Suchen
ende

Im Labyrinth

Ein Neil Hockaday-Roman | #2

Ich bin Picasso

Schon für Ross Thomas hieß es in den frühen 1990er Jahren: »Wenn mich jetzt jemand fragt, was ich lese, sag ich nur: Adcock!« Klare Aussage.

In Adcocks zweitem Hockaday–Roman erhält der Detective Einladungen zu künstlerischen Inszenierungen, nach deren Vorlage wenig später Morde stattfinden. Morde, die den Helden einem blutigen Pinselstrich quer durch New York folgen lassen.

Der Roman erschien 1994 im Schweizer Haffmans Verlag unter dem Titel Feuer & Schwefel als deutsche Erstausgabe von »Dark Maze« (1991, Simon & Schuster, New York). Das Originalmanuskript wurde für die spraybooks-Ausgabe vollständig überarbeitet.

Die Cover aller Neil Hockaday-Romane basieren auf Zeichnungen von Nikolaus Heidelbach.

Der Roman erscheint im Sommer bei spraybooks.

Die Romane um NYPD Detective Neil Hockaday

»Der Dschungel«, 2016, Original: »Sea of Green«, 1989
»Im Labyrinth«, 2016, Original: »Dark Maze«, 1991
»Ertränkt alle Hunde«, 2017, Original: » Drown All the Dogs«, 1994
»Der Himmel des Teufels«, 2017, Original: »Devil’s Heaven«, 1995
Original: »Thrown-Away Child«, 1996, bislang nicht auf Deutsch erschienen
Original: »Grief Street«, 1997, bislang nicht auf Deutsch erschienen

Thomas Adock: IM LABYRINTH

Wonder Wheel Coney Island

Der 1947 in Detroit geborene Thomas Adcock wuchs zunächst in seiner Geburtsstadt Detroit und später in New York auf. Als Polizeireporter und Journalist in Michigan und Minnesota begann er seine Karriere in der schreibenden Zunft. Bis 1978 arbeitete er für Zeitungen, dann ging er nach New York und nahm einen Job in der Werbebranche der Madison Avenue an. Daneben schrieb er ein Dutzend einfacher Romane unter Pseudonym und später auch Hörspiele und Drehbücher für Fernsehserien.

Seine erste Buchveröffentlichung unter eigenem Namen war Precinct 19 (1984), ein Tatsachenbericht des Polizeialltags in einem Revier in Manhattan. Im Jahr darauf begann er mit dem Schreiben von Krimigeschichten für  Ellery Queen’s Mystery Magazine. In seiner zweiten Geschichte Christmas Cop im März 1986 ließ er erstmals den New Yorker Polizisten Neil Hockaday die Rolle des Ermittlers spielen. Die Geschichte wurde für den  Edgar Allan Poe Award nominiert.

Es folgten regelmäßig weitere Geschichten, in denen auch Hockaday immer wieder die Hauptrolle spielte. Schließlich erschien 1989 der erste Roman mit dem Polizisten irischer Abstammung als Taschenbuch — Der Dschungel gilt laut Krimi-Couch als „Meilenstein des harten Krimis“. Der hier vorliegende zweite Roman Im Labyrinth wurde dann Adcocks erfolgreichstes Werk: Es brachte ihm 1992 den Edgar für den besten Taschenbuchkrimi ein. Bis 1997 wuchs die Serie auf sechs Romane an, von denen einige in bis zu zehn Sprachen übersetzt wurden.

Danach war Adcock wieder journalistisch tätig und unterrichtete auch als Lehrer für kreatives Schreiben. Außerdem engagiert er sich für verschiedene Schriftstellerorganisationen wie P.E.N. und MWA und war Gründungsmitglied der nordamerikanischen Abteilung der International Association of Crime Writers (IACW/NA). Seit einigen Jahren verfasst er regelmäßig Beiträge für das deutsche InternetMagazin CULTurMAG.

Adcock lebt mit seiner Frau, der Schauspielerin Kim Sykes, wechselweise in einem Farmhaus im Bundesstaat New York und in einer Wohnung in Hell’s Kitchen, Manhattan.

Presse

»Ein herrlich melancholischer Roman, in dem der ständig an der Vergangenheit hängende, durchs moderne und heruntergekommene New York gehende Neil Hockaday es diesesmal mit einem ziemlich durchtriebenen Mörder zu tun bekommt. Tolle Charaktere, eine spannende Geschichte und ein Hardboiled Detective mit einer festen Freundin (!!!) …
Atmosphärisch großartig, jedoch etwas weniger dicht als der Vorgänger und Erstling [Der Dschungel].«, schrieb ein Leser auf der Krimi-Couch, wo der Titel seinerzeit von den Lesern mit 84° von möglichen 100° bewertet wurde.

Auf amazon.de schrieb ein Leser, »Adcock gelingt wieder eine außergewöhnliche Balance zwischen detaillierter Millieuschilderung, Momenten der Ruhe und Szenen knisternder, atemloser Spannung«, und gab dafür 5 Sterne.

Der Blogger ImpressionsArt schrieb: »So ist das Ende von [Im Labyrinth] vergleichbar mit dem dramatischen Finish von Auf der Flucht mit Richard Kimble. Gerade die Dualität Belebter Vergnügungspark = Millionenfache Freude vs. verfallener Vergnügungspark mit Killer regen die Phantasie an.
Detektive Neal Hockaday […] lebt förmlich in der Welt der Verbrecher, käuflichen Damen und schmierigen Zimmervermietern. Insgesamt etwas resigniert ob des verbrecherischen Elends der Welt, aber immer noch motiviert, Verbrecher zur Strecke zu bringen.«

»Dreckig, düster, widerlich – großartig« titelte Stefan83 auf lovelybooks.de, bevor er 5 Sterne vergab: »Thomas Adcock bleibt in [Im Labyrinth] dem Grundton treu, den man bereits vom Vorgänger [Der Dschungel] kennt. Ein einsamer Detective, eine quasi Ein-Mann-Mordkommission, die sich zäh wie ein Terrier an die Fersen der Verdächtigen setzt und mit engelsgleicher Geduld nach und nach die Umstände und Hintergründe des Falls entwirrt. Dabei steht „Hock“ diesmal die wunderschöne Ruby zur Seite, die nach seiner gescheiterten Ehe einen neuen Lichtblick in seinem tristen Junggesellendasein darstellt. Dies scheint sich auch auf seine Gewohnheiten auszuwirken, denn „Hock“ raucht und säuft nicht mehr annähernd soviel wie im Vorgänger.
Überhaupt ist die kalt-düstere Stimmung des ersten Bands, bei der man sich beim Lesen unwillkürlich selbst den Rollkragen hochgeklappt hatte, einer etwas aufgelockerten Atmosphäre gewichen. „Feuer und Schwefel“ wirkt zudem viel straffer und in sich geschlossener als „Hell’s Kitchen“, was nicht nur am Serienkillerplot, sondern auch an der besseren Balance zwischen Milieuschilderung und Krimifall liegt. Das Buch liest sich schlichtweg wie aus einem Guss und bleibt bis zum Ende durchgehend spannend. Das dieses etwas einfallslos gerät, werden sicher nur Vielleser dieses Genres bemängeln.
Insgesamt ist auch der zweite Band der Neil-Hockaday-Reihe ein packender, melancholischer Hardboiled-Noir-Mischling, mit dem sich Adcock gegenüber dem Vorgänger noch gesteigert und der seine Auszeichnung mit dem Edgar Allan Poe Award im Jahre 1992 ohne Zweifel verdient hat.«

Das erste Kapitel

Für die Kunst leidet und stirbt ein Künstler

PROLOG

Breite Tore, einst voller hölzerner Rampen und erfüllt von Schreien besinnungsloser Angst, waren nun mit Zement und Hohlblocksteinen versiegelt; alles in allem zehn massige Etagen, die Fenster mit Blech verschlossen; und hoch oben an den alten Ziegelwänden große Terrakottabüsten von Schweinen, Lämmern und Stieren mit Nasenringen. Und alles eingehüllt in eine graue Dreckschicht von den ständig aufsteigenden Abgasen des Verkehrs im Lincoln Tunnel.

Vor dem Kalksteinsockel der rückwärtigen Wand stand eine stählerne Mülltonne. An ihr schob ich mich vorbei, um den Eingang zu finden, einen kleinen, dreieckigen Spalt, in die morsche Ziegelwand gebrochen. Ich beugte mich vor, richtete den Taschenlampenstrahl hinein und schreckte eine Ratte auf. Dann zog ich die Schultern hoch, atmete aus und zwängte mich in das schwarze Innere.

In tiefer Dunkelheit wartete ich darauf, dass sich meine Augen – und Ohren – anpassten.

Jetzt hörte ich verhallende Echos. Und verstohlenes Scharren von den Innenwänden, auf denen Ungeziefer wimmelte. Ich zog meine große Kanone aus dem Schulterhalfter, die .44er Charter Arms Bulldog. Ich hielt sie in der rechten Hand. Mit der linken ließ ich den Lichtstrahl über meine unmittelbare Umgebung streichen.

Ich hatte einen breiten Korridor unter einer Eisentreppe betreten. Hinter der Treppe, weiter den Korridor hinunter, befand sich eine Reihe hoher, hohler Räume, jeder von der Größe einer breiten Tür. Vor Jahren mussten dort einmal Fahrstühle gewesen sein.

Entlang des Treppengeländers richtete ich die Taschenlampe nach oben und scheuchte Fledermäuse auf, die sich mit den Köpfen nach unten an ein asbestverkleidetes Rohr klammerten. In irren Schleifen und Spiralen stürzten sich die Tiere durch die unangenehm feuchte Luft. Ich schützte meinen Kopf und bewegte mich weiter und die Treppe hinauf.

Kurz vor dem ersten Absatz gab eine verrostete Stufe nach. Mein Bein versank in einem Loch, und Schmerz durchzuckte mein Knie. Von nun an prüfte ich sorgfältig jeden Tritt, bevor ich mein volles Gewicht aufsetzte. Und ich hielt mich am äußersten Rand der Stufen, dicht an der Wand, so wie sich ein Einbrecher durch einen unbekannten Raum schleicht.

Im dritten Stock roch es intensiv nach Katzen – nach Katern, die ihr Territorium mit Urin markiert hatten. Jeder, der hier lebte, wusste, dass er sich Katzen halten musste, um die Zahl der Nager zu begrenzen.

Ich stieg eine weitere Etage nach oben, dorthin, wo der Katzengeruch am intensivsten war. Dann bewegte ich mich weiter zur Nordseite des Gebäudes einen Gang hinunter, an dem vermutlich einmal Büros gewesen waren, in denen Menschen ihrer Arbeit nachgingen. Jetzt war es hier nur noch leer und still; alle Türen fehlten, bis auf eine.

Die einzige noch vorhandene Tür war geschlossen. Darauf stand:

 

Zuhause ist dort
wo der Hass ist

 

Ich klopfte an. Keine Reaktion. Ich trat gegen die Tür, und sie schwang träge auf.

In dem großen Raum hinter der Tür waren mindestens ein Dutzend Katzen – die Rücken gekrümmt, die gelbgrünen Augen weit aufgerissen, die Zähne gefletscht, kehlig fauchend und knurrend.

Dann bohrte sich etwas Kaltes und Hartes in meinen Nacken.

Und ein raues Flüstern: »Halt deinen Rosenkranz fest und verabschiede dich!«

 

Picasso

»Du bist n Bulle, stimmt’s?«

Die Stimme hatte einen komischen Unterton. Komisch wie in tragisch. Aus reiner Höflichkeit ignorierte ich den ersten Eindruck und sagte mir, das ist einfach nur ein Typ im Park, der neugierig ist, ob er mich richtig eingeschätzt hat.

Er war klein und mondgesichtig, war irgendwas über sechzig und hatte ungefähr zehn Kilo Übergewicht. Seine Augen waren braun und wurden von den dicken Gläsern der runden Nickelbrille vergrößert. Die Miene auf seinem blassen, rosafarbenen Gesicht war betont ausdruckslos, der Ziegenbart an seinem Kinn eine Mischung aus Rot und Grau. Er trug eine formlose, geköperte Hose, abgetragene Wildlederschuhe, über einem verschossenen Jeanshemd ein Sakko aus einem Secondhandladen und auf dem, wie ich vermutete, kahlen Kopf ein marineblaues Wollbarett.

Trotz der kühlen Aprilluft schwitzte er. Schweiß tropfte in zwei dünnen Linien von irgendwo unter seinem Barett heraus, vor seinen Ohren hinunter und dann den Unterkiefer entlang, bis die Tropfen in seinem Bart verschwanden.

Als ich vor einer Viertelstunde mit meiner Times, einem Brötchen und einem Kaffee aus dem Deli in den Park gekommen war, hatte ich diesen Burschen beiläufig registriert, und auch, dass nur wir beide an einem Vormittag mitten in der Woche in dem kleinen Park waren. Ich hatte meine Sorgen, er ganz sicher seine eigenen.

Ich hatte mich auf eine der beiden letzten funktionsfähigen Bänke des Parks gesetzt. Es war die Bank in der Sonne. Er saß bereits auf der zweiten Bank auf der anderen Seite eines mit zerbrochenen Ziegeln und Glassplittern übersäten Fußweges im schwachen Schatten von Großstadtbäumen, die gerade erst neue Blätter bekamen. Ich bemerkte, dass er eines dieser Revolverblätter auf den Knien ausgebreitet hatte, wie man sie in Supermärkten an der Kasse findet.

Gelegentlich warf ich einen flüchtigen Blick in seine Richtung, wenn ich eine Seite umblätterte oder einen Schluck Kaffee trank. Ich hatte ihn dabei erwischt, wie er mich anstarrte und nicht die Zeitung auf seinem Schoß.

Jetzt stand er nahe genug vor mir, dass ich seinen rasselnden Atem hören konnte. Hier war er, neugierig auf eine komische Art. Nein, eigentlich ganz und gar nicht komisch.

Ich warf einen Blick auf meine Uhr: halb elf. Außerdem sah ich die fetten Buchstaben der Schlagzeile auf der ersten Seite seines Revolverblattes: Elvis-Statue auf Mars gefunden. Ich sagte mir, okay, hier haben wir also das Original aus dem Viertel, der in aller Unschuld etwas frische Luft schnappen will. Na und?

Schließlich antwortete ich mit einer Gegenfrage: »Wie kommen Sie darauf, dass ich Cop bin?«

Er drehte sich jemandem zu, der neben ihm stand. Nur, dass da natürlich niemand war. »Hör dir den an. Der fragt doch tatsächlich, Wie kommst du drauf? Kann man’s fassen?«, sagte er zu Niemandem.

Zu mir sagte er dann: »Freund, wenn du willst, können wir runter zum Strand gehen, und falls dort ein Cop ist, dann zeig ich ihn dir. Kinderleicht. Auch wenn er eine von den Badehosen mit kleinen Segelbooten auf dem Hintern anhätte, ich könnte ihn noch als Cop ausmachen unter all den anderen, die mit halbnacktem Arsch auf dem Sand rumliegen. Wie das kommt? Weil’s Tatsache ist, dass ich eine ausgezeichnete Beobachtungsgabe hab, deswegen, okay?«

»Okay.«

Er lächelte. »Hah! Wenn du jetzt dein Gesicht sehen könntest, dann würdest du genau wie ich feststellen, dass da in riesengroßen Buchstaben Cop drauf geschrieben steht.«

»Wieso?«

»Also, erstens würdest du sehen, dass du mich anstarrst wie ein Bussard hoch oben am Himmel, der weit unter sich im Schnee nach Blutspuren sucht. So wie du mich im Moment anglotzt, kannst du gar nichts anderes sein als entweder ein blödes kleines Gör oder eben ein Cop. Und ehrlich gesagt hab ich echt Probleme mir vorzustellen, dass du jemals ein niedlicher kleiner Junge warst.«

»Ich verstehe …«

»Da ist noch was, das mir sagt, du bist ein Cop. Du hörst aufmerksam zu. Ein Cop, der hört jedem zu, auch wenn’s nur ein brabbelnder Säufer oder ein vollgepumpter Junkie oder ein bekloppter Jesus-Freak ist.«

»Wir sollen zuhören.«

»Ich sag ja auch nicht, dass du’s nicht tun sollst. Ich sag nur, das ist es, was ich beobachtet hab, okay?«

»Okay.«

»Außerdem seh ich’s an deinen Händen, dass du ein Cop bist.«

»An meinen Händen?«

»Versteh das jetzt bitte nicht falsch, mein Freund, aber sogar jemand, der nicht meine Beobachtungsgabe besitzt, kann sehen, dass du zur Henkelmann-Fraktion gehörst. Allerdings hast du keine Schwielen an den Fingern, was meiner Erfahrung nach wieder bedeutet, du bist ein Cop, denn Cops sind Typen, die’s zur Polizei zieht, weil sie nämlich genau wie du zwar meistens zur Henkelmann-Fraktion gehören, aber trotzdem nicht wirklich scharf sind auf körperliche Arbeit. Na, hab ich recht, oder was?«

»Vielleicht«, erwiderte ich. Nicht schlecht, dachte ich. Ich sagte: »Dann ist es also kein Problem für dich, jeden Cop in der Stadt zu erkennen?«

»Ist ein ziemlicher Klacks, ja. Abgesehen von euren Lady-Cops. Bei denen ist’s was schwieriger, weil sie Frauen sind. Aber wenn ich genug Zeit hab, erkenn ich die meistens auch.«

»Ich verstehe …«

»Natürlich verstehst du. Wie ich schon sagte, ich besitz eine große Gabe. Außerdem hab ich dich beobachtet, falls du’s nicht bemerkt hast …«

Mich beobachtet? »Nein, das wusste ich nicht.«

»Tja, jetzt weißt du’s.« Er zuckte mit den Achseln.

»Jedenfalls hab ich dich sofort als Cop erkannt. Und jetzt sagst du mir, dass ich recht hatte. Stimmt doch, oder nicht?«

Er wartete meine Antwort nicht ab. Stattdessen drehte er sich zu Niemand und sagte: »Hundert Pro hab ich recht.«

Dann faltete er das Revolverblatt zusammen. Er stopfte die Zeitung in die Seitentasche seines Sakkos, ein cremefarbenes Leinending, das zu seiner Zeit durchaus schick gewesen sein mochte. Aus der anderen Tasche fischte er ein Lackpapier-Päckchen mit dünnen Zigarren, steckte sich eine zwischen die Lippen und bot mir auch eine an. Wir zündeten sie an, und dann beobachteten wir beide den nach Norden rollenden Verkehr auf der Tenth Avenue. Ungefähr eine Minute sagte keiner von uns ein Wort. Er hing seinen Gedanken nach, ich meinen.

In einer sonst meist lauten und aufdringlichen Stadt stellte dieser komische alte Sonderling, der mit mir und Niemand redete, einen der echten Frühlingsboten dar. An den meisten anderen Orten sieht man im April plötzlich Frauen in Kitteln, die Wäsche in den wunderbar frischen Wind raushängen, und Rotkehlchen, die fette Würmer aus dem feuchten Gras und dem duftenden Matsch ausgraben. In New York kann man sicher sein, dass der Winter vorbei ist, wenn auf den Schulhöfen Mädchen Seilchen springen, wenn jeder dritte Bursche mit Anzug eine gelbe Krawatte trägt, wenn Menschentrauben mit ängstlichen, blassen Gesichtern in Midtown Manhattan herumlaufen und ihnen Straßenpläne aus den Gesäßtaschen wachsen, und schließlich, wenn die Parks die Rückkehr alter Käuze erleben, die nach einem langen und einsamen Winter im Haus wieder auf den Bänken sitzen und auf jemanden warten, mit dem sie reden können. Es ist Frühling, wenn sie Fremden – ja sogar wildfremden Cops – ihre beunruhigenden Lebensgeschichten erzählen und worüber sie den ganzen Winter gegrübelt haben …

* * *

»Tja, und dann hab ich mich gefragt«, sagte er und stieß beißenden blauen Qualm aus, »ob du dich immer so anziehst, oder falls nicht, ob heute dein freier Tag ist, oder was?«

»Man könnte sagen, beides.«

Ich trug eine Hose mit Löchern an den Knien und zehn Jahre alten Farbflecken, dazu ein grünes T-Shirt von einer Ungeziefervernichtungs-Firma aus Hoboken mit einer toten Küchenschabe auf der Brust, eine Popeline-Jacke, deren Kragen und Manschetten praktisch nicht mehr existierten, eine Yankees-Baseballkappe und schwarze, knöchelhohe P-F Flyer Turnschuhe, die ich ungefähr schon seit dem letzten Miss-Rheingolds-Kalender besitze.

»Oh, ich hab’s«, sagte er. »Du bist ein Ziviler. So was wie ein Undercoveragent, häh? Ich mag Detektivgeschichten. Vielleicht hab ich in der Zeitung schon mal von dir gelesen?«

»Ganz sicher nicht in der Zeitung, die in Ihrer Jackentasche steckt«, erwiderte ich.

Er stieß Niemand einen Ellbogen in die Rippen und meinte: »He, hier haben wir mal einen Officer mit Sinn für Humor, was? Das gefällt mir bei einem Cop. Wenn Cops lächeln können, ist die Stadt gleich weniger nervös. Stimmt’s nicht? Hundert Pro hab ich recht.«

Dann zu mir: »Tja, Freund, ich les alle möglichen Zeitungen. Von deiner New York Times da bis zu dem Käseblatt in meiner Tasche, das im Übrigen, das kann ich dir sagen, sehr oft auch nicht seltsamer ist als manche Geschichten, die in deiner feinen Presse gebracht werden. Das liegt ganz einfach daran, dass heutzutage so ziemlich jeder verkommen ist, wie ich bemerkt hab.«

Er bot mir seine weiche, rosa Hand an und fügte mit einem freundlichen Lächeln hinzu: »Jedenfalls, freut mich, dich endlich kennengelernt zu haben.«

Wir schüttelten uns die Hand, und er sagte: »Ich wette, du weißt nicht, wer ich bin.«

Ich antwortete, die Wette hätte er gewonnen.

»Also, keine Angst, ist nicht deine Schuld, dass du mich nicht kennst«, sagte er. »Ich hab in diesem Leben keine großen Spuren hinterlassen.«

Er nahm einen letzten Zug von der Zigarre und warf sie dann auf den Weg, wo sie schließlich ausbrennen würde. Ich dachte daran, ihm zu sagen, dass ich viele Menschen auf der Welt hatte verenden sehen, die genauso beiläufig zu Boden geworfen worden waren wie gerade seine Zigarre. Doch ich behielt meine Gedanken für mich, um mich auf seine zu konzentrieren, was, wie er bereits sehr richtig bemerkt hatte, offenkundig in der Natur eines Cops liegt.

Er setzte sich neben mich auf die Bank, zog ein Taschentuch aus der Jacke und wischte den Schweiß von seiner Vollglatze, nachdem er das Barett abgenommen hatte. Ich wusste, dass er kahl war! Er fragte: »Willst du wissen, wie ich heiß?«

Ich zuckte zustimmend mit den Achseln.

»Jeder, der mich kennt oder meint, mich zu kennen, nennt mich Picasso. Willst du wissen, warum?«

Natürlich antwortete ich: »Weil Sie ein Maler sind?«

Genau die Antwort, die er erwartet hatte, und deshalb lächelte er mich schon spöttisch an, noch während die Worte dummerweise über meine Lippen kamen. Woraufhin er sich zu Niemand umdrehte, der sich vermutlich ebenfalls zu uns auf die Bank gesetzt hatte, und sagte: »Hör dir den an. Er sagt: Weil Sie Maler sind? Kannst du’s fassen?«

Er setzte das Barett wieder auf und verstaute das feuchte Taschentuch. Dann steckte er sich eine weitere dünne Zigarre an, diesmal ohne mir eine anzubieten. Er saß stumm da, paffte und starrte zur Avenue hinüber. Dann sagte er: »Komm mit. Dann erfährst du was über mich und die Welt der Kunst.«

Wir erhoben uns, und ich ließ meine Times, das nur halb gegessene Brötchen und den größten Teil des Kaffees auf der Bank zurück. Wir gingen zur Bushaltestelle an der Avenue. Er deutete auf die andere Straßenseite. »Siehst du da drüben im Schaufenster das Schild Heute im Angebot: Schweinefleisch, das Pfund zwei neunzehn, und dann ist da ein Bild von einem großen, fetten Schwein, das aussieht, als hätt’s eine Scheißangst?«

Ich sagte, ich sähe es.

»Tja, da hast du einen echten Picasso vor dir. Ich wett, du wusstest nicht, dass sich Picasso auch mit Schaufenstermalerei beschäftigt hat, häh?« Darüber musste er laut lachen. Dieses Lachen war eines der traurigsten und hässlichsten, das ich je gehört habe.

»Ich bemal die Schaufenster von dem Puertoricaner da drüben regelmäßig«, erklärte er. »Statt Geld gibt er mir dafür diese guten Zigarren hier, Wein, der überhaupt nicht gut ist, und Sandwiches. Und das sind heute im wesentlichen meine künstlerischen Kicks als Maler.

Weißt du, ich wünschte, du würdest irgendwann mal rübergehen, bevor das neue Sonderangebot der Woche angekündigt wird – damit du dir aus der Nähe ansehen kannst, wie ich die nackte Angst des zum Tode verurteilten Schweins eingefangen hab. Wie ich schon sagte, das Studium des Wesentlichen der Dinge ist mein ein und alles. Weißt du, genau wie ich zum Beispiel auch dich all die Monate über studiert hab –«

Verkehrslärm schnitt ihm das Wort ab. Picasso hörte auf zu reden und starrte durch die vorbeifahrenden Autos und Lastwagen und Taxen auf das Schaufenster der bodega, des puertoricanischen Lebensmittelladens. Ausgelassene junge Mädchen auf Vorder- und Rücksitzen eines Mercury-Cabrios mit Nummernschild aus Jersey, die die Schule schwänzten, winkten den beiden schlecht gekleideten Typen zu, die an einer Bushaltestelle standen. Offensichtlich eine der Lieblingsbeschäftigungen von Jugendlichen aus Jersey.

Ich sah Picasso an, der immer noch seine Interpretation des zum Tode verdammten Schweins anstarrte, und ich sagte mir: Vergiss jetzt das abgedrehte Zeug; du hast tausend andere Dinge zu tun; es ist der erste Tag deines wohlverdienten Urlaubs; du hast vor kurzem erst eine gewisse Ruby Flagg kennengelernt, sie ist hinreißend, und es ist Frühling.

Doch als könnte ich nicht genug bekommen, wartete ich im Gegenteil darauf, dass der Verkehr wieder nachließ, um noch mehr über ihn zu erfahren. »Womit verdienen Sie sich Ihre Brötchen?«

»Ich arbeite so wenig wie möglich, weil ich mich für meine Kunst schone!« Ein weiteres bösartiges Lachen. »Aber zu meinem Glück bin ich ein einfallsreicher alter Bastard und komm schon klar.«

»Wie?«

»Manchmal sammel ich Flaschen und Dosen und kassier das Pfand. Manchmal verteil ich Handzettel fürs Horny Poodle, diesen Oben-ohne-Schuppen drüben auf der Seventh Avenue. Mal dies, mal das eben. Du weißt selbst, wie’s in unserer feinen Dienstleistungsgesellschaft so läuft.«

»Wohnen Sie hier irgendwo in der Nähe?«

Er gestikulierte, umfasste damit einen großen Teil des Viertels. »Hier irgendwo, da irgendwo. Du weißt schon.«

»Wie steht’s mit medizinischer Versorgung?«

Wieder grinste er spöttisch. »Und was meinst du jetzt damit? Ob ich reif bin fürs Sabberheim? Die Leute nennen mich Picasso, also denkst du, ich müsst mal mein Hirn untersuchen lassen, oder was?«

»Was ich meine ist …«

»Ach, spar dir das! Ich sag dir: Heute wird man nur aus einem wesentlichen Grund in die Klapse geschickt, und zwar, weil man losgezogen ist und was so Übles gemacht hat, das nicht einfach nur bekloppt, sondern himmelschreiend bekloppt ist – falls du den Unterschied verstehst. Und dann, eines schönen Tages …«

Er unterbrach sich, holte tief und rasselnd Luft. Dann fuhr er fort. »Eines schönen Tages setzen sie dich dann urplötzlich einfach wieder auf die Straße und wünschen dir alles Gute. Das ist das einzige, was sie noch tun können, nachdem sie am Ende zugeben müssen, dass sie keine Antworten, sondern nur Fragen haben. Die Straßen sind voll von uns. Du meinst, ich sehe das falsch?«

»Ich glaube, Sie haben recht«, sagte ich. Als die nächste Welle lärmender Autos vorbeigewogt war, fragte ich: »Wieso haben Sie mich beschattet? Und warum erzählen Sie mir das alles überhaupt?«

Zu Niemand meinte er: »Jetzt will er wissen, Warum? Der Kerl hat vielleicht das letzte mitfühlende Herz in einer alten, gottverdammt herzlosen Stadt, häh? Kannst du’s fassen?«

Er schaute die Avenue runter. Der M-11er Bus stand vor der roten Ampel an der Forty-second Street. In wenigen Minuten würde er an der Haltestelle am Park sein. Picasso wühlte in den Hosentaschen nach Münzen.

Dann drehte er sich zu mir. »Du weißt doch, was mildernde Umstände sind, stimmt’s oder hab ich recht?«

Ich bestätigte es.

»Natürlich weißt du’s. Du bist ja ein Cop. Also, vielleicht wollt ich einfach nur, dass jemand von mir und meinen mildernden Umständen erfährt. Die sogar ein Bekloppter hat. Und ich bin ein echter, klassischer Bekloppter, weil ich ungefähr seit der zweiten Amtszeit vom alten Ike immer mal wieder im Bellevue gewesen bin, alles klar?«

»Klar.«

»Aber das Bellevue, weißt du, das bringt mir nichts. Die Ärzte da sind schon in Ordnung und alles, aber trotzdem sind es nur unwissende Ärzte, die bestenfalls zwei Seiten einer Geschichte sehen können. Echte Geschichten mit echten Menschen haben erheblich mehr als nur zwei Seiten, ist dir das schon mal aufgefallen?«

»Mir ist aufgefallen, dass echte Geschichten voller mildernder Umstände sind«, sagte ich.

Er lächelte und sagte »Jaaa«, weil ihm meine Bemerkung gefiel. Zur Abwechslung war es ein freundliches Lächeln. Dann wurde er hektisch und zählte Münzen in seine Hand, gerade genug für den Busfahrschein. Der M-11er war jetzt nur noch einen Block entfernt.

»Weil’s dich interessiert«, sagte er, »werd ich dir verraten, dass ich früher mal ein total normaler Durchschnittstyp mit Frau und Kind gewesen bin. Aber als Ehemann und Papa war ich ein totaler Versager. Die Familie war auch nicht viel besser. Die Frau wurde schlampig, das Kind fromm.

Ach, zum Teufel! Familienleben und Eierkuchen, das ist einfach nicht mein Ding. Als mir das klargeworden ist, hab ich mich auf den Weg nach New York gemacht. Denn genau hier gehören wir überzähligen Socken hin. Gewissermaßen bin ich weggelaufen, um mich dem großen Zirkus anzuschließen.«

Worüber er lachen musste. Es war einer seiner freudlosen Beller. »Tja, das hat was!« sagte er. »Der Zirkus!«

»Hatten Sie je Gelegenheit zu malen, was Sie malen wollten? Ich meine, haben Sie je ernsthaft gemalt?«

Zu Niemand sagte er: »Ho, ho, hab ich gemalt oder hab ich gemalt? Ernsthaft oder ernsthaft? Und, warum hab ich gemalt, was ich gemalt hab?«

Zu mir sagte er: »Ernsthafte Bilder? Die hängen tonnenweise hier überall in der Stadt. Hier und da eben, genau wie ich; nicht so, dass sie jeder bemerkt, wieder genau wie ich. Was auch der Grund ist, wieso es ein so gottverdammt guter Witz ist, dass man mich Picasso nennt, häh?«

Er fügte hinzu: »Mein Freund, rat doch mal, wo gerade jetzt eins von meinen Bildern hängt?«

»Wo denn?«

»In einer Bar, in der du Stammgast bist …«

Ächzend hielt der Bus vor uns, wodurch er mir die letzte Chance nahm, Picasso zu fragen, seit wann er mich schon beobachtete. Und warum.

Picasso stieg ein.

Dann – unmittelbar, bevor sich die Falttür hinter ihm schloss, bevor er in den hinteren Teil des Busses ging, sich setzte und mich durch das breite Heckfenster auslachte und auslachte, wie ich da auf der Tenth Avenue stand und ihm wie ein blöder Cop nachstarrte – sagte er:

»Tja – und weil’s dich so furchtbar interessiert – vielleicht willst du ja wissen, dass mir all die Warums meines verpfuschten Lebens zum Hals raushängen. Weswegen ich an einem Plan arbeite, einem Plan, das zu töten, was dafür verantwortlich ist, dass ich so atemberaubend tief gefallen bin, wie du ja selbst gesehen hast …«

Photos: Copyright © Thomas Adcock, 2016