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Beutemacher

»Ich heiße Nika.«

Der Falke kreist

Mike verdödelt seine Tage als Fahrer einer Großküche. Als er ein Mädel im Laderaum seines Transporters entdeckt, kommt unerwartet reichlich Thermik in sein eigentlich ruhiges Leben. Nika braucht dringend ein Versteck. Vor wem und warum ist erst mal nicht wichtig, denn natürlich hilft er sofort. Auch weil Nina ziemlich gut aussieht.

Und damit beginnt eine ziemlich schräge und rasante Geschichte voller »schneller Schnitte, fast surrealistischen Bildern, großen Gefühlen und lakonischem Witz« — so die Badischen Neuesten Nachrichten …

 

Der Roman erschien erstmals 1998 im Eichborn Verlag unter dem gleichen Titel. Das Originalmanuskript wurde für diese Ausgabe vollständig überarbeitet.

Ein Interview mit Rolf Silber zum Buch gibt es hier

Der dritte Roman von Rolf Silber erscheint bei uns Ende 2016: »Das Leben tobt«. Silbers erster Roman, »Helter Skelter«, ist bereits als eBook–Neuausgabe erhältlich.

Geboren wurde Rolf Silber in Seligenstadt am Main. Ausbildung als Bankkaufmann, Praxis als Fernküchenfahrer, Thekenmann und Mitglied eines bekannten MC im Raum Frankfurt. Dann von 1976 bis 1980 Studium an der Deutschen Film & Fernsehakademie Berlin. Anschließend als (Drehbuch-) Autor – über 30 Fernseh- und Kinofilme – und Regisseur – 20 Fernseh- und 3 Kinofilme, darunter 1995 das überaus erfolgreiche Kinodebüt »Echte Kerle« – tätig, außerdem zahlreiche Fernsehserien, Kinder- und Animationsfilme.

Beutemacher

Das erste Kapitel

Hundstage

ES ROCH, ganz plötzlich, irgendwie nach Hund.

Mike hatte den Geruch in der Nase, noch bevor draußen, an der verzogenen Holztür zu seiner kleinen Dachwohnung, der Klingelknopf betätigt wurde. Und nachdem er die vielfach überstrichene Tür unter dem ängstlichen Geschrei ihrer schlecht geölten Angeln öffnete, schaute er direkt in die ungesund blasse und ungewöhnlich schmale Hundefresse seines Hausbesitzers. Rasp. Rüdiger Rasp. Von seinen Mietern auch liebevoll »Rudi die Raspel« genannt.

»Morgen«, schnarrte die Raspel, schlecht gelaunt wie beinahe immer, über das nervtötend fröhliche Quäken aus Mikes Radio hinweg.

Wenigstens hatte Rasp keinen seiner verfilzten Knochenkauer dabei. Nur er selber, der Rudelführer, ausnahmsweise ohne sein siebenköpfiges vierbeiniges Gefolge. Nur er, mit seinen langen, fisseligen, ewig ungewaschenen und zunehmend spärlicher werdenden Haaren, seinen verbeulten Hosen aus Breitcord, seinen abgeschrabbelten Pullovern, aus denen stets, wie tote Würmer, zahlreiche dicke Wollfaden hingen.

Knöchern, verbogen, unterernährt, einem frierenden Windhund nicht unähnlich, so stand er da, in dem engen dunklen Flur mit seinen stockfleckigen Tapeten, und roch intensiv nach nassem Hund; wie ein Labrador, der sich in einem frischen Schlammloch gewälzt hat.

»Tag«, antwortete Mike neutral.

Er musste den Impuls unterdrücken, der traurigen Gestalt sein restliches Kleingeld in die Hand zu drücken. „Obwohl die es sicher genommen hätte. Rudi die Raspel nahm alles, und Geld zumal. Aber Mike war gerade knapp an Münzen — von Scheinen erst gar nicht zu reden. Also ließ er es sein.

»Und? Was ist?«

»Vor August läuft nichts …«, sagte Mike und versuchte dabei, die Stimme nicht allzu sehr zu heben.

Er wollte keinen Streit. Nicht heute. Obwohl Mike nicht unbedingt aussah wie einer, der immerzu jeden Streit vermeidet. Dazu war er zu stabil gebaut, wirkte er zu vierschrötig, mit seinem polnischen Schädel, den etwas zu eng stehenden Augen und den auffallend großen Händen, die aussahen, als könnten sie zupacken und festhalten.

»Für jede Woche früher gibt’s zweihundert Euro«, probierte es die Raspel noch einmal, müde und nicht sehr überzeugend.

Ja, dachte Mike, und für jeden Tag länger was auf die Schnauze. Rasp hatte so seine Methoden, wenn er ein Haus frei kriegen wollte und die Mieter nicht spurten, und er hatte die richtigen Leute an der Hand, um seine Methoden anwenden zu lassen: Nasenkorrektur, rezeptfrei.

»Vor August geht nichts …«

Sie hatten das schon so oft besprochen, dass sie sich den Rest würden sparen können. Jeder Satz bekannt. Rasp schüttelte seine Sauerkrauthaare, drehte sich ächzend um und ging einfach weg.

»Wundert mich, dass die sich’s leisten können …«, blaffte er.

Für einen Moment vermisste Mike das leise Kratzen und Trippeln von Krallen auf Linoleum, als der Mann mit hängendem Kopf davontrottete, um kurz darauf im Schlund des Treppenhauses zu verschwinden.

»Montagmorgen. Klasse!«, brummte Mike.

Er schaute einen Moment den nervös umeinander tanzenden Schatten nach, die Rasp aus dem sonnigen Treppenhaus in das dämmerige Dachgeschoss projizierte, schüttelte noch einmal den Kopf. Da streifte sein linkes Auge das Zifferblatt seiner Armbanduhr, und die mechanische Unruh, die in dem metallenen Gehäuse arbeitete, übertrug ihre blank polierte Nervosität unmittelbar auf Mikes Innereien.

Er war zu spät dran, viel zu spät. Also schoss er jetzt fluchend, aufgeregt wie das Kaninchen aus Alice im Wunderland, durch die unaufgeräumte Mansardenwohnung, suchte zwischen herumliegenden Kleidungsstücken nach Motorradhelm, Lederjacke und Schlüssel, ersetzte das Frühstück durch den Biss in einen muffigen Schokoriegel, den Morgenkaffee durch einen Schluck aus der Wasserleitung, den pelzigen Geschmack auf der Zunge durch ein Kaugummi. Sekunden später flog er polternd die schiefen Treppen hinab.

Ja, wirklich, ein ganz normal beschissener Montagmorgen, dachte Mike, während er die ausgetretenen Stufen hinuntersprang.

Im Erdgeschoss rammte er beinahe die bojenförmige Hauswartsfrau mit ihren Catcherarmen, die sich bereits beim ersten Geräusch von Schritten auf der Treppe ihre Kittelschürze glattgestrichen und ein ganzes Arsenal brandwichtiger Fragen zurechtgelegt hatte, die sie auf ihn abzufeuern gedachte. So wie sie es bei jedem machte, der ihr zu den üblichen Fragestunden, also von sechs Uhr früh bis zehn die Nacht, unter die Augen kam.

Nur, Mike hatte wirklich keine Zeit und rief, während er wie ein Gebirgsbach auf sie zusprudelte:

»Ja, Frau Bauermann, das stimmt, da gebe ich Ihnen absolut recht!«

Und schon war er an ihr vorbei, einfach über den Besen gesprungen, den sie, um von den Vorbeikommenden leichter ein paar Antworten erheben zu können, wie eine Zollschranke in den Weg geschoben hatte.

Nur ihr leise gestammeltes »Ja, ich hab doch noch gar nicht…« flatterte als müder Überrest eines nicht gehabten intensiven Gesprächs — über Krankheiten, das Ozonloch, die Preise im Supermarkt, den Besuch des Hausbesitzers, die Treppenhausreinigung und die musikalischen wie menschlichen Lautäußerungen in den Wohnungen unterm Dach — ihm hinterher in den Innenhof, wo es einfach verwehte.

Dabei — just heute Morgen hätte sich, möglicherweise, ein interessantes Thema ergeben. Frau Bauermann erinnerte nämlich gerade vage, dass es doch ihr Vater und ihre Mutter waren, die in den Bombennächten des letzten Krieges, sie selbst noch keine zehn Jahre alt, unter Lebensgefahr dieses große alte Mietshaus vor dem Abbrennen retteten. Weshalb sich über die Jahre in Frau Bauermann die exotische Idee festgesetzt hatte, sie habe von ihren verstorbenen Eltern eine Art ungeschriebenes Recht übernommen, hier unbehelligt wohnen zu dürfen. In einem Haus, das von ihrer Familie in den letzten Jahren hingebungsvoll gepflegt wurde und um welches sie sich weiter penibel zu kümmern gedachte. Obwohl ihr, von einem Besuch des Hausbesitzers zum nächsten, immer klarer wurde, dass sie nur noch als Visagistin für einen Todgeweihten arbeitete. Und dass der für den derzeitigen Besitzer unangenehmste Aspekt nicht zuletzt darin bestand, dass das Haus so gepflegt und voll vermietet, dass also alles, was an diesem Haus richtig, für ihn grundfalsch war.

Ebendieser Widerspruch war Frau Bauermann heute Morgen erneut aufgegangen. Und es hatte sich das nebulöse Gefühl in ihr verstärkt, sie sei auf eine ebenso unerklärliche wie angsteinflößende Weise mit der Gegenwart überkreuz.

Jedoch: Keine Zeit, viel zu spät. Eben warf Mike draußen seine bullige, roststarrende Motocross–Maschine an, um nur Sekunden später, unter dem Gejohle einer Handvoll türkischer Kleinkinder, vom Hof zu schießen, beobachtet von den müden Blicken eines halblebendigen Fettstrumpfs namens Karlo, der außen mit grauen Katzenhaaren dicht besetzt, innen mit viel Katzenschmalz und wenig Katze prall gestopft war.

Frau Bauermann stierte, weil nun ein Gespräch nicht hatte zu Stande kommen wollen, stumm in den gepflasterten Hof, von wo die unbeteiligten Augen Karlos zurückstarrten. In seinem lipidgeschmierten Synapsengeflecht war plötzlich und ohne besonderen Grund das anheimelnde Bild einer geöffneten Dose Katzikotz entstanden. Also schwabbelte er höchst ungrazil ins Treppenhaus.

Und weil Frau Bauermann mit einer Katze, die auf restlos jede Frage mit dem stets gleichen hungrigen Jaulen und einem grenzenlos durstigen Blick antwortete, schlecht eine befriedigende Konversation führen konnte, sagte sie bloß:

»Und du fett’ Sau, du kommst demnächst in die Mikrowell’!«

Der Kater, in der Ahnung, dass es gerade irgendwie um Nahrungsaufnahme ging, setzte sich erwartungsvoll in Positur, als wolle er seinem Frauchen die Kehrschaufel leer fressen, um dann mit dem Inhalt des Wischeimers nachzuspülen. Er miaute hungrig.

»Oder ich mach Presskopp. Katzepresskopp …«, murmelte Frau Bauermann.

Und Karlo war sich nun absolut sicher, dass sie vom Essen redete.