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CURSES! – Fluch

Gideon Oliver : Knochen Detektiv

Fluch!

Der Anthropologe (und Knochen-Detektiv) Gideon Oliver nimmt an einer Ausgrabung auf der mexikanischen Halbinsel Yucatan teil. Wen wunderts, dass er dort nicht nur alte Knochen findet, sondern sich auch mit frischen Leichen abplagen muss? Richtig brenzlig wird’s, als die an der Ausgrabung beteiligten Wissenschaftler mit einem jahrhundertealten Fluch der Maya belegt werden …

CURSES! – Fluch

Gideon Oliver, der Knochen-Detektiv

Original: »Fellowship of Fear«, 1982, bislang nicht auf Deutsch
»YAHI – Wald der Toten«, spraybooks, 2017, erstmals auf Deutsch als »Yahi« 2000 »The Dark Place«, 1983
Original: »Murder in the Queen’s Armes«, 1985, bislang nicht auf Deutsch
»BONES – Alte Knochen«, spraybooks, 2017, erstmals auf Deutsch als »Alte Knochen« 1992, »Old Bones«, 1987
»CURSES! – Fluch«, spraybooks, 2017, erstmals auf Deutsch als »Fluch« 1993, »Curses!«, 1989
Original: »Icy Clutches«, 1990, bislang nicht auf Deutsch
Original: »Make No Bones«, 1991, bislang nicht auf Deutsch
»Tote Herzen«, spraybooks, 2018, erstmals auf Deutsch als »Tote Herzen« 1995, »Dead Men’s Hearts«, 1994
Original: »Twenty Blue Devils«, 1997, bislang nicht auf Deutsch
Original: »Skeleton Dance«, 2000, bislang nicht auf Deutsch
Original: »Good Blood«, 2004, bislang nicht auf Deutsch
Original: »Where There’s a Will«, 2005, bislang nicht auf Deutsch
Original: »Unnatural Selection«, 2006, bislang nicht auf Deutsch
Original: »Little Tiny Teeth«, 2007, bislang nicht auf Deutsch
Original: »Uneasy Relations«, 2008, bislang nicht auf Deutsch
Original: »Skull Duggery«, 2009, bislang nicht auf Deutsch
Original: »Dying on the Vine«, 2012, bislang nicht auf Deutsch
Original: »Switcheroo«, 2016, bislang nicht auf Deutsch

Aaron Elkins

… geboren 1936, verdiente sich sein Studium der biologischen Anthropologie als Boxer, bis er nach acht gewonnen Kämpfen drei hintereinander verlor und sich aufs Kellnern verlegte; er war Dozent für Betriebswirtschaft, bis er 1982 von einem Lehrauftrag an einem NATO-Stützpunkt zurückkehrte und sich als Arbeitsloser wiederfand; seither lebt und arbeitet er als freier Schriftsteller auf der Olympic Peninsula, Washington. Für seinen Gideon-Oliver-Krimi Alte Knochen erhielt er den Edgar der amerikanischen Kriminalautoren für das beste Buch 1987.

Aaron Elkins

Presse

„Leider ist das Buch so kurz, muß man seufzend sagen. Selbst wenn man sich viel Zeit läßt, ist man in drei Tagen durch, weil man einfach kaum mehr aufhören kann zu lesen. Gewiss, manche Dinge stehen für den findigen Leser sehr schnell fest und überraschen dann nicht mehr richtig, aber man kann nicht behaupten, es wäre langweilig. Wenn man ohnehin ein Faible für die mayanische Kultur besitzt – wie beim Rezensenten vorhanden – und sich ein bißchen in dem Metier auskennt, für den ist das Buch ein echtes Heimspiel.

Wenn ein ahnungsloser Leser etwas verstört reagiert wegen der anthropologischen Termini, so sei er beruhigt – zumindest die anatomischen Begriffe werden hinten in einem Glossar erläutert. Ansonsten ist das Buch wirklich eine verflucht gute Lektüre für trübe Tage, am besten zu genießen mit ein wenig Tee im Lesesessel. Ein backofenheißer Bus, in dem man dringend Ablenkung wünscht, tut es aber auch. Doch Vorsicht! Die Haltestelle, wo man raus will, sollte man nicht verpassen. Dieses Buch macht wirklich süchtig …“
— Uwe Lammers, KLIO

Das erste Kapitel

1

»Ich versteh das nicht«, stöhnte Julie und nahm einen Stapel Semester- und Diplomarbeiten voller Eselsohren vom Stuhl neben dem Schreibtisch. »Eigentlich bist du doch ein ordentlicher und gewissenhafter Mensch. Du schmeißt deine Socken nicht einfach auf den Boden. Du lässt deine Unterwäsche nicht herumliegen. Du räumst deinen Kram auf …«

»Vorsicht«, sagte Gideon. »Das steigt mir noch in den Kopf.«

Vergeblich schaute Julie sich nach einer Stelle um, wo sie den Stapel ablegen konnte. Gideon deutete auf die hintere linke Ecke seines Schreibtisches, wo bereits zehn Zentimeter hoch Papiere lagen. »Da, an die Wand, damit’s nicht runterrutscht.«

Nachdem sie das getan hatte, wollte sie sich setzen, zuckte aber sofort zusammen. Sie zog ein metallenes Türschild unter sich hervor: »Gideon P. Oliver, Professor für physische Anthropologie«, stand auf dem Innenteil aus Plastik. Sie legte es auf die Papiere.

»Wieso«, fuhr sie fort, »arbeitest du also in einem Büro, in dem es aussieht wie … hier?« Mit einer ausholenden Geste umfasste sie den praktisch überquellenden Raum: den Schreibtisch, den grauen Aktenschrank, die beiden Bücherregale, die Bücherborde über dem Schreibtisch, die er, entgegen üblichen akademischen Standards, selbst an der Wand montiert hatte. Und überall Papiere und Bücher. Viele davon aufgeschlagen, mit den Rücken nach oben, gespickt mit Papierschnipseln als Lesezeichen.

»Das ist ein pädagogischer Kunstgriff. Es verunsichert die Studenten, wenn die Büros der Professoren nicht exakt so aussehen, wie sie’s aus dem Kino kennen.«

»Nein«, sagte Julie. »Ich glaube, das hier ist dein wahres Ich. Das Monster unter der Oberfläche.«

»Grrr!«, machte Gideon und erhob sich aus dem Sessel, um ihren Kopf herunterzuziehen und sie zärtlich zu küssen. Einen Moment behielt er die Augen geöffnet, schaute zu ihrem makellos schönen Gesicht auf. Dann schloss er sie ebenfalls und küsste weiter, ließ die Lippen über ihre samtweichen Wangen und weiter zum Hals wandern.

»Gideon«, sagte sie und trat ein Stück zurück, »die Tür ist offen. Was, wenn einer deiner Studenten reinkommt?«

»Ist das dein Ernst? Sonntagmorgens während der Winterferien? Da findest du weit und breit keinen Studenten. Auch keine Dozenten. Nur ich, der sich die größte Mühe gibt, endlich diese verdammte Monographie zusammenzubasteln.«

Der Gedanke daran brach den Zauber. Er seufzte, lehnte sich zurück und schlug auf den obersten Papierstoß auf seinem Schreibtisch.

»Und, schaffst du’s?«

»Was, das Ding irgendwie zusammenzubasteln? Weiß ich noch nicht. Ich hab den Rhythmus verloren oder weiß der Henker. Es kommt mir alles so unglaublich abgedroschen vor. Oder vielleicht bin ich selbst abgedroschen.« Er nahm das oberste Blatt in die Hand. »›Neubeurteilung der Hominiden des mittleren Pleistozäns‹«, las er laut. »›Taxonomische Revisionen auf Grundlage der neuesten osteuropäischen Funde der zweiten Zwischeneiszeit.‹« Er verzog das Gesicht. »Und? Was meinst du? Haut dich das vom Hocker?«

»Äh …«

»Mich auch nicht, und der Titel ist noch das Beste.«

Sie lachten, und Julie drückte seine Hand. »Komm, du hast heute Geburtstag. Ich lade dich zum Essen ein.«

»Ich dachte, du müsstest arbeiten?«

»Der Olympic National Park kommt für ein paar Stunden auch ohne mich klar. Wieso fahren wir nicht nach Seattle? Gegen eins könnten wir dort sein.«

»Lieber nicht, Julie. Wir wären dann erst ziemlich spät wieder zurück. Ich würde das hier wirklich gern zu Ende bringen und mir diese Arbeit endlich vom Hals schaffen. Danach habe ich drei Wochen Zeit für was anderes.«

»Wofür denn zum Beispiel?«

»Ach, ich weiß nicht. Ein paar Bücherregale fürs Arbeitszimmer bauen … Vielleicht die Tannenzapfen hinter dem Haus zusammenharken … Die Garage aufräumen …«

»Oh, mein armer Kleiner, du bist ja wirklich richtig down, was? Okay, gehen wir einfach irgendwo hier in Port Angeles essen. Wie wär’s mit einem Steak im Bushwacker«

Er zuckte mit den Achseln und wuchtete sich hoch. »Okay, einverstanden.«

»Was ist los, Gideon? Ist es vielleicht der typische Blues zum Einundvierzigsten?«

Ja, das war’s vermutlich. Der Blues und der dunstige, graue Regen, der nun schon seit neun tristen Tagen ununterbrochen vom Himmel fiel. Es schien, als würde es so bis zum Sommer weitergehen. Gideon war ein erklärter Freund von Regen und Nebel, aber an die trüben, dunklen Winter im Westen des Staates Washington musste man sich ganz sicher gewöhnen.

Und dann waren seit seiner letzten Ausgrabung schon sage und schreibe anderthalb Jahre vergangen. Anderthalb Jahre ohne den Jungbrunnen der Anthropologie vor Ort, anderthalb Jahre verbracht in öden Seminarräumen und Büros. Und meilenweit keine Aussicht auf praktische Arbeit im Feld. Er hatte das Gefühl, erklärte er Julie, als stecke seine Karriere in einer Sackgasse.

»Wenn ich dich mal vorsichtig erinnern darf«, erwiderte sie kurz, »hast du in diesen anderthalb Jahren an einer neuen Universität angefangen, deine volle Professur erhalten, deinen durchaus beachtlichen Ruf als Knochendetektiv von Amerika gefestigt …«

»Vorsicht, ja, treib’s nicht zu weit.«

»… und du hast drei wissenschaftliche Arbeiten veröffentlicht.«

»Vier, ums genau zu nehmen. Ja, Julie, ich weiß, alles vollkommen richtig. Aber ich glaube, ich muss mal wieder richtig zupacken, nicht immer nur diesen Schreibtischkram machen. Und mit zupacken meine ich nicht,irgendwelche zerstückelten Skelette für das FBI identifizieren.«

»Könntest du dich nicht einfach mit einigen deiner Archäologenfreunde in Verbindung setzen? Würden die sich nicht freuen, wenn du bei einer Ausgrabung dabei wärest?«

»Klar, sofern es dabei auch um ein paar menschliche Knochen geht. Und wenn nicht irgendein anderer physischer Anthropologe bereits zum Team gehört.« Er zuckte mit den Achseln. »Ja. Wahrscheinlich, genau das werde ich tun.« Und dann würde er Monate, vielleicht sogar Jahre warten, bis sich was ergab. Ungeachtet weitverbreiteter Ansichten tauchten bei Ausgrabungen nämlich nicht gerade häufig Überreste menschlicher Skelette auf.

»Schön. Gut. Beschäftigt dich sonst noch was?«

»Julie, weißt du eigentlich, wie alt Rupert Armstrong LeMoyne ist?«

»Aha, jetzt kommen wir endlich zur Sache. Wer ist Rupert Armstrong LeMoyne?«

»Der Dekan der Fakultät. Er ist neununddreißig. Zwei Jahre jünger als ich.«

»Gideon, wärst du gern Dekan der Fakultät?«

»Natürlich nicht. Darum geht’s nicht.«

»Möchtest du so schlaff und weiß und selbstzufrieden sein wie Rupert Armstrong LeMoyne?« Sie drückte ihn auf den Schreibtischsessel zurück, ließ sich auf seinen Schoß fallen und umarmte ihn.

Was sich Gideon bereitwillig gefallen ließ. Nach zwei Jahren Ehe überlief ihn immer noch ein angenehmes Prickeln, wenn sie ihn berührte. »Woher weißt du, dass er schlaff, weiß und selbstzufrieden ist?«

»Na, komm, wenn man schon Rupert Armstrong LeMoyne heißt?« Sie öffnete die beiden obersten Knöpfe seines Hemdes und schob eine Hand hinein. »Hat Rupert Armstrong LeMoyne eine kuschelige, warme Brust?« Sie küsste ihn auf den Nasenrücken; seit er auf dem College geboxt hatte, war der platt. »Hat er auch so einen männlichen, überaus attraktiven Zinken? Hat er ein kantiges, sexy Kinn wie aus den Superman-Comics?« Auch darauf drückte sie einen Kuss, und aus acht Zentimetern Entfernung schaute sie ihm mit einem leichtem Schielen in die Augen. »Na, wie mache ich mich? Muntert dich das auf?« Ihre Hand lag immer noch auf seiner Brust, streichelte sie mit langsamen, kreisenden Bewegungen.

Mit den Händen auf ihren Hüften zog er sie näher und streichelte dann durch den Stoff der National Park Service-Uniformhose ihren Oberschenkel. Hatte er wirklich noch vor ein paar Minuten lustlos und niedergeschlagen hier gesessen? »Ich weiß nicht, ob man es direkt aufmuntern nennen kann«, meinte er, »aber irgendwas tut sich. Wieso vergessen wir nicht einfach das Mittagessen und fahren für ein, zwei Stunden nach Hause?«

»Sag mir«, fuhr sie unbeirrt fort, »ob Rupert Armstrong LeMoyne der Verfasser des bekanntesten Buches über die vergleichende Phylogenie der frühen Hominiden ist?«

»Des einzigen Buches über die vergleichende Phylogenie der frühen Hominiden.«

»Sei nicht kleinlich. So«, sagte sie und küsste diesmal seine Nasenspitze, »war das jetzt ein verlockendes Angebot für die nächsten beiden Stunden oder nicht?«

»Und ob. Und anschließend denken wir drüber nach, ob wir nicht für ein paar Tage irgendwohin fahren, wo’s nicht regnet.«

Gerade als er, sie noch immer im Arm, aufstehen wollte, klingelte das Telefon, und beide sanken auf den Sessel zurück. »Das«, sagte Gideon zuversichtlich, »wird ein sehr kurzes Gespräch. Geh du ran. Sag, ich wäre unterwegs zu einer äußerst wichtigen Besprechung.«

»Geht deine Sekretärin auch immer so ans Telefon? Auf deinem Schoß?«

»Wäre eine Überlegung wert, wenn ich eine Sekretärin hätte.«

Sie nahm den Hörer ab. »Sekretariat Dr. Oliver …« Sie legte den Kopf zurück und lachte. Ihr Haar streifte seine Schläfe. Er versuchte sie zu küssen, verfehlte jedoch sein Ziel. »Äh, hallo!« sagte sie. »Ja, ist er, Moment.«

»Vielen, vielen Dank auch«, knurrte Gideon.

Julie behielt den Hörer am Ohr. »Ist das Ihr Ernst?« sagte sie, drehte den Kopf und sah Gideon an. »Das wird er nicht glauben.«

Mit einem eigenartigen Grinsen reichte sie ihm den Hörer. »Das glaubst du nicht.«

»Hallo, Gideon?«

Die dünne Stimme des alten Mannes zauberte sofort ein Lächeln auf Gideons Gesicht. Abraham Irving Goldstein, sein ehemaliger Professor und Immer-noch-Mentor. Avram Yitzchak Goldstein aus Minsk, der seine Karriere in Amerika mit siebzehn begonnen – indem er in Brooklyn Lumpen von einem Handkarren aus verhökerte – und sie als hochrangiger Gelehrter beendet hatte. Sein langjähriger Freund Abe Goldstein.

»Abe, hallo! Von wo rufst du an?«

»Von wo soll ich schon anrufen? Aus Yucatán, natürlich. Hör zu, was hältst du davon, ein paar Wochen runter nach Tlaloc zu kommen und mir ein bisschen beim Graben zu helfen? Julie auch, falls sie Urlaub nehmen kann.«

Gideon legte eine Hand über die Sprechmuschel und sah Julie an. »Ich glaub’s einfach nicht.«

Abe befand sich als Vorstandsmitglied der Horizon Foundation, einer Stiftung für anthropologische Forschung, bei einer von ihr geförderten Ausgrabung etwa sechzig Meilen von Mérida, in der Nähe der mexikanischen Golfküste. Tlaloc, eine kleinere Kultstätte der Maya, war erst vor zehn Jahren entdeckt und die Arbeiten dort 1980 aufgenommen worden. Nachdem aber 1982 ein Skandal der Ausgrabungsstätte zu trauriger Berühmtheit verholfen hatte, wurden auf Anordnung des Instituto Nacional de Antropología e Historia der mexikanischen Regierung die Ausgrabungen eingestellt. »Für alle Zeiten«, hatte es damals recht theatralisch geheißen, »um die Erinnerung an diese schmachvolle Stunde für immer zu begraben.« Gideon war zu der Zeit dort gewesen und hatte gerade die Arbeit an der Sammlung menschlicher Knochen beendet, die von Tauchern aus dem etwa hundertfünfzig Meter von den Gebäuden entfernten cenote – dem Opferbrunnen – heraufgeholt worden waren. Wie alle war er schockiert und empört über das, was geschehen war.

Danach blieb die Ausgrabungsstätte über fünf Jahre lang verschlossen, während sich die Horizon und das Institut in gegenseitigen Beschuldigungen und Verhandlungen ergingen. Am Ende leistete Horizon ansehnliche Wiedergutmachungen, und die Gefahr eines Prozesses war in aller Stille beigelegt worden. Vor sechs Monaten hatte die Regierung weiter nachgegeben und Horizon erlaubt, die Arbeiten »unter strenger Kontrolle durch das Institut« wieder aufzunehmen. Eine der ausdrücklichen Bedingungen lautete, dass Dr. Abraham Goldstein (der an der ersten Ausgrabung nicht beteiligt gewesen war) persönlich die Leitung übernahm und seinen untadeligen Ruf und seine Sachkenntnis einem Unternehmen zur Verfügung stellte, das beim ersten Mal auf höchst bedauerliche Weise verpfuscht worden war.

Das alles, daran hatte Gideon keinerlei Zweifel, war von dem »pensionierten« achtundsiebzigjährigen Professor diskret eingefädelt worden, der dann Anfang Dezember Sequim mit Ziel Yucatán verlassen hatte, um dort die Ausgrabungen vorzubereiten. Gideon war nicht dazu gebeten worden; die Arbeiten am cenote waren beendet, und man rechnete nicht mit weiteren Bestattungsfunden.

»Was gibt’s denn, Abe?«, fragte Gideon. »Sag jetzt nicht, du hättest noch mehr Knochen zutage gefördert?«

»Doch. Du erinnerst dich an das Gebäude, das als Haus des Priesters bezeichnet wurde?«

»Südöstlich des Tempels, völlig überwuchert von Kletterpflanzen? An dem wir damals noch nicht gearbeitet haben?«

»Genau. Nur dass wir jetzt einen Teil der Pflanzen beseitigt haben, und, stell dir vor, ein paar Meter hinter dem Eingang liegt eine Leiche. Ich habe dafür gesorgt, dass bis zu deiner Ankunft nichts angerührt wird. Kannst du kommen?«

»Wie ist das Wetter da unten?« Nicht, dass es eine Rolle gespielt hätte. Er spürte bereits, wie die Erregung in ihm wuchs, an einer Ausgrabung teilnehmen zu können. Doch er meinte, er müsse sich zumindest den Anschein geben, dass er zuerst darüber nachdenken müsse.

»Wie’s hier unten immer ist. Heiß. Viel Sonne. Feucht. Genau, wie du es nicht magst, aber die Ausgrabung selbst ist ein Vergnügen.«

Gideon sah durchs Fenster, wie der Regen von den Blättern der patschnassen Rhododendronbüsche vor dem Gebäude der natur- und geisteswissenschaftlichen Fakultät strömte. »Wann soll ich gesagt haben, ich mag es nicht heiß und sonnig?«, fragte er träumerisch.

Abe lachte. »Junge, du hast ein kurzes Gedächtnis. Also, kannst du nun kommen oder nicht?«

»Ich kann.« Wie ein geölter Blitz konnte er kommen. Er drückte Julies Bein und strahlte sie an. Sie hatte noch jede Menge Urlaub. Sie konnte mitkommen.

»Oh, wunderbar!«, sagte Abe. Seine Freude wärmte Gideon das Herz. »Schön!«

»Wie ist die Crew?«

»Die Crew … hab ich das noch nicht erwähnt?«

»Was erwähnt?«, fragte Gideon argwöhnisch.

»Sei nicht so misstrauisch. Nur Amateure, das ist alles. Alte Freunde von dir.«

»Ich dachte, die Regierung besteht diesmal auf Profis.«

»Wenn wir zu den fachspezifischen Sachen kommen, ja. Aber die ersten paar Wochen heißt es einfach nur aufräumen und Vorarbeiten leisten, daher haben wir denen, die 1982 auch schon hier waren, die Chance geboten, wieder mitzumachen, wenn sie wollen. Auf unsere Kosten. Von den neun Leuten damals sind fünf wieder dabei, dein alter Student Harvey Feiffer übrigens auch. Wir fanden, dass wir ihnen das schuldig waren, wenn man an den Zores denkt, den sie hatten.«

Zores waren natürlich Schwierigkeiten. Gideons Kenntnisse des Jiddischen hatten während der letzten zehn Jahre beträchtlich zugenommen, denn Abraham Goldstein hatte den Akzent, geschweige denn das Vokabular seiner Handkarren-Zeit nie aufgegeben. Gelegentlich dick aufgetragen, oft kaum wahrnehmbar, war er nie völlig verschwunden. Ob es um die Behauptung seiner Identität, eine exzentrische Laune (eine unter vielen) oder den schlichten, waschechten Akzent ging, konnte niemand mit Sicherheit sagen, nicht einmal Gideon. Vielleicht nicht einmal Abe selbst. Falls jemand die Kühnheit besaß zu fragen, wieso ein weltberühmter Gelehrter, der fließend sieben Sprachen beherrschte, manchmal mit einem Akzent wie aus Abie’s Irish Rose sprach, reagierte Abe stets gleich. Seine Augen wurden groß und rund, seine Stirn legte sich in eine Million pergamentartiger Falten. »Akzent?« wiederholte er dann erstaunt. »Welcher Akzent?«

»Und?«, fragte er jetzt. »Wann seid ihr hier? Morgen?«

»Morgen?« Gideon lachte. »Wir müssen erst mal alles organisieren, Visa besorgen …«

»Könnt ihr das nicht heute Nachmittag erledigen?«

»Heute Nachmittag ist schon verplant.« Gideon rieb Julies Rücken und lächelte sie an. Die Tatsache, dass er unbedingt an einer Ausgrabung teilnehmen wollte, bedeutete nicht, dass er jeden Realitätssinn verloren hatte. »Außerdem«, fügte er entschieden hinzu, »möchte ich gern die Arbeit an einer Monographie zu Ende bringen. Wir werden Ende der Woche dort sein. Am Freitag. Wie wär’s damit?«

Ein winziges Zögern. »Freitag? Es geht nicht ein bisschen flotter?«

»Zum Beispiel?«

»Zum Beispiel … morgen?«

»Wozu die Eile, Abe? Am Freitag sind die Knochen auch noch da.«

»Es geht nicht nur um die Knochen. Hier gibt es etwas, das mir keine Ruhe lässt. Ich brauch unbedingt deine Meinung.«

»Tja also …«

»Außerdem«, sagte Abe mit diesem einschmeichelnden Singsang, was bedeutete, dass die Katze gleich aus dem Sack gelassen würde, »haben wir neues schriftliches Material der Maya entdeckt. Garrison ist aus Tulane runtergekommen, um an der Übersetzung zu arbeiten, und sie ist fast fertig damit. Ich habe sie gebeten, mit ihrer Präsentation noch zu warten, damit du dabei sein kannst. Aber sie muss übermorgen zurück. Ich brauche dir ja wohl nicht zu sagen, dass es eine Sache von historischer Bedeutung ist … aber natürlich, wenn du’s nicht schaffst, dann schaffst du’s eben nicht.«

Gideon schwieg.

»Natürlich, es sind nur ein paar Blätter aus der Zeit nach der spanischen Eroberung«, fuhr Abe fort, »aber trotzdem, so etwas gibt’s nicht alle Tage.«

Oder alle Jahre, oder alle Jahrzehnte. Nun, Gideon konnte die Monographie natürlich auch mitnehmen. »Okay«, sagte er schließlich, »du hast mich überzeugt. Morgen sind wir da.«

»Gut. Schön. Ausgezeichnet. Deine Fahrtkosten werden übernommen — Julies natürlich auch, wenn sie bereit ist, ein wenig mitzuarbeiten, und wir bringen euch im Hotel unter. Die Verpflegungskosten übernehmen wir ebenfalls. Aber eine Bezahlung kann ich leider nicht anbieten. Ich werde nicht bezahlt, warum solltest du also bezahlt werden?«

»Kein Problem.« Gideon war mehr als zufrieden. Er hätte die Reisekosten auch selbst übernommen, wenn es nötig gewesen wäre. »Abe, jetzt verrat mir doch bitte mal, was genau dich beunruhigt?«

»Weißt du, Gideon, die Telefoniererei ist ganz schön teuer. Wenn du hier bist, werde ich dir alles erklären. Lass mich wissen, wann ihr ankommt. Ich sorge dafür, dass ihr in Mérida am Flughafen abgeholt werdet.«

»Okay, Abe, danke. Dann sehen wir uns also morgen. Falls wir noch einen Flug kriegen.«

Als er den Hörer auflegte, verschränkte Julie die Hände in seinem Nacken, wobei ihre Unterarme auf seinen Schultern lagen. »Wir fliegen also nach Yucatán?«

»Hm-hmh. Wie findest du das?«

»Super. Da wollte ich schon immer mal hin. Aber wieso strahlst du so glücklich? Ich dachte, du hasst die Tropen?«

»Wie kommen die Leute immer nur auf solche Ideen? Ausgrabung ist Ausgrabung. Und im Januar wird’s da unten schon nicht so schlimm sein.« Er zog ihren Kopf herunter, um sie zu küssen. »Außerdem ist Yucatán sowieso ganz anders. Es ist einmalig, du wirst sehen. Der Dschungel, die Ruinen … wenn man erst mal aus Mérida raus ist, bekommt einen so ein wildes, primitives, elementares Gefühl von Abgeschiedenheit, ein …«

»Weißt du eigentlich«, meinte sie, die noch nie viel für schwärmerische Prosa übrig gehabt hatte, »dass du noch Rasierschaum hinterm Ohr hast?«

 

2

Seit fünf Stunden flogen sie hoch oben unter einem strahlend blauen Himmel über einer wogenden, weißen Wolkendecke.

»Als sähe man auf eine riesige Schüssel Schlagsahne«, bemerkte Julie in einem ihrer schwächeren Versuche, eine Unterhaltung anzufangen.

»Hmh«, brummte Gideon nur. Er hatte immer wieder und ziemlich erfolglos versucht, an der Neubeurteilung der Hominiden des mittleren Pleistozäns zu arbeiten, während Julie lust- und genauso ergebnislos über ihrem Quartalsbericht gesessen hatte. Jetzt streckten sich beide und gähnten gleichzeitig.

Julie klappte ihren Ordner zu und startete einen neuen Versuch.

»Bedeutet Tlaloc irgendwas, oder ist es einfach nur ein Name?«

Bereitwillig schob Gideon die Monographie in das Netz der Rückenlehne des Sitzes vor ihm. »Es ist das Nahuatl-Wort für den Regengott, der von den Maya Chac genannt wurde.«

»Náhuatl?«

»Eine uto-aztekische Sprache, eng verwandt mit Pipil.«

»O ja, Pipil«, erwiderte Julie. »Danke für die Aufklärung. Sag mal, wenn es eine Maya-Stadt ist, wieso hat sie dann keinen Maya-Namen?«

»Weil, wie jeder wissen sollte, der Anthropologie studiert hat …«

»Anthro hatte ich nur als Nebenfach. Ich fürchte, bis zu Pipil und Náhuatl bin ich nie gekommen.«

»Also, im zehnten Jahrhundert sind die Tolteken, die zu den Uto-Azteken gehörten, aus Zentralmexiko nach Yucatán gekommen und haben die Maya unterworfen – oder wurden von ihnen assimiliert, je nachdem, ob man die Sache auf kurze oder lange Sicht sehen will. Egal, die meisten berühmten Maya-Ruinen auf Yucatán sind eher toltekischen Ursprungs als wirkliche Relikte der Mayakultur. Chichén-Itzá zum Beispiel …«

»Du willst also sagen, dass Tlaloc eigentlich keine Maya-Stadt ist?«

»Nein, nein, sie ist schon von den Maya, allerdings mit deutlich toltekischem Einfluss. Etwa so, wie man auch sagen könnte, dass Strasbourg eigentlich eine deutsche Stadt ist, wenn auch mit starkem französischen Einfluss.«

»Ich bin nicht sicher, was die Franzosen davon halten würden.«

»Ich bin auch nicht sicher, was die Maya davon hielten.«

Der Wagen mit dem Mittagessen hatte es nach mehreren Zwischenstationen schließlich bis zur Reihe 24 geschafft. Ordentliche kleine Plastiktabletts mit Klappdeckeln wurden vor sie gestellt: Salat aus Salami, Käse, roten Paprika und grünen Bohnen, ein Brötchen, ein drei mal drei Zentimeter großer Würfel Schokoladenkuchen, ein Dutzend blaue Weintrauben in einem Papierschälchen.

Der untersetzte Mann auf der anderen Seite des Ganges starrte seine Portion durch den transparenten Deckel angewidert an. »Herr im Himmel«, brummelte er vorwurfsvoll, »ist es zu fassen?«

Aber Gideon fand es in Ordnung; genau das Richtige für zwei Uhr nachmittags, fünfunddreißigtausend Fuß über dem Golf von Mexiko. Julie ebenfalls, und so machten sie sich mit einiger Begeisterung über ihren Imbiss her (ihr Sitznachbar vertilgte den Kuchen und ließ den Rest liegen) und ließen sich danach von einem Steward Kaffee bringen.

»Wie wär’s«, meinte Julie mit einigem Nachdruck, »wenn du mir jetzt all die erbärmlichen Einzelheiten des berühmten Skandals erzählst, der 1982 zur Einstellung der Ausgrabungen in Tlaloc geführt hat?«

Gideon rutschte unbehaglich auf dem schmalen Sitz. »Was weißt du davon?«, fragte er zögernd.

»Ich kann mich erinnern, etwas in der Time darüber gelesen zu haben. Irgendwer hat einen Kodex der Maya gestohlen, richtig?«

»Ja, und das war’s dann auch schon so ungefähr.« Er zog die Metallfolie von einem Döschen mit fettarmer Milch und schüttete sie in seinen Kaffee. »Genaugenommen war’s der Leiter der Ausgrabung höchstpersönlich. Howard Bennett.«

Nachdem zehn Sekunden nur das leise Brummen der Triebwerke zu hören war, hob Julie leicht verärgert eine Augenbraue. »Und? Das war alles?«

»Mehr gibt’s nicht zu erzählen.«

»Aber du warst doch dabei! Ich will die wichtigen Einzelheiten. Was war Howard Bennett für ein Mensch? War er wirklich mit dir befreundet? War vielleicht eine Frau im Spiel? Hattest du einen Verdacht …« Sie sprach nicht weiter und musterte ihn fragend. »Und wieso hast du mir das alles nicht schon längst erzählt?«

Er zuckte mit den Achseln. »Es schien mir nicht weiter wichtig. Das ist alles passiert, lange bevor wir uns kennengelernt haben.«

»Du bist«, sagte sie, »mit Abstand der einsilbigste Mensch, den ich kenne. Du tratschst nie. Es ist ekelhaft. Ich arbeite bei dieser Ausgrabung mit, also ist es jetzt wichtig.« Erwartungsvoll lehnte sie sich zurück, legte beide Hände um den Kaffeebecher und drehte sich zur Seite, um Gideon direkt anzusehen. »Und jetzt erzählst du mir alles! Fang ganz von vorne an.«

Gideon lehnte sich ebenfalls zurück, starrte hinaus auf die Wolkendecke und ließ seine Gedanken in die Vergangenheit wandern. Sich an die Ereignisse in Tlaloc zu erinnern, war sowohl in beruflicher wie auch persönlicher Hinsicht schmerzlich. Auch wenn er dies vermutlich niemals laut aussprechen würde, war er doch mit Leib und Seele Anthropologe, ging in seinem Fachgebiet auf und war ständig besorgt um seine beruflichen Standards und seinen guten Ruf, die sich beide, ganz pauschal gesprochen, auf einem erfreulich hohen Niveau bewegten.

Howard Bennett jedoch hatte damals auf beinahe unvorstellbare Weise diese Standards verletzt, und seitdem hatte Gideon kaum eine Silbe darüber verloren. Die meisten Menschen, die er kannte, wären überrascht gewesen zu hören, dass er damals dabei gewesen war. Dennoch hatte Julie nicht ganz unrecht. Sie hatte einen legitimen Anspruch, mehr zu erfahren. Wie auch immer, dem entschlossenen Funkeln in ihren Augen nach zu schließen, würde er es so oder so nicht länger für sich behalten können.

Also fing er ganz von vorn an. »Weißt du, woran ich mich vor allem erinnere, wenn ich an damals zurückdenke? Wie heiß es gewesen ist …«

Photo by John Salzarulo (Pyramide im Dschungel) and iron (Chichén Itzá) on Unsplash