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Die Rechnung

Die Tony Cassella-Trilogie | #1

Wahrheit & Bockmist

Tony Cassella ist mehr als ein Privatdetektiv. Er ist ein Mann mit einer Mission: er will ehrlich bleiben gegenüber sich selbst, den Menschen, die er liebt, und einem Ehrenkodex, dem er nicht immer genügen kann. Er hat die Seele eines Straßenjungen, beste Kontakte zum Mob und die Haltung eines erstklassigen Gauners … alles Dinge, die ihm bei seiner täglichen Arbeit sehr zugute kommen.

Als ein Anwalt alter Schule bei der Börsenaufsicht auspacken will über die schmutzigen Geheimnisse seiner Kanzlei, um selbst nicht ins Gefängnis zu müssen, wird Tony von der Wall Street-Firma angeheuert, um diese geheime Aussage abzuhören.

Als dann aber der hochbezahlte Kanarienvogel tot auf einem Parkplatz liegt, will Tony den Hintergründen auf die Spur kommen. Er weiß er, dass er der Wahrheit nahe gekommen ist, als er selbst in Lebensgefahr gerät. Um zu begreifen wie nahe, muss er die Lügen der Vergangenheit aufdecken und die ehrenwerten Männern, die jeden Preis zu zahlen bereit sind, um die Vergangenheit ruhen zu lassen, aus ihrem bevorzugten Halbdunkel ans Licht der Öffentlichkeit zerren.

Brillant, witzig, wunderbar lebendig … Hervorragende Dialoge … Außerordentlich kenntnisreich, was die Polizeiarbeit und das Sicherheitsgewerbe angeht. Ein Held, der gleichzeitig sehr dunkle Seiten hat und sich abquält damit, seinem Ehrenkodex zu genügen. Ein Buch, so furchterregend wie die Schlagzeilen von heute …

 

Für »No One Rides for Free«, die Originalausgabe dieses Romans, erhielt Larry Beinhart 1986 den begehrten Edgar Allan Poe Award der Mystery Writers of America für das beste Debüt.

»Die Rechnung« ist die neu lektorierte Übersetzung von Werner Waldhoff, die erstmals 1989 unter dem Titel »Kein Trip für Cassella« im Rowohlt Verlag erschien.

Die Tony Cassella–Trilogie

»Die Rechnung«, 2015, Original: »No One Rides For Free«, 1986
»Die Quittung«, 2015, Original: »You Get What You Pay For«, 1988
»Der Wechsel«, 2016, Original: »Foreign Exchange«, 1991

Cassella #1

Larry Beinhart

geboren 1947, lebt heute in Woodstock, NY, und arbeitet hauptsächlich wieder als Journalist. 2015 hat er einen neuen Roman geschrieben, »ZombiePharm«, eine ausgesprochen witzige und kluge Satire auf das moderne Schulsystem nicht nur in den USA.

Larry Beinhart lacht oft und gern, deshalb spielt in seinen Büchern Humor eine so große Rolle. Er vergisst nie, seine Leser auch zum Schmunzeln zu bringen, selbst wenn der Tenor einer Geschichte ernst ist — etwa in seinem hierzulande vermutlich bekanntesten Roman »American Hero«, wenn er den Schlafanzug von Präsident Bush beschreibt: weißes Flanell mit Seehunden, die kleine Präsidenten auf den Nasen balancieren.

Die Süddeutsche schrieb Anfang der 1990er zu den Cassella-Romanen: »Zugleich sophisticated, ein wenig pornographisch und manchmal pflaumenweich«, und hielt sie für raffiniert arrangierte, gut erzählte moderne Krimis von heute.«

Die Weltwoche ergänzte: »Sex und Drugs, Suspense. Was will man mehr?«

Das erste Kapitel

Attica

Für die Verteidigung: Paul Dean Whitney, Harvard 1940, Nummer Drei in seiner Klasse, Law Review, Assistent von Paul C. Chillgren III, Harvard ’49, Nummer Fünf, Law Review, und Andrew Lande Depue, Yale ’73, Nummer Sieben, Law Review. Eine stärkere und hochkarätigere Verteidigung konnte man sich nicht wünschen.

Das Team der Staatsanwaltschaft Manhattan, der prestigeträchtigste Platz für öffentliche Ankläger, wurde angeführt von Franco DeMattresse (Columbia, ’69, Nummer Vierzehn) und unterstützt von Leonard Ginsberg (NYU, ’79, Nummer Vier, Law Review) sowie Roosevelt Long (NYU, ’82, Nummer Siebenundzwanzig). Was ihnen an Klasse und Beziehungen fehlte, machten sie durch Aggressivität wett.

Auf der Richterbank: Seine Ehren Paul Stewart McCarthy, Brooklyn Law School. Abendstudium.

Der Angeklagte war eindeutig schuldig. Doch die Gerichtswelt reflektiert die reale Welt durch zwei Linsen, die mit gleicher Intensität verschärfen und verzerren. Regeln der Gesellschaft, fehlerhafte Verknüpfungen des Schicksalsfadens, zufällige Ereignisse, Können und Inkompetenz und Unterlassungssünden, all das kollidiert mit beängstigender Irrationalität und erzeugt etwas, das mit den Gesetzen der Logik nichts zu tun hat. Es gab deshalb keinen Grund, mit einem Schuldspruch zu rechnen.

Nichtsdestoweniger lautete der Spruch: »Schuldig.«

Seine Ehren P. S. McCarthy verkündete das Urteil: »Drei bis fünf Jahre. Attica.«

Das gesamte Verteidigerteam verfiel in einen Schockzustand, der noch tiefer zu gehen schien als damals, 1957, als der erste Jude in die Kanzlei Whitney, Whitney, Stanley und White aufgenommen worden war. Man hätte einen Nadelstreifen fallen hören können.

Die Staatsanwälte mit ihrer Überheblichkeit und ihrem hässlichem Großstadtslang, von dem Sieg bereits beschwingt, waren geschockt. Selbst die Gerichtssaalbesucher, begeisterte Anhänger von Verirrungen und Fehlurteilen, waren geschockt.

Doch am tiefsten saß der Schock bei dem Angeklagten. Attica. Ein Alptraum. Attica. Warum nicht gleich die Hölle? Warum nicht Auschwitz? Er war sechzig. War das nicht alt genug, um seinen blassen weißen Arsch vor Vergewaltigung zu beschützen? Große, schwarze, in Straßenkämpfen gestählte Leiber würden seinen schreibtischbleichen, schreibtischweichen nackten Leib unter der Dusche gegen die gekachelten Wände knallen. Große fette Fäuste. Schwere Füße. Bösartiges, gehässiges Gelächter, während sie ihn vornüberbeugten und schändeten. Kichern und Gelächter aus Freude an der Zerstörung (fünfte Folge von Joy of Sex, sechzehn Wochen auf der Bestseller-Liste der New York Times). Attica. Alptraum. Messer aus Bettfedern in den Händen von Punkern. »Her mit deinen Zigaretten, her mit deinem Geld. Ich quetsch dir die Augen raus, Pop.«

Hier handelte es sich um Wirtschaftskriminalität. Erste Straftat. Er war Anwalt. Anwälte der gehobenen Mittelklasse in mittleren Jahren kommen nicht nach Attica. Kam John Mitchell nach Attica? Dean? Haldeman? Erlichman? Attica war etwas für Tiere. Der Richter musste verrückt sein, dass er einen Vogel in den Katzenkäfig sperrte. Die Dschungelbestien würden ihn bei lebendigem Leib fressen. Ihn zerreißen. Ihm das Blut aussaugen. Und dann bloß so zum Vergnügen die Federn ausreißen.

At-ti-ca! At-ti-ca! At-ti-ca!

»Niemals! Nie! Da geh ich nicht hin!«, kreischte der Angeklagte. Er schaute zu seinen ehemaligen Partnern hinüber, den Anstiftern dieser Barbarei. »Dafür krieg ich euch dran. Ich reiß euch mit rein und diesen Schwanzlutscher Charlie ebenfalls!«

Seine Ehren P. S. McCarthy schlug mit seinem Hämmerchen auf die Tischplatte. Die Verteidigung versuchte den Angeklagten zu beruhigen. Als es wieder ruhiger im Gerichtssaal geworden war, begründete der Richter — was sein Recht und seine Pflicht war -, wie er zu diesem Urteil gelangt war. Seine Logik war klar und präzise. Seine Argumentation war zwingend und verständlich. Auch das war ungewöhnlich.

Seine Ehren sagten: »Ich schicke Kerle dorthin, die ein Radio für fünfzehn Dollar gestohlen haben. Dieser Kerl hier hat acht Millionen Dollar gestohlen. Er kommt nach Attica.«

Im Kopf des Angeklagten tobten Wut und Angst.

Der Angeklagte Edgar Wood (eine Ellis Island-Variante von Woiczkowsky) war Anwalt für Over & East, Inc., gewesen, dem gigantischen Konglomerat in den Wall Street mit dem Spitznamen Take Over & Eat.

Der Vorsitzende des Aufsichtsrates hieß Charles Goreman. Das führte zu weiteren Spitznamen, denn Schuljungen lieben Spitznamen, und jeder Wall Streeter ist im Grunde ein Schuljunge. Also: »Gore & Glory: Die Übernahmespur von Over & East«1, »Takeover & Eat, immer noch der gleiche alte Gierschlund«2, »Charles ,Blood & Gore‘; Goreman-König der Spekulatoren«3, »Fusionen & Manipulationen — Die ganze Gory Story«4, »Captain Gore — der letzte Pirat«5, »Gore unter Blaublütern: Eine soziale Machtübernahme im Osten.«6

Die Welt hatte Wood nach unten gerissen, und die Hand, die ihn hätte retten können, die Hand von Charles Goreman, rührte sich nicht. Sie waren schon zusammen gewesen, noch bevor es richtig angefangen hatte. Wood war Goremans persönlicher Anwalt sowie juristischer Berater von Over & East. Er saß im Vorstand. Er saß im Aufsichtsrat mehrerer Tochtergesellschaften. Zusammen hatten sie ein Empire aufgebaut. Zusammen, so wie Don Quichotte und Sancho Pansa, wie Roy Rogers und Trigger, wie Sergeant Preston und sein Hund King, wie der Lone Ranger und Tonto. Jetzt war der weiße Mann hinter Tonto her, und der Lone Ranger sagte: »Jeder Indianer kämpft allein. Kapiert, Tonto?«

In einer Vision sah Wood die Straße der Rettung vor sich. Die Pflastersteine der Straße setzten sich aus Rachegedanken zusammen, was die Sache nur noch süßer machte.

»Ruf die SEC an«, sagte Wood zu Whitney. »Die Börsenaufsicht.«

»Was?«

»Die SEC«, wiederholte Wood. »Sag ihnen, ich bin bereit zu einem Handel. Sag ihnen, wenn sie mir Attica ersparen, erzähl ich ihnen alles, was wir, ich und ,Gory‘ Charlie Goreman, getan haben, um Over & East in Takeover & Eat zu verwandeln.«

»Edgar, wir haben unsere legalen Möglichkeiten noch lange nicht erschöpft.« Whitney gab sich etwas väterlich; das gehörte zu den Merkmalen eines Anwalt-Mandanten-Verhältnisses. »Wir können sowohl gegen den Schuldspruch als auch gegen das Urteil Berufung einlegen.«

»Hör mir zu, Whitney.« Wood sprach wie ein Mann, dessen Eier mit einem stumpfen Messer rasiert wurden. »Mach’s auf meine Weise. Wir haben die SEC seit Jahren am Arsch.«

»Hör mal«, sagte Whitney väterlich und geduldig, »dies ist der New York State Criminal Court. Die Betonung liegt dabei auf strafrechtlich und staatlich. Die Börsenaufsicht ist kein Organ der Rechtspflege; sie ist eine ganz normale Behörde der Bundesregierung.«

»Nein. Du hörst mir zu. Wir machen’s auf meine Art.«

»Ich weiß, du bist aufgeregt und wütend; der Schuldspruch und noch mehr dieses obszöne, beispiellose Urteil haben dir einen Schock versetzt. Du bist ein ausgezeichneter Rechtsanwalt, Edgar, aber du bist kein Spezialist für Strafsachen. Wir schon. Deswegen hast du uns ja engagiert. Wir werden mit rauchenden Colts in die Berufung gehen und der ganzen Sache ein Ende machen. Wart nur ab.«

Die Galle schoss in ihm hoch wie das Öl aus einem geplatzten Rohr; sein Blut hämmerte im Neon-Broadway-Rhythmus: At-ti-ca! Ra-che! At-ti-ca! Ra-che! At-ti-ca!

»Whitney, lutsch deinen eigenen blaublütigen Schwanz.«

»Was?«, sagte Whitney. Nur farbige Angeklagte und ehemalige Groton-Kommilitonen haben je in diesem Ton mit ihm gesprochen. Und auch nur dann, wenn sie in der gleichen Abschlussklasse gewesen waren; ganz abgesehen davon, dass sie es mit einem Lächeln gesagt hatten.

»Genau das wirst du tun. Du wirst die SEC anrufen. Du wirst der SEC sagen, dass ich jeden schmutzigen Handel, jeden Hinterhofdeal bezeugen werde. Ich werde ihnen zeigen, wo die Leichen vergraben sind und welche Schränke sie öffnen müssen, um die Skelette zu finden. Die werden sich vor Freude nicht mehr einkriegen. 1963 hat die SEC die ersten Nachforschungen über Over & East angestellt. Ich habe sie gestoppt. Seitdem hatten wir sie fast jedes verdammte Jahr wieder am Hals, und jedes gottverdammte Mal habe ich sie gestoppt. Glaub mir, Whitney, die Jungs werden Männchen machen und betteln.«

»Du bist erregt, Edgar. In Wirklichkeit meinst du das gar nicht so.«

»Außerdem kannst du ihnen sagen, dass ich ihnen als Zugabe noch Charlie ,Gory‘ Goreman auf einem großem Silbertablett servieren werde. Mit einem Apfel im Mund und Gerichtsvorladungen im Arsch.«

»Edgar, denk noch mal ein paar Tage darüber nach. Uns bieten sich eine Menge Alternativen. Glaub mir, ich krieg dich aus dieser Sache raus. Zumindest Attica kann ich dir ersparen.«

»Ja, vielleicht kannst du das…« Woods Stimme klang jetzt fast träumerisch; sein Geist hatte einen Orgasmus erlebt; nun trieben seine Worte sanft auf Whitney zu, ».. .ja, womöglich kannst du das. Aber es wird Charlie nicht gleichzeitig wehtun … das ist ja das Schöne an meiner Methode. Erkennst du die Schönheit nicht, die darin liegt?«

»Das alles hat doch keine Eile. Ich bin sicher, der Richter lässt dich gegen die Kaution auf freiem Fuß, während wir in die Berufung gehen…« Whitney musterte Wood kritisch, während er sprach. Sein Mandant sah ruhig aus, fast zufrieden. Whitney fragte sich, ob er nicht mehr alle Tassen im Schrank hatte, und wie lange es dauern würde, bis Ersatztassen da wären.

»Nicht nötig«, sagte Wood beschwingt. »Ruf sie nach dem Lunch an, dann sitzen sie in der Zwei-Uhr-dreißig-Maschine. Massenhaft Zeit, bevor das Gericht schließt. Sie werden sagen: ,Bitte, bitte, Euer Ehren, dieser Mann ist so furchtbar, furchtbar wichtig für uns. Bitte lassen sie ihn die Hauptstadt der Nation besuchen, statt diesen fürchterlichen Ort da oben im Staat. Wir möchten gern, dass er kommt und mit uns ein Jährchen oder zwei oder drei plaudert.‘«

»Ich bin mir nicht sicher«, sagte Whitney wie ein Kardinal, der sanft eine kleine Ketzerei tadelt, »ob die SEC vor einem New Yorker Strafgericht viel ausrichten kann.«

»Paul, mein Junge…« Als er seinen Vornamen hörte, wusste Whitney, dass die Sache gelaufen war. Wenn ein Patient seinen Arzt oder ein Angeklagter seinen Verteidiger beim Vornamen nennt, dann heißt das, dass der Abhängige sein Schicksal aus den Händen dieser Götter in seine eigenen genommen hat. »… tu, was ich dir sage. Es ist einfacher, als dich rauszuschmeißen und einen anderen Anwalt zu suchen, bloß wegen eines einzigen Anrufs.«

Paul Dean Whitney war sauer. Er hasste es, wenn ein Mandant Entscheidungen traf. Das hasste er noch mehr, als mit der U-Bahn zu fahren. Er war dermaßen außer sich, dass er seine Taschen nach Kleingeld abzusuchen begann, bevor er merkte, dass er Washington mit der Kreditkarte anrufen konnte.