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BEI SCHNEE UND EIS.

Skiing in the street, I’m skiing in the street

Eiskalt

Neumann lernt

Werbung und Jahreszeiten

Air Sax will sich beruflich verändern. Das Gequatsche von Dead Eddie geht ihm auf die Nerven. Ständig das Gefasel von diesem schäbigen, knausrigen Drecksack, der ihm nur achthundert die Woche zahlt. Es muss etwas in seiner beruflichen Karriere passieren, ein prickelnder Job muss her. Ihm kam dieser anonyme Auftrag gerade recht. Fünfhundert Dollar für einen simplen Mord. Das ist zwar verdammt wenig, aber aller Anfang ist schwer. Außerdem versteht Air Sax etwas von Marketing. Corporate Identity heißt das Zauberwort, und die Herzen aller Medienärsche würden höher schlagen. Allen Typen, die er umlegt, wird einer dieser Popcorn-Kartons über den Kopf gestülpt. Damit jeder sofort weiß, wer hier wen auf Eis gelegt hat.

Gut gelaunt geht Air Sax in das Sixplex-Kino an der Eighty-sixth, setzt sich in die fünfte Reihe hinter Michael Corry, schraubt den Schalldämpfer seiner Walther P38 auf, legt sie direkt unter sein Ohr, ohne es dabei zu berühren, und sagt: »He, Mike«, und Mike sagt: »Ja?«, und: »Wer sind Sie?«, und: »Tut mir leid, Sie müssen sich irren«, und Air Sax sagt: »Psssssstt! Nicht reden«, knallt ihn ab, stülpt Mike den Popcorn Eimer über den Kopf und geht aus dem Sixplex, in dem seiner Meinung nach eh immer nur beschissene Filme laufen.

Es ist Winter in New York. Der Wetterbericht sagt einen weiteren Kältesturz voraus. Der Schnee hat die Stadt im Griff, und nicht nur ein paranoider Killer läuft frei herum. Die Maden im Big Apple erfrieren nicht, und Lieutenant Jake Neumann wird lernen, wie man mit Langlaufskiern umgeht.

Die NYC–Romane

»Die Frau mit dem Feuermal«, 2017, Original: »Port Wine Stain«, 1980
»Krass«, 2019, Original: »Sweet Justice«, 1985
»Holy Mike«, 2018, Original: »Saint Mike«, 1987
»Nowhere Man«, ????,  Original »Nowhere Man«, 1987
»Club Dead«, 2020, Original: »Club Dead«, 1988
»Experience Blues«, 2020, Original: »Experience Blues«, 1995
»Nightfall«, 2020,  Original »Nightfall«, 1997
»Lust«, 2020, Original: »Lust«, 1999

Kältesturz / Club Dead

Der Roman erschien 1990 erstmals auf Deutsch. Das Originalmanuskript wurde für die spraybooks-Ausgabe vollständig neu überarbeitet.

Jerome Oster

— formerly known as Jerry, denn: Jerome is my penname (lately), since I don’t care for Jerry — wird 1943 in New Mexico geboren, kommt als Zehnjähriger nach New York, besucht die Highschool und später die Columbia University, wo er englische Literatur als Hauptfach belegt. Danach hat er einen Job bei United Press International News Service, dann bei Reuters und schließlich bei den New York Daily News. Ein Journalist, ein Mann wie mehrere seiner Protagonisten. Jerome Oster war Polizeireporter, war an unzähligen Tatorte und hat über alle möglichen Verbrechen geschrieben.

Jerome Oster

Der Anfang

1

Beim Sport waren die Knicks, Nets, Rangers, Islanders und Devils gestern Abend auf der Gewinnerseite. Die Vorhersage des National Weather Service lautet: Gegen Mittag einsetzende Schneeschauer, die uns voraussichtlich 20 bis 30 Zentimeter Neuschnee bringen und gegen neun Uhr heute Abend allmählich nachlassen werden. Starke, böige Winde werden für beträchtliches Schneetreiben sorgen. Die Tageshöchstemperaturen liegen heute bei etwas über zehn Grad Fahrenheit, nachts bei null bis minus fünf in der Stadt und minus zehn bis fünfzehn in den äußeren Vororten. Im Augenblick liegt die Temperatur bei lauen sieben Grad, aber bei dem herrschenden Wind meint man, wir wären hier in … Iqaluit, Northwest Territories.

27 Stockwerke sind ein ganz schön weiter Weg bis nach unten. Es bleibt einem nichts anderes übrig, als zu denken:
Denken, dass der Schnee auf dem Bürgersteig deinen Fall vielleicht dämpfen wird.
Denken, was ist das für ein bescheuerter Gedanke.
Denken, dass es irgendwen geben müsste, der einen Haufen Geld für deine Aussage hinblättern würde – oder wie wär’s mit einem Buch, einer Mini-Serie? –, dass es nicht dein ganzes Leben ist, das jetzt vor deinen Augen vorüberzieht, während du runterfällst, runter, runter, runter, runter – einfach nur die letzten sechs Monate, seit alles an einem bitteren Montagmorgen im Sommer angefangen hat, damals, bevor die Eiszeit anbrach, damals, bevor dreißig Zentimeter Neuschnee auf der Erde lag und weitere dreißig Zentimeter vorhergesagt wurden, damals, bevor ein Schlitten und eine Meute Huskies ganz nützlich gewesen wären – an dem Montagmorgen, als du den Auftrag bekommen hast, dir Frances McAlistair vorzunehmen.

Frances McAlistair, von deren Penthouse-Terrasse du gerade eben erst eine Schwalbe gemacht hast.

Denken, dass bald Valentinstag ist und du nie dazu gekommen bist, ihr eine Glückwunschkarte zu besorgen.

2

Air Sax spielte einen Illinois-Jacquet-Riff. »Also, was machst du, Ed? Ich meine, heute Abend?«

Dead Eddie Milano schob eine Hand in seine Tasche und jonglierte mit seinen Eiern. »Was ich mach, is das. Sobald du endlich von hier verschwunden bist, kommt so ’ne Fotze rüber.«

»He, du gehst mir auf die Eier«, sagte Air Sax.

»Mach ich das?«

»Wer? Wer ist die Fotze?«

»Zwei Paar Zwillinge.«

»Du gehst mir auf die Eier.«

»Mach ich das?«

»Zwei Paar Zwillinge?«

»Raven und Misty und Kristen und Inge. Raven und Misty sind 19, und Kristen und Inge sind 26.«

»Wie kommen die denn rüber? Ich meine, liegt doch überall Schnee rum. Deshalb kann ich ja auch nicht da rausgehen. Bis ich hier endlich weg bin, also zu Hause bin, isses schon wieder so spät, dass ich gleich wieder zurückkommen muss. Wie kommen die denn rüber?«

»Mit ’ner Schneemobil-Kutsche.«

»Du gehst mir auf die Eier.«

»Mach ich das?«

Air Sax spielte was von Paquito D’Rivera. Dann sagte er: »Kommen die, also, du weißt schon, kommen die alle gleichzeitig rüber, die Fotzen?«

»Du meinst, ob Raven und Misty und Kristen und Inge, ob die alle gleichzeitig rüberkommen?«, sagte Dead Eddie.

»Ja.«

»Nein.«

»Tun sie nich?«

»Ich hab doch gerade nein gesagt, Sax.«

»Also, welche zwei kommen denn dann, also, du weißt schon, zuerst rüber?«

»Was geht’s dich an, Sax?«

»Will’s eben einfach nur gerne wissen, das ist alles.«

»Und ich will eben einfach nur wissen, was dich das angeht.«

Air Sax spielte etwas von Jimmy Heath. »Eddie?«

»Ja?«

»Wenn du, also, du weißt schon, wenn du’s mit Raven machst, liegt Misty dann mit dir in der, also, ich meine, guckt sie dir dabei zu? Und ist Inge mit dir in der, also, wenn du’s mit der Crystal treibst?«

»Kristen.«

»Na, ist sie? Sind sie?«

»Dürfte schwer für sie sein, wenn’s anders war«, sagte Dead Eddie.

»Schwer für sie, nicht da drin zu sein, weil du sonst nicht, also du weißt schon, auf, äh, Touren kommst?«

»Scheiße, Mann, was glaubst du eigentlich, wer ich bin, Sax, vielleicht ’ne beschissene Schwuchtel?«

»He. Wer? Ich? Nee. Also, ich meine, ich will ja nur wissen, wieso du gesagt hast, es wär schwer, das is alles.«

»Weil Inge und Kristen zusammengewachsen sind, genau wie Raven und Misty zusammengewachsen sind, deswegen.«

Air Sax sagte: »Zusammengewachsen?«

»Zusammengewachsen.«

»Zusammengewachsen wie, also, du weißt schon, wie so siamesische Zwillinge?«

»Nicht wie siamesische Zwillinge. SiamesischeZwillinge.«

»Mann, du gehst mir auf die Eier, Eddie.«

»Mach ich das?«

»Ich meine, machst du doch, oder?«

Dead Eddie stand auf und zog sich seinen Kamelhaarmantel an. Es lag nicht überall Schnee rum, sie hatten Schneemobile, es kamen tatsächlich zwei Paar Zwillinge rüber, es kam eine Fotze rüber, und sie war eine beschissene Hündin, Rosalie, hätte besser Catcherin werden sollen, würde dahinterkommen, würde es verdammt noch mal einfach riechen, war gestern schon hier, würde ihn an den Ohren packen, ihm den Kopf von den Schultern reißen, ihn ihrem beschissenen Balg auf einem Silbertablett servieren, der zu einem schwulen, tuntigen Friseur heranwächst.

»Hast du Probleme zu Hause, Ed?«, sagte Air Sax. »Willst du mir das damit sagen?«

»Macht dir doch nichts aus, wenn ich das Thema wieder auf Geschäfte bringe, statt weiter über diese Affenscheiße zu reden«, sagte Dead Eddie. »Für die Sache am Valentinstag ist dann soweit alles klar, oder was?«

»Nein, es ist noch gar nichts klar«, sagte Air Sax. »Wir müssen immer noch ein paar Sachen erledigen – nicht mehr viel, aber noch ein bisschen. Weil ja überall Schnee rumliegt, und die sagen, dass noch mehr Schnee runterkommt, deshalb müssen wir noch mal genau drüber nachdenken, wie wir die Killer anschließend wieder von der Action wegkriegen. Autos, Lieferwagen, Taxen, das Übliche eben, das läuft alles nicht. Wir werden Führer brauchen, so was Ähnliches, für die Typen.«

»Führer?«

»Führer, ja, so was in der Art. Damit sie in die U-Bahnen kommen und in die Bars, wo wir Hinterzimmer haben und so. Bis Ende der Woche ist alles geritzt, und das haben wir uns ja auch so überlegt.«

»Schätze, dann geh ich jetzt nach Hause, ruf mir ’n Cab, wo du ja alles fest im Griff hast und so. Wahrscheinlich muss ich zu Fuß gehen, hol mir garantiert Frostbeulen dabei, erfriere, sterbe. Willst du heute hier schlafen, oder was?«

»Nee, ’scheinlich werd ich auch nach Hause gehen, ruf mir ’n Cab. Und wahrscheinlich krieg ich auch Frostbeulen, erfriere und sterbe.«

»Tja, ich schätze, wir sehen uns dann in der Leichenhalle, Sax.«

»Nacht, Eddie.«

»Ja.«

»He, Eddie, weißt du, wofür ich ’ne schöne Stange hinblättern würde, also, nur um’s zu sehen?«

»Für die Möse und die Titten von zwei Paar Zwillingen vielleicht?«

Air Sax lachte. »Für das Gesicht von Artie Roth, wenn die Sache am Valentinstag abgeht.«

»Ja«, sagte Dead Eddie. »Ja, außer der Kohle, die ich jedes Mal bezahlt hab, wenn ich mich umdrehe und Artie Roth mir auf der gottverdammten Pelle hängt, würde ich noch mehr Kies hinlegen, um sein Gesicht zu sehen, wenn die Sache abgeht.«

»Weißt du was, Eddie?«

»Was, Sax?«

»Wenn diese Sache abgeht, dann würd ich auch noch was dafür hinlegen, wenn ich das Gesicht von Frances McAlistair sehen könnte.«

»Ja«, sagte Dead Eddie. »Ja, dafür würd ich auch was auf den Tisch legen.« Und wo ich gerade so dran denke, wo Frances McAlistair ’ne erstklassige Fotze ist, ganz besonders für ’ne Fed, auch für ihre Möse und ihre Titten.

»Nacht, Eddie.«

»Ja.«

* * *

Air Sax spielte ein paar Harmonien von Hamiett Bluiett und dachte, was Dead Eddie doch für ein blödes Arschloch war, er konnte sagen, was er wollte, er hatte zu Hause Probleme, weswegen er sich auch immer irgendwelche Geschichten über Fotzen aus den Fingern saugte, die er bumsen würde, und Air Sax gewaltig auf die Eier ging, weil er nämlich glaubte, Air Sax wäre ein blödes Arschloch, das nie eine Fotze vor die Flinte kriegte. Er fragte sich, was Dead Eddie wohl denken würde, wenn er wüsste, dass Air Sax von einer Fotze engagiert worden war, um zum Spaß und wegen der Kohle einen Burschen umzulegen.

Also, nicht nur zum Spaß und wegen der Kohle. Auch wegen der Erfahrung. Damit er was Neues in seinem beruflichen Lebenslauf vorzuweisen hatte. Denn, das musste er ganz klar sehen, er wurde auch nicht jünger und todsicher nicht reicher, während er für Dead Eddie arbeitete, für diesen schäbigen, knausrigen Drecksack, der Sax achthundert Mäuse die Woche zahlte, wofür andere Typen in seinem Alter, mit seiner Erfahrung, seinen speziellen Fähigkeiten, also, elf-, zwölf-, fünfzehnhundert die Woche kriegten.

Nicht dass die Fotze ihm so besonders viel dafür gegeben hatte, dass er diesen Burschen umlegte. Die Fotze wusste genau, dass er noch neu in dieser Branche war, weswegen sie ihn ja auch überhaupt erst angerufen hatte. Sie hatte ihn angerufen und gesagt Donald Dubro, bitte,und fast hätte er geantwortet He, wer zum Geier ist Donald Dubro? Hier gibt’s keinen Donald Dubro, Babe, denn kein Mensch nannte ihn mehr Donald Dubro, manchmal vergaß er sogar total, dass das sein Name war, Donald Dubro.

Donald, wie ich höre, wollen Sie sich beruflich verändern. Ich habe einen Job, der erledigt werden muss und der Ihnen zu einem guten Start in aufregenden, neuen Arbeitsgebieten verhelfen könnte. Wir sollten uns mal unterhalten. Stellen Sie mir jetzt keinen Haufen sinnloser Fragen, Donald, von wegen, wo ich von Ihnen gehört habe und wer ich bin und so weiter. Sagen Sie jetzt einfach ja oder nein, ob Sie daran interessiert sind, für ein Honorar von 500 Dollar jemanden umzulegen. Wenn ja, können wir uns über die weiteren Einzelheiten unterhalten.

Was hätte er denn sagen sollen? Nein vielleicht? Nein. Fünfhundert waren wirklich nicht das, was er sich vorstellte, wenn er an eine Karriere als Killer dachte, dann schwebte ihm nämlich schon eher was in der Größenordnung von zwei fünf vor, aber fünfhundert waren fünfhundert, die zwei fünf würden dann noch kommen, wenn er sich erst mal einen Namen gemacht hatte, und den würde er sich todsicher machen, wegen dem, woran er dachte, als er in der fünften Reihe dieses Schachtelkinos, des Sixplexan der Eighty-sixth Street, saß, ein bisschen von Benny Cotter spielte, darauf wartete, dass das Licht endlich ausging, damit er Michael Corry umlegen konnte, wer auch immer das war. Der Bursche saß genau zwei Reihen vor ihm, stopfte eine von diesen großen Eimern mit Popcorn in sich rein, so groß, dass man seinen Kopf reinstecken konnte, was im übrigen genau das war, was Air Sax damit vorhatte, wenn er den Knaben erst alle gemacht hatte, denn er würde als Killer Karriere machen, und das wär dann doch ein gutes, na, du weißt schon, Markenzeichen oder so.

He, er sagte ja wirklich nicht, dass er allen Typen, die er umlegte, immer Popcorn-Kartons über den Kopf stülpen wollte, weil er nämlich nicht vorhatte, sich darauf zu spezialisieren, die Typen nur in Kinos umzulegen, Typen, die Popcorn in sich reinstopften, eimerweise, Riesen-Portionen Popcorn; aber irgendwas konnte er den Burschen ja über den Kopf stülpen, jedes Mal was anderes, aber auf jeden Fall so, dass die Leute sofort wissen würden, wenn sie so was sahen, du weißt schon, also sofort wissen würden, dass er derjenige gewesen war, der den Knaben auf Eis gelegt hatte.

Und das war noch nicht mal das Beste. Das Beste an der Sache, der absolute Knaller des Buches, das sie über ihn schreiben würden, und des Filmes, den sie nach dem Buch drehen würden, der absolute Knaller war, wenn er darauf wartete, dass das Licht endlich ausging, sich dann in die nächste Reihe schlich, bis er genau hinter Michael Corry war, und wenn dann auf der Leinwand die Worte auftauchten: Herzlich willkommen im 86th Street Sixplex, dann wartete er auf die Stelle, wo die Worte Das Reden während des Filmes ist gottverdammt rücksichtslos, also lasst es sein! kamen, und dann die wirklich richtig großen Buchstaben Pssssstt!,genau dann schraubte er den Schalldämpfer auf seine deutsche Walther P 38 9-mm-Polizeipistole, für die er in Bayonne zweihundert ausgeklinkt hatte, legte sie direkt unter Michael Corrys Ohr, ohne ihn dabei allerdings zu berühren, und sagte: »He, Mike«, und Mike sagte: »Ja?«, und: »Wer sind Sie?«, und: »Tut mir leid, Sie müssen sich irren«, und Sax sagte: »Pssssstt! Nicht reden«, und knallte ihn ab.

Und dann kippte er den Rest von Michael Corrys Popcorn aus dem Eimer und stülpte ihn über Michael Corrys Kopf und ging aus dem Kino, als wäre der Sly-Stallone-Film, der jetzt anfing, nicht der Film, für den er bezahlt hatte, er hatte für die Care Bears oder so was bezahlt, diese beschissenen Simpleres, man latschte dauernd in die falschen Filme.

* * *

Auf der Suche nach Dingen, die er noch tun konnte, um noch nicht nach Hause zu Rosalie und dem Kind zu gehen, kehrte Dead Eddie in sein Büro zurück, um sich zu vergewissern, dass der Safe auch richtig abgeschlossen war, und da sah er auf der Schalttafel in der Telefonzentrale, dass Mary Elizabeth Indelicato mit irgendeinem Kunden telefonierte.

Mary Elizabeth hörte das verräterische Klicken. Da er ja wusste, dass sie wusste, dass Anrufe vom Büro zu den Privatwohnungen der Mädchen umgestellt werden konnten, glaubte Dead Eddie da wirklich, dass es den Mädchen nicht in den Sinn kam, er könnte mithören? Sie dachte kurz daran, die Stimmung für einen Augenblick kaputtzumachen und Eddie zu sagen, dass er verdammt noch mal sofort aus der Leitung verschwinden soll. »Ich bin so feucht, Earl«, hauchte Mary Elizabeth. »Soll ich mich jetzt ausziehen?«

»Warte noch«, sagte Earl. »Setz dich gerade ins Fenster. Dreh dich zur Seite, lehn deinen Rücken gegen den Rahmen und stell deine Füße auf die Fensterbank.«

Mary Elizabeth lag in Trainingshose und einem verschossenen Arbeitshemd auf dem Bauch auf ihrem Bett, hatte sich nach dem Duschen die feuchten Haare in ein Handtuch gewickelt, war gerade mit dem Wirtschaftsteil der Times durch und streckte ihre Hand jetzt nach den Wissenschaftsseiten aus. »Etwa so?«

»Zieh deinen Rock die Schenkel hoch.«

»Ist’s so gut?«

»Jetzt zieh dein Höschen aus.«

»Ich trage kein Höschen, Earl. Du hast mir doch gesagt, dass ich nie Höschen tragen soll.«

»Mach deine Beine ein bisschen breit. Damit jemand, der zum Fenster raufsieht, sehen kann, dass du kein Höschen anhast.«

»So gut?«

»Ist unten auf der Straße jemand, der zu dir raufschaut?«

»Ja, ich glaube, da ist einer, Earl. Ja, ja, da ist wirklich einer. Wer ist das, Earl?«

»Ein Freund von mir.«

»Ooooh, das find ich gut. Hast du ihn vorbeigeschickt, damit er mich besuchen kommt?«

»Nein, nur zum Sehen. Anpacken soll er dich nicht.«

»Du bist der einzige Mann, der mich jemals berühren wird, Earl.«

»Ist das dein Ernst?«

»Natürlich ist es das.«

»Berühr dich jetzt selbst«, sagte Earl. »Zieh einen Träger von deinem Mieder runter und berühr deine Brust. Du hast doch das schwarze Mieder an, oder?«

Mary Elizabeth blätterte zu den Anzeigen der 47th Street Foto- und Computerläden um. »Genau wie du’s mir gesagt hast, Earl. Oh, Earl, das fühlt sich so gut an.«

»Zieh an deinem Nippel … zieh ihn ganz lang.«

Wenn der XT mit 20-Megabyte-Festplatte noch billiger wurde, konnte sie es sich nicht leisten, keinen zu kaufen. »Oh, Earl.« Es sei denn, sie wollte den Toshiba haben. Seine Größe gefiel ihr.

»Und jetzt die andere Brust. Mach’s mit beiden gleichzeitig, eine in jeder Hand. Zieh ganz fest.«

»Er beobachtet mich, Earl.«

»Ja.«

»Er sieht sehr gut aus.«

»Ja.«

Was hatte Dolan noch gleich über den Maxum gesagt? Dass das der beste Kompatible war oder der schlechteste? »Aber natürlich lange nicht so gut wie du, Earl. Vielleicht eines Tages mal …«

»Was?«

»Na ja, könnten wir drei vielleicht mal …«

»Könnten wir was?«

»Ich könnte es dir mit dem Mund besorgen, während er mich von hinten bumst.« A ergo, wie Freud sagte. Susan Sullivan, ihre Arbeitskollegin im Büro, war neulich aus der Mittagspause gekommen und hatte ihren Finger an einer Stelle in einem Buch mit Freuds Fallstudien, das sie von Zeit zu Zeit las, um sich von der Juristerei abzulenken und einen nüchternen und sachlichen Blickwinkel auf ihre eigenen Neurosen zu behalten. Sie sagte: »Mary Liz, du hast doch Latein gehabt, stimmt’s? Was bedeutete tergo?«»Ach, das ist schon eine Ewigkeit her«, antwortete Mary Elizabeth. »In welchem Zusammenhang denn?« »Ein Junge hat beobachtet, wie seine Eltern gebumst haben – ›wie sie Geschlechtsverkehr a tergohatten‹.« »Von hinten«, sagte Mary Elizabeth. Susan sagte: »Aaah.«

Earl sagte: »Gloria.«

»Ja, Earl?«

»Gloria.«

»Ja.«

»Gloria.«

»Ja, Earl, ja.«

»Gloria, Gloria, Gloria, Gloria, Gloria. Glor. I. Aaaaaaaaaa.«

»Ja, Earl, ja.«

»… Danke, Gloria.«

»Gern geschehen, Earl. Ich danke dir.«

»War es … kam es gut bei dir?«

»Es ist immer gut, Earl.«

»Ich rufe dich bald wieder an.«

»Ich kann’s kaum noch erwarten.«

»Mach’s gut, Gloria. Ist das dein richtiger Name … Gloria?«

»Mach’s gut, Earl.«

»Ist es?«

»Earl, du kennst die Spielregeln. Frage ich dich vielleicht, ob Earl dein richtiger Name ist?«

»Ist es aber. Ich heiße Earl.«

»Dann mach’s mal gut, Earl.«

»Bist du in echt eine Rothaarige?«

»Hast du beim ersten Mal denn keine Rothaarige haben wollen?«

»Ja. Eine Rothaarige mit Dauerwelle.«

»Und genau die hast du auch gekriegt … eine Rothaarige mit Dauerwelle. Und jetzt mach’s gut, Earl. Die Zeit ist um.«

»Mach’s gut, Gloria. Ich ruf bald wieder an.«

»Ich warte auf dich.«

»Good bye.«

»Good bye.«

Nachdem Earl aufgelegt hatte, lauschte Mary Elizabeth noch eine Weile auf Dead Eddies Atmen, versuchte herauszuhören, ob er auch gekommen war, dann hörte sie zu, wie er versuchte, den Hörer lautlos wieder aufzulegen. Ihr fiel ein, dass sie den Text der neuen Anzeige für die Voicenoch nicht Korrektur gelesen hatte.

Sie stieg vom Bett und zog das Handtuch von ihren taillenlangen schwarzen Haaren, hing es über einen Stuhl, ging in die Küche und holte den Entwurf aus ihrer Aktentasche:

 

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R-forsche. G-heimnisse. Meine Güte. Dead Eddie hatte den Text geschrieben, und jeden Monat bat er sie, ihn Korrektur zu lesen, wobei er davon ausging, vermutete Mary Elizabeth, dass sie tief beeindruckt sein würde, dass sie sich sofort in seinen wunderbaren Stil verlieben würde, falls man das so nennen konnte, und natürlich auch in ihn, konnte sich absolut nicht vorstellen – wie er sich anscheinend auch nicht vorstellen konnte, dass sie wusste, dass er heimlich lauschte –, dass sein Stil, falls man es so nennen konnte, in ihr den Wunsch weckte, ihn am liebsten zu erwürgen. Vielleicht schaffte sie es ja, dass wegen seiner Diktion Anklage gegen ihn erhoben wurde.

Mary Elizabeth lächelte. Vielleicht würde sie beim morgendlichen Brainstorming ja vorschlagen, dass man Dead Eddie Milano nicht festnageln konnte, wenn man gegen ihn wegen Pornographie oder Prostitution oder Kreditwucher oder Erpressung oder Wucher oder Steuerhinterziehung oder Verkauf von Ferngespräch-Codes oder – Dead Eddies letzte Kreation – Großhandel mit garantiert drogen- und AIDS-freiem Urin und Blut ermittelte; man konnte ihn festnageln, indem man ihn wegen seiner Diktion unter Anklage stellte. Selbst Frances McAlistair, die gewissenhafte, selbstgerechte heilige Frances McAlistair, die Super-WASP aller WASPs, sogar die würde das komisch finden.

Oder nicht? Oder würde der Profi in ihr den Scherz einfach achtlos zur Seite fegen und sagen: Also, Mary Liz. Wie kommt ein nettes Mädchen wie Sie, eine Anwältin im Büro des U. S. Attorney für den südlichen Bezirk von New York, nur dazu, sich mit solchem Abschaum wie diesem Dead Eddie Milano herumzutreiben?

Photos by Alex Avalos (Kino im Nebel) and Todd Torabi (Winter in New York) on Unsplash