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Ertränkt alle Hunde

Ein Neil Hockaday-Roman | #3

Ein fanatisches Herz

Detective Neil Hockaday unternimmt mit seiner Lebensgefährtin, der schwarzen Schauspielerin Ruby Flagg, eine Reise ins Land seiner Ahnen, um seinen im Sterben liegenden Onkel Liam zu besuchen. Hock erhofft Antworten auf Fragen zu seinem Vater Aidan und erfährt doch mehr als ihm lieb ist über eigene und irische Seelenqualen.

Bereits kurz nach der Landung in Dublin wird klar, dass ihn kein ruhiger Urlaub auf der grünen Insel erwartet. Nur knapp entgehen Ruby und er einem Attentat. Zeitgleich ereignen sich in New York mehrere Morde und mysteriöse Selbstmorde, die anscheinend mit Hocks Abreise in Zusammenhang stehen. Die Suche nach Antworten führen Neil Hockaday tief in die blutige und tragische Geschichte Irlands, die mit der eigenen Geschichte, der Geschichte seiner Familie untrennbar verknüpft ist.

»Ich sah nur Wahnsinn. Und marschierende Füße, und noch mehr marschierende Füße. Und wie der Mann, der meinem Vater und mir den Namen Hockaday gegeben hatte, vergoss ich nun Tränen um alle Iren, denen Unrecht getan worden war.«

Der Roman erschien 1996 im Schweizer Haffmans Verlag unter dem Titel Ertränkt alle Hunde als deutsche Erstausgabe von »Drown all the Dogs« (1994, Simon & Schuster, New York). Das Originalmanuskript wurde für die spraybooks-Ausgabe vollständig überarbeitet.

Die Cover aller Neil Hockaday-Romane basieren auf Zeichnungen von Nikolaus Heidelbach.

Der Roman erscheint im Herbst bei spraybooks.

Die Romane um NYPD Detective Neil Hockaday

»Der Dschungel«, 2016, Original: »Sea of Green«, 1989
»Im Labyrinth«, 2016, Original: »Dark Maze«, 1991
»Ertränkt alle Hunde«, 2017, Original: » Drown All the Dogs«, 1994
»Der Himmel des Teufels«, 2016, Original: »Devil’s Heaven«, 1995
Original: »Thrown-Away Child«, 1996, bislang nicht auf Deutsch erschienen
Original: »Grief Street«, 1997, bislang nicht auf Deutsch erschienen

Drown All The Dogs

Liberty

Der 1947 in Detroit geborene Thomas Adcock wuchs zunächst in seiner Geburtsstadt Detroit und später in New York auf. Als Polizeireporter und Journalist in Michigan und Minnesota begann er seine Karriere in der schreibenden Zunft. Bis 1978 arbeitete er für Zeitungen, dann ging er nach New York und nahm einen Job in der Werbebranche der Madison Avenue an. Daneben schrieb er ein Dutzend einfacher Romane unter Pseudonym und später auch Hörspiele und Drehbücher für Fernsehserien.

Seine erste Buchveröffentlichung unter eigenem Namen war Precinct 19 (1984), ein Tatsachenbericht des Polizeialltags in einem Revier in Manhattan. Im Jahr darauf begann er mit dem Schreiben von Krimigeschichten für  Ellery Queen’s Mystery Magazine. In seiner zweiten Geschichte Christmas Cop im März 1986 ließ er erstmals den New Yorker Polizisten Neil Hockaday die Rolle des Ermittlers spielen. Die Geschichte wurde für den  Edgar Allan Poe Award nominiert.

Es folgten regelmäßig weitere Geschichten, in denen auch Hockaday immer wieder die Hauptrolle spielte. Schließlich erschien 1989 der erste Roman mit dem Polizisten irischer Abstammung als Taschenbuch — Der Dschungel gilt laut Krimi-Couch als „Meilenstein des harten Krimis“. Der nächste Roman Im Labyrinth wurde Adcocks erfolgreichstes Werk: Es brachte ihm 1992 den Edgar für den besten Taschenbuchkrimi ein. Bis 1997 wuchs die Serie auf sechs Romane an, von denen einige in bis zu zehn Sprachen übersetzt wurden.

Danach war Adcock wieder journalistisch tätig und unterrichtete auch als Lehrer für kreatives Schreiben. Außerdem engagiert er sich für verschiedene Schriftstellerorganisationen wie P.E.N. und MWA und war Gründungsmitglied der nordamerikanischen Abteilung der International Association of Crime Writers (IACW/NA). Seit einigen Jahren verfasst er regelmäßig Beiträge für das deutsche InternetMagazin CULTurMAG.

Adcock lebt mit seiner Frau, der Schauspielerin Kim Sykes, wechselweise in einem Farmhaus im Bundesstaat New York und in einer Wohnung in Hell’s Kitchen, Manhattan.

Presse

Stefan83 schrieb auf der Krimi-Couch:
»Im Roman Ertränkt alle Hunde, den er drei Jahre nach dem Edgar Award Gewinner Feuer und Schwefel folgen ließ, greift der Autor das zentrale Thema wieder auf, welches schon die beiden vorherigen Bände durchzog, nämlich Hocks unbeantwortete Fragen über seinen Vater, und bringt es zum Abschluss. Und er tut dies derart gekonnt, dass es mir schlichtweg die Sprache verschlagen hat. Egal welchem Genre man dieses Buch zuordnen möchte, denn anbieten würden sich derer viele, so geschickt vermischt Adcock Elemente des Hardboiled-Romans, des Krimi-Noirs und des Politthrillers, man würde dem Werk insgesamt nicht gerecht werden.

Wer den typischen Spannungsaufbau eines Krimis im Stile von Mord, Ermittlung und Auflösung erwartet, wird nichts davon hier vorfinden. Ertränkt alle Hunde verlässt diese oberflächliche Ebene und geht um einiges tiefer. Die Art und Weise wie Adcock sich in seine Figuren einfühlt, ihre Schwächen und Gedanken skizziert, ist schlichtweg meisterhaft. Man hat streckenweise förmlich das Gefühl die jahrhundertealte Verbitterung der Iren über die Unterdrückung durch die Engländer zwischen den Zeilen schmecken zu können, so gekonnt bringt der Autor die Gefühlswelt der Charaktere auf Papier. Die moralischen Grenzen sind schwimmend. Hell und Dunkel, Gut und Böse. All das ist in diesem Konflikt für den kein Ende in Sicht zu sein scheint, kein Maßstab mehr. Und trotz all dieser Düsternis unterhält das Buch blendend. Bis hin zu seinem leider etwas pathetisch ausgefallenen Ende, das aber mit einem richtigen Happyend geizt. Kein Wunder. Ist diese Geschichte doch keine amerikanische oder englische, sondern eine irische Geschichte.

Insgesamt ist Ertränkt alle Hunde ganz große Literatur, die ich Seite für Seite genossen und am Ende nur ungern weggelegt habe. Adcocks bisher bester und reifster Roman, mit dem er sich ganz weit nach oben in meine persönliche Bestenliste geschrieben hat.«

Auf amazon.de erhielt der Roman 5 Sterne:
»Ertränkt alle Hunde ist Adcocks bester, weil reifster Roman. Adock hat die Fähigkeit , sich in seine Figuren bis ins Detail einzufühlen. Jede einzelne Figur trägt Widersprüche in sich, die ihr Verhalten stärker bestimmen, als es die Wirklichkeit selbst vermag. Adcock meidet Simplizifierungen, er gibt seinen Figuren und damit auch deren unterschiedliche Positionen eine charakteristische Stimme und öffnet damit den Blick auf das Wesentliche. Adcock urteilt und läßt auch seine Figuren urteilen, aber er stellt immer wieder klar, daß die Geschichte Irlands vor allem eine Geschichte der Menschen ist und bleibt.«

Das erste Kapitel

Nevermore – Die Hunde des Krieges

Prolog

„Ich hasse es! Bei Gott, ich hasse es.“

Nachdem dies gesagt war, befand er sich in Frieden mit allem, was er mir in dieser Nacht erzählt hatte.

Er drehte den Kopf zur Wand, gerade so als wolle er an dem unsichtbaren Fenster die Wärme eines Morgens spüren.

Es war deutlich nach Mitternacht in den finstersten Stunden des frühen Sonntagmorgens, doch die Tageszeit besaß für ihn keinerlei Bedeutung. Ein sparsames Lächeln spielte auf seinem Gesicht, während er dort in seinem Bett lag, ein Bett viel zu groß für ihn allein. Ich legte meine Hand auf seine. Er duldete sie auf seiner pergamentenen Haut.

„Was genau hasst du?“, wollte ich wissen.

Er holte tief Luft, und seine blinden, blauen Augen schlossen sich. Dann zitierte er abermals von jenen Seiten, die er einst immer wieder gelesen und die sich in sein Gedächtnis eingegraben hatten: „Aus Irland sind wir hervorgegangen; viel Hass, wenig Platz, verstümmelt von Anbeginn los … Ich besitze ein fanatisches Herz aus meiner Mutter Schoß.“

Wo ich eine Reaktion hätte zeigen sollen, folgte jedoch nur Stille, ein betretenes Schweigen der Art, die einem älteren Mann verrät, von einem jüngeren nicht verstanden worden zu sein. Seine nutzlosen Augen flatterten auf, und mit einem Anflug von Verzweiflung sagte er: „Es ist die Wurzel dieses Wahnsinns, die zu hassen ich gelernt habe, und es sind alte Männer an ihren Fenstern, die ich sogar noch mehr hasse.“ Dann schob er meine Hand fort. „Und jetzt geh.“ Das war für den Augenblick alles, ob ich nun verstand oder nicht. Er brauchte Ruhe.

Ich ging zur Tür und öffnete sie, drehte mich aber noch einmal zu ihm um. Was er spürte. Eine Winzigkeit hob er seinen Kopf über den Berg von Decken und sagte: „Ich möchte, dass du mich nicht vergisst, wenn ich tot bin.“

„Habe ich das jemals?“

 

Eins

Abgesehen von dem toten Priester war es ein erfreuliches Wochenende.

Es war das Wochenende, an dem mir in aller Deutlichkeit aufging, dass die Vergangenheit niemals vergangen ist, gleichgültig wie sehr wir auch immer versuchen, unsere Erinnerung zu planieren. Es war das Wochenende, an dem ich endlich beschloss, eine ernst zu nehmende Figur in der Geschichte meines eigenen Lebens zu werden. Es war das Wochenende, mit dem der größte Fall meiner beruflichen Laufbahn begann.

Zunächst sah ich keinerlei Größe, genau genommen nicht einmal einen Fall. Andere allerdings reagierten deutlich sensibler auf aktuelle Ereignisse und jene, die noch bevorstanden. Ruby zum Beispiel. Dann auch Captain Davy Mogaill, mein Rabbi. Wie der Captain sich ausdrückte: „Welchen größeren Fall könnte ein Detective knacken als das Geheimnis seiner eigenen Herkunft?“

Eine Bemerkung, die er an einem beschaulichen Nachmittag in Nugent’s Bar fallen ließ. Diese kleine Weisheit neben anderen. Ich meinerseits erzählte meinem Rabbi von Ruby und dem traurigen Anlass unseres für den folgenden Sonntagabend geplanten Fluges nach Dublin.

Etwa zu der Zeit, als wir bei unserer angenehmen, langen und alkoholgeschwängerten Unterhaltung beisammensaßen, musste dem alten Father Tim zweifellos zum ersten Mal richtig klar geworden sein, was ihn erwartete.

* * *

Zurück zu dem Freitag, an dem dies alles begann:

Es war nach fünf Uhr an einem Nachmittag im April und zufälligerweise auch mein Geburtstag – allerdings verrate ich nicht, der Wievielte. Ruby rief an, um mich davon in Kenntnis zu setzen, dass ich an diesem Abend einen netten Anzug und Krawatte tragen solle wegen dem, was sie wollte, und das war ein Dinner in irgendeinem feinen East Side-Lokal, dessen Niveau ich nicht gewöhnt bin. Dank Ruby sind solche Ankündigungen heute ein fester Bestandteil meines Lebens.

„Also, ich weiß nicht, ob–“, begann ich.

Ruby fiel mir ins Wort. „Ich lade dich ein.“

Worauf ich schnell erwiderte: „Wohin gehen wir und wann?“

Sie nannte mir die teure Adresse eines Restaurants, dessen Namen ich schon oft in Bildunterschriften von Fotos zu Berichten der Times über Wohltätigkeitsbälle gelesen habe, und sagte, wir sollten uns dort um Punkt acht treffen. Womit mir zwei Stunden und fünfundvierzig Minuten blieben, um Feierabend zu machen, mir auf dem Nachhauseweg vom Revier die längst überfällige Rasur und einen frischen Haarschnitt verpassen zu lassen, anschließend unter die Dusche zu springen und noch eine Weile in Shorts und mit einigen Fingerbreit Johnny Walker Red Label herumzusitzen, den Abholschein für meinen guten Anzug zu finden, der sich in der koreanischen Reinigung befand, und meine Schuhe mit den Troddeln zu wienern. Anschließend würde ich ein Taxi benötigen, vorzugsweise eines mit einem Fahrer, der auch ohne meine Hilfe wusste, wie er von meiner irdischen Wohnung in Hell’s Kitchen quer durch die Stadt zum Planeten namens Park Avenue kam.

Ich war zuerst dort, und das nicht mal sonderlich pünktlich. Es war bereits Viertel nach acht.

Das Restaurant besaß einen dieser Namen, die irgendwer schrecklich schick fand, ich aber einfach nur schrecklich. Ich glaube, auf Deutsch würde das Lokal heißen: Das Lama mit der paradoxen Garderobe. Am dezent beleuchteten Kommandoposten des Oberkellners vorbei, des maître d’hôtel, sah ich, dass sich im Speiseraum drängelte, was manche für die New Yorker Schickeria hielt: Graue Eminenzen, die Hof hielten für katzbuckelnde jung-dynamische Managertypen in Armani-Anzügen, Ex–Frauen einstiger Potentaten, Onkel Tom-Republikaner, unter Anklage stehende Wall Street-Hechte, schillernde Ladys mit langen Beinen und kurzen Lebensläufen sowie ein Sortiment weißer Typen mittleren Alters mit Bifokal-Pilotenbrillen, Anzügen von Bijan und kleinen Pferdeschwänzen.

Oui, monsieur?“ Der maître d’ musterte mich verdrießlich mit Augen so schwarz wie seine Smokingjacke. Schließlich kräuselte er die Lippen auf eine Art, die jahrelange Übung erfordert haben musste, und fragte: „Puis-je vous aider?“

Ich war nicht beeindruckt. Zufälligerweise weiß ich etwas über Frankreich, nämlich, dass es ein Ort ist, wohin New Yorker reisen, wenn sie Pikanterien suchen; statt sich jedoch nach Übersee zu begeben, tut’s ersatzweise auch jedes x-beliebige französische Restaurant in Manhattan. Außerdem schwang im Akzent dieses Knaben viel zu viel Grand Concourse mit, wo doch eigentlich nur Champs-Élysées sein sollte. Überdies kam ich mir in meinem anthrazitfarbenen Kammgarnanzug, der lachsfarbenen Krawatte und den nach Schuhwichse duftenden, frisch polierten Schuhe ausgesprochen elegant und gepflegt vor. Ich mag ja vielleicht der klassische Barzahler–Typ sein, aber ein Banause bin ich deshalb noch lange nicht.

„Ich suche eine Dame“, sagte ich. Hinzugefügt hätte ich am liebsten noch: Vergiss deine Nummer, Pierre, wir wissen doch beide, dass du später mit deinem Trinkgeld nach Hause in die Bronx fährst. Aber ich bremste mich. Stattdessen sagte ich: „Vielleicht ist sie ja schon hier. Ich schau mich einfach mal um.“

„Sir, das glaube ich kaum!“ Pierre war völlig aus dem Häuschen, ja sogar richtiggehend schockiert, das arme Ding. Tapfer schob er sich zwischen mich und den Türbogen in den Speiseraum.

„Was –?“, setzte ich an.

„Damen ohne Herrenbegleitung erhalten von mir keinen Tisch.“

„Wie kommt denn das? Ist das hier ein Schwulenladen oder was?“

Dann von hinter mir Ruby mit einem Lachen in der Stimme: „Oh, Hock – benimm dich.“

Ich drehte mich um und sah sie auf mich zukommen. Von draußen aus seinem Wagen genoss auch ihr Taxifahrer einen letzten Blick. An solche Dinge musste ich mich noch gewöhnen; Ruby ist wirklich ein Anblick, und ich bin nicht der einzige Mann in der Stadt, der Augen dafür hat. An diesem Abend trug sie einen dieser kleinen, mit Perlen besetzten schwarzen Fummel, die genau an den richtigen Stellen glitzern. Um ihre nackten braunen Schultern schmiegte sich ein Hauch von durchscheinendem, wollenen Flaum, und um ihr Dekolleté Strasssteine, kastanienbraun war ihr Lippenstift, und in den Ohren trug sie winzige Diamantstecker.

Die Schauspielerin Miss Ruby Flagg weiß, wie sie sich für eine gute Kritik verpacken muss. Und an diesem Abend meines Geburtstages war sie in der Tat hübsch verpackt. Pierre andererseits bekam nichts mit von der Festtagsstimmung.

Entsetzt über mich appellierte er an Ruby. „Mademoiselle – s’il vous plaît!

Sie sagte einfach: „Der Tisch für Detective Neil Hockaday.“

Pierre musterte mich wieder, verzichtete diesmal auf die gekräuselte Lippe, vielleicht aus Respekt vor meiner Position, wahrscheinlich aber nicht. Jedenfalls konsultierte er seine Reservierungsliste, wobei er sich reichlich Zeit ließ, bevor er schließlich verkündete: „Ah, oui. Monsieur Hockaday – zwei Personen. Très bien.“

Wir folgten ihm zu einem Tisch in der Ecke. Dieser ausgesprochen gute Platz überraschte mich schon ein wenig, bis mir klar wurde, dass Ruby während ihrer Zeit in der Werbebranche vermutlich recht häufig geschäftlich hier gewesen sein und zweifellos auch haufenweise Geld hier gelassen haben dürfte.

Es war noch gar nicht solange her, dass Ruby Geschäftskostüme getragen und eine Vielzahl von Zauberwässerchen verscherbelt hatte, die eine beeindruckende Bandbreite von Körpergerüchen beseitigten. Dafür erhielt sie ein beträchtliches Gehalt plus Bonuszulagen und flottem Spesenkonto. Als kluges Mädchen bunkerte sie einen Großteil dieses „albernen Geldes“, wie sie es nennt, und investierte in eine Manhattaner Immobilie – genauer gesagt in ein windschiefes, fahrstuhlloses Backsteingebäude unten an der South Street, in dem sie sich eine Wohnung und ein Ziemlich-Off Broadway-Theater einrichtete, das sich weniger durch Kartenverkäufe als vielmehr die Mieteinnahmen eines Friseursalons im ersten Stock und des Restaurants im Erdgeschoß finanziert.

Das war nun schon einige Jahre her. Aber jeder aus ihrer Vergangenheit erinnerte sich mit Sicherheit noch an Ruby Flagg. Angefangen mit unseren Freund dem maître d’.

„Danke, Pierre“, sagte sie zu ihm, während er ihr den Stuhl zurechtrückte. Ich musste allein sehen, wie ich klarkam. Als er auf seinen Lackschuhen davonsteppte, fragte ich Ruby: „Heißt der Kerl wirklich Pierre?“

„Keine Ahnung“, sagte sie. „Aber er scheint glücklich zu sein, wenn ich ihn so nenne.“

Ein Weinkellner kam und begrüßte Ruby mit einem Handkuss. Was ich mit einem dummen, missmutigen Blick quittierte. Ruby erkundigte sich nach seiner Frau und den Kindern, und er erwiderte, der Familie gehe es blendend. Dann durfte er abzwitschern und uns eine dieser geblümten Flaschen Perrier-Jouët holen. Schließlich wandte sie sich zu mir und sagte: „Weißt du – gerade du solltest dich von Typen wie ihm doch nicht aus der Fassung bringen lassen.“

Inzwischen hatte ich mit meinen finsteren Blicken aufgehört. Stattdessen lächelte ich jetzt dümmlich das kleine Grübchen in Rubys Kinn an, und auch die reizende Spalte im Ausschnitt ihres Abendkleides. Ich sagte: „Sprichst du von Pierre?“

„Du weißt genau, wovon ich spreche. Wieso lässt du dem Mann nicht einfach seine kleinen Anmaßungen? Wo wärest du selbst ohne Täuschungen bei der Arbeit?“

Das war eine grobe Untertreibung. Wenn ich im Dienst bin, trage ich nur selten einen Anzug, nicht mal einen von der formlosen Sorte aus dem Sonderangebotskeller von A&S, die von den meisten mir bekannten Detectives bevorzugt werden, wie ich leider sagen muss. Und zu behaupten, meine Arbeitskleidung sei schlicht, könnte als verbrecherische Untertreibung angesehen werden. Meistens trage ich abgelegte Kleider von der Heilsarmee, die ich über die Jahre gesammelt habe – bis auf meine eigene gute, alte Yankees-Baseballkappe, circa 1963, und ein Paar schwarzer, knöchelhoher P-F Flyer Turnschuhe. Diese besitze ich bereits seit der Zeit, als ich mit der einst schönen Judy McKelvey verheiratet war, wir in Queens in einem niedlichen Haus mit Zaun drumherum lebten und unglücklich waren, und ich einen Haufen Kids von der P.A.L. Baskettballiga des Viertels trainierte. Unordentlich rasiert und in meinen üblichen Klamotten würden Sie mich wahrscheinlich nicht aus einer Gruppe von Männern herausgreifen können, die nichts mehr zu verlieren und kein Ziel haben, und genau so soll’s auch sein bei der SCUM Patrol – der Kurzform für Street Crimes Unit – Manhattan.

An diesem Abend jedoch hatte ich ein Ziel. Tatsächlich hatten wir noch einen sehr weiten Weg vor uns, bevor wir einschlafen würden. Schnell wechselte ich das Thema. „Reden wir über unsere Reise.“

„Gute Idee“, stimmte Ruby zu.

Der Weinkellner kehrte mit dem Champagner an unseren Tisch zurück, schenkte zwei Gläser ein, stellte die Flasche in einen Eiskübel und verschwand wieder. Ruby hob ihr Glas. „Auf uns und auf Irland, und auf deinen armen Onkel Liam – und außerdem auch noch herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, mein geliebter Hock.“

Also tranken wir auf all das. Woraufhin ich einen zweiten Toast aussprach. „Und jetzt auf Ruby Flagg, mit Sicherheit die exotischste Frau auf den Straßen von Dún Laoghaire.“

Ruby lachte. „Du meinst wohl: die einzige exotische Frau.“

„Du solltest nicht zu überrascht sein, das eine oder andere Gesicht zu sehen, das genauso dunkel ist wie deines“, sagte ich. „Vor ein paar hundert Jahren gab’s die spanische Armada, die ihre Spuren hinterlassen hat.“

„Stehst du auf schwarze Iren?“

„Ich mag beide.“

„Das dürften die meisten irischen Männer aber anders sehen.“ Sie lachte wieder. So wie sie es machte, gefiel es mir. Ich starrte ihre perfekten, weißen Zähne, ihre kastanienbraunen Lippen und die Spitze ihrer rosafarbenen Zunge an. Durchaus möglich, dass ich gesabbert habe.

„Woran denkst du, Ire?“, fragte Ruby.

„Ich denke daran, wie wir beide auf einem Sandstrand so weiß wie Zucker liegen und du mir auf Französisch was ins Ohr flüsterst. Ich sehe dich an, und solche Gedanken kommen mir in den Kopf.“

Sie verdrehte ihre leuchtenden, hellbraunen Augen. „Ich darf nicht vergessen, dass du anders bist als die meisten Iren, stimmt’s?“

„Genau wie Onkel Liam“, sagte ich. „Falls du dir Sorgen machst, dass er dich nicht mögen wird, vergiss es.“

„Und wie gefiel ihm deine Frau?“

Musste sie jetzt davon anfangen? „Das ist schon lange her“, sagte ich.

„Ach, ja?“

In diesem Augenblick musste ich einfach denken, wie gut es für das Ego eines Mannes wie mir in der Mitte seines Lebens ist, im Zentrum der abstrakten Eifersucht einer Frau zu stehen. Besonders einer Frau, die aussah wie Ruby.

„Lange genug“, sagte ich.

„Tut mir leid.“

„Vergiss es.“

„Okay.“ Ruby fuhrwerkte mit einer gestärkten Serviette herum. „Weißt du, das mit deinem Onkel tut mir wirklich leid. Es ist zu blöd, dass du mit mir auf die andere Seite reist, um ihn zu besuchen, wo er doch … na ja, wo’s ihm eben geht, wie’s ihm geht.“

„Du meinst, wo er doch stirbt. Das wolltest du doch sagen.“

Ruby beugte sich zu mir und tätschelte meinen Arm, wie sich Leute bei Beerdigungen berühren. Hier saß ich und dachte bereits an solche Dinge wie eine Beerdigung. Ich bekam kaum mit, wie Ruby sagte: „Ich wünschte einfach nur, ich könnte deinen Onkel unter glücklicheren Umständen kennenlernen.“

Die Nachricht über Liams Gesundheitszustand hatte mich letzte Woche in einem Brief aus Irland erreicht, den ein gewisser Patrick Snoody geschrieben hatte, der selbsternannte „treue Freund“ meines Onkels. Ich hatte noch nie von ihm gehört. Snoody hatte geschrieben, um mich davon in Kenntnis zu setzen, dass Liam aufgrund seines schwachen Herzens nun ans Bett gefesselt war; er schrieb, Liam habe „vielleicht noch ein Jahr oder auch mehr“; er brachte die typisch irische Beileidsbezeugung zum Ausdruck: „Ich bedaure natürlich sehr, Sie beunruhigen zu müssen.“ Und nun, am Sonntagabend und unter diesen traurigen Vorzeichen, würden Ruby und ich nach Dublin fliegen, um einem angeschlagenen alten Knaben zu zeigen, dass das Leben weitergeht. Mehr konnte ich nicht tun.

„Ich bin kein Schwarzmaler“, sagte ich zu Ruby. „Ich sehen den Tatsachen nur ins Gesicht. Liam stirbt, und ich glaube, er selbst würde dieses Wort auch benutzen.“

Ein Kellner kam, wuselte geschäftig um Ruby herum und ignorierte mich völlig. Endlich war er soweit, unsere Bestellungen entgegenzunehmen, und schließlich waren wir mit Essen fertig, das wirklich ausgezeichnet war und fast jeden Penny wert, den Ruby dafür zahlen musste. Als wir dann bei Kaffee und Port saßen, kam dieses äußerst unappetitliche Thema erneut auf.

„Wie war sie?“

„Sie …?“ Als müsste ich fragen.

„Du weißt schon, wen ich meine.“

„Das darf doch wohl nicht wahr sein! Ich habe heute Geburtstag!“

„Deshalb gehe ich ja auch mit dir in dieses nette Lokal und sage herzlichen Glückwunsch. Jetzt fände ich’s aber nett, wenn du ein bisschen für dein Abendbrot singst. Ist das vielleicht zu viel verlangt? Du weißt doch, wie man singt, oder nicht? Immerhin warst du ja mal Chorknabe, Hock, stimmt doch, oder?“

Wann genau hatte ich bitteschön das erwähnt? Die mit Abstand furchterregendste Sache bei Frauen ist, dass sie sich absolut an alles erinnern, was man ihnen einmal gesagt hat.

Was meine Zeit als Chorknabe betrifft, das war schon richtig. Ich hatte im Knabenchor der Holy Cross Church an der West Forty-second Street den Sopran gesungen, als Harry Truman im Weißen Haus saß, Sunset Boulevard in den Kinos lief und es überall von verschlagenen Kommunisten nur so wimmelte, die Tag und Nacht damit beschäftigt waren, den American Way of Life zu untergraben.

Father Timothy Kelly hatte sich wegen dieser Kommunisten ganz besonders viele Sorgen gemacht. Er war fest davon überzeugt, dass die Roten mit Satan im Bunde standen und sich vor allen Dingen der unheiligen Aufgabe verschrieben hatten, die Jugendlichen seiner Pfarre zu verderben. Folgerichtig hoffte Father Tim, uns damals noch leicht zu beeindruckende Hell’s Kitchen-Jungs durch das Singen der Lieder des Herrn dazu bewegen zu können, stets auf unsere besseren Engel zu hören. Ein ganz besonderes Interesse hatte Father Tim daran, mich vor den subversiven Kräften jener Tage zu schützen, da ich zufälligerweise der Neffe seines engen und guten Freundes aus Dún Laoghaire war – mein Onkel Liam.

Schon sehr lange hatte ich nicht mehr an den Knabenchor gedacht. Genauso wenig an Father Tim, wie ich mich schäme zuzugeben. Nicht mehr, seit Father Tim aus dem Viertel fortgezogen war, um den Lohn eines langen Berufslebens in Empfang zu nehmen: ein Zimmer in einem Heim für pensionierte Priester in einer baumbestandenen Straße in Riverdale, ganz oben in der Bronx. Ein einziges Mal hatte ich ihn dort besucht, ungefähr eine Woche nach seinem Umzug. Danach rief ich noch drei- oder viermal an, nur um in Verbindung zu bleiben, wie ich es versprochen hatte. Dann wurde ich zu einem typischen Drecksack und verdrängte den alten Knaben auch aus meinem Kopf.

„Als Chorknabe habe ich zum Himmel gesungen“, erklärte ich Ruby. „An meinem Hochzeitstag sagte man mir, Ehen würden im Himmel geschlossen. Also wirst du verstehen, dass ich nicht viel Sinn darin sehe, heute noch zu singen.“

„Ja“, sagte Ruby, „und heute siehst du auch in der Ehe nicht mehr viel Sinn. Und deshalb wirst du mich deinem kleinen, alten irischen Onkel auch als – ja, als was … als deine kleine Freundin vorstellen?“

„So würde ich es nicht ausdrücken.“

„Wie willst du es denn ausdrücken, wenn du Liam von Angesicht zu Angesicht gegenüberstehst und er mich einfach nicht übersehen kann?“

„Ich werde ihm sagen, dass wir beide uns in einem langen, langsamen Tanz befinden.“

„Aha! Deine Worte kenne ich wohl, Mister Charmeur. Nur, dass sie jetzt nicht mal mehr halb so clever klingen wie beim ersten Mal.“

Sie erinnern sich an absolut alles!

„Was willst du von mir?“, fragte ich.

„Du sagst nette Dinge, Hock, und das mag ich. Aber manchmal ist nett eben nicht genug.“ Ruby hatte sich aus ihrem Stuhl zu mir vorgebeugt, und ich hatte mich in der Wärme ihres Atems und der Hitze ihrer karamelfarbenen Haut geaalt. Jetzt aber lehnte sie sich wieder zurück. „Wenn du über gewisse Dinge redest, hast du so eine Art, Worte in hohe Mauern zu verwandeln.“

„Gewisse Dinge?“

„Zum Beispiel über deinen Vater. Deine Mutter …“

Ich fiel ihr ins Wort. „Entschuldige bitte, aber ich dachte, wir sprechen über meine Frau. Meine Ex-Frau.“

„Ja, die auch. Wir reden über all die leeren Stellen deines Lebens, an denen Menschen Löcher in dir hinterlassen haben. Wenn ich mit einem Mann einen langen, langsamen Tanz tanze, dann will ich wissen, wo diese Löcher sind.“

„Warum … willst du nicht riskieren, in seine Sorgen und Probleme zu fallen?“

Ruby lächelte geduldig, als sei sie eine liebenswürdige Nonne und ich der große, dumme, etwas begriffsstutzige Junge ihrer Klasse. „Was andere Männer betrifft, die ich gekannt habe, ist das sicher richtig. Da du aber ein Cop bist und ich absolut nichts dagegen tun kann, wer weiß, vielleicht muss ich dich ja von Zeit zu Zeit retten. Du verstehst also, dass ich wissen muss, wo die Löcher sind.“

Ich versuchte es mit einem Scherz, einer weiteren Mauer. „Ich dachte, du magst mich nur wegen dem Sex.“

„Ich hab’s dir schon mal gesagt, dass ich es ernst meine, mein Freund. Was bedeutet, bei unserem Tänzchen geht’s nicht nur um Drüsen. Außerdem muss ich dir leider mitteilen, dass du mit deiner Überzeugung schrecklich allein auf der Welt wärest, solltest du dich für einen Großen Irischen Lover halten.“

„Vergiss nicht – ich bin anders als die meisten irischen Männer, stimmt’s?“, nuschelte ich.

Meine Eitelkeit war angeschlagen, und das wusste Ruby genau. Und sie wusste auch, dass sie mich aus dem Gleichgewicht gebracht hatte. Also fragte sie wieder. „Wie war sie?“

„Sie hatte ein tolles Grübchen.“

„Du hast sie wegen ihres Grübchens geheiratet?“

„Wäre ich der erste Mann, der sich in ein Grübchen verliebt und dann den Fehler begangen hat, das ganze Mädchen zu heiraten?“

„Mehr fällt dir dazu nicht ein?“

„Ich könnte noch sagen, dass es mich ziemlich beunruhigt, wie sehr ich das Grübchen in deinem Kinn liebe.“

„Ist das ein Antrag?“

„Im Moment ist’s erst mal eine scherzhafte Bemerkung.“

„Was ist mit deinem Vater? Willst du dich über ihn auch lustig machen?“

Damit hatte sie definitiv eine meiner leeren Stellen erwischt. „Ich habe dir bereits alles erzählt, was ich über ihn weiß“, sagte ich. „Und das ist nicht besonders viel.“

Mein unbekannter Soldatenvater, von dem meine Mutter ihr ganzes Leben lang nur sagen konnte: „Dein Papa ist im Nebel verschwunden, mehr gibt’s da nicht zu sagen. Es tut viel zu weh, so von ihm zu sprechen, als wäre er je ein Mann aus Fleisch und Blut gewesen.“ Wozu sein Bruder Liam bei seinen zahlreichen Besuchen nach dem Krieg nichts Aufschlussreicheres hinzuzufügen hatte.

Natürlich hatte Ruby das Foto gesehen, vielleicht das einzige, das es von meinem geheimnisvollen Vater gibt – jenes Foto, das auf der Kommode in meinem Schlafzimmer steht. Private First Class Aidan Hockaday von der United States Army in seiner frisch gebügelten Uniform, deren Anblick allein schon gewaltig Respekt einflößt; ein gut aussehender junger Ire, der irgendwo im Krieg gegen Hitler und den Tojo als vermisst auf der Strecke geblieben ist; sein Klang und sein Geruch und wie er sich anfühlt, das alles fehlt irgendwo in mir.

Ich besitze das Foto und hege ein tiefes Gefühl für diesen Mann. Ich habe seine Stimme gehört, in Form seiner Briefe von den Schlachtfeldern Europas. Meine Mutter hat sie den Frauen aus der Nachbarschaft vorgelesen, wenn sie sich an Freitagabenden in unserem Wohnzimmer trafen, um Edward R. Murrow zuzuhören, der aus unserem Atwater-Kent Radio die Heimat zur Wachsamkeit ermahnte. Ich war damals ein kleiner Junge in kurzen Hosen, der heimlich aus dem Nachbarzimmer lauschte, wenn meine Mutter die Worte meines Vaters vorlas, wobei ich irgendwie wusste, dass ich mir diese Briefe sehr gut einprägen sollte, selbst wenn ich nicht mal die Hälfte dessen verstand, was ich da hörte.

Ich wagte jedoch nie, die Worte niederzuschreiben, und so ist das meiste davon über die Jahre verloren gegangen. Die Briefe gibt es nicht mehr, sie sind mit meiner Mutter ins Grab gegangen. Ruby hält dies für einen Diebstahl, und ich sehe es genauso.

Sonntagabend nach Irland. Um meinen einzigen, noch lebenden Verwandten zu besuchen, meinen sterbenden Onkel Liam. Damit er Ruby kennenlernt, bevor auch er mich verlässt.

Ruby. Da saß sie nun, mir gegenüber, im Schein des Kerzenlichts. Aber ich war in Gedanken meilenweit fort. Und doch hörte ich sie sagen: „Vielleicht wirst du nach dieser Reise mehr wissen. Aber willst du es wirklich wissen?

Wie oft bin ich als kleiner Junge und als Mann nachts aufgestanden in dem festen Glauben, der Geist meines Vaters habe sich auf meiner Bettkante niedergelassen? Wie oft habe ich im Schlaf die Hand nach diesem Geist ausgestreckt, um etwas mehr zu haben als eine einzige Momentaufnahme aus Aidan Hockadays Leben, eingefangen in Licht und Schatten auf einem Stück Fotopapier?

„Vielleicht brauche ich einen Drink“, sagte ich. Ich gab dem Kellner ein Zeichen.

„Nur der Ordnung halber: ich missbillige das“, sagte Ruby.

* * *

Viel später, im Dämmerlicht eines grauenden Samstagmorgens, wurde ich mir des Geistes auf meiner Bettkante bewusst.

Ich streckte nach ihm die Hand aus und erwischte doch nur wie üblich Luft. Ich strengte mich an, Worte zu hören, da ich wusste, der Geist wollte etwas sagen. Aber nichts. Nur die vertraute Enttäuschung der Schlaflosigkeit.

Mit einer Ecke des Lakens wischte ich mir den Schweiß von Gesicht und Hals. Dann schlüpfte ich aus dem Bett und ließ Ruby allein, die im Schlaf leise Geräusche machte.

Ich nahm das Foto meines Vaters von der Kommode und ging damit ins Wohnzimmer. Ich stellte es oben auf meinen Koffer, der halb gepackt und offen auf der Couch lag. In einer Kanne auf dem Herd in der Kochnische stand noch Kaffee vom Vortag. Ich machte die Flamme darunter an und ging ins Bad, um mir mit Seife und kaltem Wasser das Gesicht zu waschen.

Als ich fertig war, schenkte ich mir eine Tasse bitteren, schwarzen Kaffee ein und setzte mich auf die Couch neben das Foto. Nur wir beide, Vater und Sohn. Willst du es wirklich wissen? Wenn dem so war, dann gab es nur noch diese eine letzte Chance, Antworten auf meine Fragen über Aidan Hockaday zu erhalten; sie warteten auf mich auf der anderen Seite.

Vielleicht würde mir das Foto helfen. Ich fragte es: „Möchtest du mit mir nach Irland fliegen?“

Ich beschloss, dass der Geist antwortete: „Aber sicher, liebend gern begleite ich dich, mein Junge.“ Und so versuchte ich, das Foto zwischen die Kleider in den Koffer zu zwängen. Dann kam mir die glänzende Idee, das Gewicht des Gepäcks ein wenig zu verringern und gleichzeitig das Risiko zu vermeiden, das Glas zu zerbrechen, indem ich das Foto einfach aus dem Rahmen nahm.

Die Metallbügel auf der Rückseite des Rahmens waren spröde und brachen heraus, als ich sie zurückbog. Dann löste ich den filzüberzogenen Karton und ließ das Foto herausgleiten. Es roch modrig, als sich eine kleine Staubwolke erhob – fast fünf Jahrzehnte Zeit und Schmutz unter Glas.

Einige Minuten lang hielt ich das Bild meines Vaters, starrte es zum ersten Mal in meinem Leben ohne gläserne Barriere zwischen uns an. Ich ließ meine Fingerspitzen über Aidan Hockadays Gesicht gleiten, berührte das Spiegelbild meiner eigenen Nase und Lippen und Kinn.

Dann legte ich das Foto verkehrt herum zu meinen übrigen Sachen in den Koffer. Und bemerkte die elegante Handschrift.

Mit blauer Tinte, die all diese Jahre durch die Gefangenschaft im Bilderrahmen vor dem Verblassen bewahrt worden war, hatte jemand auf die Rückseite ein Gedicht geschrieben:

„Ertränkt alle Hunde“, sagte die zornige junge Frau,
„Sie haben meine Gans getötet und eine Katze.
Ertränkt, ertränkt sie in der Wassertonne,
Ertränkt alle Hunde“, sagte die zornige junge Frau.