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BONES – Alte Knochen

Gideon Oliver : Knochen Detektiv

Alte Knochen

Knochendetektiv Gideon Oliver, Professor für Anthropologie, nimmt am Jahreskongress für Wissenschaft und Kriminalistik im französischen St. Malo teil. Dann werden im Familienschloss der du Rochers Teile eines Skeletts gefunden …

»BONES – Alte Knochen« erhielt 1988 den Edgar für den Besten Roman des Jahres. „Mit Donnergetöse“, so heißt es in einem alten bretonischen Kinderlied, „und schnell wie ein galoppierendes Pferd kommt die Flut zum Mont St. Michel.“ Familiengeheimnisse, Morde und altre Nazis in der Normandie.

Von der amerikanischen Independent Mystery Bookseller’s Association auf die Liste der 100 besten Kriminalromane des zwanzigsten Jahrhunderts gewählt.

Gideon Oliver #2

Gideon Oliver, der Knochen-Detektiv

Original: »Fellowship of Fear«, 1982, bislang nicht auf Deutsch
»YAHI – Wald der Toten«, spraybooks, 2017, erstmals auf Deutsch als »Yahi« 2000 »The Dark Place«, 1983
Original: »Murder in the Queen’s Armes«, 1985, bislang nicht auf Deutsch
»BONES – Alte Knochen«, spraybooks, 2017, erstmals auf Deutsch als »Alte Knochen« 1992, »Old Bones«, 1987
»CURSES! – Fluch«, spraybooks, 2017, erstmals auf Deutsch als »Fluch« 1993, »Curses!«, 1989
Original: »Icy Clutches«, 1990, bislang nicht auf Deutsch
Original: »Make No Bones«, 1991, bislang nicht auf Deutsch
»Tote Herzen«, spraybooks, 2018, erstmals auf Deutsch als »Tote Herzen« 1995, »Dead Men’s Hearts«, 1994
Original: »Twenty Blue Devils«, 1997, bislang nicht auf Deutsch
Original: »Skeleton Dance«, 2000, bislang nicht auf Deutsch
Original: »Good Blood«, 2004, bislang nicht auf Deutsch
Original: »Where There’s a Will«, 2005, bislang nicht auf Deutsch
Original: »Unnatural Selection«, 2006, bislang nicht auf Deutsch
Original: »Little Tiny Teeth«, 2007, bislang nicht auf Deutsch
Original: »Uneasy Relations«, 2008, bislang nicht auf Deutsch
Original: »Skull Duggery«, 2009, bislang nicht auf Deutsch
Original: »Dying on the Vine«, 2012, bislang nicht auf Deutsch
Original: »Switcheroo«, 2016, bislang nicht auf Deutsch

Aaron Elkins

… geboren 1936, verdiente sich sein Studium der biologischen Anthropologie als Boxer, bis er nach acht gewonnen Kämpfen drei hintereinander verlor und sich aufs Kellnern verlegte; er war Dozent für Betriebswirtschaft, bis er 1982 von einem Lehrauftrag an einem NATO-Stützpunkt zurückkehrte und sich als Arbeitsloser wiederfand; seither lebt und arbeitet er als freier Schriftsteller auf der Olympic Peninsula, Washington. Für seinen Gideon-Oliver-Krimi Alte Knochen erhielt er den Edgar der amerikanischen Kriminalautoren für das beste Buch 1987.

Aaron Elkins

Presse

„Die Handlung ist so temporeich und unwiderstehlich wie die Flut.“
— Publishers Weekly

„Ein schöner Humor … Ein sympathischer, unprätentiöser, intellektueller Detektiv.“
— Chicago Tribune

„Ein Blick auf unseren kollektiven Stammbaum, Verrückte und alles inbegriffen.“
— San Francisco Chronicle

„Ein herzerfrischend altmodischer Krimi, der auf geschickte Weise das altbekannte ‚Murder in the Manor‘-Motiv variiert und auffrischt.“
— Rezensent auf amazon.de

„Am Anfang gibt es 50 Jahre alte Knochen, die […] im Familienschloss der du Rochers gefunden wurden. […] Das Buch wird immer spannender, bis man plötzlich die halbe Nacht durchgelesen hat, weil man [es] einfach nicht mehr aus der Hand legen kann.“
— Rezensentin auf amazon.de

„Selten so ein kurzweiliges Buch gelesen. Der Autor versteht es, den Leser ohne große Umwege zu fesseln. Ich fand das Buch spannend, ohne jedoch wie viele Autoren auf die Ekel- oder Blutspritzpumpe zu drücken. Alles in allem ein Krimi, den man entspannt auch noch abends lesen kann.“
— Rezensent auf krimi-couch.de

Das erste Kapitel

So reglos und still war die von Nebel umhüllte Gestalt, dass sie durchaus ein kantiger, schwarzer Felsblock hätte sein können. Aber es gibt keine Felsblöcke, weder kantige noch sonst welche, in dem endlosen, flachen Watt der Bucht von Mont St. Michel. Bei Ebbe gibt es dort nur Sand, weit mehr als zweihundert Quadratkilometer. Und bei Flut verwandelt sich diese Ebene in ein weites, wogendes Meer, aus dem die große Abtei–Zitadelle von Mont St. Michel aufragt, ein gewaltiges, von Gott erschaffenes Ding aus dunklem und düsterem Granit, nichts als schmale gotische Bögen und scharf umrissene, himmelstrebende Senkrechten.

Der Nebel wirbelte, verlagerte sich dann, und die Gestalt wurde erkennbar als ein hagerer älterer Mann mit einer Pelzkappe und einem schweren, gutgeschnittenen Mantel, der auf dem Sand kniete und sich über eine Muschel beugte, die er in seiner linken, in einem Lederhandschuh steckenden Hand hielt. Aber obwohl sein Kopf entsprechend geneigt war, schaute der alte Mann doch nicht die Muschel an.

Er starrte mit leerem Blick vor sich hin, in Gedanken weit fort. Seine rechte Hand hatte er tief in die Tasche des Mantels vergraben. Viele Minuten lang verharrte er so, bewegungslos, gedankenverloren, und dann spannte er sich plötzlich an. Sein Kopf schnellte hoch, neigte sich dann zur Seite, um besser hören zu können. Die breite, aristokratische Stirn war von fragenden Falten zerfurcht, die dichten weißen Augenbrauen hochgezogen. Eine schreckliche weiße Narbe, die an seinem linken Mundwinkel begann und unter einer schwarzen Augenklappe aus Satin verschwand, schien sich zusammenzuziehen, so dass sein schmaler Mund verzerrt wurde. Sein rechtes Auge, grau und klar, verriet äußerste Ungläubigkeit.

Der alte Mann, der nie Selbstgespräche führte, führte jetzt Selbstgespräche.

»Die Flut?«, flüsterte er, und wieder: »Die Flut!«

Er ließ die Muschel fallen und rappelte sich schwerfällig auf. Er beugte sich noch einmal herab, um mit einer Hand nach der geflochtenen Strohmatte zu tasten, auf der er gekniet hatte, um die Knie seiner dunkelgrauen Hose zu schützen, aber dann warf er auch sie fort, drehte sich um und machte sich verbissen auf den Weg zum mehr als einen Kilometer entfernten Mont, der durch den Nebel nur undeutlich zu sehen war. Der Mann bewegte sich schnell, aber stockend, da sein verkrüppeltes Bein ihn immer wieder aus dem Gleichgewicht brachte, während er mit seiner linken Hand energisch herumruderte und seine rechte unbeweglich in der Tasche hielt.

Die Flut! Wie konnte er sich zeitlich nur so vollkommen verschätzt haben? Es schien kaum möglich zu sein, aber das Geräusch war eindeutig, genau wie die Böe kalter, salziger Luft, die vor ihr landeinwärts wehte. »Mit Donnerschall«, ging das alte bretonische Kinderlied, »und schnell wie ein galoppierendes Pferd kommt die Flut zum Mont St. Michel.«

Er brauchte nicht die Hilfe einer Metapher, um sein Dilemma zu verstehen. Die Geschwindigkeit der hereinkommenden Flut war nicht ganz die eines galoppierenden Pferdes, aber sie war schnell genug – eine schimmernde Wasserfläche, die sich mit fast fünfundzwanzig Kilometern pro Stunde in die Bucht wälzte, sich dabei ständig veränderte und weiter ausdehnte. Es war keine tosende Flutwelle des Todes, das wusste er; vielmehr eine sickernde, verhaltene Flut, die im einen Augenblick noch unsichtbar, im nächsten um die Knöchel schwappte, und einen Moment später schon um die Hüften …Der Wind hatte einen eisigen Schauer aus Schneeregen mitgebracht, und der Wollmantel des Mannes war bereits nass, die Ränder seiner Ohren brannten. Der dünne Nebel riss vor dem Wind auf, hüllte die Turmspitzen und Türme des Mont in unwirkliche silberne Fäden, die durch die fahle untergehende Sonne rosa gefärbt wurden. Auf den Zinnen des Nordturmes konnte er ein paar Leute erkennen, Touristen, die ihm zuwinkten, er solle sich beeilen; und sie riefen auch irgend etwas, so glaubte er. Diese Einfaltspinsel. Konnten sie denn nicht sehen, dass er schon so schnell ging, wie er konnte? Dass er ein alter Mann war, und noch dazu mit einem lahmen Bein? Wieso kamen sie nicht runter und halfen ihm, statt sinnlos herumzuhampeln?

Noch als er sich dies fragte, wusste er, dass es eine dumme Frage war. Obwohl der tour du nord sich am Fuß der Mauern befand, die die Gebäude der Abtei umgaben, klebte er doch hoch oben auf dem Fels, mehr als fünfzig Meter über dem Watt, und der Weg hinunter war steinig und uneben. Sie konnten ihn unmöglich rechtzeitig erreichen. Und warum sollten sie auch ihr Leben auf den trügerischen Sandbänken aufs Spiel setzen, um ihm zu helfen?

Er wagte nicht darüber nachzudenken, ob er schneller als das Wasser sein konnte, sondern humpelte weiter, während seine in warmen Stiefeln steckenden Füße sich über den Sand schleppten. Hinter ihm war das Wasser immer noch nicht zu sehen; da war nur das Tosen. Dies und die Böen feuchter Luft. Seine Brust hob und senkte sich, und darunter bohrten sich heiße Nadeln in seine vernarbten Lungen. Die alten Wunden in seinem Bein und Fuß brannten. Dennoch, er kam dem Mont näher. Er war jetzt nah genug, um hin und wieder einen Ruf zu hören. Vielleicht bestand ja doch noch eine Chance …

Abrupt blieb er stehen. Vor ihm war Wasser. Blinzelnd starrte er den seichten, malvenfarbenen Bach an, der zwanzig oder dreißig Schritte vor ihm von links nach rechts seinen Weg kreuzte. Er verstand nur zu gut, was das war und was es bedeutete. Die Flut kam nicht in einer geschlossenen Front, sondern bildete eine Vielzahl Rinnsale und Bäche – wie wunderschön sie von oben auf dem Mont aussehen mussten – in weit ausholenden, beinahe kreisförmigen Bögen, die zuerst große Flächen von gelbem Sand einschlossen, sich dann immer mehr um sie zusammenzogen und sie schließlich verschlangen. Noch während er hinschaute, verwandelte sich der lange Wasserfinger vor ihm in einen Arm des Meeres, wurde breiter und tiefer. Er drehte sich um, rechnete damit, die Flut schon dicht hinter sich zu sehen, doch abgesehen von ein paar vorsichtigen Fühlern war das Meer immer noch weit entfernt, vielleicht hundert Meter. Bei Gott, er hatte noch eine Chance!

Es stürzte sich in das knöcheltiefe Wasser, wusste, dass er dabei das Risiko einging, in eine Unterwasserströmung oder auf Treibsand zu geraten, wusste aber auch, dass er keine andere Wahl hatte. Seine wadenhohen Stiefel hielten die Feuchtigkeit und die Kälte von seinen Füßen fern, aber gleichzeitig schienen sie ihn auch herunterzuziehen, als wären sie mit Blei statt mit Wolle gefüttert, und jeder Schritt war eine ungeheure Anstrengung, die seine hageren Wangen aufblähen ließ. Die gefurchte Narbe zerrte inzwischen an seiner satinbedeckten leeren Augenhöhle, so dass sich sein ganzes Gesicht schief anfühlte.

»Vite!« brüllten sie vom Nordturm. »Vite!« Ja, glaubten sie denn, er ließe sich Zeit?!

Voller Bestürzung beobachtete der alte Mann, wie der Wasserarm, durch den er sich hindurchquälte, jetzt anschwoll und eigene Finger ausstreckte. Es reichte ihm jetzt fast bis an die Waden, und der vorderste Rand des Wassers entfernte sich immer weiter von ihm, während er sich darauf zu schleppte. Sein Herz hämmerte bei jedem einzelnen torkelnden Schritt durch den saugenden Sand, und ihm war gleichzeitig heiß und kalt vor Angst. Eiskaltes Wasser begann in seine Stiefel zu schwappen, was ihn nur noch mehr herunterzog und seine Glieder krampfartig zittern ließ.

Die Stiefel, dachte er. Wenn er sie ausziehen könnte …

Aber er wusste, dass er es sich nicht leisten konnte, im ständig steigenden Wasser stehenzubleiben, und er wusste, dass er auch gar nicht die Kraft dazu hatte; nicht mit nur einer gesunden Hand. In wachsender Verzweiflung riss er stattdessen seine Pelzkappe herunter und warf sie fort. Der eisige Schneeregen, der daraufhin auf seinen Nacken einpeitschte, ließ ihn laut aufschreien und so krampfartig zittern, dass er kaum noch etwas sehen konnte. Das Wasser quatschte in seinen Stiefeln, und sein Atem brannte wie Feuer in der Kehle, doch er schaffte noch drei blinde Schritte, bevor er schließlich in den Treibsand stolperte.

Der berüchtigte sable mouvant der Bucht von Mont St. Michel ist genau genommen gar kein Treibsand, keine rutschige, sich bewegende Masse aus feinkörnigem Sand und nach oben aufsteigendem Wasser; es ist ein Phänomen, das einzigartig für dieses riesige Watt ist: tiefe, mit Wasser gefüllte Taschen, von einer Schicht Sand bedeckt, der irgendwie darauf treibt. Von den Zinnen des Nordturmes waren sie nicht zu sehen, und für die kleine, erregte Zuschauermenge, die sich dort versammelt hatte, schien es, als würden die Beine des taumelnden Mannes dort unten auf der sich verdunkelnden Ebene plötzlich verschwinden. Eine Frau schrie auf und presste ihre Hand auf den Mund. Die anderen schauten gebannt und bestürzt schweigend zu. Unten kämpfte die winzige Figur verzweifelt, schlug wie wild mit einem Arm auf das immer nach seichte Wasser ein und versank dadurch nur noch schneller.

Bis zum letzten Augenblick, als sich das Wasser ruhig über seinem Kopf schloss, zappelte er so verzweifelt, dass es aussah, als müsste er wieder hochkommen, doch die Wasseroberfläche blieb völlig glatt, abgesehen von einem harmlosen Kräuseln, das die Stelle markierte, an der er sich gerade noch befunden hatte. Und innerhalb weniger Sekunden war es, als wäre er überhaupt niemals dort draußen gewesen.

Photos by Jeremy Vessey (Meer) and Okamatsu Fujisawa (Mont St. Michel) on Unsplash