatte, die nichts als Scheißarbeit war. Dann, wenn ein Verdächtiger nicht zu Hause war, den man in dem Augenblick auch nicht zu Hause haben wollte beziehungsweise doch zu Hause war, wenn man es so wollte, oder irgendwas in der Richtung, dann glaubte man, Glück zu haben, und übersah dabei die Tatsache, dass man ja vorher schon die ganze Scheißarbeit hinter sich gebracht hatte, nur um herauszufinden, dass der Verdächtige überhaupt erst mal ein Verdächtiger war.

Die Begegnung von Carlos Pabon und einer Smith & Wesson endet für Carlos mit einem Loch in der Stirn. Weil Pabon ein mieser kleiner Dreckskerl war, der seine Freude an der Angst anderer hatte, schreiben die Zeitungen von der Tat eines »Samariter-Killers«. Und es bleibt nicht das letzte Opfer dieses Täters. Gleichzeitig erschüttert eine zweite Mordserie die Megastadt – diesmal jedoch sind die Opfer ausnahmslos selbstbewusste, starke Frauen. Gibt es Zusammenhänge?

Die Detectives Redfield und Neuman – unter Kollegen besser bekannt als Redford und Newman (nach den berühmten Schauspielern aus Filmen wie »Butch Cassidy und Sundance Kid« oder »Der Clou«) – machen sich an die Arbeit …

Die NYC–Romane

»Die Frau mit dem Feuermal«, 2017, Original: »Port Wine Stain«, 1980
»Krass«, 2018, Original: »Sweet Justice«, 1985
»Holy Mike«, 2018, Original: »Saint Mike«, 1987
»Nowhere Man«, ????,  Original »Nowhere Man«, 1987
»Club Dead«, 2018, Original: »Club Dead«, 1988
»Experience Blues«, 2018, Original: »Experience Blues«, 1995
»Nightfall«, 2018,  Original »Nightfall«, 1997
»Lust«, 2018, Original: »Lust«, 1999

Die erste deutsche Ausgabe des Romans erschien 1987 im Rowohlt Verlag unter dem Titel Dschungelkampf. Das Originalmanuskript wurde für die spraybooks-Ausgabe überbearbeitet.

Jerome Oster

— formerly known as Jerry, denn: Jerome is my penname (lately), since I don’t care for Jerry — wird 1943 in New Mexico geboren, kommt als Zehnjähriger nach New York, besucht die Highschool und später die Columbia University, wo er englische Literatur als Hauptfach belegt. Danach hat er einen Job bei United Press International News Service, dann bei Reuters und schließlich bei den New York Daily News. Ein Journalist, ein Mann wie mehrere seiner Protagonisten. Jerome Oster war Polizeireporter, war an unzähligen Tatorte und hat über alle möglichen Verbrechen geschrieben.

Jerome Oster, Nov 2016

Der Anfang

Carlos

Carlos ließ sein Messer am Oberschenkel der Frau entlanggleiten, der durch den Schlitz in ihrem langen schwarzen Kleid bis zur Hüfte nackt hervorschaute.

Der Prince tanzte mit zusammengekniffenen Augen verzückt zu den Salsaklängen, die aus dem Panasonic in seiner Armbeuge dröhnten. Er hielt das Radio wie ein Baby.

Zero lungerte auf der Bank, zog an einem Joint.

Mit der Spitze des Stiletts berührte Carlos die Stelle zwischen den Brüsten der Frau, ihre nackten Schultern, das Grübchen an ihrem Hals. Ihre grünen Augen musterten ihn verächtlich.

Zero lachte. »Yo, Carlos. Willste die Braut ficken?« Wie mit all seinen Versuchen, bei Carlos auf die Kumpeltour zu landen, fiel er auch mit dieser Bemerkung auf die Nase.

Mit der Messerspitze fuhr Carlos über den Unterarm der Frau und die kurze weiße Pelzjacke, die sie lässig über ihre Schulter geworfen hatte.

Die Gleise klirrten. Ein Luftzug durchfuhr den Tunnel.

»Ey, die Bahn«, rief Zero, rutschte von der Bank, versuchte seine Schlappe wieder wettzumachen. Er beugte sich weit über die Bahnsteigkante, nickte seine Diagnose ab und richtete sich wieder auf, am Kragen seiner Nylon-Windjacke zupfend. »Sag ich doch, ne Bahn. Scheiß, wurde ja auch mal Zeit.«

Der Prince wechselte den Sender, wirbelte über Werbung, Nachrichten, Gerede, Mozart, Mantovani, suchte nach noch einem Song wie der Nummer eben. Ein Hai, der immer in Bewegung bleiben muss, sich das Leben aus der Musik holt.

Carlos trat einen Schritt zurück, um die Frau von oben bis unten zu betrachten. Sie hatte die linke Hüfte abgewinkelt, die linke Hand lag auf ihrem Hintern – ganz leicht, schien ihn sanft zu streicheln. Ihre Haut war weiß: weiß neben dem schwarzen Kleid, weiß neben dem rotbraunen Haar, weiß neben den dunkelrot geschminkten Lippen, weiß neben der kurzen weißen Pelzjacke. Am linken Handgelenk trug sie ein goldenes Armband, am rechten Ringfinger einen silbernen Ring. An den Füßen hochhackige silberne Sandalen. Sie war schon überall gewesen, hatte alles erlebt und würde wieder losziehen, sobald sich etwas Neues ergab; mit ihr zu sein, würde ein teures Vergnügen.

Der Luftzug aus dem Tunnel wurde stärker; es stank nach der abgestandenen Hitze des Sommers.

Das Plakat war größer als alle anderen an den Wänden der U-Bahnstation; die Frau war beinahe lebensgroß. Sie posierte vor etwas, das die Skyline von Manhattan sein sollte – erleuchtete Fenster in Gebäuden, die sich gegen einen mit einem Sichelmond geschmückten Nachthimmel abzeichneten. Die Fenster bildeten Worte: KANAL 3 – IMMER DABEI. Über dem Fenster, in einer Schrift in genau demselben Rot wie der Lippenstift der Frau, stand: Bleib lange auf mit Chris Kaiser. Unter den Füßen der Frau, in großer Blockschrift im Silber ihrer Sandalen, die eindringliche Aufforderung: SEHEN SIE NEW YORKS SPÄTNACHRICHTEN. NACHTS UM 12 AUF KANAL 3 MIT CHRIS KAISER … EINFACH SENSATIONELL!

Das dumpfe Grollen des einlaufenden Zugs wurde zu einem Donnern.

Carlos wollte in ihrem Mund, ihrem Arsch, ihrer Fotze sein. Er wollte leergesaugt, ausgelutscht und wieder leergesaugt werden. Er legte die Messerspitze zwischen ihre Beine und drückte fest zu, zerriss dabei das Papier. Er zog die Hand zurück und stach in ihren Unterleib.

Zero lachte, schlug sich auf die Schenkel. »Gib’s ihr, Mann, gib’s … ihr. Yo, Prince. Yo! Guck dir das an. Carlos fickt die Nutte.«

Sorgfältig schlitzte Carlos ihr die Kehle auf.

Mit einem Höllenlärm fuhr der Zug in die Station ein, übertönte die Musik, überflutete den Bahnsteig mit Hitze und Lärm. Carlos trat zurück, ließ das Messer zuschnappen, schob es in die Tasche seiner Tarnjacke und drehte sich um.

Mit lautem Kreischen hielt der Zug. Dann war Prince’s Musik wieder besser zu hören.

»Yo, Carlos. Komm jetzt, Mann.« Zero stand in der mittleren Tür des letzten Waggons und hielt die automatische Schiebetür mit einem Fuß offen.

»Weg von den Türen da hinten!« Die müde Stimme des Zugführers dröhnte durch das statische Rauschen der Lautsprecheranlage.

Zero beugte sich aus dem Wagen und zeigte dem Zugführer den gereckten Mittelfinger. Er warf Carlos einen Blick zu, wollte Beifall.

Carlos legte eine Hand auf Zeros Brustkorb – er war weich, scheinbar knochenlos – und schob ihn in den Wagen. »Mach schon, Arschloch! Du hast doch den Mann gehört!« Carlos blieb in der Tür stehen, als der Zug sich langsam wieder in Bewegung setzte, sah zu der Frau zurück, die ihn nicht länger quälen würde. Dann ging er zu der Haltestange in der Mitte des Wagens und lehnte sich dagegen. Er sah in Fahrtrichtung, die Hände in den Gesäßtaschen seiner Jeans, die Knie entspannt, um die Stöße des Zuges abzufedern, die Augen auf die Beine einer winzigen Asiatin in der Uniform einer Krankenschwester geheftet.

* * *

Von seiner Endstation in der Zweihundertsechsundvierzigsten Straße in der Bronx bis zu dieser Haltestelle in der Einhundertachtundsechzigsten Straße in Manhattan hatte der in südlicher Richtung fahrende Broadway-Nahverkehrszug nur wenige Passagiere eingesammelt. Sie lebten in einem anderen Rhythmus als der Großteil der übrigen Welt: Arbeiter auf dem Heimweg oder auf dem Weg zur Schicht; Nachtmenschen, die schon früh unterwegs waren; Frühaufsteher, die sich spät nach Hause schleppten. Und Spezialisten: ein Penner, der den Zug für diese Nacht zu seiner Absteige umfunktioniert hatte und gerade seine zweite Tour von der Bronx zur Battery und zurück machte; ein Graffiti-Künstler, der am Times Square in die Flushing-Linie umsteigen und zu den U-Bahndepots nach Queens fahren würde – seinem Atelier –; dort würde er die Nacht damit verbringen, Züge im wild style zu bemalen. Die Fahrgäste saßen weit voneinander entfernt, jeder eingehüllt in seine eigenen Ängste, denn jeder von ihnen könnte ein Krimineller sein – außer der Krankenschwester, die nur Opfer sein konnte.

Der Prince drehte die Lautstärke seines Panasonic hoch, damit er die Musik trotz des Zuglärms hören konnte. 

Zero inhalierte den letzten Zug seines Joints und schnippte die Kippe auf ein geöffnetes Fenster zu. Er traf nicht und so landete sie auf dem freien Platz neben einem Mann in Jeans und Cordjacke, der ein Taschenbuch las. Der Mann wischte die Kippe mit seinem Buch vom Sitz.

»Yo, Arschloch. Is doch keine Müllkippe hier.« Zero lachte und fixierte Carlos’ Rücken. Seine Augen bettelten, dass Carlos sich umdrehen und ihn loben möge. Als sein Blick zurückwanderte, sah der Mann ihn an, erkannte sofort seine Situation. Zero studierte eine Werbung über dem Kopf des Mannes – oder versuchte es wenigstens; in der fünften Klasse hatte er aufgehört, zur Schule zu gehen.

Carlos zog unterdessen in Gedanken langsam die Krankenschwester aus, warf ihr Häubchen zur Seite, dann ihr Cape, zog eine Lage der gestärkten sterilen Kleidung nach der anderen fort, bis ihr winziger Körper vor ihm lag. Er zischte durch zusammengepresste Zähne und lächelte, als sie ihn nicht ansah, denn er wusste, dass sie ihn gehört hatte. Er setzte sich ihr gegenüber auf eine Bank, streckte die Beine aus. Seine Converse All Stars berührten beinahe ihre winzigen weißen Schuhe.

Sie zog die Füße weg.

In der Hundertsiebenundfünfzigsten Straße stieg niemand aus und niemand ein.

Carlos setzte sich neben die Krankenschwester. Sie roch sauber. Mit winzigen Händen drückte sie ihre Handtasche fest an ihren Bauch. Ihr müdes Gesicht war voller Angst. Ihre Augen waren weit aufgerissen.

Carlos schob einen Finger hinter ihr Ohr und hob eine Haarsträhne an. »He, Baby, willste ein bisschen Spaß?«

Sie schloss die Augen und hielt die Luft an.

Carlos ließ einen Fingernagel unter ihr Ohrläppchen gleiten. »Ich hab ein echt großen Schwanz.«

Die Krankenschwester stand auf und ging mit steifen Schritten zum vorderen Ausgang.

Carlos holte sie ein, packte ihr Handgelenk und drehte sie herum, zog sie an sich und beugte sich herab, um sie zu küssen. Sie drehte den Kopf blitzschnell zur Seite, und er bekam nur einen Mund voller Haare.

Zero konnte nicht anders, er prustete laut los. Dann stand er auch schon neben Carlos, zielte mit einem Finger genau zwischen die Augen der Krankenschwester. »Yo, Fotze. Stehst du nicht auf meinen Freund, oder was?«

Carlos packte Zero am Kragen und stieß ihn zu der Verbindungstür zum nächsten Wagen. »Lass keinen rein oder raus!«

Zero, der arme Zero – sein richtiger Name war Roberto, nach einem Baseball-Star, aber er war immer nur Zero, nicht mal eine richtige Zahl –, hob die Hände und ließ sie sofort wieder sinken. »Wie soll ichn das machen?« Er spürte die Blicke des Mannes in Jeans und Cordjacke und sah ganz bewusst nicht zu ihm rüber.

Carlos stöhnte und ließ genervt die Schultern sinken. »Du hast dochn Scheißmesser, oder?«

Froh, daran erinnert zu werden, holte Zero das Messer raus, klappte es auf und filetierte die Luft, während er langsam rückwärts Richtung Tür ging. »Keiner rührt sich, kapiert?« Er spürte, wie der Mann in Jeans und Cordjacke nervös auf seinem Platz rumrutschte.

Der Prince hatte sich bereits unaufgefordert vor der hinteren Tür des Wagens aufgebaut, die Panasonic auf dem Boden zwischen seinen Füßen. Er sagte nichts, hielt sein Messer in beiden Händen. Ein echter Fighter.

Carlos hob sein Messer vors Gesicht der Krankenschwester und ließ die Klinge herausspringen. Obwohl sie die Augen geschlossen hatte, zuckte die Frau zusammen. Er lachte. »He, Baby. Du musst echt keine Angst haben. Wir zwei machen gleich was total Schönes …«

Die anderen Fahrgäste saßen wie benommen und stumm da. Kopien menschlicher Wesen, die beteten, dass es bald vorbei sein möge. Alle außer dem Mann in Jeans und Cordjacke, der sich vorbeugte, die Ellenbogen auf den Oberschenkeln, das Taschenbuch immer noch aufgeschlagen in den Händen, wie ein Gebetbuch. Doch er studierte nicht den Text, er verfolgte alles aufmerksam.

Der Zug wurde immer langsamer, schließlich kroch er nur noch, aufgehalten von irgendeinem unerklärbaren Signal kurz vor der Haltestelle in der Hundertsiebenundvierzigsten Straße.

Zero war sich ganz sicher, dass jemand die Notbremse gezogen haben musste, dass gleich die Cops den Zug umringen und sie mit ihren Taschenlampen blenden würden, während ihre Megaphone mit Rückkopplungen kreischten. »Yo, Carlos.« Er zuckte zusammen, als Carlos ihm einen bösen Blick zuwarf, weil er seinen Namen ausgesprochen hatte. »Ich … ich will doch nur wissen, ob wir hier aussteigen?«

Carlos stieß seine Knie gegen ihre Beine, sie setzte sich in Bewegung, er schob die Krankenschwester vor sich her den Gang hinunter. Vor jedem Fahrgast blieb er stehen, grinste spöttisch, als alle schnell wegsahen. »Marciónes. Ihr beschissenen Feiglinge. Wollt ihr der Kleinen nicht helfen? Huevones. Hijos de puta. He, oder wollt ihr vielleicht auch ein Stück vom Kuchen? Wollt ihr die Kleine ficken? Fickt euch selbst! Ich und meine Freunde hier, wir machen ne kleine Party. Und ihr, ihr bleibt schön, wo ihr seid. Verstanden? Ihr folgt uns nicht. Und ihr zieht auch nicht die Notbremse. Und ihr ruft auch keine verdammten Cops. Ihr fahrt einfach schön weiter und vergesst, dass ihr was gesehen habt. Ihr werdet euch an nichts, an überhaupt nichts erinnern. Nada. Verstanden, ihr Saftsäcke? Und um die Kleine hier macht euch mal keine Sorgen. Wir werden ihr schon nichts tun. Wir feiern nur ein bisschen, ich und meine Freunde.« Carlos schob sich den Messergriff zwischen die Zähne und streichelte die Brüste der Krankenschwester, ihren Venushügel, ihren Hintern.

Zero lachte, aber er wusste genau, dass er keinen hoch kriegen würde. Er würde wieder der letzte sein, so wie damals, als Miguels Cousine aus Santo Domingo sie alle rangelassen hatte. Bei dem Gedanken an sie, glitschig vom Sperma seiner Freunde, wurde ihm immer noch kotzübel.

Der Zug ruckte und rollte langsam in die Station.

»Carlos.« Der Mann in Jeans und Cordjacke stand im Gang. Er klappte das Taschenbuch zu und schob es in seine Gesäßtasche.

Carlos nahm den Messergriff wieder aus dem Mund und hielt der Krankenschwester die Klinge an die Kehle. »Setz dich wieder hin, Mann.«

»Lass sie los«, sagte der Mann, laut genug, um den Zug zu übertönen. »Steigt einfach hier aus, genau wie du gesagt hast. Aber ohne sie. Steigt aus, und alles ist gut. Keine Cops. Nichts. Und jetzt lass sie los.«

Er war schlank, wie ein Läufer. Er trug Mokassins und einen marineblauen Pullover. Er mochte Student sein, vielleicht schon ein bisschen zu alt, oder ein junger Professor – für Englisch oder Mathematik. Oder ein Dichter oder ein Banker, der sich mal unters gemeine Volk mischt.

»Lass sie los«, sagte er wieder. Das war ein Befehl – kein Vorschlag, keine Bitte.

Carlos hörte die Autorität in der Stimme des Mannes und spürte die Schnelligkeit und Kraft, doch er genoss die Gefahr. Er war schon zu weit gegangen, um jetzt noch zurückzustecken. »Coño de tu madre

»Carlos.« Zero stand an der Tür, bereit, sofort abzuhauen. »Wir halten.«

Der Mann machte einen Schritt. »Lass sie los … Carlos.« Er lächelte über den Vorteil – wie klein auch immer –, den der Name ihm gab.

Carlos drückte die Messerspitze fester gegen den Hals der Krankenschwester. »Bleib stehen, motherfucker

Der Mann kam näher, langsam, geschmeidig.

Die Krankenschwester öffnete die Augen. »Nein. Bitte. Er wird mich umbringen.«

Der Mann blieb stehen. Mit einer Hand strich er sich durch sein braunes Haar, das aus der Stirn gekämmt war. Plötzlich drehte er sich um und bremste den Prince, der sich herangeschlichen hatte, mit ausgestreckter Hand aus. »Bleib stehen.«

Der Prince lächelte und ließ sein Messer von der rechten in die linke Hand wandern.

Der Mann zog eine Pistole aus einer Innentasche seiner Jacke und richtete sie auf Prince, duckte sich leicht, die Füße gespreizt, zielte mit beiden Händen. Prince erstarrte und wich zurück.

Der Zug hielt. Die Türen öffneten sich.

»Zero! Halt die verdammten Türen auf.« Carlos bewegte sich Richtung Tür, zog die Krankenschwester mit sich.

Zero stöhnte über den Verlust seiner Anonymität.

»Carlos!«

Verrückt – Carlos warf einen Blick hinter seinem menschlichen Schild hervor, vom Ruf des Mannes aufgestört. Sie waren mehr als Gegner; sie waren Tänzer in demselben Tanz, und er musste einfach reagieren. Die Kugel traf ihn zwischen die Augen.

Das Gewicht von Carlos’ Körper warf die Krankenschwester über die Metalllehne einer Sitzbank, ihr blieb die Luft weg. Als sie wieder atmen konnte, schrie sie.

Fahrgäste ließen sich fallen und schrien ebenfalls.

Zero stürzte los. Der Prince rannte, ließ seinen Panasonic im Stich.

Die Türen schlossen sich. Der Zug setzte sich langsam wieder in Bewegung.

Der Mann zog Carlos’ Körper von der Krankenschwester herunter und schleuderte ihn zu Boden, als wöge er gar nichts. Er berührte die Schulter der Krankenschwester, schließlich schaute sie zu ihm hoch. Er lächelte, legte eine Hand auf ihren Kopf, dann ging er zum vorderen Teil des Waggons, öffnete die Schiebetür und trat auf die Metallplattform hinaus. Er löste die Kette, stellte sich auf die Fußstützen, schob die Ziehharmonikaverbindung zurück und sprang, die Hände ausgestreckt, auf den Bahnsteig, er fiel, rollte sich ab, kam wieder auf die Füße, die Pistole – während des Sprunges weggesteckt – wieder gezogen, die Beine breit, mit beiden Händen die Waffe haltend.

Der Bahnsteig war leer.

Der Mann steckte die Pistole ein, wischte sich den Schmutz des Bahnsteiges von Jeans und Jacke, feuchtete mit den Lippen eine Fingerspitze an und rieb an einer Schramme an seiner linken Hand. Dann strich er sich mit beiden Händen durch die Haare und ging auf den Ausgang zu.

Der Fahrkartenverkäufer in seiner kugelsicheren Festung blickte nur kurz von einer Zeitung auf, als der Mann durch das Drehkreuz ging. Die Schlagzeile der Zeitung lautete:

Kriminalität in der U-Bahn endlich besiegt?

Photos: Copyright © by Ivan Bertona (Subway Brooklyn Brdige), Max de Rohan Willner (Subway Bedford Ave.) und 3-3 (Subway innen), 2016, alle auf Unsplash