[az_special_heading special_heading_title=“Ein neuer Tag“ special_heading_subtitle=“Morgensonne und Opern“][az_blank_divider height_value=“40″]
[az_column_text]Eigentlich wollte Rainer Licht sich dem Tod in die Arme werfen. Nun rennt er vor ihm weg. Weil er sich in eine Frau unsterblich zu verlieben beginnt, die er eigentlich nur vor ihren Mördern schützen wollte. Ein lebensmüder Totengräber, eine lebenslustige, weibliche Neopunk-Stadtratte und ein überlanges Bestattungsfahrzeug in einem bizarren Rennen um Kopf und Kragen.

„Tschick“ mit Leichenwagen, 45er Magnum und großer Liebe.[/az_column_text][az_column_text]Der Roman erschien erstmals 2001 im Eichborn Verlag unter dem gleichen Titel. Das Originalmanuskript wurde für diese Ausgabe vollständig überarbeitet.

Ein Interview mit [az_highlight mode=“color-text“]Rolf Silber[/az_highlight] zum Buch gibt es hier …

Silbers erster Roman, »Helter Skelter«, sowie der zweite »Beutemacher« sind ebenfalls als eBook–Neuausgabe erhältlich.[/az_column_text][az_column_text]

Dieses Buch bringt mehr als nur die Mundwinkel zum zucken! Die Sprache, die Rolf Silber auswählt, um die Ereignisse, die ein bisschen an Filme von Quentin Tarantino erinnern, zu beschreiben, ist einfach wunderbar!

Schreibt Alexandra Metz auf amazon zur Originalausgabe bei Eichborn und vergibt fünf Sterne.[/az_column_text]

[az_column_text]Das Leben tobt[/az_column_text][az_blank_divider]

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[az_column_text]Rolf Silber[/az_column_text]
[az_column_text]Geboren in Seligenstadt am Main. Ausbildung als Bankkaufmann, Praxis als Fernküchenfahrer, Thekenmann und Mitglied einer Biker-Gruppe. Dann von 1976 bis 1980 Studium an der Deutschen Film & Fernsehakademie Berlin. Anschließend als (Drehbuch-) Autor – über 30 Fernseh- und Kinofilme – und Regisseur – 20 Fernseh- und 3 Kinofilme, darunter 1995 das überaus erfolgreiche Kinodebüt »Echte Kerle« – tätig, außerdem zahlreiche Fernsehserien, Kinder- und Animationsfilme.[/az_column_text]
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[az_special_heading special_heading_title=“Das erste Kapitel“ special_heading_subtitle=“Glücksraben“][az_blank_divider height_value=“40″][az_column_text el_class=“extract“]Das Auto störte ihn. Vor zehn Minuten war es völlig überraschend auf dem einsamen, in blaugraues Dämmern gehüllten Parkplatz hoch über dem Rheintal aufgetaucht. Nun stand es breit, protzig, nervtötend unübersehbar zehn Meter von ihm entfernt und machte keinerlei Anstalten, wieder zu verschwinden. Er schaute mit zunehmender Unruhe auf seine Armbanduhr.

Sechs Uhr drei. In wenigen Minuten würde drüben, über dem Felsen der Loreley, die Sonne aufgehen. Und dazu, aus der exzellenten Stereoanlage seines schwarzen Citroën Kombi: Wagner, Ouvertüre zu Rheingold. Wunderbar.

Er hatte es genau geplant, es war nichts weniger als perfekt. Er wusste, wie es ist: wenn die Sommersonne über die Horizontlinie gekrochen kommt; wenn die Nebelfetzen im Tal aufkochen, während sie unaufhaltsam flussab fahren, als würden sie von einem großen Kulissenschieber bewegt, dabei bizarre, goldleuchtende Figuren bildend. Ein makelloses Licht, das noch nichts von den Widrigkeiten des kommenden Tages weiß, würde durch die Frontscheibe seines Wagens in sein Gesicht explodieren, ihn in einem Meer von flammendem Orange ertränken. Großartig.

Er hatte seit Wochen die Wetternachrichten peinlich genau studiert und sich den ersten Tag ausgesucht, für den ein solcher Morgen prophezeit wurde. Atemberaubend.

Um sechs Uhr vierzehn dann: die Erlösung. Er würde sich die 9mm Glock Automatic an die Schläfe setzen, einmal durchziehen, und es wäre vorbei. Aus diesem Licht ins Nichts. Und Schluss. Unübertrefflich. Eigentlich.

Wäre da nicht dieser knallrote, schreiend ordinäre, alle Aufmerksamkeit auf sich ziehende Alfa Romeo mit seinen breiten Sportreifen, dem hinterrücks angeflanschten, lächerlichen Heckflügel, der vorgeblich die Aerodynamik verbessert, dafür aber nachweislich das Design ruiniert, die Karosserie bekleistert mit Werbestickern für deutsche Stoßdämpfer, Schweizer Sessellifte, einem Playboy-Signet und dem obligaten Sylt-Aufkleber. Eine optische Salmonellenvergiftung mit Spurverbreiterung. Ekelerregend.

Es passt nicht, dachte Rainer, ein solches Auto passt einfach nicht zu einem dezenten Selbstmord.

* * *

Das Auto irritierte sie. Nicht das Auto, in dem sie saß, obwohl es genügend Gründe enthielt, die ihr zu denken gaben, wenn sie sich ein wenig Nachdenken gestatten würde. Aber dieser schwarze Leichenwagen, der da zehn Metern neben ihnen stand. Was macht ein schwarzer Leichenwagen um sechs Uhr früh auf einem Touristenparkplatz über dem Rheintal?

Naja gut, dachte sie, die Frage könnte natürlich auch lauten: Was mache ich hier?

Vom Fahrersitz her hörte sie trockenes Husten, und Gert reichte ihr den frisch angerauchten Joint mit diesem dreckigen Grinsen, das Frauen, wenn sie drauf standen, tierisch aufregend finden konnten. Vera begann eben gerade, es für unglaublich bescheuert zu halten, hoffte aber, der Joint würde ihr über diese kleine Klippe hinweghelfen.

Bedröhnt hatte sie schon mit unangenehmeren Zeitgenossen gevögelt, dann allerdings aus Versehen. Vielleicht war es deshalb diesmal anders, weil sie es sich vorgenommen hatte, weil es ein bewusster Entschluss war. Aber nun: das schwarze Auto.

Ihren Begleiter schien der Leichenwagen da drüben nicht im Geringsten zu stören, eher machte ihn die Anwesenheit eines solchen Fahrzeuges kräftig an. Hier oben eine kurze Nummer schieben, während nebenan dieser rollende Sarg parkte, das schien genau nach seinem Geschmack zu sein.

Er begann nun, ihr am Ohr herumzulutschen, wozu er erotisierend brummte und unschön röchelte. Eine Hand schob sich flink wie ein Wiesel unter ihr Hemd, wo sie auf Jagd nach ihren Brüsten ging. Vera hielt immer noch den Joint in der Hand und hatte plötzlich das sehr deutliche Gefühl, dass sie im falschen Film war. Sie war wirklich drauf und dran, eine öde Autonummer mit dem Juniorchef von »Fotoblitz – Bilder in nullkommanix für nullkommanix« zu schieben. Mit jenem Juniorchef, von dem sie noch heute Nachmittag auf dem Betriebsausflug sehr überzeugend behauptet hatte, er sei ein lauwarm geföhnter Furz.

War es das wert? So gut war der Job bei Fotoblitz nicht, und so gut war der bekiffte Gert schon gar nicht.

Außerdem trug er diese protzige Pilotenuhr mit Metallarmband. Ein metallisch kühles, tickendes Schweizer Präzisionsinstrument auf der Haut zu spüren, erweckte bei Vera merkwürdige Assoziationen an ihren letzten Besuch beim Gynäkologen.

Und dann fiel ihr Blick noch einmal rüber zu dem düsteren, schwarzen Kombi. Was macht dieses verfluchte Auto hier, früh um sechs? Holt es jemanden ab, bringt es jemanden her? Befanden sie sich auf einem Parkplatz, der zu einem Friedhof gehörte?

Der zaghafte Anflug eines romantischen Gefühls, den sie bis hierher erfolgreich erzwungen hatte, entflatterte nun endgültig in das blassblaue Licht des Morgens, wie eine verspätete Fledermaus, die aufgeregt den Weg zurück in die Wohnhöhle sucht.

Gerts Zunge glitschte ihr nun ins Ohr, er schnaufte noch heftiger als zuvor und fing an, Sachen zu murmeln, die er von einem seiner Lieblingsvideos hatte. Er fand das wohl enorm erotisch.

Vera hielt immer noch den Joint wie eine Osterkerze vor sich. Draußen machte die Natur eine kurze Atempause, um sich für den Beginn der Tagesvorstellung zu sammeln.

Drüben in dem Auto erkannte Vera die Umrisse eines Mannes, schemenhaft ein blasses Gesicht, und wenn sie sich nicht ganz täuschte, schaute es geradewegs zu ihr herüber.

Hier sitze ich also, dachte Vera, hab einen Joint in der Hand, obwohl ich Kiffen nicht vertrage, wenn ich vorher Alkohol getrunken habe. Ein Mann, von dem ich definitiv weiß, dass er ein Arschloch ist, selbst wenn er keine Sauereien aus Fickfilmen nuschelt, sabbert mich gerade voll und versucht, meine Brustwarzen freizulegen, während da drüben Graf Dracula in seiner Kutsche sitzt und vielleicht darüber nachdenkt, ob er sich noch schnell bei uns einen Softdrink abzapfen soll, bevor er sich zum Schlafen in seinen Sarg legt.

So schön kann das Leben nur dann sein, Vera Schipanski, wenn es ganz genau das Deine ist.

* * *

Konnte es denn nicht ein Mal anders sein? Konnte es nicht einfach mal glatt laufen? So wie er es wochenlang geplant hatte?

Drüben, in der roten Zumutung auf Rädern, deren Scheiben nun langsam von innen anfingen zu beschlagen, war kurz das Gesicht einer jungen Frau aufgeblitzt. Sie hatte direkt zu ihm herübergeschaut, und wenn er sich nicht täuschte, hatte er einen Anflug von erwartungsloser Langeweile auf dem hübschen Gesicht bemerkt. Einen Ausdruck, der sich auf diesem Gesicht durchaus zu Hause zu fühlen schien.

Rainer begann, sich stumm zu verfluchen. Gleich würde er sich ein paar Gramm Blei ins Gehirn jagen, während gleichzeitig direkt neben ihm, auf einem umgeklappten Beifahrersitz, zwei Menschen einen Liebesakt vollführen würden, den sich Rainer bei der Enge des italienischen Flitzers nur als eine unerfreulich umständliche Bodenartistiknummer vorstellen konnte.

Keine Ahnung, wie lange so etwas dauert. Rainer hatte sich nur einmal, in einem unverfänglicheren Fahrzeug, von einer professionellen Dame einen blasen lassen und konnte sich nicht mehr genau an die Zeitabläufe erinnern. Vielleicht ging das da drüben ja stundenlang, wer weiß das schon. Er jedenfalls nicht. Sex war etwas, das immer nur andere Leute hatten.

Er kannte sich eben mit Frauen nicht so aus, denn Frauen waren stets schon auf der Flucht, wenn er seinen Beruf auch nur erwähnte. Wenn sie nicht vorher schon Witterung aufgenommen hatten. Die merkwürdige Kombination von Desinfektionsmitteln, Hautcreme, Make-up und der kaum fassbare, aber hartnäckige Geruch des Todes umwehten ihn eben immer.

Und gleich noch viel mehr und zum letzten Mal, und dann war es auch gut.

Er drehte noch einmal die Glock in den Händen. Eine schöne Waffe. Er hatte sie sich vor Jahren gekauft, und er wäre damit in seinem Schützenverein heimlicher König gewesen, hätte er nur nicht diesen vertrackten Beruf ausgeübt. Die Schützenbrüder, die immer deutlich Distanz zu ihm hielten – wer wollte schon mit einem sein Bier trinken, der einen vielleicht schon morgen auszieht, wäscht, manikürt, und dann zum Friedhof speditiert –, seine Schützenbrüder also beäugten die neue Waffe eher skeptisch, so als wolle sich Rainer mit diesem Präzisionsgerät einen neuen Kundenkreis erschießen.

Das hatte ihn seinerzeit tief enttäuscht, aber nun war er ganz froh, diese Waffe zu besitzen. Auch wenn ein zwanzig Schuss fassendes Magazin für einen einfachen Selbstmord etwas übertrieben erscheinen mochte. Die Glock war eigentlich die ideale Waffe, um noch zehn, fünfzehn Kollegen, Mitbürger, Vereinsfreunde, den unfähigen Steuerberater, säumige Schuldner, übereifrige Gläubiger und eine Handvoll Kreditsachbearbeiter mitzunehmen, bevor man sich selber das One-Way-Ticket in die ewigen Jagdgründe ausstellte.

Aber Rainer war nicht der Typ, der sein Leben mit einem soliden Amoklauf in einem überfüllten Hamburger-Laden oder einer gut besuchten Kreissparkasse beendet, der sich danach sehnt, von einem mobilen Einsatzkommando der Polizei perforiert zu werden.

Er war, wie das der Psychologe einmal genannt hatte, eher der »autoagressive Typ mit leicht suizidaler Tendenz«. Die Besuche bei dem Mann hatten Rainer auch keine Erleichterung verschafft. Er hatte vielmehr den Verdacht, dass der Seelendoktor nach ein paar Sitzungen mit ihm deutlich depressiver wirkte.

Ja, Doktorchen, da werden Sie, wenn Sie die Todesanzeige lesen sollten, nicken und so was in Ihren Bart brummen wie: »War ja abzusehen, war ja eigentlich unvermeidlich.« Na eben. Man soll Unvermeidlichkeiten nicht aufhalten wollen, sondern ihnen einen würdigen Rahmen geben. So ist das.

Nur jetzt: diese quietschrote Blechkiste da drüben, diese aufdringliche, tiefergelegte Schuhschachtel, wie sie normalerweise von den Besitzern kleiner, schmuddeliger Eck-Pizzerien gefahren wird. Dieses Auto. Es störte.

Ein Blick auf die Uhr: noch fünf Minuten.

Können die da drüben in fünf Minuten fertig sein und weg? Mein Gott, stell dir vor, die da drüben zeugen vielleicht heute früh ein Kind, und neben ihnen bläst sich ein Mensch das Lebenslicht aus. Prima, geben wir uns praktisch die Tür in die Hand, einer kommt, einer geht. Vielleicht ist das Setting doch nicht so schlecht. Vielleicht hat das ja alles einen tieferen Sinn?

Rainer versuchte, sich mit diesem tröstlichen Gedanken einzurichten, während der Daumen seiner rechten Hand mit dem Sicherungshebel der Waffe spielte.

Ja, so ist es, einer kommt, einer geht.

Vielleicht war es doch ganz gut so. Vielleicht konnte er mit diesem Bild leben, besser: sterben. Panta rhei. Alles dreht sich, alles bewegt sich, alles ist im Fluss. Einer kommt, einer geht.

Er wiederholte es stumm, immer wieder. Wie ein Mantra. Nur keine Ablenkung jetzt. Die Nebelbänke im Rheingraben faserten in wilden Figuren nach oben aus, zogen groß wie Passagierschiffe an ihm vorbei. Was für ein Bild. Der Fluss kocht, und dazu Wagner. Fehlte nur noch die Sonne.

Das wird schon, dachte Rainer, ja, das wird.

Urplötzlich setzte stampfendes, rhythmisches Dröhnen ein, und Rainer schoss in seinem Sitz hoch, als hätte ihm jemand eine Stricknadel in den Hintern gejagt. Fassungslos lauschte er dem dumpfen Pulsen. Irgend etwas Grässliches, akustische Qualitätskotze von DJ Bobo oder schlimmer, erbrach sich aus mächtigen Boxen, die sich nur im Inneren dieser italienischen Provokation auf Rädern befinden konnten.

Rainer glaubte für einen Moment, gleich würde das andere Fahrzeug wie ein Knallfrosch über den Parkplatz tanzen, so laut dröhnten die Bässe. Und mit einem Mal schäumte in ihm ein bis dato vollkommen unbekanntes Gefühl auf. Ihn überrannte eine makellose, heillose, brennende Wut.

Was fällt denen ein? Was fällt diesem ignoranten Pack ein, ihm den wichtigsten, weil letzten Moment seines Lebens zu versauen?

Eben noch wollte er, Rainer Licht, auf würdevolle, aber nachdrückliche Weise aus einem Leben scheiden, das zwar so lebenswert nicht gewesen war, das aber nun mal das einzige war, das man ihm zur Verfügung gestellt hatte, und da kommen zwei geile Partyhasen, zwei Rammler mit Hörsturz hierherauf, um diesen heiligen Augenblick eines schmerzhaft-schönen Abschiednehmens zu besudeln, zu versauen, zu zerstören?

Ja, etwas war nun entfacht in ihm, etwas, das erst nur milde glimmte, um einen Sekundenbruchteil später lodernd aufzuflammen: Rainer wurde von einem heftigen Anfall purer Wut geschüttelt, so mächtig, so ungewohnt, dass er gar nicht erkannte, was ihn nun steuerte. Er riss die Wagentür auf, war mit wenigen Schritten an dem Alfa, öffnete die Tür, richtete seine Glock auf die ineinander verknäulten Menschen auf dem Beifahrersitz und schrie:

»Macht sofort diese Scheißmusik aus!«

Ein teigiges Männergesicht wandte sich ihm kurz zu.

»Verpiss dich, Wichser«, zischte es.

Gert war gerade schlechter Laune, weil seine Auserwählte plötzlich einen ganz unzeitgemäßen Widerstand gegen seine ruppigen Zärtlichkeiten zeigte, den er niederzukämpfen gedachte. Dann sah Gert die Waffe.

Er stutzte und sagte etwas ähnlich Originelles wie: »Oh-oooh«.

Dann passierten zwei Sachen gleichzeitig.

Als erstes ruckte die Waffe ein wenig zur Seite, um gleich darauf zwei Schüsse abzufeuern. Dies hatte zur Folge, dass die Musik sofort verstummte.

Zum zweiten hatte sich Gert so aufgerichtet, dass Vera ihm nun einen präzisen Fausthieb auf sein noch verpacktes, aber bereits merklich geschwollenes Gemächt verpassen konnte. Gert gab ein Geräusch von sich, das etwa so klang, wie wenn ein großer Elch Luft holt, um einen kleinen, finnischen Waldsee leerzutrinken.

Dann kippte Gert über den Schaltknüppel auf die Fahrerseite, wo er sich einrollte, um seine nun, wenn auch aus einem ganz neuen Grund, weiter anschwellenden unteren Körperteile schützend zu umklammern.

»Du dreckige Drecksau«, schrie Vera. »Wenn ich sage: Ich will nicht, dann heißt das auch: Ich will nicht.«

Sie war zu wütend, um sich mit Nebensächlichkeiten wie dem Geräusch von Schüssen abzugeben, sprang aus dem Wagen, ordnete ihre Kleidung, warf die Beifahrertür zu, verpasste ihr noch zwei, drei wütende Tritte, die formschöne Beulen und unübersehbare Kratzer im feuerroten Metallic-Lack hinterließen.

»Du Arschloch …«, gellte es über den leeren Parkplatz und die stillen Wiesen, dann wandte sich Vera an Rainer, als sei er ein alter Freund, deutete auf den Wagenlenker, der sich nun stöhnend und keuchend hinter das Steuer seines Flitzers drückte, und schrie:

»Knall ihn ab. Knall die dumme Sau ab. Gib ihm den Fangschuss, dem Vergewaltiger.«

Rainer hatte nicht die geringste Absicht, dergleichen zu tun, er stierte die Frau nur an, zog aber die Waffe weg, als sie Anstalten machte, sie ihm zu entreißen.

Gert hatte inzwischen seine zitternden Finger soweit unter Kontrolle, dass ihm die Autoschlüssel nicht mehr aus der Hand sprangen, warf den Motor an, fummelte den Rückwärtsgang rein und drückte panisch das Gaspedal so weit nach vorne wie es ging. Der rote Alfa orgelte mit kreischenden Reifen aus der Parkbucht, kam noch mal kurz zum Stehen. Das Seitenfenster schnurrte herunter, und Gert keuchte mit erstickter Stimme:

»Deinen Job kannst du dir in den Arsch schieben, und du Flachwichser bezahlst mir den Schaden, das kannst du mir glauben.«

Dann gab er Gas, Gummi schmierte qualmend über Asphalt, und der rote Renner wurde von der Landschaft einfach so verschluckt.

Zurück blieben zwei verdatterte Menschen auf einem großen, fast leeren Parkplatz, der ganz knapp an dem mächtigen, steilen Graben lag, den Vater Rhein in Millionen von Jahren ins Schiefergestein des Mittelgebirges geschnitten hatte. Hoch über den beiden verlorenen Figuren, die eine in bunte Partyklamotten gepackt, der andere in einem tiefschwarzen Anzug mit gleichfarbigem Schlips, tanzten zwei Lerchen in der Luft, begrüßten freudig singend die Morgensonne, die urplötzlich ihr goldenes Licht großzügig über den wallenden Nebelfetzen, der Landschaft, dem Parkplatz und den beiden Menschen ausgoss.

Das war er! Der Moment. Der neue Tag reißt die Tür weit auf und holt Luft, um zu begrüßen, wen immer er vorfindet.

Vera nahm sich genau in diesem Moment die Zeit, sich den Herren in Schwarz, der da neben ihr stand, die Waffe immer noch in der Hand, den Blick fassungslos auf die Anzeige seiner Armbanduhr gerichtet, genauer anzusehen.

»Oh Mann, Alter, du siehst beinahe aus wie einer von den Blues Brothers, nur ohne Sonnenbrille.«

Rainer brauchte ein paar Sekunden, um zu realisieren, dass er gemeint war, dann schaute er sie an, und seine Stimme war sehr flach, aber irgendwie nachdrücklich:

»Es ist sechs Uhr fünfzehn. Genau sechs Uhr fünfzehn.«

Vera zuckte die Achseln.

»Ah ja. Sechs Uhr fünfzehn. Und? Verpassen wir da jetzt was Wichtiges?«

Rainer schaute sie nur an, mit einem Blick, der so hoffnungslos, so leer und so traurig war, wie ihn nur ein Mann aufsetzen kann, der aus einer Familie von Totengräbern, Feuerbestattern und Pietätsbetreibern stammt.

Sechs Uhr fünfzehn, dachte Rainer resigniert, und sie fragt, was wir verpassen.

* * *

Die hochmoderne digitale Zeitschaltuhr, die in einer alten Steckdose saß, sprang mit leichter Verzögerung auf die Anzeige 6:15.

Und unmittelbar darauf, exakt um 6:15:03 Ortszeit, ereignete sich am Stadtrand von Bischbach, einem kleinen, friedlichen Ort im südlichen Hunsrück, etwas Außerordentliches.

Die Zeitschaltuhr gab Strom frei, der durch einen Draht raste, an dem eine Blitzlichtbirne festgemacht war, die grell aufleuchtend zerplatzte. Weil sie das in einer großen Propangasflasche tat, die mit einer fein abgewogenen Mischung aus Unkrautvertilgungsmittel und Puderzucker gefüllt war, setzte sich die Kettenreaktion mit geradezu irrsinniger Geschwindigkeit fort. Ein giftig-gelber Blitz und eine Druckwelle breiteten sich aus, zermalmten Möbel, schälten die Tapeten von den Wänden, bevor sie das Mauerwerk des Hauses eindrückten, als wäre es aus Reispapier. Eine sich überschlagende Feuerlohe schoss durch das teuer, aber äußerst konservativ eingerichtete Haus, in ihrer zerstörerischen Wirkung dabei vielfach verstärkt durch die mit Feuerzeugbenzin gefüllten Luftballons, die überall aufgehängt waren – und das alles im Bruchteil einer Sekunde.

Das Haus, in dem das letzte Mitglied der Familie Licht, einer zwar angesehenen, aber nicht unbedingt gern gesehenen Familie der Gemeinde wohnte, dieses große Haus nebst angeschlossenem Betriebsgebäude, weitab von anderen Häusern stehend, aber nahe am örtlichen Friedhof, dieses schöne, gut gepflegte, ja fast würdevoll zu nennende Haus, zerplatzte, flog in einer einzigen großen Explosion, einem gigantischen Flammenball in die Luft. Brocken von Mauerwerk, zersplittertes Dachgebälk, zertrümmertes Sargfurnier und tausend andere Kleinteile und Trümmerreste stiegen daraus hervor, vermischten sich mit der orangefarbenen Feuerkugel, die in den azurblauen Himmel hinaufrollte – eine Minute, nachdem das goldene Licht der Sonne das Gebäude geküsst hatte.

Ein altes Bäuerchen, das auf einem nahegelegenen Feld gerade mit der Arbeit begonnen hatte, konnte sich später, bei einem trocknen Riesling, den ihm andächtige Zuhörer in seiner Dorfkneipe spendierten, erinnern, einmal zuvor etwas ähnlich Eindrucksvolles erlebt zu haben – als sich nämlich zu Kriegszeiten ein amerikanischer Bomber mit halb vollen Treibstofftanks und seiner kompletten tödlichen Nutzlast in einen Acker vor dem Ort gebohrt hatte.

Das hatte der Gemeinde Bischbach, als der daraus resultierende Krater vollgelaufen war, ungeplant einen neuen Fischweiher eingebracht.

»Hat alles auch sein Gutes«, sagte das Bäuerchen noch Tage später, wenn er mit mehreren Schoppen Wein die Erinnerung an dieses Ereignis herunterzuspülen versuchte.

Wobei von allen irritierenden Bildern dieses Tages ihn eines am tiefsten beeindruckt hatte: der Anblick eines brennenden Sarges aus massivem Eschenholz, der in einer parabelförmigen Flugbahn das frühmorgendliche Blau des Himmels querte und sich schließlich auf den nur wenige Meter entfernt geparkten Kleinstwagen aus koreanischer Fertigung warf, den der Bauer gerade neu gekauft hatte. Wodurch in der Folge erheblicher Sachschaden verursacht wurde.

»Das«, orakelte das rotbäckige, über seinen Wein gebeugte Bäuerchen laut, »glauben die von der Versicherung mir nie!«

* * *

Der Wagen flüsterte nur leise, während er auf die Stadt zusegelte.

Der schwarze Citroën, die letzte größere Investition, die von der Pietät Licht getätigt worden war, bevor die örtliche Genossenschaftsbank die Kredite eingefroren und die Sparbücher des Betreibers gepfändet hatte, fuhr sich wie eine große Wolke aus Blech, die jede Unebenheit der Straße sanft überschwebte. Rainer liebte den Wagen, hatte ihn gepflegt und gehegt und eine wirklich erstklassige Stereoanlage einbauen lassen, weil er der Überzeugung war, Musik sei auf der letzten Reise eine durchaus pietätvolle Zugabe. Musik von Purcell, Mozart, Händel, Vivaldi und Monteverdi, versteht sich.

Nicht unbedingt die lebendigeren Sachen, eher getragene Kompositionen, ja, und natürlich, immer passend, auch für Tage, die mit einem verpfuschten Selbstmord beginnen: Kanon und Fuge von Pachelbel.

Die Musik half Vera, langsam etwas von ihrer Beklommenheit loszuwerden. Am Anfang hatte sie immer wieder Blicke nach hinten auf die Ladefläche geworfen, um sich zu überzeugen, dass der große Sarg aus hellem Ahorn, den sie durch die Scheibe hinter sich erkennen konnte, auch wirklich fest verschlossen war.

»Und da liegt wirklich keiner drin?«, fragte sie jetzt vielleicht zum zehnten Mal.

»Nein«, kam die gleiche, einsilbige Antwort wie zuvor.

»Ist der … also war der schon, äh, vorbestellt?«

Rainer zögerte etwas länger, bevor er ohne erkennbare Emotion, antwortete:

»Gewissermaßen, ja. Aber das hat sich verzögert.«

Vera musterte ihn. Er sah nicht mal übel aus, ein wenig hager vielleicht, nicht unsportlich. Aber dieser Anzug, dieses makellos weiße Hemd, der schwarze Schlips. In den frühen Achtzigern, daran konnte sie sich noch erinnern, hatte es Sänger von Rockbands gegeben, die so ausschauten. Schwarze und weiße Männer aus England und Jamaika, die eine Musik machten, die Ska hieß.

»Die Musik kenn ich irgendwie«, sagte sie mit Blick auf die Stereoanlage, »ist im Original glaube ich von Coolio.«

Der Mann in Schwarz sagte wieder ziemlich lange nichts, und dann, nach einer kleinen Ewigkeit, antwortete er mit dieser sehr ruhigen, sehr freundlichen, aber merkwürdig tonlosen Stimme:

»Pachelbel. 17. Jahrhundert.«

»Oder so«, druckste Vera und zuckte die Achseln.

Draußen, auf der vollbesetzten Autobahn, zog ein Kleinbus mit Bauarbeitern vorbei, von denen viele aus dem Süden Europas zu kommen schienen. Alle warfen betretene Blicke zu dem Leichenwagen hinüber, manche bekreuzigten sich.

»Oh Mann, was ein Ding, ich sitz in einem Leichenwagen, das ist echt ein Ding.«

Keine Reaktion.

»Du bist das gewöhnt, wie?«

Wieder diese Pause, diesmal etwas kürzer, dann ein kleines Nicken.

»Ja. Schon lange.«

Und abermals Schweigen.

»Und reden tust du auch nicht viel?«

Rainer schüttelte nur den Kopf, aber immerhin flog die Andeutung eines Lächelns über sein Gesicht.

Na, das wird schon noch, dachte sie mit Blick auf die Hochhaustürme der Stadt, die sich im morgendlichen Dunst am Horizont abzuzeichnen begannen. Bis wir nach Frankfurt reinkommen, verrät er mir vielleicht sogar noch seinen Namen.

»Sag mal, eine Frage brennt mir wirklich auf der Seele.«

Sie wartete einen Moment auf eine Reaktion, aber es kam keine. Also nahm sie der Einfachheit halber an, er hätte etwas Aufforderndes mit einem Fragezeichen hintendran gesagt.

»Diese Waffe da? Brauchst du die beruflich?«

»Nein. Ich bin im Schützenverein.«

Und mehr würde er zu dem Thema nicht sagen, wenigstens nicht die nächsten zwei, drei Jahre, so viel hatte sie schon verstanden.

Wieder zogen Autos an ihnen vorbei. Der Mann in Schwarz hielt sich wirklich exakt an die vorgegebene Höchstgeschwindigkeit. Und wieder fiel Vera auf, dass die Fahrer der meisten Fahrzeuge, die sie überholten, alles daran setzten, ihnen bloß keinen Blick zuzuwerfen.

Klasse, dachte Vera, in so einem Auto wirst du als Frau jedenfalls nicht angemacht.

Und dann fragte sie zur Sicherheit noch mal:

»Und da hinten ist wirklich keiner drin, da gibst du mir jetzt das große Indianerehrenwort drauf, ja?«

Rainer nickte:

»Ja. Der, der dafür vorgesehen war, hat noch etwas Zeit.«

»Huii, ein richtiger Glücksrabe.«

Rainer sagte nichts.[/az_column_text]

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Photos: Copyright © by Kazuend (Sonnenaufgang) und Naomi August (Badewanne), 2016

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