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HEARTS – Tote Herzen

Gideon Oliver : Knochen Detektiv

Tote Herzen

Oliver soll die Hauptrolle in einem Dokumentarfilm spielen, in dem es um eine Ausgrabung im Niltal geht. Er nimmt die Einladung an, doch dann wird ein Skelett in der Müllablage des Horizon House in Luxor gefunden. Das Gerippe scheint einem anonymen Schreiber aus der fünften Dynastie zu gehören. Doch wenn fünftausend Jahre alte Knochen wandern, kann ganz offensichtlich etwas nicht ganz mit rechten Dingen zugehen.

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Gideon Oliver, der Knochen-Detektiv

Original: »Fellowship of Fear«, 1982, bislang nicht auf Deutsch
»YAHI – Wald der Toten«, spraybooks, 2017, erstmals auf Deutsch als »Yahi« 2000 »The Dark Place«, 1983
Original: »Murder in the Queen’s Armes«, 1985, bislang nicht auf Deutsch
»BONES – Alte Knochen«, spraybooks, 2018, erstmals auf Deutsch als »Alte Knochen« 1992, »Old Bones«, 1987
»CURSES! – Fluch«, spraybooks, 2018, erstmals auf Deutsch als »Fluch« 1993, »Curses!«, 1989
Original: »Icy Clutches«, 1990, bislang nicht auf Deutsch
Original: »Make No Bones«, 1991, bislang nicht auf Deutsch
»HEARTS – Tote Herzen«, spraybooks, 2019, erstmals auf Deutsch als »Tote Herzen« 1995, »Dead Men’s Hearts«, 1994
Original: »Twenty Blue Devils«, 1997, bislang nicht auf Deutsch
Original: »Skeleton Dance«, 2000, bislang nicht auf Deutsch
Original: »Good Blood«, 2004, bislang nicht auf Deutsch
Original: »Where There’s a Will«, 2005, bislang nicht auf Deutsch
Original: »Unnatural Selection«, 2006, bislang nicht auf Deutsch
Original: »Little Tiny Teeth«, 2007, bislang nicht auf Deutsch
Original: »Uneasy Relations«, 2008, bislang nicht auf Deutsch
Original: »Skull Duggery«, 2009, bislang nicht auf Deutsch
Original: »Dying on the Vine«, 2012, bislang nicht auf Deutsch
Original: »Switcheroo«, 2016, bislang nicht auf Deutsch

Aaron Elkins

… geboren 1936, verdiente sich sein Studium der biologischen Anthropologie als Boxer, bis er nach acht gewonnen Kämpfen drei hintereinander verlor und sich aufs Kellnern verlegte; er war Dozent für Betriebswirtschaft, bis er 1982 von einem Lehrauftrag an einem NATO-Stützpunkt zurückkehrte und sich als Arbeitsloser wiederfand; seither lebt und arbeitet er als freier Schriftsteller auf der Olympic Peninsula, Washington. Für seinen Gideon-Oliver-Krimi Alte Knochen erhielt er den Edgar der amerikanischen Kriminalautoren für das beste Buch 1987.

Aaron Elkins

Das erste Kapitel

»Also gut, dann erklären Sie mir mal den Drbal-Effekt«, verlangte Bruno Gustafson.

»Äh … den Drall-Effekt?«, fragte Gideon.

»Die Tatsache, dass eine alte Rasierklinge, genau nach der Nordsüdachse ausgerichtet, in die Große Grabkammer der Cheopspyramide gelegt, nach vierundzwanzig Stunden wieder so scharf wie neu ist.« Gustafsons Gesicht glühte im Eifer des gelehrten Diskurses. »Dieses Phänomen wurde von Drbal entdeckt. Er konnte sich mit derselben Gillette Blue-Klinge zweihundertmal rasieren.«

»Ach«, sagte Gideon, »der Drbal.« Er nahm einen Schluck von seinem Scotch mit Wasser. »Tja –«

Gustafsons Frau Bea rettete ihn, zumindest fürs Erste. »Ich dachte, das war die Chufu-Pyramide«, sagte sie sachlich.

»Ist doch ein und derselbe Typ«, sagte Gustafson. »Es hätte auch jede andere Pyramide sein können. Drbal hat sich mit dem Verkauf pyramidenförmiger Rasierklingenschärfer aus Pappe eine goldene Nase verdient. Tschechoslowakisches Patent Nummer 91304. Fragen Sie mich aber nicht, warum ich die noch weiß.«

»Faszinierend.« Rupert Armstrong LeMoyne strahlte über seinem Weißweinglas. »Absolut faszinierend.«

Das war in etwa das Niveau von LeMoynes bisherigen Beiträgen zur Unterhaltung. Angesichts der Anwesenheit von Bea und Bruno Gustafson aus Walla Walla, zwei Ehemaligen, die der Universität in den letzten zwei Jahren jeweils 150.000 Dollar gestiftet hatten, fand Gideon das Verhalten des Verwaltungsvizepräsidenten der University of Washington durchaus verständlich. Genauso konnte Gideon verstehen, warum die Gustafsons in den letzten zwei Tagen mit mehreren Empfängen geehrt worden waren, warum sie für das ausverkaufte Samstagsspiel der Huskys gegen Arizona direkt an der Fünfzig-Yard-Linie Sitze in der zwölften Reihe gekriegt hatten und warum sie jetzt gerade in der Bar des Fakultätsclubs mit Getränken und Vorspeisen verwöhnt wurden, um anschließend zum Abendessen nach oben geleitet zu werden.

Gideon verstand nur nicht, was erbei dem Ganzen sollte. Er und Julie.

»Worauf ist das Ihrer Meinung nach zurückzuführen?«, fragte der notorisch faszinierte LeMoyne. »Auf irgendwelche Schwingungen oder so?« LeMoynes akademische Ausbildung, so gründlich sie im Bereich von Verwaltung und Organisation war, ließ auf dem wissenschaftlichen Sektor zu wünschen übrig.

»Eine interessante Frage«, sagte Gustafson. »Ich glaube, das hängt damit zusammen, dass die Pyramidenform wie eine, na ja, wie eine Art von, von –«

»Resonator wirkt«, kam ihm Bea Gustafson zu Hilfe. »Der gebratene Mozzarella ist ganz vorzüglich, finden Sie nicht auch, Julie?«

»Oh ja«, bestätigte Julie, die bisher noch nicht viel zum Gespräch hatte beisteuern können.

»Resonator, richtig.« Gustafson nickte. »Für bestimmte Arten von – na ja, unbekannten Frequenzen aus bestimmten Teilen des, ähm, äh, Kosmos.« Er schien zu merken, dass das ein bisschen dürftig war. »Wussten Sie, dass Joghurt, wenn man ihn in einem pyramidenförmigen Behälter aufbewahrt, praktisch nicht verdirbt?«, fügte er zur Untermauerung seiner Behauptung hinzu.

»Eine unbestrittene Tatsache. In Frankreich verkaufen sie ihn so. Ich will testen, welche Marktchancen sowas hierzulande hat. Cheops-Joghurt, wie finden Sie das? Ich kann mir nicht vorstellen, dass das nicht ankommt.«

LeMoyne, der gerade einen Bissen Cracker mit Pate hinunterschluckte, bereitete seine Antwort mit einem anerkennenden Kopfnicken vor.

Einfach faszinierend, dachte Gideon.

»Einfach faszinierend«, sagte LeMoyne prompt und betupfte sich die Lippen mit einer Serviette. »Tja, wenn es Ihnen recht ist, könnten wir uns ja schon mal nach oben begeben, zum Abendessen.«

Auf der Treppe bildeten er und Gideon die Nachhut.

»Rupert, was soll ich hier?«

»Psst, sie haben ausdrücklich nach dir verlangt.«

»Wahrscheinlich wollen sie, dass ich ein Gutachten für Cheops-Joghurt schreibe. Wer weiß, womöglich tue ich es.«

»Gideon, mach jetzt keine dummen Witze. Das macht mich nervös.«

»Aber nur, wenn er entsprechend zahlt.«

LeMoynes Finger gruben sich in seinen Oberarm.

»Gideon, ich bitte dich. Was kann er dafür, dass er ein bisschen eigenartig ist.«

Ein bisschen eigenartig war Bruno Gustafson zweifellos. Stets gut gelaunt, leutselig und mit gerötetem Gesicht, gehörte er zu jenen Geschäftsleuten, die in keiner bestimmten Branche tätig waren. Er hatte in der Kunststoffindustrie, in der Metallproduktion und im Lebensmittelbereich Unsummen verdient (und verloren). Angeblich ein ehemaliger Freund von Spiro Agnew, war er unter der Regierung Nixon ein paar Monate Botschafter in Surinam gewesen (oder war es St. Kitts?). Aktuell war er mit der Projektentwicklung von Gewerbegebieten im Osten Washingtons beschäftigt, versuchte sich in Milchviehhaltung und betrieb obskure Studien in Ägyptologie beziehungsweise in abstrusen Randgebieten der Ägyptologie.

Gideon hatte ihn bisher drei- oder viermal getroffen, jedes Mal bei irgendwelchen Veranstaltungen der Universität, und jedes Mal hatte Gustafson eine neue verrückte Idee vorgetragen. Letztes Mal war es die Theorie gewesen, die Pyramiden seien in Wirklichkeit riesige Schutzschilde, die von ägyptischen Priestergelehrten erbaut worden seien, um die Energie des Van-Allen-Gürtels mit Hilfe ionisierter Laserstrahlen auf die Erde zu leiten und dort zu nutzen. Ein kleiner Rechenfehler, hatte Gustafson weiter ausgeführt, habe zu einem plötzlichen Energieschub geführt, der den Planeten 3001 v. Chr. aus seiner Bahn geworfen und damit dieses Experiment frühzeitig beendet habe.

Trotz alledem, oder vielleicht auch gerade deswegen, fand Gideon Gustafson sympathisch. Er mochte seine Energie und seine liebenswürdige Art, er mochte seine freigiebige Philanthropie, und er mochte die Begeisterung, mit der sich der Mann auf die Ägyptologie gestürzt hatte, auch wenn er prompt auf einige ihrer versponneneren Abwege geraten war.

Auch Bea Gustafson mochte er. Eine intelligente, lebendige, etwas klein geratene Frau ungefähr in Gustafsons Alter – sechzig oder einundsechzig – hatte sie als Investmentberaterin selbst ein Vermögen gemacht und war bei den finanziellen Unternehmungen der Gustafsons offensichtlich eine gleichberechtigte Partnerin, vielleicht sogar mehr als das. Die beiden waren ein gutes Gespann: er der Visionär, der Träumer, der Mann mit den übergreifenden, aber krausen Ideen; sie die klarsichtige, nüchterne Realistin, die dafür sorgte, dass beide nie in die roten Zahlen abrutschten.

Oben angelangt, ging Rupert LeMoyne zu einem Tisch am großen Panoramafenster und platzierte Bruno und Bea Gustafson so, dass sie nach Osten, auf die grandiose Aussicht mit dem Lake Washington und der schwimmenden – und manchmal versinkenden – Evergreen Point-Brücke schauten und, weiter hinten, den steil aufragenden, zerklüfteten Cascades, die unter einer frühen Schneeschicht glitzerten.

Gustafson wusste den Blick zu schätzen. »Tolle Aussicht«, bemerkte er anerkennend. »Bis rüber zum Husky Stadium.«

Sowie sie Platz genommen hatten, war er wieder bei seinem Lieblingsthema und fuhr, an alle gewandt, fort: »Wussten Sie, dass Napoleon 1799 seine Männer bat, ihn ein paar Minuten in der Cheops-Pyramide allein zu lassen, genau wie Alexander der Große, damals, im Jahr … ist ja auch egal, wann das war. Und als er wieder heraus kam, war er weiß wie ein Gespenst. Als sie ihn nach dem Grund fragten, schüttelte er nur den Kopf und wollte nicht darüber sprechen. Bisher konnte das niemand erklären.«

»Wenn es dort damals auch schon so gerochen hat wie zu der Zeit, als ich da war«, sagte Gideon, »wüsste ich schon warum.«

Ein weniger selbstbewusster Mann wäre vielleicht beleidigt gewesen, aber Gustafson lachte nur. »Na schön, aber irgendeine Art von Energie gibt es dort auf jeden Fall. Oder können Sie mir vielleicht erklären, warum, wenn Sie eine Weinflasche in eine feuchte Zeitung wickeln und sich auf die Spitze der Pyramide stellen und die Flasche über Ihren Kopf halten und alle Bedingungen stimmen, warum dann Funken aus der Flasche –«

»Liebling«, unterbrach ihn seine Frau, »jetzt lass doch den armen Mann mal in Frieden. Holen wir uns lieber was zu essen. Du kannst ja später noch auf das eigentliche Thema zu sprechen kommen.«

Das Büfett im Fakultätsclub war mit Köstlichkeiten aus dem Mittelmeerraum gedeckt. Zufällig standen Julie und Gideon an der Salattheke einander gegenüber, zwischen sich Schüsseln mit Hummus, gefüllten Weinblättern und Tomatensalat mit Feta.

»Nicht, dass ich nicht auf meine Kosten käme«, meinte Julie, »aber hast du inzwischen rausgekriegt, was das Ganze eigentlich soll?«

Gideon schüttelte den Kopf. Das hatten sie sich schon gefragt, als Rupert sie einlud. Gideon unterrichtete an der Zweigstelle der Universität in Port Angeles, sechzig Meilen und eine halbe Stunde mit der Fähre vom Hauptcampus in Seattle entfernt. Normalerweise kam er nur alle zwei oder drei Wochen in die Stadt. Julie, die in Port Angeles bei der Aufsichtsbehörde des Olympic National Park als Inspektorin arbeitete, war sogar noch seltener in Seattle. Ihr letztes Essen im Fakultätsclub lag ein halbes Jahr zurück. Und von Rupert LeMoyne hatten sie noch nie eine Einladung bekommen.

Allerdings klang es am Telefon mehr nach einer Vorladung als nach einer Einladung, und LeMoyne hatte darauf bestanden, dass auch Julie mitkam. »Es ist bestimmt im Interesse der Gustafsons, dass sie dabei ist«. Mehr konnte oder wollte er nicht sagen.

»Ganz gleich, worum es geht«, riet ihm Julie, während sie Joghurtdressing auf ihren Salat löffelte, »sag lieber ja dazu, sonst versinkt der gute Rupert vor unseren Augen im Boden.«

»Na ja, du weißt, er hat keinen leichten Job«, sagte Gideon.

Zurück am Tisch, reichte Rupert Gustafson die Weinkarte. Der bewies wahre Kennerschaft und wählte zum Hauptgang jeweils eine Flasche St. Emilion und Oregon Pinot Gris. Die Bedienung mit der schwarzen Fliege entfernte sich, und man kam zur Sache.

»Sicher fragen Sie sich schon die ganze Zeit, warum wir Rupert gebeten haben, Sie beide heute mitzubringen«, begann Gustafson.

»Aber nein«, antwortete Gideon. »Es ist einfach schön, eingeladen zu werden.«

»Nun ja, wir wollen Ihnen einen Vorschlag machen. Rupert, dass Sie mir auch gut zuhören, ja?«

LeMoyne war ganz Ohr.

»Was wir vorhaben, Gideon – Schatz, warum erklärst du es nicht?«

»Aber gern«, sagte Bea Gustafson. »Wir möchten –«

»Wir, das ist die Horizon Foundation«, warf Gustafson ein. »Ich bin nämlich im Stiftungsbeirat.«

»Wir möchten«, begann seine Frau von Neuem, »dass Sie an einem Projekt mitarbeiten –«

»Das schon seit mehr als einem Jahr in Planung ist.«

»Honey«, zwitscherte Bea Gustafson, »wenn du es lieber selbst erklären möchtest … nur zu, bitte.«

»Nein, nein, mach du.«

»Also gut.« Sie wartete einen Augenblick, ob es ihm auch ernst damit war, dann fuhr sie fort: »Die Stiftung möchte einen Dokumentarfilm –«

»Sie werden begeistert sein«, platzte Gustafson wieder dazwischen, aber der Blick seiner Frau ließ ihn verstummen und in seinen Stuhl zurücksinken.

* * *

Gideon gefiel die Sache nicht.

Die Horizon Foundation war eine in Philadelphia ansässige gemeinnützige Einrichtung, die sich die Förderung archäologischer Projekte auf der ganzen Welt zur Aufgabe gemacht hatte, unter anderem auch der Arbeit des berühmten Horizon House in Luxor. Nachdem der Stiftungsbeirat zu dem Schluss gelangt war, dass die Förderung für das Horizon House nach dreißig Jahren Inflation einer Nachbesserung bedurfte, hatte Gustafson vorgeschlagen, zu Werbe- und Unterrichtszwecken ein Video über deren Aktivitäten zu drehen. Doch damit noch nicht genug; er und seine Frau hatten sich bereit erklärt, die Kosten dafür zu tragen. Die Gustafsons, die ohnehin jedes Jahr nach Ägypten reisten, wollten Ende November – in sechs Wochen – hinfliegen, um das Filmteam zu begleiten, das Lebendige Vergangenheit: Die Geschichte des Horizon House drehen sollte.

So weit, so gut. Doch nun wollten sie – und das war der springende Punkt –, dass Gideon mitkommen und in dem Film als einer der Erzähler auftreten würde; um, wie es Bea Gustafson ausdrückte, etwas mehr Farbe reinzubringen und mit ein paar flotten einführenden Worten über das alte Ägypten und seine Bewohner ein Gegengewicht zu den trockenen, wissenschaftlichen Ausführungen der Horizon House-Mitarbeiter zu schaffen. Als Gegenleistung, und da er eine finanzielle Entschädigung sicher ablehnen würde, wollten sie dem anthropologischen Institut 25.000 Dollar spenden. Zusätzlich zu ihren festen jährlichen Zuwendungen, versteht sich.

»Also, das ist aber äußerst großzügig«, legte LeMoyne los. »Wenn das so ist, Gideon«, fuhr er verschmitzt fort, »dann können wir ja vielleicht dieses Grenz-Röntgengerät anschaffen, an dem dir so viel liegt. Dann könntest du endlich die Fremdkörper aufspüren, hinter denen du ständig her bist. Was meinst du?«

»Ich glaube nicht«, sträubte sich Gideon.

Selbst Julie schien überrascht.

Nun ja, er fühle sich geschmeichelt, erklärte Gideon, aber sein Spezialgebiet sei die Evolution im Pleistozän, nicht die Ägyptologie; die einzige praktische Erfahrung, mit der er in diesem Bereich aufwarten könne, sei ein dreiwöchiger Ägyptenaufenthalt, bei dem er beim Vermessen und der Analyse eines Skelettfunds aus der 12. Dynastie geholfen habe. Die meiste Zeit habe er im gammligen Keller des Kairoer Museums verbracht, und nur in der letzten Woche sei es ihm gelungen, sich für eine VW-Bus-Blitztour nach Oberägypten abzusetzen, bei der er es jedoch nicht, wie erhofft, bis Luxor geschafft habe, sondern bloß bis Abydos. Er habe sämtliche klassischen Sehenswürdigkeiten besucht – die Pyramiden, Memphis, Sakkara, Beni Hassan –, bis zu drei pro Tag, und als er schließlich aus der letzten gewankt sei, hätten für ihn alle längst gleich ausgesehen. Inzwischen, sechs Jahre später, seien sie wenig mehr als eine blasse Erinnerung.

Das einzige, was er darüber hinaus im Bereich Ägyptologie getan habe, seien ein paar ägyptologische Seminare gewesen, weil der dafür zuständige Professor auf Forschungsurlaub war. Er müsse sie hoffentlich nicht extra darauf hinweisen, dass ihn das kaum zum Kenner der Materie mache, und außerdem liege es schon Jahre zurück. Sich vor eine Kamera zu stellen und über Ägyptologie zu reden, ließe ihn nicht nur als Scharlatan erscheinen, meinte er, sondern noch dazu als Wichtigtuer. Warum holten sie sich nicht einen anerkannten Experten auf diesem Gebiet?

»Das kann ich Ihnen sagen«, erklärte Gustafson. »Erstens gibt es nicht so viele Fachleute, wie Sie vielleicht meinen, und zweitens machen wir keinen Film für Wissenschaftler, sondern für Geschäftsleute, die vielleicht ein paar Dollar spenden werden, und für Studenten, die vielleicht ein paar Dinge lernen möchten. Deshalb brauchen wir kein hochgestochenes wissenschaftliches Geschwafel. Was wir brauchen, ist jemand, der sich vor der Kamera verständlich ausdrücken kann.«

»Ja, aber –«

»Außerdem schadet es nicht, dass Sie zufällig Gideon Oliver sind, der Knochendetektiv. Das wird die Leute neugierig machen. Wie viele Ägyptologen sind schon berühmt?«

Der Hinweis auf den Spitznamen, der seit seinem ersten veröffentlichten rechtsmedizinischen Fall wie eine Klette an ihm klebte, war nicht unbedingt dazu angetan, Gideon umzustimmen. Er starrte finster auf seinen Teller. »Ich bin nicht –«

»Ich finde, du solltest nicht zu überstürzt ablehnen«, schaltete sich LeMoyne ein.

»Vielleicht interessiert es Sie ja«, sagte Bea Gustafson, »dass das Ganze Abe Goldsteins Idee war.«

Abrupt sah Gideon von den Schischkebab-Stückchen auf, die er mit seiner Gabel herumgeschoben hatte. »Was war Abes Idee?«

»Dass Sie einen Teil des Textes sprechen. Er war damals noch Beiratsvorsitzender, und als dieses Thema zur Sprache kam, meinte er, Sie wären dafür genau der Richtige. Stimmt’s, Schatz?«

»Ganz richtig«, bestätigte Gustafson.

Zum ersten Mal geriet Gideons Widerstand ins Wanken. Abraham Irving Goldstein war an der Graduate School bis zur Pensionierung sein Professor gewesen, sein Mentor, seine Vaterfigur (oder Großvaterfigur) und schließlich sein Freund. Sein Tod – er war vor vier Monaten mit einundachtzig Jahren an einer Niereninfektion gestorben – hatte eine Lücke in Gideons – und auch Julies – Leben hinterlassen, die niemand je würde füllen können.

Und als Sprecher in einem Film aufzutreten, war genau das, was sich Abe für ihn ausgedacht haben könnte, um ihn aus der verstaubten Ecke der Taxonomie pleistozäner Hominiden hervorzulocken. Abe hatte nie aufgehört, Gideon – wenn auch sehr behutsam – ins Gewissen zu reden, weil er zu viel Zeit in Bibliotheken und Skelettlabors verbringe und zu wenig mit Leuten, die noch Fleisch auf den Knochen hätten.

»Wollte Abe wirklich, dass ich da mitmache?«, fragte er leise.

Auf dieses Zeichen des Nachgebens hin gingen sie ins Detail: Das Projekt werde nur zwei Wochen dauern. Seine Aufgabe stelle keine größeren Anforderungen an ihn. Niemand erwarte fertig ausgearbeitete Texte, er solle lediglich auf die Fragen des Interviewers antworten; im Schnitt könne dann alles geglättet werden. Er werde pro Tag kaum länger als ein bis zwei Stunden gebraucht werden Es bleibe ihm also viel Zeit für eigene Unternehmungen und zur Erholung. Außerdem werde ein weiterer guter, alter Freund Gideons mitmachen. Da Phil Boyajian ohnehin gerade für einen neuen Reiseführer in Ägypten recherchiere, hätten sie ihn engagiert, die Organisation zu übernehmen; ein angenehmer Aufenthalt und eine unterhaltsame Gesellschaft seien also garantiert.

»Tja –«, meinte Gideon gedehnt.

Ach, und außerdem stehe eine einwöchige Nilkreuzfahrt auf dem Programm, weil sie in el-Amarna, Dendera und anderen Stätten des alten Ägyptens drehen wollten. Boyajian habe bereits exklusiv für sie einen der luxuriösen Nildampfer gechartert.

Gideon lachte. »Reden wir wirklich von demselben Phil Boyajian? Dem Herausgeber von Ägypten für den schmalen Geldbeutel? Ich kenne den Mann. Luxus ist eigentlich nicht sein Thema.«

»Also, wenn ich schon nach Ägypten fahre«, sagte Bea Gustafson, »dann möchte ich es luxuriös haben, und jeder, der mitkommt, sollte sich lieber darauf einstellen.«

»Tja –«, sagte Gideon wieder.

Und, ach ja, fügte Bea Gustafson hinzu, sowohl auf dem Schiff als auch im Horizon House sei ausreichend Platz für zwei. Sie würde sich freuen, wenn Julie mitkäme, vorausgesetzt, sie könne sich freimachen.

Sei das etwas, fragte sie lächelnd, was ihnen vielleicht gefallen könnte?

Damit war die Sache geklärt. Julie und Gideon brauchten sich nicht einmal anzusehen, um zu wissen, dass zwei Winterwochen am Nil etwas war, was ihnen Spaß machen könnte. Es war auf jeden Fall besser, als wenn er allein führe. Der Form halber erhob er ein paar Einwände – unter anderem müsse sein Seminarplan umgestellt werden –, aber Rupert wischte sie beiseite; das lasse sich alles regeln, er werde sich persönlich darum kümmern.

Als Julie sagte, eine Verlegung ihres Urlaubs werde keinerlei Schwierigkeiten machen, waren alle Probleme gelöst, und ein paar Minuten später stieß man mit Pinot Gris auf die bevorstehende Expedition an.

»Auf einen tollen Dokumentarfilm«, sagte Julie.

»Auf ein neues Grenz-Röntgengerät für das anthropologische Institut«, sagte Rupert LeMoyne.

Gustafson lachte. »Auf ein paar erholsame Wochen in der Sonne – um auch diesen Aspekt nicht zu vergessen.«

»Dem kann ich mich nur anschließen«, sagte seine Frau. »Darauf, dass wir alle in ein paar Monaten an einem anderen Tisch zusammensitzen und bei einem Glas Wein den Sonnenuntergang auf dem Nil bewundern.«

»Darauf trinke ich«, sagte Gideon lächelnd. Aber er sah der Sache mit gemischten Gefühlen entgegen. Auf sechs Wochen Ägyptologiebüffeln, dachte er.

Photos by Mariam Soliman (Tee und Kamel) and Adam Bichler (Pyramiden) on Unsplash