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Jerome Oster

Chapel Hill, North Carolina

Brillante Dialoge + viel Musik

Jerry »Jerome« Oster, 1943 in New Mexico geboren, lebte seit seinem zehnten Lebensjahr in New York City. Er studierte Englische Literatur an der Columbia University und arbeitete anschließend als Reporter für United Press International, Reuters und die New York Daily News.

Heute lebt Jerome Oster in Chapel Hill, North Carolina.

Jerome Oster, 11-2016

Pressestimmen

Der Literaturkritiker Peter M. Hetzel war Jerome Osters erster deutscher Lektor und meinte über ihn, dass »New York seiner Sprache den Rhythmus verlieht«, denn seine Romane seien so mitreißend und schonungslos wie die Metropole am Hudson. Als Osters erste Romane in der thriller-Reihe des Rowohlt Verlags erschienen, schrieb beispielsweise das Magazin freundin: Seine »Dialoge sind so realistisch, dass man es kaum glauben mag, wenn er behauptet: „Ich denke mir das alles nur aus. Szenen und Ambiente sind reine Phantasieprodukte.“« Cosmopolitan urteilte damals: »Macho-Sexträume. Rotzig, rüde, rüpelig. Nichts für sensible Nerven.« Die Stuttgarter Zeitung meinte: »Oster schreibt brillante Dialoge, seine Großstadt pulst und keucht.«

Als wir nach vielen Jahren Osters Romane wieder lasen, waren wir überrascht, wie modern, wie zeitgenössisch seine Erzählungen sind. Dass die Romane im New York der späten 1980er und frühen 1990er spielen, fällt eigentlich nur auf, wenn man die extrem zahlreichen musikalischen Verweise betrachtet: Oster ist ein leidenschaftlicher Musikfan und liefert ganz nebenbei ein breites Porträt der damaligen populären Musik.

Links

Interview auf ichso.de

Interview auf u-lit.de

Jerome Osters „Küstenprojekt“ Going Coastal

Jerome Oster auf tumblr

Bibliographie

spraybooks wird zunächst sämtliche bereits früher auf Deutsch erschienenen Romane von Jerome Oster in überarbeiteten Neuausgaben veröffentlichen; die bislang nicht übersetzten Titel sollen später folgen.

PORT WINE STAIN, Köln, spraybooks, 2016, ISBN: 978-3-945684-18-4, Port Wine Stain, 1980, dt. New York Babylon, 1986, NE 1993

Final Cut, 1980

Municipal Bonds, 1981

Rancho Maria (California Dead), 1986, 1988

SWEET JUSTICE, Köln, spraybooks, 2016, ISBN: 978-3-945684-19-1, Sweet Justice, 1985, dt. Dschungelkampf, 1987

SAINT MIKE, Köln, spraybooks, 2016, ISBN: 978-3-945684-20-7, Saint Mike, 1987, dt. Saint Mike, 1998

Nowhere Man, 1987, dt. Nowhere Man, NE 1999

CLUB DEAD, Köln, spraybooks, 2017, ISBN: 978-3-945684-22-1, Club Dead, 1988, dt. Kältesturz, 1990, NE 1993

WARUM ICH?, Köln, spraybooks, 2015, ISBN: 978-3-945684-00-9, Internal Affairs, 1990, dt. Death Story, 1991

UND JETZT?, Köln, spraybooks, 2015, ISBN: 978-3-945684-13-9, Violent Love, 1991, dt. Violent Love, 1992

SORRY, Köln, spraybooks, 2016, ISBN: 978-3-945684-03-0, Fixin‘ to Die, 1992, dt. Dirty Cops, 1994

WENN ES NACHT WIRD, Köln, spraybooks, 2016, ISBN: 978-3-945684-05-4, When the Night Comes, 1993, dt. Wenn die Nacht kommt, 1994

EXPERIENCE BLUES, Köln, spraybooks, 2017, ISBN: 978-3-945684-23-8, Experience Blues (als Nick Bell), 1995, dt. True Love, 1996

NIGHTFALL, Köln, spraybooks, 2017, ISBN: 978-3-945684-24-5, Nightfall, 1997, dt. Sturz ins Dunkel, 1998

LUST, Köln, spraybooks, 2017, ISBN: 978-3-945684-25-2, Lust, 1998, dt. Wollust, 1999

NA DENN, Köln, spraybooks, 2016, ISBN: 978-3-945684-07-8, Kiss Di Foxx Good Night, 1999, dt. Versuchung in Rot, 2000

Alma, 2011

September, 2013

Guckkästen mit schmutzigen Bildern

von Frank Göhre

Jerry vor Spitz-Plakat

Charles Ives ist ein Snob — sagen seine Kollegen. Sie glauben, dass er seine Nachmittage im Museum of Modern Art verbringt und sich bulgarische Filme ohne Untertitel ansieht. Das tut er zwar nicht, aber Ives weiß zum Beispiel, dass Keats die Ode an die Nachtigall geschrieben hat, Vergils Gefährte Dante war, was bedeutet, Dimaggio ist Dom, nicht Joe, was bedeutet, dass ein Grundnahrungsmittel meat und nicht eggs ist, was wiederum bedeutet, dass Stevens als Autor von The Anecdote of the Jar stimmt.

Ives löst so ein Kreuzworträtsel nebenbei. Redaktionsalltag. Charles Ives ist Journalist, Reporter in New York. Kein New Yorker. Das betont er, wenn seine Freundin Kate ihm vorwirft, dass New Yorker vom wirklichen Leben nicht die geringste Ahnung haben.

Charles Ives kommt aus Wisconsin, Michigan, und blickt voll durch. Denkt er. Gerade recherchiert er einen Vorfall in Solto: Ein Mann ist von einem Einbrecher erschossen worden. Der Mann hat den Einbrecher in seinem Apartment überrascht, ist mit einem Küchenmesser auf ihn losgegangen und konnte ihn niederstechen, bevor ihn dann die tödliche Kugel traf. Nicht gerade Aufsehen erregend. Keine heiße Story für New Yorker Verhältnisse, Wenn der Mann nicht ein TV-Star gewesen wäre und in einer ganzen Menge von Werbespots zu sehen war. Dieser Typ, der mit einer Bootsladung Bier über einen Parkteich rudert. Großartig! Und seine Frau Pamela — ja, das ist sie, schon beim ersten Blick. Eine geheimnisvolle Schönheit.

Genau die Frau, die einen Mann wie Charles Ives um den Verstand bringen kann. Zumal ihm Kate im Moment ein wenig auf den Geist geht. Sie will ein Baby von ihm und noch so einiges. Verbindlichkeiten. Ives sieht sich schon als Daddy am Gartenzaun stehen, mit Hypotheken und Raten für Haus und Auto belastet. Kate bringt ihn allmählich so weit, dass er noch nicht einmal mehr Lust auf einen intensiven Fick mit ihr hat. Er sagt ihr vorerst good bye und taucht ab: New York Babylon.

Jerry Oster erzählt in seinem ersten Kriminalroman die Geschichte eines Mannes, der einen krankhaften Drang nach etwas Unerreichbarem hat. Nympholepsie. Man könnte sagen, er hat eine Obsession, ist besessen von der Vorstellung, eine Frau für sich erobern zu müssen, die er in seiner Phantasie überhöht, ihr eine Bedeutung gibt, die nichts mit ihrer Realität gemein hat. Er glaubt, eine »Heilige« zu lieben, und muss erkennen, dass sich über sein Bild von ihr eine schmierige Schicht legt. Ein kleiner, schmutziger Film läuft ab. Jerry Oster schreibt über Männer, die desillusioniert werden oder es bereits sind.

Er selbst macht den Eindruck, ein völlig anderer Typ zu sein. Er hat ein schmales Gesicht, große, freundlich blickende Augen, ein offenes Lächeln. Hohe Stirn, glattgekämmtes Haar, nicht zu kurz, nicht zu lang.

Jerry Oster ist 1947 in New Mexico geboren, kommt als Zehnjähriger nach New York, besucht die High-School, später die Columbia University, belegt als Hauptfach englische Literatur. Danach hat er einen Job bei United Press International News Service, dann bei Reuter und schließlich bei den New York Daily News. Ein Journalist, ein Mann wie Charles Ives.

Die Ausgangssituation in New York Babylon ist ohne Frage autobiographisch. Jerry Oster war Polizeireporter, hat unzählige Tatorte aufgesucht, über alle möglichen Verbrechen geschrieben.

Vorstellbar, dass er dabei auch einer Frau wie Pamela begegnet ist. Und ihr gefolgt ist — in Gedanken. Sie später wieder entdeckt hat im Guckkasten, auf der Leinwand eines schäbigen Kinos.

Durchaus denkbar, dass er seitdem Frauen anders sieht — beängstigend triebhaft und letztendlich dann kalt und berechnend. Er ist fasziniert und zugleich abgestoßen. Überall setzt ihm fortan dieser Typ Frau zu.

Beinahe lebensgroß lockt sie auf Plakaten. »Sie hatte ihre linke Hüfte herausgestreckt, und ihre linke Hand lag auf ihrem Hintern — lag ganz leicht darauf, nicht richtig fest, sondern glitt vielmehr in einem leichten Streicheln darüber. Ihre Haut war weiß: weiß gegen das schwarze Kleid, weiß gegen ihr rotbraunes Haar, weiß gegen ihre dunkelrot geschminkten Lippen, weiß gegen die kurze weiße Pelzjacke. An ihrem linken Handgelenk hatte sie ein goldenes Armband, an ihrem rechten Ringfinger einen silbernen Ring. Sie trug hochhackige silberne Sandalen. Sie war schon überall gewesen, hatte alles gemacht und würde es wieder tun, sobald es etwas Neues gab; mit ihr zu gehen würde kostspielig sein.«

Jerry Oster macht sich und den Leser heiß auf sie. Und schon schnappt ein Messer auf, gleitet die Klinge am Oberschenkel der Frau entlang, der durch den Schlitz ihres Kleides bis zur Hüfte nackt ist.

So beginnt Dschungelkampf. Mit dem Verlangen, es dieser Braut zu zeigen. Drei Kids stacheln sich gegenseitig auf. Die U-Bahn donnert heran. Im Abteil bleiben die Jungs auf ihrem Trip. Sie greifen sich eine verängstigte Krankenschwester, die nun stellvertretend herhalten soll.

Doch da ist auch noch ein Mann. Er trägt Mokassins und einen marineblauen Pullover: »Er hätte gut ein Student sein können, vielleicht schon ein bisschen zu alt, oder auch ein etwas junger Professor — für Englisch oder Mathematik. Er hätte auch ein Dichter sein können oder ein Bankier, der sich unters gemeine Volk mischte.« Wahrscheinlich aber verbirgt sich Jerry Oster hinter der Beschreibung, Der Autor wird diese und ähnliche Szenen in der Subway oft genug miterlebt haben. Wie jeder New Yorker. Kriminalität in der U-Bahn. Raub, Vergewaltigungen, Mord.

Jerry Oster lässt seinen Mann cool die Waffe ziehen und einen der Typen umnieten.

Lieutenant Jacob »Jake« Neuman und Sergeant Bobby Redfield übernehmen den Fall, der sich mit anderen verknüpft, mit der plakatierten Provokation, einer verführerischen TV-Moderatorin, weiteren Frauen, die alle sehr schön, sehr talentiert und sehr erfolgreich sind.

Das ist das eigentliche Thema des Kriminalschriftstellers Jerry Oster: Das offenbar tiefverwurzelte Trauma vieler amerikanischer Männer, die mit allem fertig zu werden glauben, nur nicht mit den Frauen, die straight und dynamisch ihre eigenen Wege gehen. In New York Babylon klingt es bereits an, in Dschungelkampf wird es zum Wahn, zieht Oster es voll durch — bis zur letzten, tödlichen Konsequenz: »Ich habe sie umgebracht, weil sie den Tod verdient hat. Sie hat verdient zu sterben, weil sie nämlich selbst ein Killer ist. Sie mordet Männer, sie kastriert sie. Sie nimmt die Eier der Männer in ihre Hände, schneidet sie dann ab, kaut sie durch und spuckt sie wieder aus. Nacht für Nacht, während Millionen von Menschen zuschauen. Dafür bekommt sie eine halbe Million Dollar im Jahr. Dafür nennt man sie einen Star — eine Journalistin. Und sie ist nicht das einzige Miststück, die einzige miese Fotze dieser Art. Bei weitem nicht. Die Welt ist voll von ihnen. Mit ihren tiefen Ausschnitten, ihren Röcken mit den langen Schlitzen, mit ihrer aufreizenden Arroganz. Sie sind Killer — Männer-Killer. Eier-Knacker. Kastrierer. Sie saugen den Männern das Leben aus — und sie saugen einem Mann die Seele aus. Sie nennen sich selbst Feministinnen, aber sie sind doch nichts anderes als Killer.

Düsterer Hintergrund und zugleich Erklärung für den blindwütigen Hass, diese Paranoia, ist bei Jerry Oster die größte Niederlage in der Geschichte der USA, der verlorene Krieg in Vietnam, an dessen Hölle eine ganze Generation verraten wurde.

»Die Straßen waren vermint, die Wege mit Minenfallen gepflastert, Haftladungcn und Granaten jagten Jeeps und Kinos in die Luft, die Vietcong kriegten in allen Lagern als Schuhputzer und Waschfrauen und Latrinenreiniger Arbeit, sie stärkten dir die Drillichklamotten und verbrannten deine Scheiße und gingen dann heim und beschossen deine Stellung mit Granaten. In Saigon und Cholon und Da Nang herrschte ein dermaßen feindseliges Klima, dass du jedesmal, wenn dich jemand ansah, das Gefühl hattest, du würdest in Gedanken umgelegt, und Helikopter fielen hundertmal am Tag wie fette vergiftete Vögel vom Himmel. Nach ’ner Zeit konnte ich in keinen einsteigen, ohne zu denken, ich müsste mein bisschen beschissenen Verstand verloren haben. Angst und Bewegung, Angst und Stillstand, eins wie’s andere, keine Möglichkeit, sich auch nur klar darüber zu sein, was wirklich schlimmer war, das Warten oder der Einsatz. Der Kampf verschonte viel mehr Männer, als er tötete. …« (Michael Herr, Dispatches).

Die verschont blieben, kommen zurück und finden keinen Platz mehr in der Gesellschaft. Es hat sich in diesen jungen Männern etwas verändert. Sie haben das Grauen gesehen, Unvorstellbares, waren auf einem langen, üblen Trip. Zu Hause weiß man kaum etwas davon, hat gelebt wie bisher. Die Frauen ein wenig mehr. Sie haben sich weitgehend befreit, treten selbstbewusster auf, handeln eigenständig.

Das ist für Jerry Osters Protagonisten unbegreiflich, deshalb klinken sie aus. Sie haben gerade erst einen Krieg verloren und wollen nicht schon wieder unterliegen, nicht im Job und erst recht nicht im Bett. Sie wollen und können sich nicht damit abfinden, dass sie längst nicht mehr die Heroes sind, die sagenhaften Typen, es eigentlich nie waren. Doch es ist so, in beinahe jeder Beziehung. Es ist die Realität, zumindest New Yorker Alltag.

Detective Sergeant Bobby Redfield war in Vietnam.

Sein Partner »Jake« Neuman hatte die Nummer nicht. Er begreift erst spät, zu spät, was da um ihn herum abgeht. Der Dschungelkampf auf den Straßen und in den Apartments Manhattans hinterlässt auch bei ihm eine Macke. Er schmeißt seinen Job.

Jerry Oster hat mit seinem zweiten Kriminalroman große Beachtung gefunden. Es ist ein Polizeiroman der Spitzenklasse. Lieutenant Jacob »Jake« Neuman vom New York City Police Department, Mordkommission, konnte zwangsläufig nicht so einfach Abschied nehmen.

In Nowhere Man tritt er wieder auf.

Zwei Jahre sind inzwischen vergangen. Was Bobby Redfield seinerzeit um Verstand und Leben brachte, thematisiert Oster noch einmal neu. Die Liste des Top-Frauen-Killers war lang. Jetzt trifft es Madonna.

Jerry Oster nennt sie Dimanche: Kurzes, stumpfgeschnittenes blondes Haar, schwarzer Minilederrock, Schwarzes Jäckchen, blaue Jeansjacke, lila fingerlose Seidenhandschuhe, lila Pfennigabsätze, einen Armreif aus Elefantenhaar und einen aus Kupfer, ein enges Halsband aus Rheinkieseln. Acht Hit-Singles auf ihrer ersten LP. Ein Pop-Star, der auch schon in einem Film mitgespielt hat und nun in einem Broadway-Stück auftreten soll. Dimanche/Madonna erwischt es in ihrer Garderobe.

»Jake« Neuman wird in des Wortes doppelter Bedeutung geweckt:

»Als er jetzt in den Spiegel sah, sich wirklich sein Gesicht ansah, sich dann umdrehte, um sich in dem lebensgroßen Spiegel an der Badezimmertür anzusehen, sah er keinen New York City Police Department Detective Lieutenant im Ruhestand, früherer Chef der Uptown West Special Homicide Investigations Unit, Gewinner von einem Haufen Medaillen und einer besonderen Auszeichnung durch den Bürgermeister. Er sah keinen Veteran von dreiunddreißig Jahren im Department und vierzehn Jahren Ehe. Er sah keinen vierundfünfzig Jahre alten, dicken Mann mit dürftigem Haarwuchs, in einem weißen Fruit-of-the-Loom-T-Shirt, khakifarbenen Dee-Cee-Arbeitshosen, dunkelbraunen kurzen Nylonsocken mit beigem Muster und schwarzen halbhohen Converse-All-Stars-Basketball-Schuhen. Er sah Jacob Neuman überhaupt nicht; er sah Bobby Redfield, seinen Ex-Partner, seinen toten Ex-Partner.«

Das ist nicht nur ein kurz aufflackerndes Bild. Jerry Oster überträgt in Nowhere Man einiges von dem Wahn des Bobby Redfield auf »Jake« Neuman, lässt diesen eher biederen und gemächlichen Detective nun auch leicht abdrehen. Wie Charles Ives in New York Babylon ist jetzt »Jake« Neuman bei seinen Ermittlungen gefährdet: »Sie war ungewöhnlich, weil sie Männerkleidung trug — nicht bloß lange Hosen und Hemden und flache Schuhe, sondern Männerkleidung: heute einen zweireihigen Navy-Biazer über einem weißen Tennispullover mit Zopfmuster, ausgebeulte weiße lange Hosen, schwarzweiße Schuhe, ein Nadelstreifenhemd, einen Schlips; sie trug keinen Hut heute, sondern hatte ihr langes blondes Haar hochgesteckt, und von vorn sah ihre Frisur wie die eines Mannes aus — und ungewöhnlich, weil er, als er in ihre Augen blickte, ein Schild mit der Aufschrift Betreten verboten sah.«

Sie ist Filmemacherin, Dokumentarfilmerin. Sie hängt sich an Neuman und der sich an sie. Auch sie tötet. Sie killt Männer, die sie enttäuscht und gedemütigt haben. Die nichts über ihre Gefühle, Stimmungen, ihre Gedanken und Sehnsüchte wissen wollen. Die abhauen, wenn sie das fordert.

Ein neuer Ansatz bei Jerry Oster.

In Nowhere Man lässt er erstmals eine Frau monologisieren, gibt ihr Raum, sich zu erklären. Die Bilder im Guckkasten der Phantasie bestimmen nicht länger allein die Handlung.

Jerry Oster ist gelegentlich kritisiert worden: die indirekt männermordenden Frauen. Frauen, die für die Freiheit, die sie sich nehmen, bestraft werden. Die Reduzierung auf ihre Sexualität.

Er wechselt nun die Perspektive, löst sich weitgehend von traditionellen Erzählmustern, splittet die Handlung auf.

Saint Mike ist ein Konglomerat verschiedener Stimmen: Gerede, Gerede, Gerede, würde Detective »Jake« Neuman seufzen. Ausufernde Assoziationsketten, die eigentliche Geschichte ist in unzählige Geschichten eingebettet. Widersprüche bleiben bewusst stehen. Die Wahrheit gibt es ohnehin nicht. Was für den einen einschneidend war, ist für den anderen eine Episode.

Zwei Frauen treffen aufeinander: Die FBI-Undercover-Agentin und die High-Society-Lady, die mit Koks dealt. Sie ähneln sich. Um ihren Kampf geht es. Die Männer um sie herum sind schwafelnde, geil sabbernde Witzfiguren. Lächerlich, wenn sie — wie in früheren Romanen Jerry Osters — wieder und wieder ihren Hack mit Frauen bejammern: »Sie joggte fünf Meilen vor dem Frühstück und spielte Squash nach der Arbeit. Am Wochenende machte sie Rucksacktouren, und im Sommer fuhr sie in den Himalaja zum hochalpinen Bergsteigen. Sie war Gourmet-Köchin, lizenzierte Barfrau, schneiderte ihre Sachen selbst — wenn sie wollte, denn sie war selbstverständlich Weltklasse im Shopping; sie hatte einen schwarzen Gürtel (Karate), ein Jura-Diplom (Harvard), promovierte gerade in Hochenergie-Physik in Princeton und in romanischer Philologie (Sorbonne). Und sie war auch de facto keine Jungfrau mehr, doch sie bevorzugte einen Vibrator, ein Orgasmotron. Barnes kannte ihren Typ; er hatte denselben geheiratet.«

Jerry Oster schreibt jetzt leichter, schneller und ironischer. Stärker als bisher vermittelt sich das Tempo, der Rap der Millionenstadt New York. Er hat — auf Filme übertragen — mit Schwarz/Weiß angefangen, eine kleine Geschichte erzählt, dann nahezu klassische Detectives eingeführt, the good and the ugly cop, seinen »Jake« Neuman zum crash gebracht, in Dolby-Stereo-Ton, eine Madonna / Dimanche-Story, ein Marathonlauf durch Manhattan, Lotto-Fieber und raffinierte Luder, mit Miami-Vice-Versatzstücken gearbeitet und präsentiert nun Video-Clips, gekonnt geschnitten, dem Thema entsprechend in vielen ausgelegten Linien Koks. That’s it. Ein sympathisch lächelnder New Yorker, der keine spektakuläre Biographie vorweisen kann, aber aufregende Romane schreibt.

Mit freundlicher Genehmigung des Autors. Erstmals erschienen als Nachwort zur ersten deutschen Ausgabe von »Saint Mike« im Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg.