Suchen
ende

Der Dschungel

Ein Neil Hockaday-Roman | #1

Ich sage, Geld ist die Wurzel

Thomas Adcocks erster Roman um Neil Hockaday beginnt mit Drohbriefen an einen populären Harlemer Pastor, auf die schon bald eine Mordserie folgt. Zufall? Oder gibt es Zusammenhänge?

NYPD Detective Neil Hockadays Nachforschungen bewegen sich zwischen zwei Polen: auf der einen Seite ein skrupelloser Stadtplaner, auf der anderen die kleinen Leute aus dem alten New Yorker Stadtteil Hell’s Kitchen, die dem Wandel nicht entgehen können.

Ein Schauplatz des Romans ist der sogenannte Dschungel — eine Schlucht, eine alte, rund zehn Meter unter Straßennievau geführte Eisenbahntrasse.

Irgendwann Mitte der 1980er fiel Thomas Adcock auf, dass in Hell’s Kitchen häufig Obdachlose hinunter in die Schlucht dieser Eisenbahntrasse verschwanden. Er stellte sich eine ganze Kolonie von Obdachlosen vor, die irgendwo dort unten leben mussten…
Mit diesem Einfall im Kopf schrieb er »Sea of Green«.

Nach Erscheinen des Romans in den USA kamen einige New Yorker Journalisten auf die Idee, doch tatsächlich einmal in diesen frei erfundenen Dschungel hinunterzusteigen und nachzuschauen, da er ihnen sehr wirklich und real erschien. Und was fanden sie? Die Realität! Anscheinend war das, was Adcock erfunden hatte – ein paar tausend Obdachlose, die in dieser Eisenbahnschlucht lebten und von dem Philosophen Lionel angeführt wurden – die Wirklichkeit!

Der Dschungel wurde bereits vor Jahrzehnten unter großem medialen Trara von der Stadt mit Hilfe der Polizei „gesäubert“ – von wucherndem Unkraut, von Gestrüpp … und von den Obdachlosen!

Ob Ähnlichkeiten zwischen dem fiktiven Stadtplaner Daniel Prescott und einem aktuellen Präsidentschaftskandidaten der amerikanischen Republikaner bestehen, bleibt dem Leser überlassen!

Der Roman erschien 1993 im Schweizer Haffmans Verlag unter dem Titel Hell’s Kitchen als deutsche Erstausgabe von »Sea of Green« (1989, The Mysterious Press, New York). Das Originalmanuskript wurde für die spraybooks-Ausgabe vollständig überarbeitet.

Die Romane um NYPD Detective Neil Hockaday

»Der Dschungel«, 2016, Original: »Sea of Green«, 1989
»Im Labyrinth«, 2016, Original: »Dark Maze«, 1991
»Ertränkt alle Hunde«, 2017, Original: » Drown All the Dogs«, 1994
»Der Himmel des Teufels«, 2017, Original: »Devil’s Heaven«, 1995
Original: »Thrown-Away Child«, 1996, bislang nicht auf Deutsch erschienen
Original: »Grief Street«, 1997, bislang nicht auf Deutsch erschienen

Adcock: Der Dschungel

Der Dschungel, NYC

Der 1947 in Detroit geborene Thomas Adcock wuchs zunächst in seiner Geburtsstadt Detroit und später in New York auf. Als Polizeireporter und Journalist in Michigan und Minnesota begann er seine Karriere in der schreibenden Zunft. Bis 1978 arbeitete er für Zeitungen, dann ging er nach New York und nahm einen Job in der Werbebranche der Madison Avenue an. Daneben schrieb er ein Dutzend einfacher Romane unter Pseudonym und später auch Hörspiele und Drehbücher für Fernsehserien.

Seine erste Buchveröffentlichung unter eigenem Namen war Precinct 19 (1984), ein Tatsachenbericht des Polizeialltags in einem Revier in Manhattan. Im Jahr darauf begann er mit dem Schreiben von Krimigeschichten für  Ellery Queen’s Mystery Magazine. In seiner zweiten Geschichte Christmas Cop im März 1986 ließ er erstmals den New Yorker Polizisten Neil Hockaday die Rolle des Ermittlers spielen. Die Geschichte wurde für den  Edgar Allan Poe Award nominiert.

Es folgten regelmäßig weitere Geschichten, in denen auch Hockaday immer wieder die Hauptrolle spielte. Schließlich erschien 1989 der erste Roman mit dem Polizisten irischer Abstammung als Taschenbuch — Der Dschungel gilt laut Krimi-Couch als „Meilenstein des harten Krimis“. Der zweite Roman Im Labyrinth wurde dann Adcocks erfolgreichstes Werk: Es brachte ihm 1992 den Edgar für den besten Taschenbuchkrimi ein. Bis 1997 wuchs die Serie auf sechs Romane an, von denen einige in bis zu zehn Sprachen übersetzt wurden.

Danach war Adcock wieder journalistisch tätig und unterrichtete auch als Lehrer für kreatives Schreiben. Außerdem engagiert er sich für verschiedene Schriftstellerorganisationen wie P.E.N. und MWA und war Gründungsmitglied der nordamerikanischen Abteilung der International Association of Crime Writers (IACW/NA). Seit einigen Jahren verfasst er regelmäßig Beiträge für das deutsche InternetMagazin CULTurMAG.

Adcock lebt mit seiner Frau, der Schauspielerin Kim Sykes, wechselweise in einem Farmhaus im Bundesstaat New York und in einer Wohnung in Hell’s Kitchen, Manhattan.

Wieder aktuell

Vor rund 25 Jahren habe ich für diesen Roman einen kleinen Bösewicht namens Daniel Prescott erfunden. Mr. Prescott, ein schäbig-schmieriger New Yorker Spielkasino-Magnat und Sprücheklopfer war einem tatsächlich lebenden, schmierigen New Yorker Spielkasino-Magnat und Sprücheklopfer nachempfunden. Sein Name: Donald Trump.

Als der Roman damals in den Vereinigten Staaten erschien, hoffte ich, Mr. Trump würde mich verklagen, weil ich seinen guten Namen verunglimpft und seinen tadellosen Charakter mit despektierlichen Verdrehungen besudelt hätte. Dies im Hinterkopf wurde mein Buch im Rahmen einer Open Air–Buchmesse an einem Verkaufsstand direkt gegenüber des Eingangs zu Mr. Trumps Wohnsitz 725 Fifth Avenue in großer Zahl und wirklich unübersehbar ausgestellt. Das Haus, ein äußerst geschmackloses Bauwerk zwischen ansonsten eher eleganten Gebäuden entlang dieser weltberühmten Straße, ist ein achtundsechzig Stockwerke hoher Wolkenkratzer aus Chrom und Glas. „The Donald“, so nennen wir New Yorker ihn, hielt es für angezeigt, diese Monstrosität schlicht Trump Tower zu taufen. Sein gigantisches 60–Zimmer–Penthouse belegt die tippi-toppi Spitze von besagtem Trump Tower.

Eine Klage wäre für die sensationslüsterne New Yorker Boulevardpresse ein gefundenes Fressen gewesen, und für mich hätte die Gratis-Publicity einen äußerst willkommenen Effekt auf die Auflagenhöhe meines Buches gehabt. Doch leider leider wich Mr. Trump von seiner fast schon traditionellen Angewohnheit ab und beschloss, mich nicht zu verklagen. Die von ihm beauftragten Anwälte, die freche Schreiberlinge wie mich über die Jahre mit zahllosen Klagen überzogen hatten, haben ihre Verfahren ausnahmslos verloren; ungeachtet dessen haben sie natürlich stets ein hübsches Honorar kassiert. Warum dann also all diese juristischen Luftnummern?

Donald Trump ist – was wirklich jedem auf dieser Welt völlig klar ist – eine Person von großem öffentlichem Interesse. Und in Amerika sind Personen des öffentlichen Lebens immer auch beliebte Zielscheiben für Spott und beißende Satire.

Wie es der Verfassungsrechtler und Harvard Law School-Absolvent Jeffrey Toobin im öffentlichen amerikanischen Fernsehen erläuterte: „Ich, Jeffrey Toobin, verkünde, dass Donald Trump ein absoluter Vollpfosten ist und auch immer ein absoluter Vollpfosten bleiben wird. Möglicherweise verklagt mich Mr. Trump jetzt. Er wird, natürlich völlig zu Recht, argumentieren, dass er weder im wörtlichen noch übertragenen Sinn einem Pfosten ähnelt oder einen solchen verkörpert. Seine Argumentation wird allerdings keine Rolle spielen, er wird die Klage gegen mich verlieren. Denn in diesem Fall genieße ich und nicht eine aggressiv auftretende Person des öffentlichen Lebens wie Donald Trump den vollen Schutz des ersten Zusatzartikels der Verfassung der Vereinigten Staaten.“

Seit meiner Daniel Prescott-Parodie ist Donald Trump mit einer ganzen Reihe seiner Kasinos pleite gegangen, hat zwei unschöne Scheidungen hinter sich gebracht, von denen die Boulevardpresse total begeistert war, hat Ausbeuterbetriebe in China mit der Produktion einer Kollektion ausgesprochen hässlicher Krawatten und eines scheußlichen Herrenduftes beauftragt sowie im In- und Ausland Natur vernichtet für das, was er für ein übergeordnetes Wohl hält: Golfplätze für vulgäre und geschmacklose Millionäre.

Während ich hier sitze und dies schreibe, etabliert sich The Donald als führender Bewerber um das Amt des Präsidenten der Vereinigten Staaten bei den anstehenden Wahlen; er ist die große weiße Hoffnung aller frömmlerischen Eiferer und Waffenfanatiker. Bei seiner Wahlkampftour beleidigt er fortgesetzt Latinos, Frauen, Afroamerikaner und Moslems. Seine Bodyguards haben handgreiflich Journalisten von seinen Wahlkampfauftritten entfernt. Sein Rassismus und faschistisches Gebaren bewirken, dass er weltweit in den Medien mit Adolf Hitler verglichen wird — ein Vergleich, wie Mr. Trump sagt, der ihn nicht die Bohne kümmert.

So sehr wäre mein Daniel Prescott niemals entgleist.

Thomas Adock, New York City im Januar 2016

PRESSE

»Meilenstein des harten Krimis – ein anarchisches Debüt, das sich gegen schnelles Lesen wehrt«, urteilte Matthias Kühn und bewertete 95° von möglichen 100° auf der Krimi–Couch.

»Thomas Adcocks’ Debüt ist ein klassisches Exemplar des Hardboiled–Genres, das aber wohl durchaus auch noch im Bereich des Krimi-Noir eingeordnet werden könnte. Die Welt in Adcocks Büchern ist düster, ist dreckig. Und der Plot geht weit über den allgemeinen Spannungsaufbau eines Krimis hinaus. Vielmehr ist es eine detaillierte Milieustudie, die nicht nur den Finger in eine (immer noch) klaffende Wunde New Yorks legt, sondern mithilfe trockensten Humors und gleichzeitig erschütternder Ehrlichkeit am Moralverständnis des Lesers rührt.

Hell’s Kitchen zieht einen tief hinein in eine Welt hinter der Wall Street und den gleißenden Wolkenkratzern. Eine Welt, in der Armut und Tod alltäglich sind und damit ein Störfaktor, ein schwarzer Fleck auf der weißen Weste, den es aus Sicht der Politiker zu entfernen gilt. Die Figuren und die Orte sind authentisch, glaubhaft, was durch den inhaltlich unheimlich aufschlußreichen Epilog noch untermauert wird. Knisternde Spannung, Verfolgungsjagden und Blutströme wird man hier erfolgslos suchen. Adcocks Erfolgsrezept liegt stattdessen im gelungenen Wechsel zwischen Momenten der eindringlichen Ruhe und Szenen mit knisternder, atemloser Action. Und nicht zuletzt in einem treffenden Ende, das den Leser mit einem seltsamen Gefühl im Magen zurücklässt.

Insgesamt ist Hell’s Kitchen ein tolles Debüt aus den Spätachtzigern, das allen Fans des Hardboiled-Genres nur ans Herz gelegt werden kann, dem Leser allerdings auch das ein oder andere Mal das gewisse Quentchen Geduld abverlangt. Wertung: 90 von 100 Treffern« schrieb das CrimeAlleyBlog.

Das erste Kapitel

Neil Hockaday, Hell’s Kitchen

Da war ich also wieder.

Da war ich, startete einen neuen Versuch mit einem alten Leben; frisch eingezogen in drei zugige Zimmer eines schäbigen alten Hauses ohne Fahrstuhl in dem ausgelaugten Teil der Stadt, wo ich mit der Erfahrung aufgewachsen war, dass regelmäßige Mahlzeiten echte Errungenschaften und sich vollaufen lassen ein absoluter Sieg sind. Da war ich, der immer geglaubt hatte, dass nichts davon je wieder Teil meines Lebens sein würde.

Vor meiner neuen und doch schon ramponierten Wohnungstür riecht es im Treppenhaus ständig nach Fisch und gekochtem Fleisch und schmorenden Tomaten und gegrillten Hähnchen. Babys schreien in diesem Haus, und Paare streiten sich, und Frauen mit Haarnetzen schauen, auf Kissen gelehnt, aus den Fenstern Passanten unten auf der Straße zu.

In Manhattan kann sich ein normaler Mensch vielleicht noch eine Wohnung wie meine leisten, wenn er zufällig darüber stolpert oder, wie in meinem Fall, das Glück hat, jemanden zu kennen, der ihm hilft, darüber zu stolpern.

Bevor ich dieses Glück hatte, wohnte ich in einem kleinen Zimmer mit großem Ungeziefer unten in der Lower East Side. Das war nur vorübergehend für zwei lange Jahre, in denen ich darauf wartete, dass Judy, meine Frau, sich für unsere weitere gemeinsame Zukunft entschied, was sie jedoch letztlich auf Rat und Empfehlung ihres Anwalts nicht tat.

Wir waren fast vierzehn Jahre verheiratet gewesen, Judy und ich. Unser gemeinsames Leben war gleichzeitig süß und bitter gewesen, wie das Leben der Stadt selbst. Wir besaßen ein hübsches Haus draußen in Ridgewood, Queens, mit einem Zaun davor und einem Blumengarten dahinter; wo wir weder Kinder noch Zeit gehabt hatten; wo wir allmählich und unvermeidlich zu einer Zahl in der Scheidungsstatistik der Polizei wurden.

Und wo eines Tages ein Richter des Queens County Civil Court entschied, dass es nur recht und billig sei, wenn ich mich aus meinem hübschen Haus in Ridgewood verpisste – offiziell und auch de facto.

Weswegen ich jetzt in dem Viertel wohne, in dem ich geboren und aufgewachsen bin, weil es dort billig und eine Scheidung teuer ist.

Früher mal war das ein anständiger Slum. Jeder nannte es Hell’s Kitchen.

Die Mietskasernen wurden meist hauptsächlich von Dockarbeitern und Druckern, Hausierern und Kneipenbesitzern, kleinen Ganoven und schweren Jungs bewohnt. Und von Jazzmusikern, vielen sogar. Und außerdem von einer Unzahl arbeitender Frauen mit Kindern, wie meine Mutter und ich, deren Männer und Väter gegen Hitler und Tojo kämpften. Ich erinnere mich, Knickerbocker und Krawatte getragen zu haben in der Holy-Cross-Schule – mit ihren separaten Rundbogeneingängen für Jungen und Mädchen. Damals gab es noch kein Fernsehen und nur sehr wenige Leute hatten Telefon in ihrer Wohnung. Natürlich besaß niemand eine Klimaanlage und nicht wenige hatten damals das Geld für einen Kühlschrank. Wir spielten Annie-over und Cally-up und Stoop-ball und Ballie-callie auf den Straßen, die wir uns mit Säufern, Nutten, Dieben, Falschspielern und Gangstern mit Pistolen und großen Autos teilten. Die irischen Priester beteten für unsere Seelen, ohne Ausnahme.

Heute hat sich das Viertel verändert, und es verändert sich immer weiter.

Es heißt jetzt Clinton. Nur Randfiguren der Gesellschaft nennen es wie ich immer noch Hell’s Kitchen. Irgendwo habe ich gelesen, dass der neue Name für sozialen Fortschritt steht und dass alle Neuankömmlinge, die ihn benutzen, dem Stadtteil viel Glück wünschen.

Die Neuankömmlinge – ich selbst gehöre nicht dazu, weil ich nur zurückkehre – sind jung und stets gutaussehend. Sie haben Jobs, bei denen sie den ganzen Tag saubere Fingernägel behalten, und sie zahlen hohe Mieten für renovierte Apartments mit »Charakter«. Sie scheinen alles über ausgezeichnetes Essen zu wissen, nur dass sie keine Ahnung haben, wie sie es sich in ihren renovierten Küchen selbst zubereiten können.

Aber sie wissen nichts davon, wie es hier früher war, nichts von den ungelösten Problemen von Hell’s Kitchen. Und es interessiert sie auch nicht. Sie sind viel zu sehr damit beschäftigt, sich das Ghetto ihrer Träume zu bauen.

Und dann sind da die anderen. Die Verlierer. Verzweifelt klammern sie sich an winzige Wohnungen und bedrückende Jobs in einer Stadt, die versessen darauf scheint, jeden zu vertreiben, der nicht den Anstand besitzt, Broker oder Immobilienprinz oder Medienzar zu sein. Das sind die Menschen, die um uns herum ausrutschen und fallen oder zum Scheitern getrieben werden. So oder so – jedes Jahr landen mehr von ihnen auf der Straße.

Verlierer behaupten, es hätte bei Gott einmal eine Zeit gegeben, als gewisse Dinge noch selbstverständlich waren: Franklin D. Roosevelt war immer der Präsident, Joe Louis war immer der Champ, Paul Muni spielte in jedem Film, und ganz allgemein glaubte man, wir säßen alle in einem Boot.

Meistens höre ich solche Sentimentalitäten gern, da es in dieser brutalen Zeit beruhigend auf mich wirkt und da mir auffällt, dass ich mich schon immer zu den Verlierern des Lebens hingezogen fühlte. Das ist meine Natur, und deshalb kann ich nichts dagegen tun, und vielleicht bin ich ja auch selbst ein Verlierer.

Ich will damit sagen, dass ich an dem Tag, an dem ich mich dank eines Burschen namens Buddy-O in Hell’s Kitchen wiederfand, so wenig brauchbare Kenntnisse des Stadtteils besaß wie jeder x-beliebige der gutaussehenden Neuankömmlinge oder einer der alteingesessenen Verlierer. Zum Beispiel hatte ich keine Ahnung, dass die Vergangenheit nie wirklich vergangen ist, gleichgültig, wie sehr Menschen versuchen, die Erinnerung zu planieren.

Aber auch das würde ich noch – gegen meinen Willen – lernen. Außerdem würde ich lernen, dass in Hell’s Kitchen an jeder Ecke ein Albtraum lauert.

* * *

Ich heiße Neil Hockaday, aber jeder nennt mich einfach Hock – bis auf meinen einzigen noch lebenden Verwandten. Das wäre dann mein Onkel Liam Hockaday, drüben auf der anderen Seite, in Dún Laoghaire, Irland.

Ich trage die goldene Marke eines Detectives des New York Police Department, das es die letzten vierzehn Jahre für angebracht hielt, mich einer Abteilung zuzuweisen, die offiziell Street Crimes UnitManhattan heißt. Die aber von jedem Polizisten und allen Spitzeln und Ganoven und Staatsanwälten und Kautionsstellern und Klugscheißern nur SCUM Patrol genannt wird. Dies ist in Kurzform eine gute Möglichkeit, den Charakter meiner Klientel zu umschreiben – Abschaum.

Wenn ich sage, die SCUM Patrol trägt Zivil, dann meine ich sehr zivil. So zivil und alltäglich, dass ich meistens wie ein x-beliebiger Gast aussehe in einem Imbiss namens Munson’s Diner ganz in der Nähe meiner jetzigen Wohnung an der Ecke West Forty-third und Tenth Avenue, genau wie in Slaughter on Tenth Avenue

Im Munson’s ist die Zeit im Februar 1955 stehengeblieben. Die Typen dort tragen khakifarbene oder grüne Arbeitshemden und dazu passende Hosen, und ihre Namen sind in roter Schrift auf die Brusttaschen gestickt. Und sie tragen weiße Socken in schwarzen Sicherheitsschuhen mit Stahlkappen, Jacken und wattierte Tarnwesten und olive-braune Strickmützen, die sie vom Staat bekamen, als sie Korea einen Besuch abstatteten.

Bei der Arbeit versuche ich, wie ein Stammkunde von Munson’s auszusehen, mit dem es abwärts geht. Ich rasiere mich vielleicht zweimal die Woche, und ich gehöre zu denen, die sich zweimal am Tag rasieren müssen. Ich streife scheinbar ziellos durch die Straßen und sehe aus, als würde ich Rye aus der Flasche in einer Papiertüte trinken und als hätte ich Probleme, von denen man lieber nichts wissen will. Man denkt sich, dass ein Kerl, der so aussieht, einen großen Teil des Tages mit sich selbst redet oder Stimmen lauscht, die niemand sonst hört, und dass er wahrscheinlich schlecht riecht. Wenn man ihn also auf sich zukommen sieht, hält man automatisch den Atem an und schaut betont an ihm vorbei, vermeidet Blickkontakt und will nicht riskieren, angebettelt zu werden, und hofft bei Gott, dass er keine Läuse hat, die von ihm abspringen.

In der Papiertüte habe ich übrigens keine Flasche Rye. Sondern mein Funkgerät. Und außer der üblichen .38er Police Special im Gürtelhalfter trage ich noch eine .32 Beretta Puma Automatic an meiner linken Wade und eine große, hässliche, schwere Kanone im Schulterhalfter – eine .44er Charter Arms Bulldog. Meine goldene Dienstmarke trage ich normalerweise an einer Kette um den Hals, vom Hemd oder Pullover verdeckt.

Meine Verkleidung als ein Stück Tapete im Munson’s leuchtet sofort ein, wenn man weiß, dass es neben den Medien, der Unterhaltungsindustrie, den Verlagen, der Modebranche, der Mafia, den verschiedenen politischen Mauscheleien, der Spionage unter den UN-Typen und den üblichen vornehmen Betrügereien und Diebstählen, begangen in Konferenzräumen mit Mahagonischreibtischen, auch noch die niedrigeren Sphären der New Yorker Kriminalität gibt: kleine Ladendiebe, Taschendiebe, sonstige Langfinger, Schläger, Straßenräuber, Ausreißer aus dem bürgerlichen Amerika, die komplette Palette an Mördern, die normalen zwei Gruppen von Nutten und Transvestiten, Verkäufer unechter Wettscheine und alle möglichen anderen Schwindler, Händler der verschiedensten zweifelhaften Geschenkartikeln sowie Unternehmer der inoffiziellen Zweige der Pharmaindustrie.

Mein Job ist es, ignoriert zu werden, oder doch wenigstens unauffällig zu sein, damit ich wenigstens ab und zu ein paar dieser Ganoven daran hindern kann, einige ihrer natürlichen Opfer auszunehmen: Leute von außerhalb, grauhaarige Theaterbesucherinnen, reiche Kunden der Fifth Avenue, Frauen mit tiefen Stirnfalten, die morgens Männeranzüge und Reeboks tragen, blauäugige Typen mit Aktenkoffern aus Lederimitat und Matronen, die vor der Radio City Music Hall Schlange stehen mit ihren großen, leicht zu klauenden Handtaschen voll Kreditkarten, mit denen man einen vierundzwanzigstündigen Einkaufsbummel machen kann, bevor sie gesperrt werden können.

Ich denke, dass ich meine Arbeit gut mache, auch wenn es nicht gerade umwerfend viel »öffentliche Dankbarkeit« für meine Dienste gibt. Ich weiß das, weil ich zu oft von Leuten angestarrt werde, die mich dringender in ihrer Nähe brauchen, als sie mich tatsächlich in der Nähe haben wollen.

Trotz all des Ärgers und der Art meiner Verkleidung ist für mich der Dienst bei der SCUM Patrol einer der attraktivsten Jobs bei der Polizei. Vor allem, weil ich meist selbstständig arbeiten kann. Was bedeutet, man baut darauf, dass ich zumindest ein halb ehrlicher Cop bin in einer Stadt, die zu drei Vierteln korrupt ist.

Außerdem kann ich sagen, dass mein Job interessant ist, was man von den meisten Jobs nicht mehr behaupten kann, das gilt auch für meisten Jobs von Cops. So wie’s auf meiner Streife aussieht, bin ich in Stundenintervallen allein auf den Straßen unterwegs: Achtundfünfzig Minuten laufe ich mit offenen Augen und Ohren herum, und dann kommen zwei Minuten voller Überraschungen.

Egal was passiert, ich muss immer vorbereitet sein. Weil die Überraschungen von angenehm bis tödlich sein und aus absolut jeder Richtung kommen können.

Nehmen wir zum Beispiel dieses letzte Mal, als ich von Buddy-O hörte.